Posts Tagged ‘Freiheit’

„Luther kommt für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage“ – Albrecht Beutel über Luthers Freiheitsverständnis

11. Mai 2017

Kurz und knapp beschreibt Albrecht Beutel in seinem Lexikonartikel über Martin Luther (Metzler Philosophen Lexikon), wie Luther Freiheit verstanden wissen will:

Auf dem Höhepunkt seines theologischen Aufbruchs, 1520, hat Martin Luther eine Reihe von – vielfach allgemeinverständlichen – reformatorischen Hauptschriften verfasst, deren bekann­teste und am meisten rezipierte Von der Freiheit eines Christenmenschen handelt. Trotz des Gleichklangs der Vokabeln kommt Luther jedoch für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage. Er selbst wollte nur den paulinischen Ruf der Freiheit erneuern. Darin wird zweierlei deutlich: Die Freiheit, um die es Luther geht, ist nicht als menschliches Vermögen bzw. als ontologische Verfassung gedacht, sondern als eine Freiheit, in die sich der Glaube an Christus versetzt sieht. Und: Nicht eine allgemein menschliche, sondern die christliche Freiheit hat Luther im Blick. Sein Anliegen fasst er in die Doppelthese zusammen: »Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yder­mann unterthan«. Die beiden Sätze beziehen sich asymmetrisch aufeinander. Denn die Reihenfolge von der Freiheit zur Dienstbarkeit ist unumkehrbar. Und während sich das Knecht-Sein auf das Verhältnis zu den anderen Menschen bezieht, gilt das Herr-Sein nur in Bezug auf die Dinge, nicht auf die Men­schen. Die Dialektik von Herr und Knecht ist darum nicht gemeint, ebenso wenig die von Seele und Leib. Vielmehr ist in beiden Sätzen vom gan­zen Menschen die Rede: Zuerst in seinem Verhältnis zu Gott, dann in dem zu den Menschen. Der Glaube, will Luther sagen, befreit den Menschen aus dem Zwang zur Selbstermächtigung, und er macht ihn frei zum Dienst an den Nächsten. Kurz: Er ist frei aus Glauben zur Liebe. Die damit gesetzte Freiheit hat ihren Ort zwischen Gott und Mensch; sie lässt sich nicht zu einem menschlichen Hand­lungsbegriff säkularisieren. Die Freiheit, die Luther meint, ist die Freiheit des Gewissens, nun aber wieder in exklusiv theologischem und darum gerade nicht neuzeitlichem Sinn. Für ihn ist die Gewissensfreiheit nicht Ausdruck der Autonomie des Menschen. Das Gewissen ist darin frei, daß es sich in Gott gebunden und darum den Zumutungen anderer Mächte enthoben weiß.

„Es geht um die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, nicht um die Freiheit aus irgendeiner menschlichen Knechtschaft oder Tyrannengewalt“ – Martin Luther über Galater 5,1

3. Mai 2017

Martin Luther muss für den Protestantismus als Apostel bürgerlicher Freiheit und emanzipatorischer Selbstbestimmung herhalten, als hätte er nie De servo arbitrio geschrieben. Aufschlussreich ist, was Luther in seinem großen Galaterkommentar (1531/35) zur biblischen Schlüsselstelle evangelischer Freiheit, nämlich Galater 5,1 „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ zu sagen hat:

Es geht um die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, nicht um die Frei­heit aus irgendeiner menschlichen Knechtschaft oder Tyrannengewalt, son­dern um die Freiheit von dem ewigen Zorn Gottes. Wo? Im Gewissen. Hier hat unsere Freiheit ihren Ort und will diese Grenzen nicht überschreiten. Denn Christus hat uns nicht in politischer Hinsicht frei gemacht, nicht im Blick auf den äußeren Menschen, sondern theologisch oder in geistlicher Weise; d. h. er hat unser Gewissen frei und froh gemacht, daß es den kom­menden Zorn nicht fürchten muß. Das ist die wahre (unüberbietbar!) und unschätzbare Freiheit, im Vergleich zu deren Größe und Majestät die übrigen Freiheiten (die politischen und auf den äußeren Menschen bezüglichen) kaum ein Tropfen oder ein Tröpfchen sind. Wer kann genug rühmen, was das für eine große Sache sei, wenn einer mit Gewißheit davon sprechen kann, daß Gott weder zornig sei, noch jemals Zorn erzeigen wolle und daß er in Ewigkeit um Christi willen der geneigte und gütige Vater sein werde? Das ist wahrhaftig eine große und unbegreifliche Freiheit, um die Gunst, den Schutz und die Hilfe dieser höchsten Majestät zu wissen und darauf zu hoffen, daß sie uns schließlich auch leiblich befreien werde, so daß unser Leib, der da „ge­sät wird in Vergäng­lichkeit, Schmach und Schwachheit, auferstehen werde in Unvergänglichkeit, in Herrlichkeit und Kraft“ (1.Kor. 15,42f.). So ist es eine unbeschreiblich herrliche Freiheit, größer als Him­mel und Erde und alle Kreaturen: Wir sind frei von dem Zorn Gottes in Ewigkeit.

Hier Luthers ausführlichere Kommentierung zu Galater 5,1 als pdf.

 

„Wenn euch der Sohn frei macht …“ – Eine Betrachtung von Hans Joachim Iwand zu Johannes 8,36

20. April 2017

Eine pathetische Freiheitsrede hatte Iwand 1956 gehalten, die zugleich Jesus als Befreier verkündet:

Wenn euch der Sohn frei macht, so werdet ihr in Wahrheit frei sein. (Joh 8,26)

Wir spüren es heute alle, daß der Mensch ohne Freiheit nicht leben kann. Ohne Freiheit kann er höchstens vegetieren, aber er kann nicht Mensch, er kann nicht er selbst sein. Vegetieren, das heißt dann leben wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig lebt, ohne daß es ins Freie schreiten, ohne daß es seine Flügel heben und sich ins Luftmeer schwingen kann. Zwischen dem Ziel, auf das hin ich geschaffen bin, und mir ist ein Gitter, eine Barriere aufgeschich­tet, die ich nicht überschreiten kann. Indem ich daran stoße, spüre ich, daß ich meine Freiheit ver­loren habe. Es wird schon so sein, Freiheit und Schöpfung werden irgendwie zusammen­hän­gen. Wo von Freiheit die Rede ist, da ist es so, daß die letzten und tiefsten Gründe unseres Daseins angerührt sind. Wir wissen uns daran er­innert, wie wir eigentlich gemeint sind, wie wir als Menschen von unserem Ziel, von Gott her bestimmt und geschaffen sind, aber in­dem wir daran erinnert werden, wissen wir doch zugleich, daß da­zwischen etwas geschehen, ein Verlust eingetreten ist, der endgültig ist. Ein Zurück zur Natur, das heißt doch wohl zurück in den Ur­stand der Schöpfung, in ihre Unschuld und Freiheit, kann es nie wieder geben. So ist aus der Natur des Menschen Geschichte ge­worden. Wir haben uns in einer Richtung bewegt, die uns nur im­mer weiter weg führen kann von dieser Freiheit. Eine Umkehr gibt es nicht, mögen wir sie noch so heiß ersehnen, mögen noch so viele Apostel und Propheten der Freiheit auftreten, die das Gegenteil versichern: Unser Gewordensein ist die einzige Wirklichkeit, die es für uns gibt.

II.

Und es sind ja nicht nur die Hindernisse von außen, die uns Not machen, es sind nicht die Verhältnisse, in denen wir uns vorfinden, [265] es ist ja auch nicht nur die Masse und alles, was damit zusammen­hängt, es ist nicht die bedenkliche Majestät dessen, was wir die öffent­liche Meinung nennen, mit der die Mächtigen dieser Welt buh­len müssen, wenn sie ihren Platz behalten wollen, nein, es sind Kräfte und Triebe, die von innen her wirksam werden und von innen her uns in die Tiefe reißen. Es ist so, als ob der Feind ins Innere der Burg sich Ein­gang verschafft hätte, von dort aus die freie Bewegung unser selbst lähmte, gerade die Tapfe­ren, die Star­ken, die durch nichts sonst zu Treffenden von hinten her überfiele. Wir alle haben unsere weiche Stelle, die kennt der Feind, dahin richtet er seine Angriffe. Da sind dann die Unbegreiflichkeiten, die ein Mensch begeht, die ihn zu Fall bringen, die es verhindern, daß sein Fuß das Land der Freiheit, der wirklichen echten Freiheit je betritt. Frei sein, das bedeutet uns, daß wir so sein dürfen, uns so zeigen und entfalten, so in Freude und Leid, so, wenn unser Weg empor geht und so auch, wenn unser Weg bergab geht, wie wir sind, wie wir von Gott her gemeint sind. Anstatt dessen bergen wir uns dann in irgendeiner Gewohnheit, nennen sie Sitte, Ord­nung, Gesetz, und wissen doch ganz genau, daß es Gitterstäbe sind, hinter die wir uns selbst gefangen gesetzt haben, die bürgerliche Gesellschaft nicht anders als die prole­tarische. Was man uns auch immer nennen mag, Beruf oder Familie, Staat oder Gesellschaft, selbst das Einzelgängertum, das einer wählt, um sich nirgends zu binden, alles kann unter der Hand für uns zur Fessel werden, zum Dokument verlorener Freiheit. Wir wissen nur zu genau, auch die, die sich frei dünken, sind’s nicht immer. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. Nein, es ist schon wahr, daß zwischen der Freiheit und uns Menschen ein Graben gezogen ist, ein breiter, garstiger Graben, daß, wer da wollte hinüber kommen, der kann es nicht und kann auch niemand von dort herüber kommen.

III.

Wirklich nicht? Darum geht es bei diesem unserem Text. Wenn es wirklich kein Herüber gäbe, weil es kein Hinüber gibt, dann wäre unser Textwort sinnlos. Aber dann wäre auch die ganze Bibel [266] sinnlos. Dann hätten die recht, die unser spotten, wenn wir an un­seren Ket­ten rütteln und uns dann und wann erheben und das Un­erträgliche unserer ganzen mensch­li­chen Lage empfinden und von uns abzuwerfen suchen. Dann hätten die recht, die hierzu lachen: Rüttelt nur an euren Ketten, sie sind euch viel zu stark; die hat noch keiner zerbro­chen, die goldenen und die eisernen Fesseln, die äußeren und inneren Ketten, die euch binden, könnt ihr nicht zer­brechen, nicht von euch abwerfen. Die hätten dann recht. Aber da­mit, daß wir nicht herüber können, ist noch nicht gesagt, daß da auch niemand von drüben her, aus dem Reiche der Freiheit, aus dem Reiche der ursprünglichen Schöpfung auf unsere Seite treten könnte. Unsere Unmöglichkeiten hier müssen nicht auch seine Be­grenztheiten dort sein. Das ist das Wunderbare an der Heiligen Schrift, daß sie diesen Trugschluß enthüllt, daß Got­tes Wirklich­keit und unsere Wirklichkeit einander jede nach ihrem eigenen Ge­setz gegen­übertreten, daß hier der Spott jener Spötter aufhört, daß hier unsere Sehnsucht nach Freiheit, unser Leiden an unserer Schwachheit ernst genommen wird. Hier weiß man von einem, der den glimmenden Docht nicht löschen und das geknickte Rohr nicht brechen wird. Hier geht ein großes Leuchten, ein Hoffen durch die dunkelsten Verließe und Gefängnisse, in denen die Menschen schmachten, hier weiß man von einem Tag, da die Gefangenen los sein werden, die Blinden sehend, die Gelähmten frei und sicher wandeln werden. Das weiß man. Als die klare, unzweideutige Magna Charta Gottes vom künftigen Tage unserer Befreiung steht die Bibel mitten drin in der Menschheitsgeschichte, als ein großer Trost und eine Verheißung für alle die, denen die Augen aufge­gangen sind für das Unechte und Unfreie ihres Lebens und Wir­kens. Als ob die Bibel uns einschärfen wollte: die auf den Herrn harren, werden doch eines Tages auffahren wie Adler, sie werden doch, nicht in ihrer aber in seiner Kraft laufen und nicht müde werden. Es wird doch einmal die Decke weggenommen von den Völkern und doch werden einmal die Tage kommen, da auch die schwersten und letzten gottlosen Bindun­gen und Ketten, mit denen euch dieses ganze Weltgebäude zwingt und unfrei macht, gebro­chen werden. Auch der Tod wird einmal nicht mehr sein. [267]

IV.

Ich möchte meinen, daß darum die Menschheit immer wieder gezögert hat, die Bibel wegzu­werfen, auch wenn sie sie nicht ver­stand oder wenn sie sich an ihr ärgerte — aber etwas von diesem Geheimnis ließ sie nicht los. Daß hier nicht über das gelacht wird, worüber sonst in der Welt nur ein Hohngelächter zu vernehmen ist, daß es hier nicht heißt: weil wir nicht her­über kommen, kann auch keiner von dort drüben zu uns kommen, weil wir in die Welt der Freiheit nicht einzutreten vermögen, kann auch keiner aus die­ser Welt zu uns kommen und unsere Fesseln lösen. Die Bibel hat unsere letzte Not begriffen, sie hat wirklich verstanden, wie groß der Schaden ist, an dem wir leiden. Die Bibel sagt uns, daß die Rede von der Freiheit nur Sinn hat, wenn es da, in dieser geheim­nisvollen Burg, die wir Gott nennen, eine Zug­brücke gibt, die eines Tages heruntergeht, jenen Graben überbrückt, der da klafft zwi­schen unserer Welt, der Welt des unfreien, gebundenen, vergitter­ten und verlorenen Menschen, mit denen etwas Besonderes gesche­hen ist, die in eine eigenartige Bewegung versetzt sind: Men­schen, die auf diesen Tag warten, Menschen, die immer wieder zu­rückgeworfen wurden, geschlagen und verspottet, weil sie nicht aufhörten, nach drüben auszuspähen, nach der Seite Gottes, nach den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, die darum gegen ihre Zeit, gegen den König, gegen die Hohenpriester, gegen alles, was als Realität galt in Staat und Kirche, Stel­lung nehmen mußten, eben weil sie es wußten, daß die Freiheit kein leerer Wahn ist — solche Menschen machen die Bibel aus. Und die Bibel hat sie uns auf­bewahrt, ihre Klagen und ihre Schwachheiten, ihre Ketten und ihre Wunden, die Bibel hat uns ihr Gedächtnis und ihre Namen aufgehoben, weil sie recht bekommen haben — recht bekommen haben von Gott her und vor Gott, recht bekommen haben, tausend­mal Recht gegen alle ihre Spötter und Feinde, Recht noch im Tode und im Untergang gegen alle, die sich zufriedengaben mit ihren Ordnun­gen, ihren Gesetzen und Gewohnheiten, mit diesem fal­schen Frieden, mit all denen, die nicht mehr rochen, daß der Mensch wo anders her ist, daß diese arme Erde nicht seine Heimat ist. Und [268] der, in dem sie recht bekommen haben, heißt in der Bibel der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil er der ist, der von drüben, aus dem Reiche der Freiheit zu uns kommt, der so, ganz bezie­hungslos und ganz unmittelbar, ganz aus der Ewigkeit in die Zeit tretend unter uns steht. In ihm haben alle die recht bekommen, die je Nein gesagt haben zu den Fesseln und Ketten, in die wir ge­schlagen sind. Alle, die ihre Hoffnung auf Gott und sein Vermögen, seine Freiheit, seine Gegenwart mitten unter uns nicht aufgegeben haben. Das ist der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil alle Ver­heißungen in ihm wahr geworden sind, allen voran die der Freiheit. Sie ist eben doch kein leerer Wahn, sie ist kein Irrlicht, vor dem wir uns hüten, vor dem wir womöglich andere warnen sollten. Es gibt unechte Freiheit. Es gibt viele Ansätze und Aufbrüche, Revolu­tionen und Erhebungen, die die Freiheit proklamieren und sie doch nicht bringen. Das sind alles Griffe von hier nach dort, Signale, Schreie, Akte letzter Not. Gemeint ist in allem dieser Eine, dieser Sein Tag und dieses Sein: Ich aber sage euch! Der auf der anderen Seite steht, versteht, was damit gemeint ist! Er weiß, daß solche Ak­tionen ein Schrei nach ihm sind, nach dem, der Gott und Mensch zugleich ist, nach dem, der dort ist und hier zu uns kommt, nach dem, in dem dort hier ist!

Und seht, das ist Jesus. So will Jesus, daß man ihn sieht. So zeichnet ihn die ganze Bibel, im Alten und im Neuen Testament. Er steigt herab ganz in unsere Tiefe, in diese schmutzige Tie­fe, wo der zähflüssige Strom, den wir fälschlich das Leben nennen und der doch ein Todes­strom ist, die Menschen mit sich fort treibt, er ist herunter gestiegen bis dahin, wo unser Gefängnis ist, er geht hindurch durch all die Kerker und Verließe, wo immer Menschen schmachten. Es gibt ein Eingekerkertsein, das uns gar nicht auffällt. Aber Jesus sieht, wer unfrei ist. Jesus sieht diese unsere ganze, un­sere totale Unfreiheit, unser Unfreisein in unseren Vorurteilen, in unseren Sorgen und in unseren Wünschen, in unserer Gier und in unserer Satt­heit, in unserer Gerechtigkeit und in unseren Über­tretungen. Er sieht wie angeschlossen an lauter Fesseln sich der Mensch dahinbewegt. Wo Jesus kommt, da fallen diese Fesseln. Mag der Palast, in dem wir schmachten, mag die Burg des dunklen [269] und grausamen Herrn, dem wir da alle untertan sein müssen, noch so gut bewacht sein, der Name Jesus bricht alle Schlösser auf. Das liegt daran, daß er der Sohn ist. Gott ist mit ihm.

V.

Aber wie kommt uns Gottes Freiheit nahe? Wenn sie uns in Jesus Christus nahekommt, dann kommt sie uns immer in einer bestimm­ten, in einer von allen anderen Befreiungsaktionen unterschiedenen Weise nahe. «Wen der Sohn freimacht» heißt es, wen also dieser von dort nach hier, aus der Höhe in die Tiefe, aus dem Reich gött­licher Gerechtigkeit in den Bereich menschlicher Ungerechtigkeit, aus dem Leben in die Todeswelt gekommene Sohn freimacht, der ist in Wahrheit frei. Nicht, wer nur die Parole vernimmt: befreit euch! Das ist freilich das letzte, was wir Menschen einander und füreinander tun können, daß wir uns zurufen: Zer­brecht eure Ket­ten! Steht auf und stürzt eure Gewalthaber! Wir kennen das ja zur Genüge. Nicht nur von den großen Momenten der Revolutionen aus und den entscheidenden Augen­blicken der Politik, wenn jemand den Feuerbrand der Freiheit in ein altes Gemäuer wirft, nein, wir kennen diesen Ruf noch von einer ganz anderen Sicht her: wenn wir ihn scheinbar mit göttlicher Autorität an uns herangetragen se­hen: Steh auf und beginne ein neues Leben! Wirf ab, was dich lähmt! Steh auf und nimm deine Lagerstatt und gehe heim! Und wir dann nur hinweisen können auf die schreckliche Tatsache, daß die erste Voraussetzung in diesen star­ken Sätzen fehlt: wenn man blind ist, kann man eben nicht sehen, und wenn man gelähmt ist, kann man sich nicht erheben. Was nützt dann der Ruf zur Frei­heit! Wer kann mich denn sehend machen? Darauf käme es doch wohl an, daß einer da wäre, der mehr kann als nur die Parole aus­geben: Befreiet euch, — der mich frei macht.

Das ist Jesus. Das ist der Sohn. Das ist der für uns alle gestor­bene und auferstandene Herr. Er ist unsere Freiheit. Der Sohn macht frei. Er weiß ganz genau, daß es gerade um jenen ersten Schritt geht: daß es darum geht, daß einer da ist, der mir wieder [270] das Augenlicht schenkt, denn ich bin eben geblendet; daß einer da ist, der mir sagt: Lazarus komm heraus, denn ich liege bei den To­ten und rieche die Verwesung um mich her. Diesen ersten entschei­denden Schritt gerade können wir nicht tun, um den ersten Schritt geht es bei der Freiheit. Der erste Schritt — das ist die Freiheit! Der kann nicht von uns ausgehen, sondern muß auf uns zu getan werden. Es muß unter uns Menschen einer frei sein, damit wir ande­ren alle frei werden. Einer muß der Freie sein unter all den Un­freien, und weil das ist, weil Jesus da ist, Jesus Chri­stus der Sohn des lebendigen Gottes, darum kann aus Sehnsucht Erfüllung wer­den, darum ist der erste Schritt getan, darum können wir auch den zweiten und dritten und alle weiteren tun. Wen der Sohn frei macht, der ist wahrhaftig frei.

Geschrieben 1956.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 264-270.

Hier der Text als pdf.

„Wir alle wissen, wie das ist: »Ich bin so frei«“ – Friedrich Mildenberger über Freiheit in SEINER Sprache

22. Januar 2017

mildenberger

Wer einen Einblick in die theologische Arbeit Friedrich Mildenbergers gewinnen will, ist mit seiner Abschiedsvorlesung „Freiheitsverständnisse und ihre Folgen“ vom 25. Februar 1994 gut bedient. Da weiß er es mit dem Idealismus Fichtes aufzunehmen, um schließlich exegetisch sachkundig den Prediger, also Kohelet anzuführen:

„Doch nun will ich auf einige Texte des Prediger eingehen, die auch auf Freiheit hinweisen, aber auf eine Freiheit ganz eigener Art. Ich setze ein mit der Sentenz Prediger 9,11.12: »Wiederum sah ich, wie es unter der Sonne zugeht: Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein, um Gunst zu finden hilft nicht Kenntnis, sondern alles liegt an Zeit und Glück.« Es muß sich treffen: so will ich interpretieren. Nur dann kann glücken, was sich einer vorgenommen hat. Was da als Zeit und Glück dem Ich mit seinem Wollen entgegenkommt, das läßt leben. Und nur dann kommt dieses Wollen zum Ziel, wenn ihm entgegenkommt, was es braucht. Freilich muß dann sofort auch die Negativität genannt werden, wie sie das Sprechen des Predigers ebenso prägt: Auch das kommt unverfügbar entgegen, was diesem Lebenswillen sein Ende setzt: »Auch weiß der Mensch seine Zeit nicht, sondern wie die Fische gefangen werden mit dem verderblichen Netz und wie die Vögel mit dem Garn gefangen werden, so werden auch die Menschen verstrickt zur bösen Zeit, wenn sie plötzlich über sie fällt.« So wird da auf das gewisse Ende unseres Lebens gezeigt; seine Zeit hat ja keiner in der Hand. Doch ist das gerade nicht Grund zur Resignation oder gar zu einem Fatalismus, der nur noch die Hände in den Schoß legen kann, weil sich ja doch nichts ändern lasse. Vielmehr werden wir mit solchem Sprechen in das eingewiesen, was da ist.

»Sieh an die Werke Gottes; denn wer kann das gerade machen, was er krümmt?« Sicher, wir sind immer dabei, vor allem in unserem Planen und Projektieren, uns solch eine gerade und gelegene Welt, ein Außen, das uns zupaß kommt, zurechtzubiegen. So sind die gemeinsamen Projekte und so sind die individuellen Projekte, mit denen wir ständig umgehen. Solches Planen und Projektieren hängt ja unmittelbar zusammen mit den Freiheitsverständnissen, auf die ich hinngewiesen habe. Aber da legt sich so eine Sentenz quer: Die Welt, die wir uns von innen heraus entwerfen, das ist die glatte, die gerade und eingängige Welt, in der es gelingen muß. Doch Kohelet zeigt auf das, was da ist. Gottes Werke nennt er das, sein Schöpferwirken. Krumm nennt er das, und jeder, der das hört, der hört bei einem solchen Sprechen mit: Das Gerade ist das Gute und das Krumme ist das Schlechte. Aber genau so legt Gottes Wirken unseren so geraden Plänen und unseren so glatten Projekten einen Riegel vor! »Sieh es doch, du freier Wille, der sich von innen heraus seine Welt erschaffen will, diese glatte und gerade Welt, in der unsere Pläne gewiß gelingen. Krumm kommt, was da von Gott entgegenkommt.«(Pred 7,13) Aber dabei läßt es der Prediger nicht, sondern setzt seinen guten Rat dazu: »Am guten Tag sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.«(Pred 7,14) Wir alle wissen, wie das ist: »Ich bin so frei«, sage ich, wenn ich irgendwo zu Gast bin und mir ein Stuhl oder auch ein Glas Wein angeboten wird. Dazu fordert der Prediger auf, zu solcher Freiheit: »Am guten Tag sei guter Dinge«, – sei so frei, diese Zeit anzunehmen. Und Luther hat das noch unterstrichen, indem er die zweite Hälfte des Satzes so übersetzte: »und den bösen Tag nimm auch für gut. Denn diesen schafft Gott neben jenem, daß der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.« Sicher ist das eine sehr freie Übertragung Luthers. Aber warum sollte er nicht so umschreiben, um damit die Aufforderung zu unterstreichen: sei so frei! Frei, bei dem zu bleiben, was dir gerade zukommt, auch wenn es nicht zu passen scheint. Jesus konnte ja auch so reden: »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat.«(Mt 7,34)“

Hier der vollständige Text der Abschiedsvorlesung als pdf.

Erzliberal und radikal-orthodox

26. April 2016

Freiheitsstatue

Das gehört für Christen einfach zusammen: In Sachen Religion und Glauben wahrhaft liberal zu sein und gleichzeitig in Sachen Kirche und Evangelium radikal-orthodox.

Radikal-orthodox besagt, dass die Kirche eine distinkte Lehre mit eigenem Wortschatz und eigener Grammatik hat, die nicht unter einem universalen Geltungsanspruch hermeneutisch sinnentleert werden kann. So bleibt man als Christ in der Kirche beim Evangelium auf die endzeitliche Wiederkunft Jesu Christi hin. Schließlich geht es weder um eine unverbindliche Weltanschauung noch um ein humanistisches Weltrettungsunternehmen, sondern um Leben und Tod in der Beziehung mit dem dreieinigen Gott.

In der Außenperspektive hingegen erscheint Kirche als dramaturgische Spielgemeinschaft mit eigenen Sprach-, Handlungs- und Verhaltensregeln: Wie bei anderen Spielgemeinschaften geschehen Beitritt und Dabeibleiben freiwillig. Wo die eigene Hingabe im Spielvollzug entdeckt wird, kann man gar nicht anders als Beteiligung oder Ablehnung dem anderen wirklich frei zu stellen. Jede gedankliche oder administrative Vereinnahmung von Unbeteiligten zersetzt die eigene Spielgemeinschaft.

Robert Leicht: Die Freiheit – eine Erfindung Martin Luthers?

31. Januar 2011

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Robert Leicht hat einen lesenswerten Beitrag in der Februarausgabe von Chrismon unter dem Titel „Die Freiheit – eine Erfindung Martin Luthers?“ geschrieben, in dem er ähnlich wie ich in meinem FAZ-Artikel „So hat es Luther nicht gemeint“ argumentiert.

That’s Not What Luther Meant

31. Januar 2011

Eine englischsprachige Übersetzung meines FAZ-Artikels „So hat es Luther nicht gemeint“ ist dank Ed Schroeder bei Crossings publiziert: That’s Not What Luther Meant.

So hat es Luther nicht gemeint – Warum das Reformationsjubiläum fragwürdig ist

15. Dezember 2010

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In der FAZ  ist von mir im Dezember 2010 ein Artikel zum Reformationsjubiläum unter dem Titel „So hat es Luther nicht gemeint“ veröffentlicht worden.

So hat es Luther nicht gemeint

Der protestantische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Das Reformationsjubiläum kann abgesagt werden.

Von Jochen Teuffel

Sechs Jahre noch, dann wird das fünfhundertste Jubiläum der Reformation in Deutschland ganz groß gefei­ert werden. Zur Einstimmung darauf wur­de bereits 2008 eine Lutherdekade mit wechselnden Jahresthemen ausgerufen. Das kennt man aus dem Vereinsleben: Wo in Sachen eigener Vergangenheit be­sonders ausgiebig jubiliert wird, ist man in der Gegenwart mit den eigenen Aktivi­täten dank Überalterung und Mitgliederschwund ziemlich am Ende.

Der Abgesang auf die Volkskirche wird als Basso continuo die Lutherdekade be­gleiten, bevor dann am 31. Oktober 2017 in Wittenberg eine Farce zur Aufführung kommt: In einer Stadt, in der Kirche im Verschwinden begriffen ist — kaum mehr als ein Prozent der dortigen Bevölkerung nimmt noch sonntags am Gottesdienst teil —, soll in aller Öffentlichkeit einer iden­titätsstiftenden Kirchenreform gedacht werden. Dass dieses Schauspiel inszeniert werden kann, verdankt sich dem Jahresthema der Lutherdekade für 2011 — „Refor­mation und Freiheit“. Was der bürgerliche Protestantismus in Sachen Reformation zu gedenken weiß, ist die Emanzipation aus kirchlicher Bevormundung, so wie dies ja schon der Philosoph Hegel zur Spra­che gebracht hat: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“

Freiheit um Christi Willen

Wird Reformation als Freiheitsereignis verstanden, fühlt sich das spätmoderne Bürgertum trotz aller Kirchendistanz an­gesprochen. In der Tat hat die Reformati­on in Deutschland das mittelalterliche Corpus Christianum konfessionell aufge­sprengt. Diese sakrale Einheit von Kir­che und Gesellschaft verdankte sich ei­ner fragwürdigen kollektiven Christiani­sierungs­praxis. Im frühen Mittelalter wur­den Menschen in Gefolgschaft ihrer Stammesfürsten in passiver Weise „be­kehrt“. Über mehr als ein Jahrtausend hinweg gab es in Europa keine gesell­schaftliche Existenz außerhalb der Kir­che. Durch Glaubenszwang, Pflichtbeich­te, Sonntagspflicht sowie Kirchenzucht wurde eine öffentliche Regelkonformität in Sachen Christentum erzwungen.

Es war die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glau­ben, die menschlichen Ordnungen in der Kirche ihre vermeintliche Heilsnotwen­digkeit genommen hat. Damit wurde langfristig die gesellschaftliche Ausbil­dung moderner Freiheitsrechte beför­dert. Und dennoch steht die „Freiheit ei­nes Christenmenschen“, wie sie von Mar­tin Luther propagiert wurde, weder für bürgerliche Freiheit noch für religiöse Freisinnigkeit. Luther zufolge ist dem durch und durch sündigen Menschen die wirkliche Freiheit nicht angeboren. Er hat auch kein eigenes Recht darauf, vor dem dreieinigen Gott frei zu sein. Wer aus eigenen Stücken sich selbst für frei erklärt, wird in Wirklichkeit vom Teufel ge­ritten. Die wahre Freiheit ist eine im Evangelium zugesagte Freiheit „um Christi Willen“, der immer wieder aufs Neue zu glauben ist. Nur dort, wo Men­schen in Wort und Sakrament an das Pa­scha-Mysterium Christi gebunden sind, ereignet sich evangelische Freiheit, die von menschlichen Satzungen und Gebo­ten unabhängig macht. So spricht es ja auch der Apostel Paulus aus: „Sei es Welt, Leben oder Tod, sei es Gegenwärti­ges oder Zukünftiges: Alles ist euer, ihr aber gehört Christus.“

Wo jedoch das kollektive Gedächtnis einer bürgerlichen Gesellschaft von der mittelalterlichen Zwangskollektivierung in einer hierarchischen Kirche voreinge­nommen ist, kann die evangelische Dia­lektik der Freiheit keine Geltung entfal­ten. Stattdessen sucht sich der bürgerli­che Protestantismus guten Gewissens von der kirchlichen Gemeinschaft zu sus­pendieren und beruft sich dazu auf Lu­ther als vermeintlichen Ahnherrn religiö­ser Selbstbestimmung. Dabei wird an Stelle des zugesprochenen Glaubens ein subjektives Glaubensbewusstsein apo­strophiert, das keine fremde Autorität anerkennt: Was ich für mich selbst zu glauben weiß, muss ich mir von nieman­dem gesagt sein lassen. Die christusbe­stimmte Lehre von der Rechtfertigung al­lein aus Glauben wird zur kultfreien Lebenszuver­sicht trivialisiert, die sich an ei­ner vermeintlich freiheitsstiftenden Got­tesidee denkerisch festmacht.

Wird Rechtfertigung des Sünders al­lein aus Glauben als menschenmögliche Idee missverstanden und damit nicht län­ger als göttliches Geschehen zugesagt, kann man sich guten Gewissens von der kirchlichen Gemeinschaft emanzipie­ren. Was selbst gedacht werden kann, muss eben nicht gemeinschaftlich ge­hört oder getan werden. Auf Liturgie lässt sich also selbstgewiss verzichten.

Protestanten sind so frei, sich guten Gewissens einer — im wahrsten Sinne des Wortes — asozialen Religiosität zu verschreiben. Wer sich als religiöser Au­tist den Kirchgang erspart, scheint die protestantische Freiheit in besonderer Weise zu realisieren. Kein Wunder, dass Sonntagsgottesdienste im Durchschnitt von weniger als vier Prozent der Kirchen­mitglieder besucht und — entgegen refor­matorischer Intention — überwiegend ohne Abendmahl gefeiert werden. Und wenn Kindertaufen anstehen, werden diese häufig als liebevolle Familienevents insze­niert. Ist religiöse Eigensinnigkeit erst einmal zum kirchlichen Maßstab erhoben, kann man nicht anders denn auf Ästhetik (für das Bildungsbürgertum) und Gefälligkeit (für das Volk) setzen.

Allenfalls dann, wenn in Lebenskri­sen die eigenreligiöse Kontingenzbewäl­tigung versagt, darf es in der Kirche – oder zumindest am Grab – pastoral-tröst­lich zugehen. Wenn es jedoch ums Geld geht, hört die protestantische Freiheit auf. Trotz aller religiösen Unverbindlich­keit muss auch der Protestant seiner „Kir­che der Freiheit“ (Wolfgang Huber) fi­nanziellen Tribut zollen. An Stelle frei­williger Gaben wird in Form der Kirchen­steuer eine öffentlich-rechtliche Zwangsabgabe erhoben, der man sich nur durch Kirchenaustritt vor dem Standesamt ent­ziehen kann.

Der bürgerliche Protestantismus steht für eine neuplatonisch geprägte Weltanschauung mit Dienstleistungsservice für besondere Anlässe und hat mit der Kir­che der Reformation wenig gemein. Schließlich ging es den Reformatoren im sechzehnten Jahrhundert primär um eine evangeliumsgemäße Reform der Kir­che an Haupt und Gliedern und nicht etwa um eine freisinnige Emanzipation von der Kirche. So erklärt denn auch Lu­ther im Großen Katechismus, dass der Heilige Geist „uns zuerst in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch welche er uns predigt und zu Christus bringt“. Die Kirche gilt als „Mutter, welche einen jeden Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes“.

Freisinnigkeit als Dogma

Nach Luther ist also Christsein nur in der Lebensgemeinschaft Kirche möglich. Folgerichtig ist in den Verfassungen der evangelischen Landeskirchen die ge­meinschaftliche Regelbindung auf Chris­tus explizit ausgesprochen. Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer sind bei ihrer Ordination öffentlich verpflichtet wor­den, „das anvertraute Amt in Gehorsam gegen Gott in Treue zu führen, sowie das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Be­kenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, rein zu lehren“. Doch in der Praxis wird genau diese gemein­schaftliche Regelbindung immer wieder der Ideologie religiöser Freisinnigkeit geopfert. Da können dann Pfarrer in kirchlichen Publi­kationen oder von der Kanzel herab mit aller Selbstgewissheit behaupten, der Kreuzestod Jesu enthalte keine Heilsbot­schaft, ohne dass derartige Regelverstö­ße kirchlich beanstandet werden.

Solange man Kirche als weltanschauli­ches Unternehmen missversteht, das auf einer Gottesidee sowie je eigenen religiösen Vorstellungen basiert, kann der Re­formation nicht wirklich gedacht wer­den. Wäre man in der Evangelischen Kir­che in Deutschland (EKD) ehrlich zu sich selbst, müsste das Reformationsjubi­läum kirchenintern abgeblasen werden. Nur so bliebe eine peinliche Selbstinsze­nierung religiöser Freisinnigkeit in kleri­kalem Gewande erspart.

Das würde jedoch mitnichten ein Aus für das Reformationsjubiläum 2017 be­deuten. Schließlich gibt es ja landeskirch­liche Gemeinden, Freikirchen und pietis­tische Gemeinschaften, die dem Erbe der Reformation sehr wohl treu geblie­ben sind. Und selbst die römisch-katholi­sche Kirche kann dem Anliegen der Re­formation einiges abgewinnen; schließlich hat sich deren liturgische Erneue­rung im letzten Jahrhundert auf die Christusgemeinschaft hin ausgerichtet. Da mag es Sonderlehren geben, die evan­gelische Christen mit gutem Grund für sich nicht anzunehmen wissen, dennoch steht die römisch-katholische Kirche in ihrer lehramtlichen Christuszentrierung der Reformation näher als ein freisinni­ger Protestantismus.

Ecclesia semper reformanda – Kirche ist immer zu reformieren, um dem Evan­gelium treu zu bleiben. Was ansteht, ist eine umfassende Kirchenreform hin zur Gemeinschaftskirche ohne Kirchensteu­ern. Andernfalls wird die vermeintliche Volkskirche in einem zivilreligiösen Paganismus aufgehen. Dann wird man auch in Kirchen einen Heidenspaß ha­ben – aber der lässt das eigene Leben am Ende ins Leere laufen.

Jochen Teuffel ist evangelischer Gemeindepfarrer in Vöhringen/Iller. Im vergangenen Jahr veröffent­lichte er das Buch „Mission als Namenszeugnis – Eine Ideologiekritik in Sachen Religion“.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 15. Dezember 2010, Nr. 292, Seite 33.

Der Artikel in der Druckfassung (pdf) findet sich hier: So hat es Luther nicht gemeint (FAZ)

Eine ausführlichere Fassung findet sich hier: Kirche wegrationalisiert (CA)

Hans Joachim Iwand – Von der christlichen Freiheit

6. Dezember 2010

Das Jahresthema der Lutherdekade für 2011 heißt „Reformation und Freiheit“. Da darf dann das hegelsche Missverständnis der Reformation gefeiert werden: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“ [G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1820), in: Ders., Werke in 20 Bänden, Bd. 12, Frankfurt a.M. 1970, 497] Was die Reformation und insbesondere Luther in Sachen christliche Freiheit wirklich zu sagen haben, dazu der knappe und immer noch äußerst lesenswerte Artikel von Hans Joachim Iwand [Eine englische Übersetzung findet sich hier: Iwand – On Christian Freedom (Lutheran Forum)]:

Hans-Joachim Iwand

Von der christlichen Freiheit

Von Hans Joachim Iwand

Das Auffallende und Besondere der christlichen Freiheit besteht darin, daß sie in einer Befreiungstat verankert ist, die Gott ohne unser Zutun am Menschen und für den Menschen vollzogen hat. Daß also etwas gesche­hen ist und geschehen mußte, um den Menschen den Zugang zur Freiheit zu erschließen. Darum kann man von der christlichen Freiheit nicht re­den, wenn man nichts erzählen darf von dieser Tat Gottes, die geschehen ist, um den Menschen zu befreien. Das ist anders als in der Philosophie. Und da die meisten einen philosophischen Freiheitsbegriff haben, so ver­wechseln sie diesen leicht mit dem, was christliche Freiheit bedeutet, denn die Philosophie und in ausgezeichneter Weise die Philosophie des deutschen Idealismus, die sich selbst als Philosophie der Freiheit verstan­den hat, gründet sich immer auf ein geschichtsloses Axiom, nämlich dar­auf, daß der Mensch von Natur aus frei ist.[1] „Der Mensch ist frei geschaf­fen, ist frei, und wär‘ er in Ketten geboren.“[2] Die Philosophie begründet die Freiheit des Menschen mit seinem Vermögen, zu denken und die Normen seines Handelns wie auch die der gesellschaftlichen und staatli­chen Ordnung autonom festzulegen.[3] Diese Freiheit meinen wohl auch die meisten unter uns, wenn sie heute dem Westen im Unterschied zum Osten die Freiheit als das höchste Gut seiner geistigen Welt zuschreiben. Das soll nicht bestritten werden — aber wir haben erfahren, wie schwach und ohnmächtig sich weithin unsere bürgerliche Freiheit erwiesen hat, als sie durch den totalen Staat und seine Machtentfaltung auf eine unerwarte­te Probe gestellt wurde. Dieses Versagen der Freiheitsidee in der Stunde [195] der Entscheidung — Versagen gerade auch bei den geistig führenden Schichten der Nation in hohen und niederen Schulen, in Gerichtsver­handlungen und Kabinettsentscheidungen — können wir nicht vergessen, und darum fehlt uns der Glaube an die Idee der Freiheit, deren Schwäche wir gesehen haben. Es gibt viele Erklärungen dafür; mehr oder weniger erklären wir uns dieses Versagen aus der Wandlung äußerer Umstände, aus der Schwäche demokratischer Institutionen, aus dem Mangel an sittli­chem Bewußtsein. Aber wir sollten einen Schritt weitergehen, wir sollten uns fragen, ob sich nicht an uns die Tatsache zu rächen beginnt, daß die Freiheitsidee von jener Befreiungstat Gottes am Menschen, seiner Tat in Jesus Christus, gelöst wurde, daß sie darum gegenüber der Macht der Sünde und des Todes so schwach und welk geworden ist; ob sie nicht dar­um ganz und gar „innerlich‘ geworden ist und zerbricht, sobald sie mit der Wirklichkeit des Lebens in Berührung kommt. Es geht uns mit dieser Freiheitsidee so wie mit einer Blume, die man von der Wurzel getrennt hat: sie duftet noch wie früher, sieht auch sehr schön aus, sie ziert noch das Zimmer, in dem wir leben, aber die Tage ihrer Schönheit sind ge­zählt, sie lebt nicht mehr aus der Wurzel, sie zieht ihre Kraft nicht mehr aus der Tiefe.

Das ist der große Unterschied in der Auffassung der Freiheitsidee, wie sie uns heute begegnet und wie sie weithin als protestantisch gilt, von der biblisch reformatorischen. Wenn Luther von der Freiheit eines Christen­menschen redet, so redet er davon als Zeugnis der Befreiungstat des drei­einigen Gottes. Er will nichts wissen von einer angeborenen Freiheit des Menschen, vielmehr, wenn er darauf zu sprechen kommt, so redet er — sehr zum Verdruß der Humanisten von damals — von einem unfreien Wil­len. Freiheit ist für Luther Gnade und nicht Natur. Daß wir sie verloren haben, liegt nicht an den äußeren Umständen, sondern liegt daran, daß wir Gott verloren haben, den Gott, der in Jesus Christus seinen Sieg er­wiesen hat über die Sünde und über den Tod [vgl. 1Kor 15,56f.]. Aber das ist noch nicht alles. Frei kann nach der Meinung der Reformatoren, die darin die Schüler biblischer Erkenntnis sind, nur der gerechte Mensch sein. Solange der Mensch ungerecht ist, solange er nicht bekleidet ist, an­getan, im Besitz der göttlichen Gerechtigkeit,[4] kann er nicht frei sein. [196] Und darum haben die Reformatoren in erster Linie nicht nach der Frei­heit gefragt, sondern nach der Gerechtigkeit, weil sie wußten, daß da, wo ein Mensch die Gerechtigkeit findet, die vor Gott Bestand hat, da findet er auch zugleich die Freiheit. Sie ist sein Weltverhältnis, wenn man es so sagen darf, seine große, wunderbare Weltüberlegenheit.

Es mag sein, daß wir uns diesen Menschen kaum noch vorstellen kön­nen, der die Gerechtigkeit des Glaubens als die Wurzel der Freiheit er­kannt hat. Aber ganz zufällig dürfte es nicht gewesen sein, daß mit der Entdeckung der Glaubensgerechtigkeit jenes große, die Welt verwan­delnde, im positiven Sinne umgestaltende Handeln der Freiheit Hand in Hand ging. Es waren in der Tat Menschen, die aus der Gerechtigkeit des Glaubens etwas gelernt hatten, was wir zumeist nicht mehr können, nämlich anzutreten zu einem Kampf gegenüber den Mächten des Bösen und des Todes. Ihre Freiheit bestand nicht darin, daß sie sich ihrer Auto­nomie rühmten, sondern daß sie im Dienste ihres Befreiers, als Mitarbei­ter Gottes, an seinem Sieg teilnahmen. Sie wußten, daß Gott den Men­schen nicht befreit, um ihn sich selbst zu überlassen; denn das ist ja im wesentlichen seine Unfreiheit, daß er sich selbst überlassen bleibt. Son­dern daß Gott ihn befreit, um ihn in seinen Heerbann einzuordnen, da­mit, wie der junge Luther einmal sagt, er nun gegen die Mächte und Ge­walten streiten kann, die eben noch seine Zwingherren gewesen sind.[5] Die Freiheit des Christen negiert also notwendigerweise die Welt, wie sie [197] ist, und führt eine neue Welt herauf, die Gott im Sinne hatte, als er seine Befreiungstat in Jesus Christus vollzog.

Luther selbst hat diese Freiheit gern so dargestellt, daß der Mensch teil­nimmt an den Machtvollkommenheiten Jesu Christi, und Er teilnimmt an unserer Schwachheit, daß kein Mensch mehr außer Christus sich selbst kennt und versteht, daß es die Lüge aller Lügen ist, das Wesen alles Un­glaubens, wenn der Mensch seine Freiheit, die wirklich seine Freiheit ist, in sich selber sucht und nicht von Gott her nimmt und im Dienste Gottes gebraucht. Das andere, was so bezeichnend ist für Luthers Gedanken von der Freiheit, dürfte wohl darin liegen, daß dieser Mensch die Fähigkeit gewinnt, eben aus solcher Freiheit heraus sich selbst zu verwandeln und ein Diener der anderen zu werden. Seine Gerechtigkeit steht nicht über den Ungerechten, sondert sich nicht mehr ab von ihnen, sondern sucht sie, hilft ihnen und verwandelt sie. So auch seine Klugheit, seine Kraft, seine Würde, seine Ehre. Alles verwandelt sich in die „fremde“ Gestalt, alles dient, alles macht den anderen selbst frei und gerecht und klug und gibt ihm seine Ehre wieder und wandelt so ständig den Zustand dieser Welt. Man könnte sagen, die so von Gott befreiten Menschen gehen durch die Gefängnisse und haben einen Schlüssel in die Hand bekom­men, um die Zellen ihrer Mitgefangenen aufzuschließen. Sie bleiben im Gefängnis, aber sie verwandeln das Gefängnis in eine Stätte, in der Gottes Befreiungstat wirklich wird.

Das war, wenn ich es recht verstehe, die Wirklichkeit der Freiheit für die reformatorischen Menschen, das ist sie wohl auch für uns. Die christ­liche Freiheit ist nicht eine Sache, deren wir uns rühmen können im Ver­hältnis zu Gott, wie das in der modernen Welt geschehen ist. Unser Ver­hältnis zu ihm heißt nicht Freiheit, sondern heißt Gerechtigkeit und Gna­de. Freiheit ist das Verhältnis, in dem wir als die von Gott Befreiten, als die aus Gnade gerecht Gesprochenen, der Welt begegnen dürfen, um selbst mitzuwirken, damit alle es wissen: Der Riegel unseres Gefängnis­ses ist hinweggetan, Christus ist Sieger, wir können aufstehen vom Schlaf [vgl. Röm 13,11], wir können die Ketten von uns werfen, wie Lazarus seine Binden [vgl. Joh 11,44], und hinausgehen aus dem Grab der Todes­welt in den Morgen der Freiheit der Kinder Gottes [Röm 8,21].


[1] Vgl. zur Freiheit als Postulat in der Begründung praktischer Vernunft I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), A 58f. — Siehe dazu auch H. J. Iwand, Studien zum Pro­blem des unfreien Willens (1930), wieder abgedruckt in: Ders., Um den rechten Glauben, München 1959, S. 31-61, hier S. 39.

[2] Aus Fr. von Schiller, Die Worte des Glaubens (1797):
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei
und würd er in Ketten geboren!

[3] Wird Freiheit vom Wesen des Denkens her bestimmt, so erklärt sich aus ihr — nach Ansicht Fichtes, Hegels und Schellings — die menschliche Selbstbestimmung.

[4] WA 40/I,541, 32-35, zu Gal 3,27: „Docet ergo Paulus baptismum non signum, sed indumentum Christi, imo ipsum Christum indumentum nostrum esse. Quare baptismus potentissima ac efficacissima res est. Ubi vero induti sumus Christum, indumentum iustitiae et salutis nostrae, tum etiam induemus Christum vestimentum imitationis.“
„Paulus lehrt also, daß die Taufe nicht ein Zeichen sei, sondern ein Anziehen Christi, ja sogar, daß Christus selbst unsere Kleidung sei. Darum ist die Taufe eine äußerst gewaltige und wirksame Sache. Wo wir aber wahrhaft mit Christus bekleidet sind, als dem Kleid un­serer Gerechtigkeit und unseres Heils, da ziehen wir auch Christus an als Kleid der Nach­folge.“

[5] Vgl. Rm II,179,2-8 = WA 56,350,12-17, zu Röm 7,17: „Quocirca qui ad confessio­nem accedit, non putet se onera deponere, ut quietus vivat, sed sciat, quod onere deposito ag­greditur militiam Dei et aliud onus subit pro Deo contra diabolum et vitia sua domestica. Quod nisi sciat, cito recidivet. Ideo qui non intendit deinceps pugnare, ut quidpetit absolvi et ascribi militie Christi?
„Wer daher zur Beichte geht, möge nicht glauben, er lege dort Lasten ab, um in Ruhe le­ben zu können, sondern er wisse, daß er damit, daß er die Last abgelegt hat, den Kriegs­dienst Gottes antritt und eine andere Last auf sich nimmt für Gott wider den Teufel und sei­ne eigenen angestammten Fehler. Weiß er das nicht, wird er einen schnellen Rückfall erle­ben. Wer darum nicht entschlossen ist, fortan zu kämpfen, wozu bittet er dann, absolviert und dem Heerbann Christi zugeschrieben zu werden?“
Vgl. zur Befreiung von der Herrschaft des Gesetzes und der Sünde auch Rm II, 159, 23f. = WA 56,329,14f., zu Röm 6,14, sowie zur Metapher vom Kriegsdienst WA 2,584, 29, zu Gal 5,16, und WA 8,123,6. Rationis Latomianae confutatio. 1521.


Erstmals erschienen als Nachwort zu: M. Luther, Von der Freiheit eines Christen­menschen, Bielefeld, Ludwig Bechauf Verlag 1953, S. 55-63.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Glaubensgerechtigkeit. Gesammelte Aufsätze 2, hg. v. Gerhard Sauter, München 1980, 194-197.

Hier der Text als pdf.