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„Vergossenes Blut lässt sich nicht zuschaufeln, es schreit zum Himmel empor“ – Gerhard von Rads Auslegung von 1. Mose 4,1-16 aus seinem Genesis-Kommentar

15. August 2017

Adam und Eva finden den Leichnam Abels (William Blake, ca. 1825).

Meisterlich ist Gerhard von Rads Auslegung von 1. Mose 4,1-16, also der Kain-und-Abel-Geschichte in seinem Genesis-Kommentar, wo er über den Brennpunkt des Geschehens schreibt:

Die Erzählung ist derart knapp und drängt so ungestüm auf die Katastrophe zu, daß sie auch dem notwendigen erklärenden Beiwerk keinen Raum gibt. So erfährt man ja auch nicht, auf welche Weise denn Kain von diesem Urteil Gottes Kenntnis bekommen habe. Da der ganze alte Orient die Annahme oder Ablehnung eines Opfers aus der Opferschau erfuhr, wird man daran zu denken haben. Aber der Zug bleibt ganz unbetont.
[6-7] Ein gewisser Ruhepunkt vor dem Entsetzlichen ist dem Leser erst in dem göttlichen Zuspruch in V. 6 gegönnt. In Kain war heißer Groll aufgestiegen, der ihn (bis ins Körperliche hinein!) entstellt hatte. Er neidet dem Bruder das freundliche Angesicht Gottes (Zimmerli). Auf diese Veränderung seines Wesens und die Gefahr dieser im Her­zen gärenden Sünde redet ihn Gott warnend an. Es ist eine väterliche Rede, die, ehe es zu spät ist, dem Bedrohten einen Rückweg zeigen möchte. (Man sieht, Kain war, wenn auch dieses sein Opfer nicht angenom­men wurde, damit nicht end­gültig verworfen.) Besonders eindringlich ist der Appell an das Einverständnis bei Kain („nicht wahr“!). Gott kann also noch an die bessere Regung im menschlichen Herzen anknüpfen. Leider ist der Satz zum Teil recht dunkel. Das se’et = „Auf­heben“ in V. 7a ist u. E. weder im Sinne von Vergebung noch von der Darbringung oder Annahme des Opfers zu verstehen, sondern man wird es doch auf pānīm (Angesicht) beziehen (im Gegensatz zu dem nāpal [„fallen“] in 6b): „Wenn du gut tust, ist Erhebung“, d. h. kannst du dein Angesicht frei aufheben. In V. 7b nimmt man am besten das letzte t von ḥaṭṭā’t („Sünde“) als Anfangsbuchstaben der folgenden Verbform und liest ḥēṭ’ tirbaṣ („lagert die Sünde“), dann erhält man die zu er-[77]wartende Femininform. Die Vergleichung der Sünde mit einem vor der Tür lagernden Raubtier ist seltsam, ebenso wie der rein bildliche Gebrauch von „Türe“ (Herzenstüre?) in einer so altertümlichen Erzählung. Es bleibt der Verdacht, daß der Sinn der Stelle einmal ein anderer war. Jetzt läßt er sich nur in dieser inner­lichen Bedeu­tung erfassen. Der Weg von der inneren Regung zu der Tat ist nur ein ganz kurzer. Aber der Satz redet nicht eigentlich von einer innerlichen Regung, sondern er zeigt die Sünde als eine objektive Macht, die gleichsam außerhalb und über dem Menschen steht, die gierig von ihm Besitz ergreifen will; er aber soll sie beherrschen und niederhalten. Seine Verantwortlichkeit der Sünde gegenüber ist also keineswegs aufgehoben; im Gegenteil, ihm wird durch diesen letzten Imperativ die ganze Verantwortung aufgebürdet (die letzten Worte am Ende von V. 7 ent­sprechen merkwürdigerweise genau denen von 3,16b, wo sie doch in ganz anderem Zusammenhang gebraucht werden). [8-10] In V. 8 ist das, was Kain zu Abel gesagt hat, weg­gefallen. Eine Reihe alter Textüberlieferungen bringt das Sätzchen: „Laß uns aufs Feld gehen!“, das aber doch wie ein nachträgliches Füllsel klingt. Und nun kommt es zum ersten Mord, – um Gottes willen! Der Satz ist von lapidarer Kürze und Sachlichkeit; aber damit hat der Erzähler dem Grauenvollen den allein an­gemessenen Ausdruck gegeben. Wie in der Sündenfallgeschichte, so ist auch hier Gott sofort nach der Tat zur Stelle. Aber die Frage Gottes an den Menschen lautet jetzt nicht „Wo bist du?“, sondern „Wo ist dein Bruder?“. Die Verantwortung vor Gott ist die Verantwortung für den Bruder; „die Gottesfrage stellt sich jetzt als soziale Frage“ (Vischer). Aber Kain entledigt sich dieser schwersten Frage, die ihm zu einer bekennenden Antwort gnadenhaft Raum bot (Zimmerli), durch einen frechen Witz: Soll ich den Hirten hüten? Er lügt Gott frech ins Angesicht, ist also viel verhärteter als das erste Men­schenpaar. Ein Verhör ist nicht möglich, aber der Erzähler wagt es, in dem Ausruf „Was hast du getan!“ Gottes Entsetzen über diese Tat aufs mensch­lichste zum Ausdruck zu bringen. Und dann erfährt Kain etwas, das er vorher nicht in Rechnung gezogen hat: Die Leiche war wohl verscharrt worden, aber das Blut des Gemordeten hat einen Klageschrei erhoben, und dieser Zeterruf ist sogleich vor Gottes Thron gekommen. ṣā‛aq, e‛āqā’ („schreien“, „Geschrei“) ist das, was das altdeutsche Recht unter dem Zeterruf versteht, die vox oppressorum, der Appell an den Rechtsschutz (1. Mose 18,20; 5. Mose 22,24,27; 2 Kön. 8,3; Hiob 16,18f. Blut und Leben gehören nach alttestamentlicher Anschauung allein Gott; wo gemordet wird, da greift der Mensch in Gottes eigenstes Besitzrecht ein. Leben zu verderben, geht weit über die Zu­ständigkeit des Menschen hinaus. Und vergossenes Blut läßt sich nicht zuschaufeln, es schreit zum Himmel empor und erhebt sofort vor dem Herrn des Lebens seine Klage. Wunderbar ist in diesem Satz jenes dunkle Urgefühl des Schauders vor vergossenem Blut verbunden mit dem reifsten Glauben an Gott als den Beschützer und Wächter über allem Leben.

Hier der vollständige Text als pdf.

„Um Gottes willen wird Abel erschla­gen“ – Predigtmeditation zu 1. Mose 4,1-16 von Gerhard von Rad

14. August 2017

Lovis Corinth – Kain (Ölgemälde, 1917)

Auch in der neuen Perikopenordnung ist für den 13. Sonntag nach Trinitatis in der vierten Reihe 1. Mose 4,1-16, also die Geschichte von Kain und Abel vorgesehen. Dazu hat Gerhard von Rad folgende Predigtmeditation (seinerzeit für den Sonntag Invokavit) verfasst:

Die Erzählung von Kain und Abel handelt vom Menschen schlechthin. Sie wird einmal eine „ätiologische Stammessage“ gewesen sein, ist aber jetzt, wie ihre Stelle im großen Vorbau der jahwistischen Urgeschichte zeigt, ins allgemein Menschliche und Urgeschichtliche ausgewei­tet. (Der Sinn der Namensetymologie in V. 1 bβ ist dunkel.)

Die Menschheit spaltet sich nun auf in einzelne Stände mit verschiedener Lebenshaltung. Diese kulturelle Verschiedenheit reicht aber sehr tief: die beiden Altäre sind ihr beunruhi­gendstes Zeichen. Daß die beiden opfern, darin sieht der Erzähler nichts Besonderes. Ja, auch das hält er für selbstverständlich, daß beide je das Beste ihrer Erträgnisse darbringen zum Leichen dafür, daß sie Gott für den wahren Eigentümer all ihres Be­sitzes halten. Warum Gott das Opfer Kains nicht „angesehen“ habe, wird vom Erzähler in keiner Weise motiviert. Vor Psy­chologisierungen ist zu warnen; der Grund lag schwerlich in der Gesinnung Kains, und wohl auch nicht auf dem Gebiet des Rituellen. (Es sei denn, daß Abels Opfer, weil es ein blu­tiges war, angenommen wurde.) Der Grund für die Entscheidung für Abel ist — entgegen den meisten traditionellen Auslegun­gen! — ganz in die Freiheit der göttlichen Gnade hinaus­zuver­legen. Sie ist von menschlicher Logik aus nicht nachkontrollier­bar, sondern es gilt von ihr der Satz 2.Mos. 33,19 b. Anderer­seits ist zu bedenken, daß Kain damit ja noch nicht in den Grund der Hölle verworfen ist, wie ja auch der folgende gnä­dige Zuspruch Gottes zeigt; aber dieses Opfer hat Gott nicht angenommen. Darüber steigt heißer Groll in Kain auf; — das Böse fängt an, den Menschen bis ins Körperhafte zu entstellen. Kain neidet dem Abel das freundliche Angesicht Gottes (Zim­merli, 1.Mose 1-11; 1. Teil, 268). Um Gottes willen wird Abel erschla­gen. Ist schon der immanente Konkurrenzkampf ein unbarmherziger, so wird der Wider­streit, da, wo es im letzten um die Existenz vor Gott geht, vollends heillos. Davon haben uns die Kirchen- und Weltanschauungskämpfe der letzten Jah­re wieder eine Ahnung gegeben. In politica ira est aliquid hu­mani reliquum … talis furia in politica ira non est … furor pharisaicus est furor plane diabolicus (Luther, W. A. XLII 193).

In dem Wort (göttlicher Seelsorge!) V. 7 kann Gott bei Kain noch an ein Einverständnis an­knüpfen („Ist es nicht also?“). Das schwierige se’et „Aufheben“ ist wohl auf das niedergefal­lene Angesicht zu beziehen = „kannst du es aufheben” d. h. frei blicken. Die Sünde erscheint hier als eine objektive, außer­halb des Menschen befindliche Macht, die raubtierartig von ihm Besitz ergreifen will. Gleichwohl wird Kain die ganze Verant­wortung ihr gegenüber aufge­bürdet. Der Mord führt wie beim ersten Sündenfall sofort Gott auf den Plan. Anders aber als der erste Mensch („wo bist du?“) wird Kain nach seinem Bru­der gefragt. („Die Gottesfrage stellt sich jetzt als die soziale Frage” [Vischer, Jahwe der Gott Kains, 45]). So war dem Kain noch gnadenhaft Raum gegeben zu einer bekennenden Ant­wort (Zimmerli aaO. 273), aber Kain entledigt sich dieser schwersten aller Gottesfragen durch einen zynischen Witz: Soll ich den Hirten hüten?

Soweit ist das Bild des Menschen — zunächst noch einiger­maßen vordergründig — gezeich­net. Nun aber eröffnet die Er­zählung Dimensionen, die Kain nicht in Rechnung gezogen hat. Das Blut des Gemordeten erhebt seinen Klageruf empor zu Gottes Thron (eaḳ ist genau das, was das altdeutsche Recht unter dem „Zeterruf“ verstand, der Appell an den Rechts­schutz; vgl. 2.Kön. 8,3; 5.Mos. 22,24.27). Und Gott ist der Schützer alles Rechts, ihm gehört alles Leben, — ein überaus wichtiger Satz alttestamentlichen Glaubens (1.Mos. 9,6; Ps. 24,1). Kain hat in das Hoheits- und Eigentumsrecht Gottes ein­gegriffen! Und außerdem ist noch etwas Entsetzliches, nie wie­der gut zu Machendes geschehen; etwas, das der antike Mensch viel deutlicher als wir spürte: Die von Gott dem Menschen als mütterliche Lebensgrundlage be­stimmte Erde hatte Bruderblut getrunken! — Hier setzt die Strafe ein: Die Solidarität zwi­schen Menschen und Erde ist nun heillos zerbrochen (die erste Zer­rüttung schon 1.Mos. 3,17 f.). Der Mensch hat jetzt das gottgegebene Heimatrecht auf ihr verwirkt (um dieses „un­stet und flüchtig“ weiß heute die stillste Landgemeinde!). Der Prediger soll sich dieser Tatsa­che stellen und das ihm dazu aufgetragene göttliche Wort dazu ausrichten, um so mehr, da die Erzählung ja selbst eine ausgesprochene „ätiologische“ Zuspitzung hat: woher die Hei­matlo­sigkeit Kains? Aber mit diesem Fluch ver­bindet sich noch etwas viel Schreckliche­res: Seßhaf­tigkeit, Hei­mat auf der Erde vor dem „Angesicht Gottes“ ist für unseren Erzähler der Heilszu­stand schlechthin. Hat Kain das Heimat­recht auf der Erde verloren und ist er von Gott ver­flucht, — so hat er damit Gott, seine Nähe und vor allem seinen Schutz verloren. Darum der Aufschrei Kains (V. 13), der nicht als Ausdruck einer Bußfertigkeit oder einsetzenden Schuld­erkennt­nis zu deuten ist. ‛awon ist hier mit „Strafe“ zu übersetzen. Kain übersieht es sofort: Was vor ihm liegt ist schlechterdings lebensunmöglich, denn ein Leben ohne Gott ist ein Le­ben, das Gott nicht mehr schützt. Auch diese Erkenntnis muß der Mensch heute mit Schmer­zen wieder neu lernen. Kain weiß ja auch ge­nau um das Gesetz, daß vergossenes Blut fort­zeugend Böses gebären muß.

An ihrem Ende aber weist die Geschichte auf ein großes Ge­heimnis. Das letzte Wort in ihr hat ja nicht Kain sondern Gott. War es schon ein Rätsel, daß Kain um seines Mordes willen nicht getötet wurde, so ist es vollends wunderbar, daß der von Gott verfluchte Kain, von Gott doch in ein ganz paradoxes Schutzverhältnis aufgenommen wird. Das Zeichen — wahr­scheinlich war in einer älteren Gestalt der Geschichte an eine Tätowierung gedacht — ist als ein Schutz­zeichen zu verstehen. Auch der von dem Angesicht Gottes weggehende Kain bleibt noch Eigentum Gottes. Das Hoheitsrecht Gottes über Kain ist wunderbarerweise noch nicht erlo­schen. Gott will nicht, daß die von ihm über Kain verhängte Strafe dem Menschen das Recht zu Verwilderung und Blutvergießen gibt. So endet die Kainsgeschichte mit einem verhaltenen Wort von einem göttlichen Gnaden- und Ordnungswillen.

Zum Beginn der Passionszeit ziemt sich ein Wort über den Umfang des vom Menschen ange­richteten Schadens. Der Mensch, der sich dem Kreuz nähert, ist ein Brudermörder von Anfang an. — Der Ausleger mag ruhig auch die kulturgeschichtliche Linie aufzeigen: die Aufglie­derung der Menschheit in verschiedene Lebensstände, die zwei Altäre. Und Kain geht auf dem beschrittenen Weg weiter: Städtegründung, musische Künste; mit der Schmiedekunst tritt das Schwert als bewährtes Werkzeug in den Gesichtskreis; und das Lamechlied feiert ver­zückt die eigne Kraft und die Maßlosigkeit der Rache (1.Mos. 4,17-24).

Die Predigt sollte aber doch um den Vers 10 kreisen: Unaus­denkbar und unsühnbar für alle menschlichen Begriffe ist der Tag und Nacht zu Gott emporklagende Ruf des Blutes unseres Bruders Abel. Von hier aus wären mannigfache und bekannte Mißverständnisse zu zerstreuen: Abelblut, auch das beste und geliebteste, bringt nie Heil vor Gott, sondern mehrt die Last des Fluches. Aber „Christi Blut redet besser denn Abels“ (Hebr. 12,24). So redet die Bibel von zweierlei Blut und seiner Stimme vor Gott: der millionenfach verklagenden und der heilenden des Einen; und eine Invokavitpredigt über 1.Mos. 4 darf — wie aus großer Ferne — auf das Kreuz Christi hinweisen.

Quelle: Gerhard von Rad, Predigtmeditationen, Göttingen 1973, 14-17.

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„Es ist Gott, der eine Gemeinschaft für sich in Anspruch nimmt“ – Gerhard von Rad über den Bruder und Nächsten im Alten Testament

24. Juli 2017

Lovis Corinth – Kain (Ölgemälde, 1917)

In seinem Aufsatz „Bruder und Nächster im Alten Testament“ skizziert Gerhard von Rad eine biblische Sozialordnung für Israel, über das der HERR sein Hoheitsrecht ausgerufen hat:

Israel müht sich, die Rechtsgleichheit aller vor dem Gesetz zu erreichen. Auch der Fremdling und der Arme und der Sklave sollen die Wohltat der Rechtssicherheit genießen. Aber in diesem un­serem Lobpreis ist ein unreiner Klang. Diese Gesetzgebung erschien manchmal geradezu als eine großartige Vorweg­nahme der idealsten humanitären Bestrebungen der Neu­zeit. Das aber gerade ist sehr irrig. In allen sozialen Pro­grammen seit der Aufklärung geht es um den Menschen, um sein Recht auf Glück, um seinen berechtigten Anspruch auf die Güter dieses Lebens usw. In diesen alttestamentli­chen Ordnungen aber geht es nicht um den Menschen, son­dern um Gott. Nicht weil der Mensch so wertvoll ist und weil er unveräußerliche Rechte hat, sondern weil Gott es nicht will, darf der Arme nicht ausgebeutet werden, darf bei der Rechtsprechung die Waise nicht benachteiligt wer­den — all unser humanitärer Sozialismus ist doch nur eine Äußerung der Selbstbehauptung des Menschen. Ich sagte: weil JHWH es nicht will. Warum will er es nicht? Weil er, wie gerade das Deuteronomium immer wieder aus­spricht, Israel liebhat. Das ist also eine andere Begründung, als sie der edelste Sozialismus sich zu geben vermag. Anders aus­gedrückt: Diese eminent brüderliche Gesetzgebung versteht sich nicht als ein Menschheitsgesetz oder ein Naturrecht, auch nicht als ein Staatsgesetz, son­dern als eine Gemeinde­ordnung.

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„Gott hat dieses ganze zwielichtige Gelände menschlicher Leidenschaften in sein Heilswalten einbezogen“ – Gerhard von Rad zur Josephsgeschichte (1Mose 50,15-21)

4. Juli 2017

Charles Thévenin, Joseph und seine Brüder (1789)

Gerhard von Rad hat eine wunderbare biblische Besinnung zur Josephsgeschichte (1Mose 37-50) geschrieben, die als Vorbereitung zur Predigt über 1Mose 50,15-21 hilfreich ist. So schreibt er:

Mit der zweiten programmatischen Stelle berühren wir den eigentlichen Höhepunkt der Josephsgeschichte. In den Brüdern ist nach dem Tode des Vaters wieder das böse Gewissen aufgestiegen. Der Alte war ihnen Schutz gewe­sen, aber nun — vielleicht hat Joseph seit Jahren auf diesen Augenblick gewartet? Zuerst wagen sie sich gar nicht vor sein Angesicht; darüber ist Joseph tief bekümmert. Als sie dann vor ihm mit ihrer großen Frage erscheinen, da spricht Joseph die gewichtigsten von allen Worten, die in der Ge­schichte gefallen sind:

»Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden.«
(1. Mose 50, 19-20)

Das ist nun — wenn auch in ganz weltlicher Sprache — konzentrierteste Theologie. Joseph spricht zwei Sätze. In dem einen — leider ist er von Luther nicht ganz zutref­fend übersetzt — bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das Verhältnis seiner Brüder zu Gott. Bei dem ersten Satz muß man sich hüten, die verwunderte Frage im Sinn einer sehr allgemeinen frommen Wahrheit mißzuverstehen, also einer demütigen Nichtzuständigkeitserklärung, als habe nicht er in dieser Sache zu richten, sondern Gott. Das wäre freilich für die Brüder ein schlech­ter Trost, wenn Joseph die ganze schwere Sache nur auf eine höhere Instanz abschie­ben wollte. Josephs Meinung ist vielmehr die: Hier, in der wunderbaren Führung des Ganzen, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch das Böse in sein Heilshandeln einbezogen und damit schon eine Rechtfertigung ausgesprochen. Würde Joseph jetzt die Brüder verurteilen, so würde er einen eigenmächtigen Spruch neben den stellen, den Gott in den Ereignissen selbst schon ausgesprochen hat, und damit würde er sich »an die Stelle Got­tes« setzen. Der zweite Satz berührt sich eng mit dem Wort Josephs, das er schon beim Erken­nen gesagt hatte, nur daß er das Rätsel des Ineinanders von göttlichem Führen und menschli­chem Handeln noch schär­fer betont. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in der Hand gehalten. Aber das wird nur behauptet, nicht erklärt; das Wie dieses Ineinanderwirkens bleibt ganz Geheimnis. So stehen sich dieses »ihr gedachtet« und jenes andere »Gott gedachte« letztlich doch sehr spröde gegenüber. So aber haben auch die alten Weisen gelehrt:

»Des Menschen Herz denkt sich seinen Weg aus, aber der Herr lenkt seinen Schritt.«
(Spr. 16, 9)

»Die Schritte des Mannes lenkt der Herr.
Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?«
(Spr. 20, 24)

Dieses Staunen, dieses »Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?«, das steht trotz aller nüchternen Welt­lichkeit hinter der ganzen Josephsgeschichte. Vorhin war davon die Rede, daß das ältere Israel Gottes Wirken in heiligen Kriegen sah, gebunden an die sakralen Institu­tio­nen, an Kultus, heilige Lade oder an das Charisma plötz­lich auftretender Gottesmänner. Nun aber war die Königszeit mit ihrem großen geistigen Umbruch gekommen. Sie hat das, was die alte Zeit glaubte, nicht bestritten, aber das, was ihre Weisen gefesselt hat, war etwas anderes und etwas Neues: es war das verborgene Walten Gottes, das ungesehen alles umgreift, indem es sich die Planungen der Menschenherzen, ohne sie zu hemmen, dienstbar macht.

Seltsamer Wandel unseres Ergebnisses! Am Anfang spra­chen wir von der Penetranz und dem Übergewicht des Menschlichen und des menschlichen Geschehens in der Josephsgeschichte und davon, daß demgegenüber von Gott nur am Rande die Rede sei. Macht man aber mit dem Satz Josephs von dem alles umgreifenden Walten Gottes Ernst, so wird angesichts einer sol­chen Allgenugsamkeit des gött­lichen Waltens doch umgekehrt das Handeln des Menschen fast zur Belanglosigkeit herabgedrückt. Und hier liegt tat­sächlich ein Problem. Ich möchte nicht verschweigen, daß dieses überaus tröstliche Wort Josephs durch sein geradezu schroffes Auseinanderhalten von göttlichem und menschli­chem Tun am Anfang eines theologisch bedenklichen We­ges steht, denn es verweist ja das Handeln Gottes in eine radikale Verbor­genheit, Ferne und Unerkennbarkeit. So­lange der charismatische Deuter da war, wie in der Josephsgeschichte, war keine Gefahr. Aber Josephs Wort umschließt immerhin eine sehr radikale Glaubenserkenntnis; und wie es aussah, wenn der Mensch mit dieser Er­kenntnis als solcher allein gelassen blieb, das zeigt uns das Buch des Predigers Salomo, in dem die Frage: »Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?« doch schon den Unter­ton der Verzweiflung angenommen hat. Da lesen wir, daß der Mensch Gottes Werk — es ist sein Walten gemeint – von Anfang bis zu Ende nicht fassen kann (Pred. 3, 11). […]

Aber zurück zur Josephsgeschichte! Sahen wir, daß das Handeln des Menschen — ob gut oder böse — in der Josephsgeschichte durch die Übermacht der göttlichen Füh­rung fast zur Belanglosigkeit herabgedrückt ist, so bedeutet das freilich nicht, daß die Frage der Schuld der Brüder ba­gatellisiert wird. Gewiß, an Joseph fesselt uns zunächst die wunderbare Gelassenheit gegenüber der Schuld seiner Brü­der, das Fehlen jedes moralischen Pathos. Nirgends eine Leidenschaft, die Schuld genauer zu bestimmen, oder ein Eifer, sie aufzudecken! Indessen gibt die Erzählung doch auf die Schuldfrage eine ganz klare Antwort. Es ist schon bezeich­nend, daß die Brüder am Ende, da sie Josephs Ver­gebung anrufen, sich auf die Gemeinsam­keit seines und ihres Glaubens berufen.

»Ach, vergib doch deinen Brüdern ihre Missetat und ihre Sünde, daß sie so Böses an dir getan haben. So vergib doch nun den Knechten des Gottes deines Vaters ihre Missetat!«
(1. Mose 50, 17)

Vergebung unter Menschen ist keine rein innermenschliche Regelung, sie reicht in jedem Fall tief hinein in das Ver­hältnis der Menschen zu Gott. Josephs Antwort auf die Bitte der Brüder ist der Satz, daß er jetzt unter keinen Umständen an Stelle Gottes einen anderen Spruch fällen könne. Gott hat dieses ganze zwielichtige Gelände menschlicher Leidenschaften in sein Heilswalten einbezogen, ja, er hat die Brüder selbst zu Empfängern seiner »Errettung«, als Teilhaber des »großen Entrinnens« werden lassen. Darin ist auch seine Vergebung enthalten. Aber wir sollten noch einmal in der fast indirekten Art, wie dies alles zum Ausdruck kommt, wie hier überhaupt von Vergebung ge­sprochen wird, auch in der Vermeidung aller herge­brach­ten, frommen oder kultischen Formeln und Begriffe die merkwürdig weltliche Art dieser Erzählung erkennen. Ohne Frage, in ihrer Zeit war die Josephsgeschichte eine moderne Erzählung, und Joseph war ein moderner Mensch.

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„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde“ – Gerhard von Rad über den Propheten Jona

23. April 2017

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim mit Jona im Maul des Fisches

„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns vor allem Theologisieren die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.“ Mit diesem Zitat leitet Gerhard von Rad in seiner kleinen Schrift „Der Prophet Jona“ von 1950 zur Nacherzählung über:

Als der Fisch Jona ans Land gespieen hatte, war der Prophet ungefähr an demselben Punkt wie vorher, denn wie­der erging der Befehl Gottes an ihn. Daß Gott seinen Be­fehl genau in denselben Worten wiederholt, ist wohl eine eindringliche Predigt gleicherweise seiner Geduld mit den Menschen wie seiner Strenge. Jona wußte nun, daß er die­sem Gott nicht entlaufen kann, so machte er sich auf den Weg nach Ninive. Hier muß der Erzähler seinen Hörer vorbereiten; wie sollte der auch sonst von der unfaßlichen Größe dieser Stadt einen rechten Begriff bekommen. Drei Tage brauchte man allein, um sie zu durchwandern! In ihr stand also nun Jona; und wirklich, er predigte jetzt.

»Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen.«

Seine Rede wird länger gewesen sein, wir mögen sie uns nach der Art der Weherufe oder Völkerreden eines Jesaja oder Hesekiel vorstellen. Der Erzähler gibt nur ihren Inhalt in einem Satz wieder. Aber man wird sich doch auch seine Gedanken machen müssen, wie Jona predigt. Täu­schen wir uns nicht, so klingt durch seine Predigt ganz die alte Starre und Kälte, die uns an ihm schon vorher aufge­fallen ist. Indessen war aber ihre Wirkung auf die Heiden merkwürdigerweise ganz unabhängig von dieser Gesin­nung des Predigers, denn sie ergriff und erschreckte die Bevölkerung. Ja, — wie sich das bei Heiden manchmal ereignet hat — eine ganze Bußbewegung wurde ausgelöst. Hier hat sich unser Erzähler nun Gelegenheit zur Ausma­lung einer reizenden Miniatüre gegeben: Die Sache kam vor den König; der stand sogleich von seinem Thron auf, legte seinen Ornat ab und ein Bußgewand an. Schnell wurde ein königlicher Erlaß ausgefertigt, durch den eine allgemeine Landesbuße ausgerufen wurde. (»Nach Befehl des Königs und seiner Gewaltigen also:…«) Alle sollten fasten und Buße tun, auch die Rinder und Schafe sollten keine Nahrung zu sich nehmen, sich in Trauer hüllen und mit aller Macht zu Gott beten …

Jona hatte sich inzwischen außerhalb der Stadt niederge­lassen; es war ja ein Gericht wie das über Sodom in Kürze zu erwarten. Aber, war er äußerlich auch in leidlicher Sicherheit, so war dieser kühle Beobachterposten doch in anderem Sinn gefährlich genug. Denn angesichts dessen, was Lots Weib getroffen hat, wird man fragen dürfen, ob Gott so etwas wie ein neu­gieriges Betrachten eines Gottes­gerichtes überhaupt dulden will. Und tatsächlich, Jona kam nicht auf seine Rechnung, denn Gott hatte über Ni­nive anders beschlossen; er hatte ihre Reue gesehen und der Stadt vergeben.

Nun aber — welch ein Anlaß! — brach die lange verhal­tene Erregung aus Jona hervor-; Der hebräische Erzähler sagt: »Er zürnte einen großen Zorn«, und mit diesem Aus­bruch eröffnet sich ein geradezu schauerliches seelisches Ge­lände. Jetzt erfährt man auch, weshalb Jona damals zu fliehen versucht hat: Er hat es vorausgesehen, daß Gott doch würde Gnade walten lassen, daß Gott ihn, den Pro­pheten, im entscheidenden Moment im Stiche lassen und sein Wort unerfüllt lassen würde. Wie Jona Gott im Zorn die uralten Gnadenprädikate vorhält, die die Gemeinde seit Jahrhunderten im Kultus vor Gott als ein Dankopfer darzubringen pflegte, — das klingt schon fast wie der gräßliche Fluch eines Verdammten:

»Das verdroß Jona gar sehr und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach Herr, das ist’s, was ich sagte, da ich noch in meinem Lande war, darum ich auch wollte zuvorkommen zu fliehen nach Tharsis; denn ich weiß, daß du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässest dich des Übels reuen.«

Man sieht, er weiß alles; genau, wie es im Katechismus steht, sagt er es her. Aber es war ihm bitter ernst mit sei­nem Vorwurf; so ernst, daß er nicht mehr weiterleben wollte. Darin war er freilich ganz ein Mensch des Alten Bundes, daß er das Leben nicht selber wegwarf, daß er vielmehr Gott bat, es ihm zu nehmen. Immerhin schien ihn doch noch etwas am Leben zu erhalten, und das war die Neugierde über das weitere Ergehen der Stadt. Gott aber erfüllte ihm seine Bitte nicht; er nahm ihm nicht sein Le­ben, sondern nun wandte er ihm sein väterliches Handeln zu. Er ließ an dem Ort, wo der unzufriedene Gottesmann lagerte, schnell einen Rizinus, eine große breitblättrige Staude aufwachsen und wirklich, — kaum genoß Jona den Schatten und die Kühle des Blätterdaches, da linderte sich nicht nur sein Unmut, Jona »freute« sogar, wie der Erzäh­ler sagt, »eine große Freude«. Aber das Behagen des Got­tesman­nes fand ein schnelles Ende, denn Gott, der allwis­sende und allmächtige Lenker aller Kreatu­ren, hatte ein Würmlein beordert, das fraß die Staude an, daß sie schnell verdorrte. Zu diesem Mißgeschick kam als zweites der im Orient so gefürchtete, alles ausdörrende Ostwind. Als dann die Sonne noch dem Jona auf den Kopf stach, da wurde er halb ohnmächtig und in Kür­ze so verzweifelt, daß er wieder leidenschaftlich zu sterben begehrte. Die kleine Wohltat des Blätterschattens hat er selbstverständ­lich sich zu eigen gemacht, ja sie hat ihn ganz ausgefüllt, als aber die so vergängliche Linderung wieder aus seinem Le­ben genommen wurde, da brau­ste er auf, fühlte sich in sei­nem Innersten verletzt und war ganz außerstande, Gottes überlegen gütige Anfrage nach dem Recht dieses Zornes auch nur zu verstehen:

»Ja, mit Recht zürne ich bis an den Tod! «

Dies also ist der Bote, sozusagen der Treuhänder der Ge­danken Gottes über Ninive! — Nun aber holt der Erzäh­ler aus zum Letzten. Jetzt führt er uns aus allem Zwielicht, aus allen Lächerlichkeiten, Unbegreiflichkeiten, mit einem Wort, aus allen Menschlichkeiten steil hinauf unmittelbar an das Herz Gottes. Gott hat das letzte Wort; und wir können nichts Besseres tun, als die wundervollen Worte einfach hierher zu setzen, die in ihrer Hoheit und Gnade gewissermaßen den ganzen Raum ausfüllen, die jedenfalls [72] so allgenugsam, so sieghaft erscheinen, daß jede weitere Frage nach Jona und seinem Starrsinn gegenstandslos wird. Es geht nunmehr um anderes:

»Und der Herr sprach: Dich jammert des Rizinus, daran du nicht gearbeitet hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, welcher in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht jammern solcher großen Stadt, in welcher sind mehr denn hundertzwanzigtausend Men­schen, die nicht wissen Unterschied, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere.«

Hier der vollständige Text als pdf.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit“ (Jeremia 9,22) – Gerhard von Rad über die Weisheit in Israel

21. März 2017

Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) – Jesus Ben Sirach

Bekanntlich gilt die letzte Monographie Gerhard von Rads der Weisheit in Israel (Neukirchener Verlag). Dazu gibt es auch einen Rundfunkvortrag vom Februar 1970, in dem von Rad seine Einsichten zusammenfasst:

„Die Weisen Israels gingen von der Überzeugung aus: Es ist eine Ord­nung in den Dingen, und darum stießen sie ihre Schüler hinein in den Kampf zwi­schen Sinn­gewinn und Sinnverlust. Nur ein Tor dispen­siert sich zu seinem eigenen Schaden von dem Lauschen auf die das Leben tragenden Ordnungen. Aber mit dem Er­kenntniswillen allein ist es nicht getan. Alles Wissen um die Welt und um den Menschen beginnt mit dem Wissen um Gott. Die Furcht des Herrn, das Wissen um Gott, ist aller Weisheit Anfang. Es ist keineswegs so, daß sich die Welt verweigert, wenn wir die Frage nach Gott und seinem Wal­ten an sie richten. Im Gegenteil: Erst im Lichte dieser Frage wird sie ganz real und geheimnis­voll zugleich. Darin sehe ich die eigentliche Leistung dieser Weisen, daß sie mit hellwacher Vernunft diese von Gott durchwaltete Welt angegangen haben. Von da her, also von dieser Offen­heit für die Welt und zugleich für Gott, versteht man erst eine der tiefsten Einsichten Israels: Wirklich weise ist nur der, der sich nicht weise dünkt. Sich selber weise zu dünken, ist ein sicheres Zeichen der Torheit.“

Hier der Text des Rundfunkvortrags als pdf.

Gerhard von Rad – Das Opfer des Abraham (1. Mose/Genesis 22,1-19)

7. März 2017

Rembrandt – Die Opferung Isaaks (1655)

Gerhard von Rads letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten ist seine meisterliche Auslegung von Genesis 22,1-19, die 1971 im Christian Kaiser Verlag München (Kaiser Traktate 8) erschien. Darin resümiert er über die Erzählung von Abrahams Versuchung:

War bisher einiges von der Nacht einer Gottverlas­senheit zu sagen, die Abraham umfangen haben mußte, so wäre die Erzählung doch völlig mißverstanden, wenn wir darin den Hauptge­genstand ihrer Darstellung sehen wollten. Im Gegenteil! Der Abgrund hat sich geschlos­sen, die Not wurde durchgestanden. Abraham hat die Bindung an Gott nicht abgeworfen, und dafür empfängt er aus dem Munde Gottes selbst das Ehrenprädikat eines Gottesfürchtigen, d. h. eines Gehorsamen. Aber noch mehr: Auf der Überwindung dieser Not liegt auch ein Segen. Das war doch das große Thema der zweiten Gottesrede. Jede durchge­standene Not hat wohl die Verheißung, zum Segen zu werden. Aber hier ist das doch anders gemeint: Der Vorhang hebt sich, und die Perspektive in eine unabsehbare Zukunft tut sich auf, denn der Segen dieses Gehorsams wird noch die fernsten Nachkommen erreichen. Hier ist Abra­ham nicht nur als Vorfahr gesehen. In der Rückschau der Späteren gewinnt er geradezu Heilsbedeutung für seinen »Samen«. Von jetzt ab kann sich jeder Nach­komme Abrahams sagen: Er hat’s durchgestanden, und du stehst im Genuß des Segens, der über ihm ausgerufen wurde. Gerade dieser letzte Aspekt wird den Christen bewegen. Er wird daran denken, daß das Neue Testa­ment einer ganz anderen Gestalt eine Heilsbedeutung zuerkennt, die den abrahamitischen Segen weit überbie­ten wird.

Der Text seiner Auslegung findet sich hier als pdf.

Und hier von Rads Auslegung Die große Versuchung 1. Mose 22,1-19 aus seinem ATD-Kommentar, ebenfalls als pdf.

Gerhard von Rad – Die Diskussion über die Leiden Hiobs

13. Februar 2017
William Blake - Hiob wird von seinen Freunden zurechtgewiesen (1801)

William Blake – Hiob wird von seinen Freunden zurechtgewiesen (1801)

Gerhard von Rad hatte sich im Oktober 1961 in zwei Vorträgen für den damaligen Südwestfunk des Buchs Hiob angenommen. Hier der zweite Beitrag:

Die Diskussion über die Leiden Hiobs

Von Gerhard von Rad

Das Buch Hiob zerlegt sich, wie wir neulich schon streiften, auch für den ungelehrten Leser in zwei verhältnismäßig ungleiche Teile: in die Prosaerzählung von dein ganz in Gott geborge­nen und ergebenen Hiob und in den großen Dialogteil. (mit 39 Kapiteln), der offenbar später in die einfache Prosaerzählung hineingedichtet wurde und der gegenüber der älteren Lehrer­zählung einen ganz neuen Horizont von religiösen Fragen und Anfechtungen auf­reißt.

In formaler Hinsicht ist die jüngere Dichtung fast nahtlos in die ältere eingepaßt. Dort war noch erzählt worden, daß drei Freunde den von Geschwüren bedeckten Hiob drau­ßen auf dem Kehrichthaufen vor der Ortschaft besucht haben, wo hinaus er sich als ein unrein Gewordener bege­ben hatte. Und dann sagte der Erzähler noch: »Und da sie ihre Augen aufhoben, erkann­ten sie ihn nicht. Sie hoben ihre Stimme auf und weinten … und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm, denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war« (2, 12 f.). Ist das nicht ein geradezu monumentaler Gestus des Beileids, dieses Verstummen von Männern, die gekommen waren, um zu trösten? Hier wird nichts zerredet, hier wird das Leid zunächst einmal in seiner Größe anerkannt. Das Schweigen wird dann nicht alles sein; aber wenn sie dann reden, dann tun sie es als die, die vorher lange ge­schwiegen haben. Der erste, der das lange und schreckliche Schweigen bricht, ist Hiob, und nun — mit Kapitel 3 — [86] sind wir in die jüngere Dichtung hinübergewechselt. Das ist ja nun auch ein anderer Hiob, der sich jetzt vernehmen läßt. Er verflucht sein Leben und den Tag seiner Geburt: »War­um bin ich nicht gestorben vom Mutterleib an? … Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen …, die des Todes warten, und er kommt nicht?« Diese Klage Hiobs ist ge­wissermaßen die Ouvertüre zu dem großen nun folgenden dreiteiligen Dialog.

Jeder der Freunde spricht, worauf der Dichter Hiob ant­worten läßt. So kommt es, daß Hiob viel öfters zu Wort kommt, und so wollte es der Dichter auch, denn das Schwergewicht des Dialogs liegt in den großen Monologen Hiobs. In ihnen hat der Dichter sein Wichtigstes aus­gespro­chen; aber das darf uns nun ja nicht dazu verführen, das Gewicht der Freundesreden zu bagatellisieren. Es ist eine etwas primitive Auslegung — und leider herrscht sie weit­hin —, daß man alles, was die Freunde sagen, von vorn­herein als falsch, ja womöglich als heuchle­risch verdächtigt. So einfach liegen die Dinge nun doch nicht.

Schon die erste Rede des Eliphas ist ein Meisterwerk vor­sichtiger seelsorgerlicher Anrede. Er spricht Hiob darauf an, wie er ja selber, wo es nottat, andere unterwiesen und getröstet hat. Und dann rät er ihm: »Ich würde mich an Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen« (5, 8). »Siehe, selig ist der Mensch, den Gott züchtigt, darum wei­gere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht; er ver­letzt und er verbindet, er zerschlägt und seine Hand heilt« (5, 17 f.). Durfte man derlei Hiob nicht sagen? Eliphas hat kein Generalrezept, aber aus ihm spricht die Erfahrung der Gemeinde, und er meint, Hiob täte gut, sie zu bedenken. Ganz ähnlich ermahnt Bildad später im B. Kapitel den Hiob, die Weisheit und Erfahrung der vorigen Geschlech­ter ernst zu nehmen: »Denn wir sind von gestern her und wissen nichts.« Wer über das Leid spricht, so meint Bildad, kann doch nicht so tun, als ob er der erste Leidende wäre! Und war das nicht die Schwäche der Position Hiobs? Er kämpft seinen Kampf mit Gott in einer eisigen Isolierung, als ob Gott nie seinen Willen und seine Pläne mit den Men-[87]schen den Erzvä­tern oder dem Mose oder den Propheten geoffenbart hätte. Hiob lebt das von Anfechtungen umla­gerte, geschichtslose und gemeindelose Leben eines Men­schen, der ganz auf sich geworfen ist und zu dem die ge­samte reiche Glaubensüberlieferung seiner Väter nicht mehr spricht. Das ist nun auch einer der wesentlichsten Gründe für seine Unfähigkeit, auf die Freunde zu hören. Der Leser hat das bedrückende Gefühl, daß diese paar miteinander reden­den Menschen im Grunde Monologe führen; es ist wie eine Mauer zwischen ihnen, sie sind Menschen, die aus dem Gefängnis ihrer Gedanken und ihrer Erlebnisse nicht her­auskönnen. Ich muß mich nun im Folgenden darauf be­schränken, aus den Hiobmonologen zwei Linien nur eben anzudeuten, an denen man doch — so schwer das auch dem Leser fällt — etwas wie einen Gedankenfortschritt bemer­ken kann. Das Merkwürdige freilich ist dies, daß sich diese beiden Linien derart überschneiden, daß sie gedanklich kaum mehr zur Deckung gebracht werden können.

Gleich nach der ersten Eliphas-Rede antwortet Hiob mit einem Gedanken, den er so bald nicht mehr loslassen wird: »Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir.« Er fühlt sich von Gottes Giftpfeilen angeschossen, »ihr Gift muß mein Geist trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet« (6, 4). Dieser Gott, den Hiob im Auge hat, ist der Feind des Menschen, er bedroht und schreckt ihn; dieser Gott ist ein dunkler Gott, demgegenüber der Mensch immer den Kürzeren zieht. Wie könnte der Mensch je vor ihm recht haben, »hätte er Lust mit ihm zu hadern, so kann er ihm auf tausend nicht eines antworten« (9, 3). »Siehe, wenn er hinreißt, wer will ihm wehren, wer will zu ihm sa­gen, was machst du?« (9, 12). Aber packt ihn einer­seits das helle Entsetzen vor den Dunkelheiten Gottes, so — und das ist nun die andere Linie — kommt er doch nicht von ihm los, ja er ist geradezu fasziniert von Gottes Größe, die alle menschlichen Vorstellungen überschreitet.

Aber kaum hat sich Hiob für diesen Gott vor seinen Freun­den ereifert, da fühlt er sich von ihm abgestoßen, ja zu­tiefst bedroht. Er kann sich dieses Interesse, das Gott am [88] Menschen hat, nicht erklären: »Was ist ein Mensch, daß du ihn groß achtest und bekümmerst dich um ihn? Warum tust du dich nicht von mir und lässest mich nicht, bis ich nur meinen Speichel schlinge?« (7, 17. 19). Diese negative Linie, also die eines wachsenden Erschreckens vor Gott, er­reicht einen gewissen Tiefpunkt im Kapitel 16, wo sich ihm das Angesicht Gottes über ihm geradezu zur Teufelsfratze verzerrt hat: Gott knirscht mit den Zähnen, er wetzt über ihm seine Augen (die griechische Übersetzung spricht hier von Augendolchen), »er hat mich beim Genick gepackt …, er hat meine Nieren gespalten, er hat meine Galle auf die Erde geschüttet …, mein Antlitz ist vom Weinen gerötet, und tiefes Dunkel liegt auf meinen Wimpern«. Hier ist Hiob auf eine Nachtseite Gottes gestoßen, deren Schrecken in Jahrtausenden vielleicht nur wenige erfahren.

Aber nun — psychologisch kaum mehr vorstellbar — springt er wieder auf die andere Linie über. In unbegreif­licher Kühnheit festigt sich ihm die Überzeugung, daß Gott sein Geschöpf nicht fallen lassen wird. »Schon jetzt lebt im Himmel mir ein Zeuge … Zu Gott blickt tränend mein Auge auf, daß er Recht schaffe dem Manne gegen Gott«, und wenig später: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« (19, 25). Das ist einer der Höhepunkte der anderen Linie. Hier hat Hiob den Gott gefunden, der ihn wert achtet und nicht wie einen Wurm zertritt.

Aber so erbaulich einfach ist das nun doch nicht; Hiob steht in einer äußersten Dramatik des Glaubens; das Got­tesbild hat sich ihm beinah in zwei Aspekte zerrissen, denn er appelliert allen Ernstes an den Freund Gott gegen den Feind Gott, der ihn zerstört. Am Ende des 31. Kapitels hat sich diese Gewißheit zu einem fast schwindelnden religiösen Selbstbewußtsein gesteigert: »Ach, daß ich einen hätte, der mich hörte! Hier, meine Unterschrift! Der Allmäch­tige gebe mir Antwort … wie ein Fürst wollte ich ihm nahen.« Hier kann man nun ganz deut­lich sehen, worum es Hiob letztlich ging. Nicht, wie man so oft sagt, um die Lösung des Lei­densproblems, sondern um sein Gottesverhältnis, ganz einfach um die Frage, ob dieser ihm so unverständ-[89]lich und schrecklich gewordene Gott sein Gott ist, dessen er sich trösten kann.

Auf die letzte Herausforderung Hiobs antwortet Gott in einer Rede, die ihn mit Kaskaden von Fragen überschüttet. Was verstehst du schon von der Schöpfung, vom Licht, vom Regen, von den Gestirnen und besonders von der Tierwelt? Kannst du sie versorgen? Kannst du das Wer­fen der Steinziege überwachen und das Treiben der Wildesel? Ein feiner Unterton kann dem Leser nicht entgehen. Mit seiner Rationalität kommt da der Mensch nicht weiter, und Nütz­lichkeitserwägungen werden vollends zuschanden. Den Regen, das Kostbarste im Haushalt der Natur, schüt­tet Gott über der Steppe aus, und die Wildesel, die fern von aller menschli­chen Ökonomie ihr Wesen treiben, sind wirklich in kein menschliches Wertsystem mehr ein­zuord­nen. Aber vor allem ist dies merkwürdig, wie sich die Situation gewandelt hat. Der Frager findet sich plötzlich als der Gefragte vor und ist mit einemmal völlig in die Defensive gedrängt. Kein Zweifel, diese Flut von Fragen enthält zunächst etwas sehr Einfaches, nämlich eine ho­heitsvolle Abweisung Hiobs. Aber der wäre ein Stock, der nicht noch etwas anderes heraushörte, nämlich diesen Un­terton einer Freude Gottes an seiner Schöpfung, der er in väterlicher Fürsorge zugetan ist. Diese Flut der Fragen, von denen Hiob in die Enge getrieben wird, ist eben doch nicht nur niederdrückend. Ja, wirbt nicht Gott um Hiob, um ihn teilneh­men zu lassen an seiner Schöpferfreude? Laß doch diese Welt voller Rätsel sein, denn diese Rätsel ruhen am Herzen Gottes! Ist also nicht das die Lehre der großen Gottesrede: Der Mensch kann Gottes Weltregierung nie begreifen, aber er kann sie anbeten. Und so antwortet Hiob denn auch: »Ich habe erkannt, daß du alles ver­magst; … vom Hörensagen habe ich von dir gehört, nun aber hat dich mein Auge gesehen, darum widerrufe ich und bereue in Staub und Asche« (42, 2. 5 f.). Vom Hörensagen nur hat er von Gott gehört, nun aber hat ihn Gott doch zu finden gewußt. Er ist einer Anrede Gottes gewürdigt wor­den — nicht eines lüsternen Einblickes in göttliche Geheim-[90]nisse. Es ist mehr: eines Blickes auf das anbetungswür­dige Walten Gottes, ja sogar eines Blickes in das Herz Gottes, an dem alle Geheimnisse der Welt und des Menschenlebens ruhen.

Evangelische Ansprache im Südwestfunk, Oktober 1961.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 85-90.

Hier der Text als pdf.

Gerhard von Rad – Die Erzählung von den Leiden Hiobs

13. Februar 2017
William Blake - Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von 1821)

William Blake – Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von 1821)

Von Gerhard von Rad stammt der oft zitierte Spruch „Die legitimste Form theologischen Redens vom Alten Testament ist […] immer noch die Nacherzählung“ (Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, 3. A., München 1961, S. 126). Das Nacherzählen biblischer Geschichten hat von Rad immer wieder selbst praktiziert. So sind eine Reihe seiner Nacherzählungen in dem postum herausgegebenen Band „Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament“ (Neukirchen-Vluyn 1974) veröffentlicht. Hier die Erzählung von den Leiden Hiobs:

Die Erzählung von den Leiden Hiobs

Von Gerhard von Rad

Das Buch Hiob ist eine antike Dichtung von übergroßem Format. Eine antike Dichtung! Muß ich es sagen, daß wir nicht wie an ein modernes Literaturwerk mit ganz be­stimmten Erwartun­gen herantreten dürfen? Wir sollten überhaupt nichts Bestimmtes erwarten, sondern so gut es irgend geht, uns öffnen für seine Besonderheit, seine be­stimmte literarische Art und für seine religiösen Probleme. Die Dichtung besteht, wie jeder sehen kann, aus zwei sehr verschiedenen Teilen: aus der mehr volkstümlichen Rah­menerzählung und den Dialogen. Die erstere ist episch-prosaisch, die Dialoge dagegen gehen im höchsten poeti­schen Stil einher.

Wir haben es heute nur mit der episch-prosaischen Erzäh­lung zu tun (Hi. 1-2; 42, 7 f.). Ihr zufolge war Hiob — wir würden heute sagen — ein unermeßlich reicher Scheich, der am Ost­rand des palästinischen Kulturlandes lebte. Aber er war nicht nur ein reicher, sondern auch ein guter und frommer Mann, der mit seiner großen Kinderschar ein Leben führte, das tief in frommer, patriarchalischer Sitte verwurzelt war. So hört also der Leser am Anfang das, was er zu allen Zeiten mit Befriedigung zur Kenntnis nimmt: den Einklang von Wohlverhalten und Wohlerge­hen. Aber der Leser weiß auch, daß gerade an diesem Punkt das große Problem aufbrechen wird. Der erste Abschnitt der Erzählung hatte nur von Zuständen gesprochen: So und so verhielt es sich mit Hiob. Man kann also diese ersten fünf Verse ohne weiteres als Exposition bezeichnen. Die eigentliche Handlung beginnt erst jetzt, und zwar führt [80] uns die erste Szene — wir fühlen uns unwillkürlich an die Szenenfolge eines Bühnenstückes erin­nert — hinauf in den Himmel.

Da herrscht nun freilich keine süßliche Atmosphäre. Es ist gerade Audienztag, da sich die himmlischen Engelwesen vor dem Himmelskönig einzustellen haben, da sie berich­ten und Befehle empfangen. Und da war auch der Verkläger erschienen. Aber nun müssen wir recht genau hinhören und uns vor allem hüten, die Figur, die uns der Dichter zeigt, mit der populä­ren Teufelsvorstellung zu verstellen. Der Verkläger gehörte zu den himmlischen Wesen; ja Gott nimmt ein besonderes Interesse an ihm: Er fragt ihn, bevor er selbst zur Berichterstattung gekommen ist. Auf die Fra­ge, wo er denn herkäme, antwortet der Verkläger — man muß doch sagen: etwas patzig — »vom Umherstreifen auf der Erde«. Immerhin das entnehmen wir der Antwort, daß das seine Aufgabe war, die Erde mit offenen Augen zu durchstreifen, um darauf zu achten, ob in dem weiten Reich des himmlischen Königs irgendwo etwas Unrechtes ge­schah. Das hatte er dann zu melden. Aber Gott, der Herr, hat sich von der etwas nichtssagen­den und offenbar ausweichenden Antwort des Verklägers nicht abweisen lassen; er fragt nun direkt nach Hiob, dem ganz Rechtli­chen und untadelig Frommen, an dem doch auch das scharfe Auge des Verklägers nichts Böses finden könne. Das war nun freilich eine deutliche Herausforderung des Verklä­gers, der nun mit einem Schlag aus seiner Reserve heraus­tritt: »Dient Hiob Gott wirklich umsonst?« Wie ein Stein fällt diese Frage in die Szene. Der Ver­kläger bestreitet Hiobs Frömmigkeit durchaus nicht; er setzt an einem viel interessanteren Punkt ein, denn er stellt die Frage nach den Motiven. Wenn es einem so gut geht, wenn Gott einen allenthalben so segnet, dann ist es leicht, fromm zu sein.

Hinter dieser Argumentation steht also die Frage, ob es das überhaupt gibt, eine Frömmigkeit »sonder Lohne«. Ist der Mensch nicht allenthalben, also auch in seiner Fröm­migkeit, ein Egoist? Wir fragen nebenbei: War diese Ge­genfrage des Verklägers etwas Unrechtes, etwa gar Teufli-[81]sches? Nein, sie war eine echte, ernste Frage, und letztlich wahrt der Verkläger mit diesem Einwand ein Interesse Gottes. Gott gibt ihm auch sofort freie Hand, das zu unter­suchen. Gott hat also ein Interesse daran, daß das klarge­stellt wird; er hat sich ja vor den Ohren aller Himmlischen für Hiob und die Echtheit seiner Frömmigkeit verbürgt. Der Verklä­ger verläßt die Szene.

Die nächste Szene führt uns auf die Erde. Diese Technik des Erzählers, sozusagen mit zwei Bühnen zu arbeiten, einer himmlischen und einer irdischen, macht das ganze Geschehen für den Leser sehr hintergründig. Er ist nun Mitwisser der himmlischen Vorgeschichte der Prü­fung Hiobs, während Hiob natürlich keine Ahnung von alle­dem hat. Schrecklich fahren die Unglücksschläge auf ihn nieder, kaum hat der eine Unglücksbote ausgeredet, da erscheint schon der nächste: Die Rinderherden, die Schaf­herden, die Kamelherden, und schließlich kommen Hiobs Kinder in einem der gefürchteten Wirbelstürme um. »Da stand Hiob auf, zerriß sein Kleid, fiel auf die Erde und betete an: Nackt bin ich von meiner Mutter Leib gekom­men, nackt werde ich wieder dahin fahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«

Sicher wäre es ganz falsch, Hiob für einen unberührbaren Stoiker zu halten, sozusagen für einen Akrobaten der Selbstbeherrschung, der sich auf eine fast übermenschliche Weise zusammennehmen konnte. Nein, Hiob ist ganz Mensch; das Entsetzen treibt ihn hoch; er ist zutiefst ver­wundet und gibt das durch das landesübliche Trauerzeremoniell deutlich zu erkennen. Aber in und trotz seinem großen Leid, das ihn tief niederbeugt, bleibt er in seiner Frömmigkeit doch geborgen. Was er da sagt: der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genom­men, das ist wohl nichts besonders Tiefsinniges, eher schon etwas ganz Ein­faches, Wahres, dessen Logik einfach zwingend ist. Hat Gott gegeben, so kann er auch nehmen. Darunter beugt sich Hiob.

Denken wir aber zurück an die vorausgegangene Szene im [82] Himmel, so ist klar, daß alle Himmlischen, die dem Ge­spräch Gottes mit dem Verkläger zugehört haben, mit Spannung auf Hiob herabgesehen und auf seine Reaktion gewartet haben. Hiob hat an Gott festgehalten; er hat kei­neswegs, wie es der Verkläger erwartet hatte, Gott und dem Glauben den Laufpaß gegeben. Wir warten deshalb mit Spannung darauf, wie sich das zweite Gespräch Gottes mit dem Verkläger entwickeln wird, denn — so denkt der Leser — was bleibt dem Verkläger anderes, als sich als geschlagen zu bekennen? Überraschenderweise ist er es aber keineswegs. Als Gott ihm mit einem deutlichen Unterton des Vorwurfs vorhält, daß Hiob nach wie vor an seiner Frömmigkeit festhalte, da gibt der Verkläger zur Ant­wort: »Haut um Haut; was ein Mensch hat, das gibt er für sein Leben.« Das ist nun wieder ein in seiner Art gewalti­ges Wort. Der Mensch, wie ihn der Verkläger zu kennen meint, ist ein kalter Egoist; letztlich geht ihm sein eigenes Leben über alles, und für das wirft er alles über Bord. Die erste Probe und ihr Resultat besagt also noch nichts. Geht es dem Menschen aber ans eigene Leben, dann ist er zu allem fähig, dann erst kommt sein eigentlicher Zynismus ans Tageslicht.

Eine schreckliche Behauptung; aber es verhält sich wie in der ersten Szene: Gott erkennt das Recht dieser Argumen­tation an. Der Verkläger soll eine weitere Prüfung veran­stalten. Daraufhin wird Hiob mit schrecklichem Geschwür geschlagen. Er muß den Kreis der Gesun­den verlassen. Wortlos nimmt er das Los der rituell unrein Gewordenen auf sich und legt sich in den Kehrichthaufen draußen vor der Siedlung, und hier bekommt er den Besuch seiner Frau. Als sie Hiob in seinem grenzenlosen Elend leiden sah, gibt sie ihm den bündigen Rat: »Fluche Gott und stirb!« Das soll nun schwerlich als ein Abgrund menschlicher Fühllo­sigkeit verstanden werden. Die Frau ist nur, wie die Men­schen eben sind. Solange sie von Gott etwas zu haben glau­ben, halten sie es mit ihm, aber nur so lange. So kommt es also genau so, wie es der Verkläger vorhergesagt hatte — bei der Vertreterin des Durchschnitts, aber nicht bei Hiob! [83]

Er fährt bei dieser Zumutung auf: »Du redest, wie die närrischen Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht annehmen!« Wieder gilt, was wir schon vorhin sagten: Das soll kein Fortissimo­effekt der Selbstbeherrschung sein, sondern nur etwas ganz Einfaches und Selbsteinleuchtendes. In seiner Gottangehö­rigkeit ist Hiob so geborgen, daß er die Zumutung der Frau im Grunde gar nicht versteht. Man kann doch Gott nicht nur als den Geber des Guten bejahen, aber sich dann wei­gern, ein Leid aus seiner Hand zu nehmen. Damit ist der Verkläger nun geschlagen. Es kommt natürlich zu keinem weiteren Gespräch Gottes mit ihm; der Fall ist zu klar. In der alten Prosadichtung muß dann schnell die Wieder­her­stellung des Wohlstandes und der Gesundheit Hiobs er­zählt worden sein, was wir jetzt im 42. Kapitel des Buches lesen. »Und dann starb Hiob alt und lebenssatt.«

Die Prosaerzählung von Hiob trägt alle Merkmale einer Lehrerzählung an sich. Es geht ihr zunächst einfach um die Frage, ob es eine echte, eine ganze und selbstlose Frömmig­keit gibt. Aber da Gott, der Herr, diese Frage dem Verklä­ger gegenüber schon im voraus positiv ent­schieden hat, geht es des weiteren darum zu zeigen, wie ein Mensch — wie es Herder einmal schön ausgedrückt hat — das Ehren­wort Gottes, mit dem sich Gott für ihn verbürgt hat, ge­rechtfertigt hat. Der Verkläger ist in dem ganzen Gesche­hen im Grunde eine nebensächliche Figur; er ist kein teuf­lischer Widersacher Gottes, vielmehr eine Art himmlischer Staatsanwalt, mit dem Gott sich unterhält und dessen Argumentation er ernst nimmt. Sonst hat er keine Befug­nis. Bezeichnenderweise sagt Hiob nicht: »Der Herr hat’s gegeben, der Satan hat’s genommen.« Hiob hat es aus­schließlich mit Gott zu tun. Aber das, was Hiob sagt, das ist entscheidend, denn — wieder hat Herder es prächtig formuliert —: Dieser Hiob leidet als der Ruhm und Stolz Gottes. Dieser auf den Kehricht geworfene Mensch, der, wie wir schon sag­ten, keine Ahnung hatte von der himm­lischen Vorgeschichte seiner Leiden und von dem, was in Wahrheit von seinem Wort abhing, ist der beste Zeuge für [84] Gott gewesen, dadurch nämlich, daß er zu einem Interesse Gottes Stellung nahm, einfach dadurch, daß er Gott recht gab.

In die alte Prosaerzählung sind später — darüber ist man sich in der Wissenschaft einig — breitausladende Dialoge Hiobs mit seinen Freunden eingearbeitet worden. Da sie ihr eigenes Gewicht und ihre eigene theologische Thematik haben, wollen wir sie in einer späteren Sen­dung besonders behandeln.

Evangelische Ansprache im Südwestfunk, Oktober 1961.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 79-84.

Hier der Text als pdf.

Gerhard von Rad – Predigt über 4. Mose/Numeri 22-24 (Ausschnitte aus der Bileam-Erzählung)

14. September 2016
Balak und Bileam auf dem Berg Peor (Kupferstich nach Marten de Vos, Antwerpen Gerard de Jode, 1585)

Balak und Bileam auf dem Berg Peor (Kupferstich nach Marten de Vos, Antwerpen: Gerard de Jode, 1585)

Eine nachdenkliche Predigt zur Bileam-Erzählung (vgl. dazu auch Rads Rundfunkvortrag „Die Geschichte von Bileam„): „Wir heute sehen uns an die alten biblischen Vorstellungen überhaupt nicht mehr gebun­den. Wir heute sehen die Welt anders. Ach, dieses »Wir heute!« Das hat an seinem Ort gewiß seinen guten Sinn. Aber ebenso sicher ist, daß es im Handumdrehen zu einer unerträglichen Anmaßung wird, zu einem ahnungslosen Beiseiteschieben von einem Wissen um die Welt, um den Menschen und auch von einem Wissen um Gott, demgegenüber wir heute kläglich abschneiden. Ist es denn so, daß die Wirklichkeit unseres Lebens erst in unseren Jahren richtig gesehen wurde? Stellen wir doch die Frage ganz einfältig. Auf welcher Seite stehen denn nun die besseren Realisten? Sind es die, die dieses »Wir heute« so an­spruchs­voll im Munde führen, sind sie die besseren Realisten? Oder ist ihnen unser Erzähler im Vorsprung, wenn er den Segen Gottes für eine Wirklichkeit, für eine Macht hält, von der wir Tag und Nacht unbewußt leben, so daß wir verloren gingen, wenn wir uns nicht in ihr bergen könnten. Hier entscheidet es sich doch erst, was die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens ist.“

Predigt über 4. Mose 22-24 (Ausschnitte aus der Bileam-Erzählung)

Von Gerhard von Rad

Als der (Moabiterkönig) Balak hörte, daß Bileam komme, zog er ihm entgegen und Balak nahm den Bileam mit sich und führte ihn hinauf nach Bamoth Baal, von wo er den äußersten Teil des Volkes (Israel) sehen konnte.

Und Bileam hob an seinen Spruch und sprach: »Aus Aram ließ Balak mich holen, der König Moabs aus den Bergen des Ostens: Komm, verfluche mir Jakob, Komm, verwünsche Israel! Wie sollte ich fluchen, wem Gott nicht flucht? Wie sollte ich verwünschen, wen der Herr nicht verwünscht. Denn von der Höhe der Felsen sehe ich es, erschaue es von den Hügeln. Siehe, ein Volk, das abseits wohnt, das sich nicht rechnet unter die Heiden. Wer zählt den Staub Jakobs, wer die Tausende Isra­els? Möchte ich sterben den Tod der Gerechten und mein Ende sei wie das ihre!« Da sprach Balak zu Bileam: »Was hast du mir angetan? Meinen Feinden zu fluchen ließ ich dich holen, und siehe, du hast ja gesegnet!« Er antwortete und sprach: »Muß ich nicht darauf achten zu reden, was mir der Herr in den Mund legt?«

Da nun Bileam sah, daß es dem Herrn gefiel, Israel zu segnen, ging er nicht wie zuvor nach Zeichen aus, sondern wandte sein Angesicht gegen die Wüste. Und Bileam erhob seine Augen und sah Israel nach Stämmen gelagert. Da kam der Geist Gottes über ihn, und er hob an seinen Spruch und sprach: »So spricht Bileam, der Sohn Beors, so spricht der Mann, des Auge aufgeschlossen ist, so spricht, der göttliche Reden vernimmt, der Gesichte des Allmächtigen schaut, hingesunken und enthüllten Auges: Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen Israel! Wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gär­ten am Strom, wie Eichen, die der Herr gepflanzt, wie Zedern am Wasser. Wasser rinnt aus seinen Eimern, reichliches Wasser hat seine Saat.«

Liebe Gemeinde! In einem Blatt war vor kurzem ein Gebet zu lesen, das lautete folgender­maßen: »Gib mir die Gelassenheit, Dinge hin­zunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden. « Ja, wer das nur immer wüßte: wo man ändern muß und wo man hinnehmen muß, der wäre ein weiser Mensch! In der Erzählung, über die wir jetzt nachdenken wollen, ist von einer Sache die Rede, in der es für Israel auf eine höchst merk­würdige Weise nur um ein Hinnehmen ging. Alles Ändern-Wollen lag weit, weit jenseits aller menschlichen Macht. Was hat doch dieses Israel alles erzählt! Unheimlich viel hat es auf dem Weg erlebt, den es in Ehren und in Schanden vor dem Angesicht seines Gottes gegangen ist. Wer es so noch nicht weiß, den kann das Erzählen Israels darüber aufklären, daß, wer um Gott weiß, der erfährt die Welt und den Menschen noch in ganz anderen Dimensionen. Da wird doch der Mensch überhaupt erst offenbar, und darum war das [162] das Geheimnis des Erzählens Israels: Je intensiver es von Gott redete, um so intensiver, um so realistischer wurde ihm der Mensch und die Welt, in der er lebte. Das ist ihm freilich nichteinfach in den Schoß gefallen. Viel Nachdenken, viel Konzentration steht hinter sei­nem Erzählen. Man könnte dieses erzählende Israel einem Menschen vergleichen, der unter Umständen von einem Erlebnis seiner Jugend lange geschwiegen hat, der es vielleicht jahrzehntelang in sich verschlossen hielt, bis sich ihm endlich die Zunge löste. Sicher ist unsere Bileamgeschichte von der Art. Viel Nachdenken ist darin; viel mehr, als wir in einer Predigt herausholen können.

Nach langer Wüstenwanderung ist Israel am Rand des Kulturlandes angekommen. Die Moa­biter erschrecken: »Nun wird dieser Haufe wie das Vieh alles kahlfressen.« Wie einen barba­rischen Haufen sehen sie das Gottesvolk auf sich zukommen. Aber ihr König Balak weiß Rat. Die Lage ist nicht hoffnungslos. Da gibt es ja noch den weitbekannten Magier und Zauberer Bileam. Den muß man rufen. Der allein kann, und zwar allein durch zerstörende Worte, Israel vernichten. Dieser Bileam ist die Hauptperson der Erzählung bis zu ihrem letzten Satz. Sagt die Bibel: er konnte fluchen, so versteht das heute vielleicht niemand mehr richtig. Was ver­stehn wir schon unter fluchen? Häßliche Worte, zu denen sich einer hinreißen läßt, wenn er die Selbstbeherrschung verliert. Und wenn er dann mit einer Serie von Kraftausdrücken auf­warten kann, dann lächeln wir wohl gar. Aber, liebe Gemeinde, wenn irgendwo Fluch im Spiele war, da hat bei den Alten keiner mehr gelächelt.

Wer also war Bileam? Ich will es einmal so ausdrücken: Bileam war ein gottloser Mensch. Ich weiß wohl, daß wir heute so schwere Urteile nicht gern aussprechen. In der Angefochtenheit unseres Glaubens fühlen wir uns zu solchen Sätzen nicht ermächtigt, und diese Zurückhaltung ist sicher lobenswert. Aber damit ist die Sache ja noch nicht vom Tisch. Den großen Dosto­jewski hat die Frage lebenslang nicht losgelassen: Was ist das eigentlich, ein wirklich gott­lo­ser Mensch? Wie sieht so einer aus, und was geht in ihm vor? Nun, die psychologische Frage, wie es denn im Innern eines solchen Menschen aussieht, also die Frage nach seinen spezifi­schen Leiden und seinen Zerrissenheiten, die interessiert unseren biblischen Erzäh­ler nicht; um so mehr aber die Frage, was so einer tut, wie er wirkt. Nun, wenn er der Kerl dazu ist, so wirkt er durchaus ins Große. Das ist das eine. Aber er wirkt immer zerstörend. Wo immer er gewirkt hat, hinterläßt er eine Brandstätte, in der alles gute Leben verdorrt. [163] Und das eben meinten die Alten, wenn sie sagten: Ein solcher Mensch wirkt Fluch. Ich bin überzeugt, daß das alte Israel, aber auch die alten Griechen, in den Erfahrungen des Bösen wissender, sensitiver waren als wir; sie waren realistischer. Sie hatten da ganz bestimmte Fragen: Was für Träger sucht es sich, wie wirkt es, auf welchem Wege pflegt es unter den Menschen umzuge­hen? Manch­mal gibt es Menschen, die sind Träger und Vermittler von etwas ganz Bösem. Die meisten Menschen bekommen es mit diesem Urbösen gar nicht zu tun, einfach, weil sie in einem trivialen Mittelmaß leben. Sie bekommen mit ihm ebensowenig zu tun, wie mit dem Urguten. Aber manchmal gibt es Menschen, die haben einen geheimnisvollen Kontakt mit dem ganz Bösen; sie können es auslösen, lenken, und es folgt ihnen sogar. Freilich immer nur ein Stück weit und nie, ohne sie dann zuletzt in seine Nacht hinabzuzie­hen.

Ein solcher Mann war Bileam. Er war ein Spezialist auf diesem Gebiet, ein Techniker, der sich auf komplizierte Praktiken verstand. Nein, Bileam hat alles andere getan, als sich hin­reißen zu lassen oder seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Im Gegenteil, er war konzen­triert. Zu einem Werk, das sauber und präzis verrichtet werden wollte, hat er sich auf den Weg gemacht. Und da ist es dann zu einem merkwürdigen Zwischenfall gekommen. Wie so viele berühmte Spezialisten, war dieser Bileam doch wohl auch in gewisser Hinsicht ein beschränk­ter Mensch. Wer ein solcher virtuo­ser Techniker des Bösen geworden ist, der wird blind gegenüber all dem, was von Gott kommt. So kam es zu der berühmten Szene in jenem Hohl­weg, wo ihm der Engel des Herrn mit gezücktem Schwert in den Weg trat. Er sah gar nichts. Sein Reittier aber, die Eselin, die sah den Engel und war durch keine Schläge dazu zu bewe­gen, auch nur einen Schritt weiterzugehen. So tief war also die Gottesblindheit dieses Bileam, daß Gott erst dem Tierlein den Mund auftun mußte, und da erst sah Bileam etwas. Dieses Bild, das der Erzähler vor uns stellt, sollten wir nicht so schnell aus dem Gedächtnis fahren lassen: Dieser Techniker des Bösen, im Aufbruch zu einem schlimmen Vorhaben, zornig über einen Widerstand, der sich ihm entgegen­stellt, der die Kreatur quält, und am Ende wird eine hübsche Summe Geldes herausspringen, — das alles kennen wir doch auch nur allzu-gut.

Hätte unsere Geschichte nur etwas von jenen erbaulichen Erzählun­gen an sich, die wir nicht leiden können, weil sie alle an einer [164] bestimmten Stelle unwahr sind, so würden wir jetzt hören, wie der Engel des Herrn den Bileam straft, wie er ihn heimschickt oder gar zusammen­haut. Es geschieht aber etwas ganz anderes, und zwar etwas Unbegreifliches: Der Engel läßt das Schwert sinken; er tritt zur Seite und läßt den Bileam passieren! Er solle nur sagen, was ihm eingegeben werde. Nun, Bileam mochte gedacht haben, daß das noch einmal gut abge­gangen ist, und wird sich von seinem Schrecken schnell erholt haben. Aber wer kann das begreifen, was sich da ereignet hat? Der Engel läßt das Schwert sinken, und der schreck­liche Mann darf passieren! Aber so ist es doch: Alle Bileame dürfen ihres Weges gehen!

Also, er geht weiter, kommt an, wird wegen seiner Verspätung etwas unfreundlich begrüßt und trifft auf einem Berg sogleich seine Vorbe­reitungen zu dem Werk, das er wie kein anderer versteht. Aber diesmal mißrät ihm alles. Er kommt nicht wie sonst in große Form. Ganz merk­würdig: nicht Fluch-, sondern Segensworte hört er sich aussprechen. Balak ist entsetzt. Er weist auf das viele Geld hin, das er sich’s hat kosten lassen. Aber Bileam kann nur antworten: »Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht. Wie soll ich verwünschen, den der Herr nicht verwünscht.« Irgend etwas ist also dazwischen gekommen, das die Dinge mit einem Mal ganz anders laufen ließ. Bileam bekam es gewiß nicht zu fassen oder gar zu verstehen. Es war das, was die Bibel Gottes Segen nennt.

Damit ist der Erzähler nun zu seiner Sache gekommen. Hier, genau hier will er unser Ohr. Aber vielleicht wissen wir auch bei dem Wort Segen nicht mehr so recht genau, was wir uns darunter vorstellen sollen. Kommt nicht dem, was der Erzähler uns hier sagen will, eine Strophe entgegen, die wir gerne in der Silvesternacht singen:

„Ach, Hüter unseres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserem Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.“[1]

Das ist doch eigentlich ein ziemlich radikaler Satz; aber ich glaube, er umschließt den ganzen christlichen Trost. Wem aber ist es damit heute noch ganz ernst? Aktion ist doch heute das große Wort. Einen ganzen Katalog von Aktionen könnten wir aufzählen, und es wäre gewiß unrecht, wenn wir in den Ernst und in die Opferbereitschaft dieser Aktionen Zweifel setzen wollten. Aber glaubt ihr denn, wir würden mit unserem bestgemeinten »Tun und Machen« auch nur das Geringste ausrichten können, wenn wir es nicht im Schatten [165] einer größeren heilenden Macht entfalten könnten? Was, glaubt ihr, würde daraus werden, wenn wir gegen unsere ewige Anfälligkeit zum Resignieren nichts anderes aufbieten könnten als unseren guten oder manchmal auch nur halbguten Willen? Und so wären wir wieder bei dem ange­langt, was die Alten Segen nannten, und werden einsilbig. Vielleicht finden sich manche damit schnell ab: Wir heute sehen uns an die alten biblischen Vorstellungen überhaupt nicht mehr gebun­den. Wir heute sehen die Welt anders. Ach, dieses »Wir heute!« Das hat an seinem Ort gewiß seinen guten Sinn. Aber ebenso sicher ist, daß es im Handumdrehen zu einer unerträglichen Anmaßung wird, zu einem ahnungslosen Beiseiteschieben von einem Wissen um die Welt, um den Menschen und auch von einem Wissen um Gott, demgegenüber wir heute kläglich abschneiden. Ist es denn so, daß die Wirklichkeit unseres Lebens erst in unseren Jahren richtig gesehen wurde? Stellen wir doch die Frage ganz einfältig. Auf welcher Seite stehen denn nun die besseren Realisten? Sind es die, die dieses »Wir heute« so an­spruchs­voll im Munde führen, sind sie die besseren Realisten? Oder ist ihnen unser Erzähler im Vorsprung, wenn er den Segen Gottes für eine Wirklichkeit, für eine Macht hält, von der wir Tag und Nacht unbewußt leben, so daß wir verloren gingen, wenn wir uns nicht in ihr bergen könnten. Hier entscheidet es sich doch erst, was die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens ist.

Aber wir sind mit Bileam noch lange nicht am Ende. Merkwürdig, der Erzähler sagt, daß Bileam Israel erst gar nicht richtig gesehen habe, nur gerade noch seine Ränder. Aber als er sich in das Segnen ergab, da hat er es ganz gesehen, nach Stämmen gelagert. Eine merkwür­dige Sache! Man kann also das Gottesvolk sehen; es kann aber auch sein, daß man es nur undeutlich sieht, vielleicht nur seine Ränder. Es ist also möglich, daß einer davon spricht, darüber schreibt, sich dagegen wendet, und er hat es kaum zu Gesicht bekommen. Erst in dem Augenblick, als Bileam das Gottesvolk richtig sah, da öffnete sich ihm der Mund zu ganz überschwenglichen Segensworten:

Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel! Wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gärten am Strom, wie Eichen, die der Herr gepflanzt, wie Zedern am Wasser. Wasser rinnt aus seinen Eimern, reichliches Wasser hat seine Saat!

So kann man also auch vom Gottesvolk reden. Es ist nicht der Stil, der heute über die Kirche und über die Christenheit im Schwange ist. Heute hört man doch darüber nur gepfefferte Reden. Hier aber klingt es fast so, als liebte Bileam das Gottesvolk; nein, er redet so, [166] als liebte Gott dieses sein Volk, als sähe es Bileam ganz umflossen von dem Glanz reinen göttli­chen Wohlgefallens. Gärten am Strom, Zedern am Wasser, reichliches Wasser hat seine Saat. Wie schön sind deine Zelte Jakob! Aber so schnell ergeben wir uns nicht. Stimmt denn das alles? Wo ist denn von diesem überschwenglichen Segen etwas zu sehen? Aber vielleicht rührt solches Fragen wirklich nur daher, daß auch wir das ganze Gottesvolk einfach nicht sehen, sondern gerade nur seinen Rand. Wir wissen ja auch nicht, wen Gott diesem seinem Volk zurechnet. »Wer zählt den Staub Jakobs?« Wir sehen ja nicht die tausenderlei täglichen Bewahrungen, die Gott schenkt. Nichts wissen wir von den Erleuchtungen in einfältigen Her­zen, die keine Geistesgeschichte registriert, nichts von erfahrenen Tröstungen, von helfen­dem Tun in fernen Ländern. Wir hören doch nicht das gute Wort, an dem sich vielleicht nur Gott erfreut, gespro­chen von guten Menschen, die sich selber gar nicht für gut halten und von denen doch eine Kraft und ein Licht ausgeht. Ach, ließen wir uns ein wenig mehr hineinneh­men in diese Freude Gottes an seinem Volk; wir würden von dem Gottesvolk gewiß von Tag zu Tag mehr sehen und müßten nicht so grämlich einhergehen, wie wir es tun.

Man stellt es heute gern so dar, daß sich die Kirche Christi fast ein wenig gespenstisch in unserer heutigen technisierten Welt ausnehme. Aber unsere Bileamgeschichte zeigt uns die Sache einmal von der entgegengesetzten Seite: Dieser König Balak mit seiner Angst und seinem Geld, — hat er nicht etwas Gespenstisches? Und die berühmte Kapazität Bileam, der doch so ganz in der Hand Gottes ist, auch er hat etwas Gespenstisches. Aber das Gottesvolk zeltet ahnungslos im Talgrund; es weiß von alledem, was da in Gang gekommen ist, gar nichts. Nicht einmal zum Sich-fürchten sind sie gekommen! Und die Hand, die Gott über sie gehalten hat, haben sie auch nicht gesehen. Für sie war dieser Tag kein Tag des Heils, er war ein Tag wie jeder andere!

Was den Bileam betrifft, so stellt sich der Erzähler den Vorgang offenbar so vor, daß er Fluchworte zelebrieren wollte, daß er sich aber zu seinem maßlosen Erstaunen Segenssprüche sprechen hörte. Also gewissermaßen zwischen seinem Willen einerseits und den Worten seines Mundes andererseits hat sich etwas ereignet, etwas, was unser Erzähler ohne Frage für ein Wunder hält. Aber wo in aller Welt hat man derlei schon erlebt? Wenn wir darauf warten wollten, so enthielte unsere heutige Erzählung vielleicht nur einen mageren [167] Trost. Aber wer will es wissen, vielleicht war es auch damals anders, und Bileam hat wirklich geflucht, so wie er es seit Jahrtausenden tut? Vielleicht hat er dem Gottesvolk zugerufen: »Ich hasse dich; alles an dir ist mir zuwider. Unglaubwürdig bist du, denn du kannst dich ja selber gar nicht ernst nehmen. Deine ganze Kunst besteht darin, mit großen Worten umzugehen. Allem, was gerade modern ist, läufst du nach in der lächerlichen Angst, man könnte dich nicht für ganz modern halten.« Ja, vielleicht war es so; vielleicht hat er so oder ähnlich gesprochen? Aber vor Gott hat es geklungen, als hätte er gesagt: »Wie schön sind deine Zelte Jakob, wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gärten am Strom!« Vielleicht war es so? Wer schaut einem so hinter­gründigen Erzähler gleich in die Karten? Und wie ruhig, wie gelassen ist das alles erzählt, manchmal sogar mit einem Anflug von Heiterkeit; so, als atme der Erzähler noch eine andere Luft als die, die von Flüchen verpestet ist, als hätte er etwas Entscheidendes hinter sich, das vor den meisten von uns noch wie eine unbewegliche Felswand steht.

Unser Predigttext hat uns heute zur Abwechslung einmal nicht zum christlichen Handeln aufgefordert, sondern nur dazu, daß wir ganz ruhig etwas Gutes, Heilendes an uns geschehen lassen. Auch dann wären wir angespannt beschäftigt. Wir würden die Augen dann ein wenig mehr aufmachen und die bleierne Langeweile, die auf vielen liegt, würde abfallen. Denn die Wirklichkeit unseres Lebens ist abgründig geheimnisvoll, und nie genug erkannte Segenskräf­te tra­gen uns. Wir könnten ruhig auch einmal davon reden. Wo immer wir es uns in einer von Flüchen verpesteten Welt eben doch einmal wohl-sein lassen, wo immer wir in eine Freude eintreten, wo immer wir uns etwas Gutem anvertrauen, da leben wir doch schon auf Borg von dem Glauben an den Segen Bileams. Dietrich Bonhoeffer hat diese Segenskräfte sogar in der Gefängniszelle verspürt: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.« Amen.

Predigt am 8. November 1970 im Universitätsgottesdienst in Heidelberg

[1] Paul Gerhardt, „Nun lasst uns gehn und treten“ (EG 58, Vers 6).

Quelle: Gerhard von Rad, Predigten, hg. v. Ursula von Rad, München: Chr. Kaiser, 2. A., 1978, 161-167.

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