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„Unser Nein muss zum Ja werden“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 13,1-15 an Gründonnerstag

12. April 2017

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde aus Mainz ( 1400 1420 – Germanisches Nationalmuseum Nürnberg )

Eine eindrückliche Predigt über Johannes 13,1-15 hatte Hans Jochim Iwand am 6. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Gerade darum ist uns Jesus immer wieder so fremd und zwar dieser Je­sus, der nicht gekom­men ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, und der doch ein Herr ist. Wenn wir ihn lieb gewonnen haben, wenn er uns Eindruck gemacht hat mit seinen Worten und Taten, wollen wir ihm dienen. Er soll uns unter keinen Umständen die Füße waschen – das wäre ja die Umkehrung aller Ordnung –, denn damit würde das unter­ste zuoberst gekehrt, die Herren würden Diener sein und die Knechte Her­ren. Ganz unten, wo niemand stehen will, würde der Herr aller Herren ste­hen, und ganz oben, wo niemand hinzukommen glaubte, da würden die Jünger und die Knechte stehen. Gott so tief unten, daß keiner von uns da sein möchte, wo er ist, und der Mensch so hoch oben, daß keiner sich ge­traut, das auch nur zu denken. Aber gerade das ist es, was Jesus Liebe nennt. Dazu kommt er in die Welt, dazu geht er ans Kreuz. Dazu wird er von Gott in Gegensatz gesetzt zu allen irdischen Herren und darin sind alle irdischen Herrschaften durch Jesus zur Ordnung gerufen und gerichtet. Aber merkwürdig, gerade das wollen wir nicht. Petrus ist auch hier wieder so liebenswert, weil er den Mut hat, das auszusprechen. Petrus und Judas stehen dabei in einem offenbaren Kontrast. Judas wird sich die Niedrigkeit dieses Herrn zunutze machen, wird ihn verraten, er wird als erster den Schritt nach draußen tun in die Finsternis, um diesen Jesus, der nicht Kö­nig sein will, wie er es von ihm erhoffte und erträumte, in der Menschen Hände zu übergeben. Er wird das tun, was immer wieder die an Jesus sich ärgernden, an seiner Niedrigkeit irre gewordenen Nach­folger und Jünger getan haben, sie haben ihn verraten. Wenn Judas recht behält, wenn er zum Zuge kommt, dann bekommt Jesus einen Purpurmantel umgehängt und eine Krone wird ihm aufgesetzt. Aber nur um ihn zu verhöhnen, und nur, um ihn zu quälen. Wie oft ist das gesche-hen in der Geschichte der Kirche. Wie oft hat man den Judenkönig preisgegeben an die Mäch­tigen und Gewaltigen dieser Welt, daß sie mit ihm ihr Spiel trieben. Wieviel Glauben ist damit zerstört, wieviel Hoffnung vernichtet. Aber merkwürdig, eines hat man nicht zerstören können, eines hat auch Judas nicht erreicht: er hat das Beispiel nicht zerstören können, das Jesus gegeben hat. Das Bei­spiel des dienenden Herrn wird durch den Verrat des Judas immer klarer, immer eindringlicher, einleuchtender. Auch in seiner Passion, auch unter dem Höhnen der Soldateska, auch vor Kaiphas und Pilatus, auch und vor­nehmlich am Kreuz bleibt Jesus der, der sich niederbeugt, um uns zu die­nen. Ja, jetzt wird überhaupt erst klar, was Jesus mit seiner beispielhaften Tat gemeint hat, jetzt wird klar, wozu wir alle geladen und gerufen sind, daß wir uns nämlich von diesem Herrn dienen lassen. Niemand kann ihm dienen, dem er nicht zuvor gedient hat. Niemand kann ihn einen Herrn heißen, dem er nicht zuvor die Füße gewaschen hat, die staubigen, schmutzigen Füße, an denen die Spuren der mühseligen Erden­wanderung sichtbar sind. Das ist das Wunderbare an dem Bild, das Jesus den Seinen läßt, daß es nie verblaßt, sondern in Not und Verfolgung umso klarer und deutlicher vor unserer Seele steht, sodaß wir allezeit wissen können, was hier den Petrus so blitzartig überfällt, was ihn so entwaffnet hat: daß es unser Heil ist, wenn er uns dient. Ehe wir ihm dienen, muß eine Stunde kommen, da er uns dient und nicht wir ihm: »ohne mich könnt ihr nichts tun«. Das ist das Heil des Menschen, daß Gott sein Diener wird und der Mensch sich gefallen läßt, daß er sein neues Leben, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und Reinheit, das Gotteswerk gelten läßt und alles ihm aus Gnade zuteil wird.

Darum sitzt nicht nur der stumme Judas mit seinen finsteren und bösen Gedanken unter der Schar der Jünger, sondern auch Petrus sitzt hier, Pe­trus, der zuerst Nein sagt und dann Ja. Ein natürliches Nein und ein über­natürliches Ja. Petrus begreift, daß hier etwas Unerhörtes geschieht, etwas, was dem Denken aller Menschen, auch der frommen Menschen zuwider­läuft. Darum sagt Petrus Nein. In alle Ewigkeit nicht sollst du mir die Füße waschen. Aber dann begreift er auf einmal, daß er sich mit diesem Protest um das Heil seines Lebens bringt, und nun sagt er Ja. Offenbar hat unser Evangelist diesen Petrus sehr lieb gehabt, sonst würde er uns dies nicht so ausführlich berichtet haben. Die Bibel liebt die Nein-Sager, die dann doch zum Ja hinfinden. Die Bibel weiß, daß ein solches leidenschaftliches, offe­nes, menschliches Nein schon der Anfang ist vom Ja, sie weiß, daß wir alle, wenn wir auf Jesus stoßen, zunächst gar nicht anders können als Nein sagen. Nein aus dem ganzen Herzen dessen, was wir nun einmal fühlen und denken, wie wir urteilen und glauben. Solange wir noch nicht auf Jesus stoßen, schlummert dieses Nein. Da denken wir uns Gott und seine Herrschaft und sein Reich analog zu dem, was wir sonst glauben und hof­fen. Aber wenn uns dann Gott in Jesus ganz nahe kommt, wenn auf einmal in den leeren Rahmen, den das Wort Gott für uns bedeutet, sein eigenes Bild tritt, wenn er nun doch – und gerade in Jesus – tut und sagt, was gött­lich und eben nicht menschlich ist, dann wacht es auf, dies Nein in uns, das große, schwere Ärgernis, das sich wie ein Klotz an unser Bein hängt und uns hemmt in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth.

Aber unser Nein muß zum Ja werden. Nicht weil wir darin schon das Ja meinten, sondern weil wir dieses Nein nicht mehr ins Leere, in uns selbst hineinsprechen. Jesus läßt unser Nein oft nicht gelten, Jesus macht aus dem Nein ein Ja, gerade dieser uns dienende, sich vor uns nie­derbeugende Jesus. Er öffnet uns die Augen, daß wir uns mit dem Nein selbst im Wege zu unserem Heil stehen. Er läßt uns begreifen – und an diesem Begreifen, an diesem Schritt vom Nein zum Ja hängt eigentlich unser aller Leben, also daran, daß das Ja größer wird und das Nein kleiner, daß das Ja wächst, ganz groß, ganz überwältigend groß, das Ja, sich dienen zu lassen von diesem Jesus, und das Nein immer schwächer und stiller wird, unsere Ver­wunde­rung über das ganz andere an diesem Jesus und seinem Tun, unser Sträuben dagegen, daß er – der Herr Jesus Christus – uns die Füße wäscht.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

Fußwaschung im Gründonnerstagsgottesdienst

15. April 2014

fußwaschung

Eine der stärksten liturgischen Handlungen, die ich am Lutheran Theological Seminary in Hongkong erleben durfte, waren die Fußwaschungen zum Gründonnerstag in deren Kapelle auf dem To Fung Shan. Ich habe diese Praxis mit nach Deutschland mitgenommen, so dass wir an Gründonnerstag in unserer Martin-Luther-Kirche hier in Vöhringen abends die Fußwaschungen im regulären Gemeindegottesdienst vornehmen.

In der Predigt nehme ich dazu Bezug. Im Anschluss daran ziehe ich meinen Talar aus und lade ich Gemeindeglieder auf sechs Stühle vor der ersten Bankreihe ein. Die Waschung geschieht also für sie mit dem Rücken zur Gemeinde. Auf den Altarstufen stehen auf beiden Seiten je drei Schüsseln mit warmem Wasser gefüllt. Die freiwilligen Teilnehmer (vielleicht beim ersten Mal vor dem Gottesdienst ansprechen) haben Schuhe und Socken ausgezogen und Hosenbeine bis zum Knie hochgekrempelt. Ich nehme für jedes zu waschende Gemeindeglied eine eigene Wasserschüssel und lege mir ein separates Handtuch auf die Schulter. Ich knie vor jedem Teilnehmer, nehme nacheinander beide Füße in die linke Hand und halte sie jeweils über die Schüssel. Ich beträufle Fuß und Knöchel mit warmem Wasser und streiche das Wasser mit der rechten Hand über dem jeweiligen Fuß ab. Anschließend trockne ich den Fuß mit dem Handtuch und wische schließlich die Wasserpfütze vor dem jeweiligen Stuhl auf. So gehe ich der Reihe nach vor. Bei sechs Teilnehmenden dauert das weniger als fünf Minuten. Zur Waschung spielt die Orgel leise Begleitmusik. Dann werden die Teilnehmenden entlassen. Für alle sichtbar wasche ich mir die Hände mit Seife in einer weiteren Waschschüssel, wozu die Mesnerin mir aus einem Krug frisches Wasser gießt. Danach geht es über ins Abendmahl.

Wenn es alles gut vorbereitet ist, ist das kein besonders aufwendiger Akt. Für mich hat diese Handlung eine besondere Qualität, kann ich doch den Teilnehmenden in der knienden Haltung nicht in die Augen sehen, darf sie aber vorsichtig berühren. Dieser liturgische „Tiefpunkt“ ist einer der Höhepunkte meines pastoralen Dienstes, den ich nur jedem empfehlen kann. Die passende Predigt dazu findet sich auf meinem Blog unter Handgreifliche Liebe – eine Predigt zu Gründonnerstag (Johannes 13,1-15)

Handgreifliche Liebe – eine Predigt zu Gründonnerstag (Johannes 13,1-15)

20. April 2011

Fußwaschung 1

Da ist sie nun, die Revolution, die Umwälzung der Verhältnisse: Beziehungen stehen auf dem Kopf. Was oben ist, macht sich ganz unten zu schaffen. Die Hierarchie – die heilige Ordnung – wird außer Kraft gesetzt. Christliche Revolution im wahrsten Sinne, ohne Chaos und Zerstörung, friedlich, überraschend und doch auf den ersten Blick entsetzend.

Der Revolutionär hat einen Namen und ein Gesicht; sie nennen ihn Herr und Meister: Wie unangebracht, wenn dieser sich an den Füßen seiner Jünger zu schaffen macht. Trotzig widerspricht da Petrus: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“ Aber gerade mit diesen Worten zeigt er sein Ungehorsam: Wie kann er seinem Herrn befehlen „mach das nicht“, wenn dieser ihm als Knecht nahekommt. Schließlich bleibt Petrus nichts anderes übrig als zu gehorchen. Was für ein Paradox: Jesus als Herrn gehorchen, obwohl dieser als Sklave handelt. Um genauer zu sein: Jesus handelt in der Gestalt eines nichtjüdischen Sklaven, war doch der Dienst der Fußwaschung als so erniedrigend angesehen, dass kein jüdischer Sklave seinem Volksgenossen die Füße waschen konnte. Wer einem Sitzenden die Füße wäscht, muss herabsehen und kann keinen Augenkontakt halten. So verliert der Waschende tatsächlich sein Gesicht in den Augen des anderen.

Rembrandt - Fußwaschung

Jesus, der Revolutionär, stellt die herkömmlichen Beziehungen auf den Kopf, wenn er den Sklavendienst übernimmt. Da entäußert er sich selbst, nimmt Knechtsgestalt an (vgl. Phil 2,7) und verliert am Ende doch nicht seinen Status. Nachdem er den Dienst vollendet hat, richtet er sich neu auf. Und dann spricht er seine Jünger in ganz bestimmter Weise an: „Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.“ Kein Zweifel, ohne Frage – das Verhältnis zwischen ihm und seinen Jünger ist klargestellt. Und doch drängt sich die eine Frage auf: Warum diese Revolution? Was ist die Absicht Jesu?

Zurück zum Beginn des Evangeliums, wo es von Jesus heißt: „Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ Liebe ist ein wunderbares Wort, das man anderen leichtfertig zusprechen kann. Aber Jesu Liebe für die Seinen soll konkret werden – Liebe, die Menschen wirklich ergreift. Ein Herr und Meister kann anderen einen Gefallen erweisen, ihnen seine Gunst erweisen, aber er vermag darin nicht wirklich seine Liebe zu zeigen. Macht und Liebe können schwerlich zusammenwirken, verlangt doch Liebe eine Hingabe, die die eigene Machtstellung preisgibt. So muss sich also Jesus den Jüngern in der Position eines Sklaven nähern, sich selbst erniedrigen, so wie einst die Sünderin, die Jesu Füße salbte. Sie hat damit Vergebung aus dem Munde Jesu erfahren: „Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt.“ (Lk 7,47)

Fußwaschung als Ausdruck von Liebe ist aber nur die eine Hälfte der Revolution. Da heißt es schließlich am Anfang des Evangeliums: „Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging.“ (13,3) Der himmlische Vater hat alle Dinge in Jesu Hände gegeben. Und Jesus vollzieht dies wörtlich, wenn er die Füße seiner Jünger mit seinen eigenen Händen umfasst. Das ganze Leben der Jünger liegt in seiner Hand. Jesus kennt seine Herkunft und seine Zukunft – er kommt von seinem himmlischen Vater und kehrt zurück zu ihm. Sein todgeweihtes Leben ist bestimmt von dieser Gemeinschaft. So hat er auf Erden nichts zu verlieren. Das gibt ihm das Selbstgewissheit, auf revolutionäre Weise an seinen Jüngern zu handeln. Was andere von ihm denken, muss für ihn keine Rolle spielen. Seine Handlungsweise entspricht dem Willen seines himmlischen Vaters und muss damit eben nicht den Erwartungen der Menschen entsprechen. Im menschenunwürdigen Sklavendienst an seinen Jüngern zeigt sich seine ganze göttliche Souveränität.

Köder - Fußwaschung

Wir kennen möglicherweise Vorgesetzten, Führer und Leiter, die auf ihrer formalen Position pochen. Da sie höherrangig sind als die anderen, müssen diese ihnen vorbehaltslos gehorchen. Ihr Status verschafft ihnen scheinbar Autorität und Macht. Aber wehe, wenn ihr Status verlustig geht. Da vollzieht sich für sie ein bodenloser Fall. Von daher sind sie bestrebt, ihre Machtposition abzusichern, ihren Status gegenüber den anderen um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Ganz anders Jesus. Er handelt dem eigenen Status zuwider, gibt seine Machtposition freiwillig auf, indem er als Sklave handelt: Meine Macht hängt nicht von eurer Akzeptanz oder von eurem Respekt für mich ab. Ich kann selbst bestimmen, wie ich mich zu euch in Beziehung setze. Jesu Autorität als Gottessohn ist so stark, dass er die Erwartungen seiner Jünger nicht erfüllen muss. Er vermag vielmehr die Rolle eines Herrn und Meisters zu unterlaufen, indem er seine Liebe gegenüber den Jüngern mit seinen eigenen Händen ausformt.

Und dann ganz zum Schluss gilt Jesu Botschaft uns: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ (v 15) Diese Worte laden uns ein, es ihm nachzutun – als Revolutionäre in Sachen Liebe aus dem Rahmen zu treten und etwas völlig Befremdliches zu tun. Dazu müssen wir jedoch wissen, wer wir wirklich sind, nämlich Christi Zugehörige, die berufen sind, es ihm gleich zu tun. Da spielt es dann keine Rolle, was andere von uns denken, solange wir Christus Glauben schenken. Ja, Christen können wirklich seltsame Dinge in dieser Welt tun, müssen sie sich doch nicht deren Regeln und Gepflogenheiten unterwerfen. Es gilt jedoch ein Kriterium: Die seltsame Handlung hat Jesus nachzuahmen, was nichts anderes besagt als dass die göttliche Liebe handgreiflich werden muss.

Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ Das kann konkret bedeuten: „Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.“ (v 14) Das ist eine Zumutung für uns: Unsere Liebe soll einen anderen Bruder oder eine Schwester berühren, was mehr ist als eine „Liebeserklärung“. In einem weiteren Sinne fordert uns Jesus heraus, aus eingenommenen Positionen auszusteigen, ohne damit von der Rolle zu fallen. Wir dürfen befremdlich handeln, wenn dies anderen Menschen in unerwarteter Weise gut tut. Wer es Jesus nachmacht, kann sein eigenes Gesicht in den Augen des Gottes nicht verlieren. Und das gilt gerade für einen Pfarrer in einer Kirchengemeinde. Der niedrigste Dienst für andere ist geheiligt mit den Worten Jesu: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“Amen.

Hier die Predigt als pdf.