Posts Tagged ‘Glaubenszweifel’

Fadenscheiniger Osterglaube in Miao Xiaochuns „Zero Degree Doubt“ und Caravaggios „Der ungläubige Thomas“

9. März 2017

Miao Xiaochun – Zero Degree Doubt (2013) © Miao Xiaochun

Das könnte doch für Ostern eine Predigt mit Bezug auf Johannes 20,24-29 wert sein – das Bild des chinesischen Medienkünstlers Miao Xiaochun mit dem Titel „Zero Degree Doubt“ von 2013. Dieses Bild (Acryl auf Leinen, 150 x 150 cm) wird auf der Kunstausstellung „Luther und die Avantgarde„. Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel vom 19. Mai bis 17. September 2017 in Deutschland zu sehen sein.

Caravaggio – Der ungläubige Thomas

Die Vorlage dazu ist ja ganz offensichtlich Caravaggios Meisterwerk „Der ungläubige Thomas“ (1601/02, Schloss Sanssouci Bildergalerie, Berlin). Da wird hinter 3-D-simulierenden Gitternetzlinien die fingerfertige Berührung in eine Transparenz aufgelöst, die Leiblichkeit und Leben des Auferstandenen nicht länger begreifen können – ein fadenscheiniger Osterglaube also.

Zweifel ist der Bruder des Glaubens (Über Glaubenszweifel)

10. Februar 2016

Glaubenszweifel

Irene Stader, Glaubenszweifel (2009)

In der heutigen Ausgabe von idea spektrum führt Karsten Huhn mit Thorsten Hebel ein nachdenkliches Gespräch über Glaubenszweifel und Glaubensverlust unter dem Titel „Der Evangelist, der seinen Glauben verlor“. Glaubenszweifel sind für Protestanten weithin kein theologisches Thema, allenfalls die Anfechtung (tentatio) wird bedacht. In der RGG4 fehlt jedenfalls der Begriff. In dem (leider vergriffenen) Praktischen Lexikon der Spiritualität findet sich jedoch von Reinhard Körner folgender ansprechender Artikel in Sachen „Zweifel“:

Zweifel

Von Reinhard Körner

Im allgemeinen Sprachgebrauch be­zeichnet das Wort „Zweifel“ ein viel­schichtiges Phänomen in der Seele des Menschen, das sich im Bereich des Glaubens als Unsicherheit oder Unent­schiedenheit, als Schwierigkeit, eine Glaubenswahrheit anzunehmen, als kritische Einstellung zum Glauben, aber auch als innere Verwirrung und Gewissensnot äußern kann. Genauer diffe­renziert ist der Zweifel ein Akt des Er­kenntnisvermögens. Zweifeln heißt: sich einer Wahrheit oder Einsicht unsicher werden bzw. sie für unsicher halten. Die landläufige Meinung, Zweifel im Glauben sei immer Sünde, ist ein (auch durch die Pastoral mitverschuldetes) Mißverständnis der dogmati­schen und moraltheologischen Lehre der Kirche, wonach nicht der Zweifel selbst, sondern das willentliche Ver­harren im Zweifel, die Unentschlos­senheit im Annehmen der Offenba­rung Gottes und die grundsätzliche Be-Zweiflung oder Leugnung ihrer Wahrheiten ein sündhaftes Verhalten darstellen.

Der Zweifel selbst hat durchaus positi­ven Wert, er entspricht der Eigenart Gottes und seiner Geheimnisse, die immer größer sind als das, was über sie gedacht und ausgesagt werden kann. Ein ehrliches geistliches Leben, das nicht Ideologie und „Überzeugung“, sondern die Wirklichkeit Gottes sucht, wird wenigstens von Zeit zu Zeit in die „Krise“ kommen müssen. Was sich da­bei im Bereich des Gemütes und der Empfindungen als „Trockenheit“ und „dunkle Nacht“ äußert, wird im Be­reich des Erkennens als Verunsiche­rung und Zweifel erfahren: Bisherige Gottesbilder und Glaubensvorstellun­gen, die einmal tragfähig waren, erwei­sen sich als zu vordergründig und zu eng gedacht, Wünsche und Erwartun­gen an Gott offenbaren sich als allzu menschliche Projektionen“, „Wort­hülsen“ der Glaubens- und Gebets­sprache werden frag-würdig.

Bei den Mystikern der christlichen Tradition bereitet der Zweifel am „Wissen“ immer für die höhere Weis­heit des „Nicht-Wissens“ vor, er ist – ähnlich wie der „methodische Zwei­fel“ in der Philosophie – der Weg zum tieferen Erfassen der Wirklichkeit des Gedachten und Vorgestellten. Dort, wo viele Menschen stehenbleiben oder gar zum Ver-Zweifeln versucht sind, öffnet sich ihnen ein Tor zur (wenn auch alle Verstandeskräfte überstei­genden) Wirklichkeit Gottes und zur Gewißheit seiner Verheißungen und seiner liebenden Zugewandtheit. Folg­lich geben sie den Zweifel ehrlich zu, wie Therese von Lisieux: „Die schlimmsten Gedanken der Atheisten drängen sich mir auf“, sie sprechen ihn vor Gott aus, wie Charles de Foucauld: „Mein Gott, wenn es dich gibt …“, und durchleiden ihre „Gottesfinsternis“ in „Stellvertretung“, d h. in liebend-brüderlicher Verbunden­heit mit den Menschen ihrer Zeit, wie viele bekannte und unbekannte Mysti­ker unseres Jahrhunderts, so etwa Si­mone Weil, Peter Wust, Edith Stein, Madeleine Delbrel, Dag Hammarskjöld und Gabriel Marcel.

Theologisch und psychologisch reflek­tiert hat diese inneren Vorgänge im Laufe der Geschichte vor allem der Kirchenlehrer der Mystik, der hl. Jo­hannes vom Kreuz (1542-1591). Unter dem Bildwort „dunkle Nacht des Gei­stes“ beschreibt er den für ein geistli­ches Leben notwendigen Prozeß der „Reinigung“ der Erkenntniskraft und des Gedächtnisses von allen Vorstel­lungen und Denkgewohnheiten, die Gott und seine Geheimnisse festma­chen und domestizieren wollen. Nach seiner Erfahrung und Lehre ist es Gott selber, der den Menschen in den „Zweifel“ führt – um ihn einzuladen, der Grenzenlosigkeit und Herrlichkeit seiner Liebe zu begegnen, die „alle Er­kenntnis übersteigt“ (Eph 3,19). Die Frucht solchen Zweifels ist ein Glaube, der Gott als Gott anerkennt, der Gott zugesteht, fern und unbegreif­lich zu sein, wo er unbegreiflich sein will, und nah und erleuchtend, wenn er Einsicht in seine Geheimnisse schenken möchte.

Das Johannesevangelium stellt den Apostel Thomas als den Zweifler dar (20,24-29). Wenn der Auferstandene ihm antwortet: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, belehrt er ihn und alle nachfolgenden Jüngerge­nerationen über den Hauptpunkt im geistlichen Umgang mit dem Zweifel: Es gilt, den im Blick zu behalten, der frag-würdig geworden ist; Glaube ist Treue – auch wenn das Verstehen in die Krise gerät. Gott als der „ganz An­dere“ und immer Größere hat ein Recht auf Ent-Täuschung und Zwei­fel, er ist es wert, „ein Leben lang ge­sucht zu werden“ (Teresa von Avila).

LITERATUR: Art. „Glaubenszweifel“ in den theologi­schen Lexika; Johannes vom Kreuz, Empor den Kar­melberg (Einsiedeln 1964); ders., Die Dunkle Nacht (Einsiedeln 1978).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, 1470-1473.

Hier noch ein Artikel über den Zweifel aus theologischer Sicht von Wolfgang Schoberth aus dem Evangelischen Kirchenlexikon.

Meine eigene Predigt zu Thomas dem Zweifler findet sich hier.

Im Raum des Glaubens. Predigt zu Johannes 20,19-29 (Ungläubiger Thomas und die Glaubenszweifel)

7. April 2015

Thomas

24Thomas aber, einer der Zwölf, der auch Didymus genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte zu ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben. 26Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war mit ihnen. Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! 27Dann sagt er zu Thomas: Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29Jesus sagt zu ihm: Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben!

„Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ – was gemeinsam im apostolischen Glaubensbekenntnis ausgesprochen wird, ruft bei getauften Christen mitunter Zweifel hervor: Jesus von den Toten auferstanden – Leben in einen toten Körper zurückgekehrt? Der Zweifel hat seine eigene Stimme: „Ich würde ja gerne, aber ich kann es nicht, ich kann das einfach nicht glauben – nicht mehr glauben, beim besten Willen nicht länger glauben …“

Sand Hände

Wo sich Zweifel breit macht, entgleitet einem der eigene Glaube, gleichsam wie eine Hand voll Sand: Was du einst kinderleicht begriffen und in deiner Faust umschlossen hast, das entrinnt dir mit der Zeit unaufhaltsam – Körnchen für Körnchen unbemerkt. Und irgendwann steht man in Sachen Glauben mit leeren Händen da. Wo kein Körnchen Glaubenswahrheit mehr in der eigenen Hand zurückbleibt, hat auch der Zweifel sein Ende gefunden. In der leeren Hand lässt sich nichts bezweifeln.

Was gilt dann stattdessen – unzweifelhaft? Für abgeklärte Alltagsrealisten heißt es: „Nur das, was ich selbst mit eigenen Augen sehen kann, darauf kann und will ich mich einlassen. Alles andere kann ich mir nicht vorstellen.“ Wo nur Offensichtliches zu gelten hat, kann man sich nicht länger auf Glaubensdinge verlassen. Schließlich wird ja im Brief an die Hebräer der Glaube wie folgt vorgestellt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1)

So geht der Zweifel mit Dauer zu Lasten eigener Lebenszuversicht: Nichts tritt mir gegenüber, woran ich mich über meinen Tod hinaus festhalten oder worauf ich mich verlassen kann. Das Sichtbare, Nachprüfbare, Offensichtliche birgt keine Verheißung. So muss der Realist mit leeren Glaubenshänden bekennen: „Es ist wie es ist mit dem Tod zu Ende. Wir haben mit tödlicher Gewissheit zu leben.“ Die Sicherheiten, die uns das Offensichtliche anzubieten hat, nehmen uns jegliche Zuversicht über den Tod hinaus.

Im Evangelium wird dem Glaubenszweifel Raum gegeben. Thomas, einer der Zwölf, hat von den anderen Jüngern gehört, dass Jesus von den Toten auferstanden sei: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Thomas kann das für sich nicht gelten lassen: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben.

Glaubenszweifel lassen sich nicht durch scheinfromme Ermahnungen niederbügeln: „Das hast du als Jünger Jesu oder als Christin zu glauben, wenn wir, wenn die Kirche dir das so sagt!“ Als gäbe es für uns eine höhere menschliche Autorität mit eigener Unfehlbarkeit, die uns vorschreiben könnte, was wir zu glauben hätten. Glaubenswahrheiten sind Vertrauenssache; die können nicht einfach in den eigenen Kopf gezwungen werden.

Der auferstandene Jesus selbst sucht die Begegnung mit Thomas, kommt ihm mit dessen Zweifeln entgegen: „Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Thomas Antwort „Mein Herr und mein Gott!“, erschrockene Anerkennung, kein Zweifel mehr, sondern eigenes Ergriffensein – außer Frage, dass ihm Jesus gegenübertritt.

nolde ungläubiger thomas

So lässt sich Jesus von menschlichen Zweifeln berühren. Er sucht unseren eigenen Glauben, will unser Vertrauen, inniges Gottvertrauen: „Mein Herr und mein Gott!“ Glaube ist keine Kopfgeburt, kein Geäst lebensdürrer Lehren, auch kein Irrgarten sonderlicher Gedanken, sondern Gottesnähe. Dass ich mich mit meinem Leben auf Jesus Christus beziehen kann, das ist mein Glaube, meine Hoffnung, …

In der Begegnung mit Jesus sind Thomas die Zweifel genommen, schon bevor es zur leiblichen Berührung kommt. Da mögen Skeptiker und Zweifler einwenden: „Wenn das mir passiert wäre, wenn sich der auferstandene Christus mir so gezeigt hätte, dann könnte ich ja auch glauben ….“ Jesu Schlusswort nimmt genau das auf; er spricht Thomas an: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben!

Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen“ (2Korinther 5,7) schreibt der Apostel Paulus. Aber wie soll man zu diesem Glauben kommen, wie soll ich Vertrauen im leeren Raum finden? Im Evangelium sind die Jünger acht Tage nach Ostern in einem Raum versammelt, hinter verschlossenen Türen. Wo Jesus den Jüngern gegenübertritt, handelt es sich um einen besonderen Raum mit einer besonderen Gemeinschaft.

Um Christus zu vertrauen bedarf es eines besonderen Raumes, eines Glaubensraumes. Dort gelten nicht einfach naturwissenschaftliche Gesetze, vielmehr geht es um göttliche Beziehung. Menschen sind eingeladen mit ihren Zweifeln in den Glaubensraum einzutreten, sich auf die Begegnung mit Jesus einzulassen.

Stell dir vor, er tritt Dir gegenüber, in den Handflächen, an den Füßen, an seiner rechten Seite Wundmale, er hält dir seine Wunden hin und schaut dich innig an. Das kannst du dir vorstellen – keine Ausrede, du bist jetzt nicht im Alltagsraum, sondern im Glaubensraum, stehst dort nicht alleine da, unzählige Christen mit dir, auch Menschen, die vor dir gelebt habt, eine ganze „Wolke von Zeugen“ (Hebräer 12,1). Im Raum des Glaubens tritt uns der auferstandene Christus entgegen: „Friede sei mit euch!

theater

„Was soll das Theater?“ mag der Zweifler einwenden. Ja, nimm es erst einmal als Theater an. Lass das Geschehen für dich als Schauspiel gelten. Es will dir zugute kommen. Im Schauspiel auf der Bühne geschehen mitunter ja auch Dinge, die draußen im Alltag unwirklich erscheinen. Lass dich wie bei einem Schauspiel auf das Geschehen ein. Ein Skeptiker würde ja auch nicht im Theater die ganze Zeit die Arme verschränkt halten und immerfort murmeln: „Unwahr, gibt’s nicht, kann nicht sein.“ Damit hätte er sich ja selbst um das Schauspiel gebracht.

Lass dich wie bei einem Schauspiel auf das Ostergeschehen ein, offenen Auges, offenen Ohres, offenen Herzens; lass dich hineinnehmen in den Raum des Glaubens. Ja, eigenes Verstehen ist durchaus gefragt: Was soll das, warum wurde Jesus getötet, wie ist er auferstanden, was ist uns damit zugesagt? Es gibt den Text zum Nachlesen, die Evangelien und auch die Vorgeschichte im Alten Testament. Im Zusammenhang eines Dramas lassen sich Geschehnisse verständlich erklären.

Im Raum des Glaubens gibt es keine isolierten Glaubenswahrheiten, Körnchen Wahrheiten, die mit der Zeit unseren Händen sandweise entrinnen, sondern es geht um das Drama unseres Lebens, größer, tiefer, weiter als alles Menschenmögliche: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ (Johannes 3,16) Im Raum des Glaubens lassen wir uns auf das göttliche Drama ein – mit offenen Händen, die von göttlicher Liebe berührt werden. Wir bleiben nicht nur Zuschauer, sondern treten als Mitwirkende auf – Mitleidende, Mitfeiernde, Zweifelnde, Betende, Singende, Zeugen und Bekenner – im Chor mit anderen Christinnen und Christen. Im Evangelium finden sich verschiedene Rollen, in denen wir selbst zur Sprache kommen, die uns alle bei dem Jesusgeschehen halten.

Als Gemeinschaft der Gläubigen machen wir uns mit dem großen Gottesgeschehen vertraut, um selbst Vertrauen in dieses Geschehen zu haben: „Wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrn, vom Tod auferweckt hat.“ (Römer 4,25) Immer wieder neu heißt es, in den Raum des Glaubens einzutreten, mich mit meinem eigenen Leben – auch mit meinen Zweifeln – in das Ostergeschehen einweben und einflechten lassen.

Aus der Vertrautheit mit dem Ostergeschehen wächst mein Jesusvertrauen. Verschränkte Arme lösen sich, ungläubige Blicke wandeln sich: Ich erkenne mich selbst auf der Bühne des Glaubens wieder. Die Geschichte ist für mich geschehen – wider allen Zweifel:

Tage nach Ostern waren die Jünger wieder beieinander. Diesmal war ich mit dabei. Wieder waren die Türen verschlossen. Da kam Jesus noch einmal zu uns. Er trat in unsere Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“ Dann sagt er zu mir: „Nimm deinen Finger und untersuche meine Hände. Strecke deine Hand aus und lege sie in die Wunde an meiner Seite. Du sollst nicht länger ungläubig sein, sondern zum Glauben kommen!“ Ich antworte ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ Da sagt Jesus zu mir: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten (Gebet) aus Anlass des Germanwings-Flugzeugabsturzes

27. März 2015

Germanwings-Absturz-6

Herr, unser Gott,
wir stehen vor Dir mit dem, was wir nicht fassen können.
Urplötzlich hat der Tod das Leben an sich gerissen.
Menschen sind aus heiterem Himmel tödlich abgestürzt.
Wir können nicht begreifen,
dass ein junger Mensch dies absichtlich herbeigeführt hat.
Wir kommen mit allem, was uns bewegt, zu Dir
und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Sieh an die Getöteten,
berge sie in Deiner Hand,
nimm Du sie auf in Dein Reich
und vollende Dein Werk an ihnen in Ewigkeit.

Sieh an das Leid der Angehörigen, der Mütter und Väter,
der Schwestern und Brüder, der Lebensgefährten und Freunde.
Sei ihnen Halt in der Tiefe ihres Schmerzes,
gib ihnen Kraft für die kommenden Tage
und stelle ihnen liebevolle Menschen zur Seite.

Sieh an die zahlreichen Helfer und Einsatzkräfte,
die an der Unglücksstelle die Leichen bergen
und Wrackteile aufzuräumen haben.
Stärke sie mit Deinem Geist an Leib und Seele
und schütze sie vor seelischen Verwundungen.

DU Gott lässt uns das wahre Leben hoffen,
du hältst uns fest im Leben und im Sterben.
Wir bitten Dich durch Jesus Christus,
Friedefürst und Schmerzensmann,
Liebhaber des Lebens bis in den Tod,
der mit dir und dem Heiligen Geist lebt
und regiert in Ewigkeit.
Amen.

Zwei aufständische Gebete zum Flugzeugabsturz

26. März 2015
pestbild-kirche-st-prokulus-naturns,jpg

Pestbild auf dem Chorbogen in St. Prokulus, Naturns

HERR Gott,
waren es deine Pfeile,
die das Leben tödlich getroffen haben –
mitten unter uns?
Warum?
Warum nur hast Du mit Unheil
auf Menschen gezielt –
solche wie wir?
Sag uns, sag es uns!
Was hält dein Zorn uns verborgen?
Kein Amen.

 

DU bist uns fremd geworden –
todesfremd.
Was da geschehen ist,
bringen wir nicht zusammen –
nicht mit deiner Vorsehung,
auch nicht mit deiner Verheißung.
Deswegen halten wir Dir das Unheil vor –
auf die Gefahr hin,
deine dunkle Seite ertragen zu müssen.

Das Böse im Flugzeugabsturz und die Theodizeefrage

26. März 2015

cockpit A 320

Die Frage wird auf uns zukommen, nachdem der vollständige Name des 28jährigen Co-Piloten Andreas L. aus Montabaur demnächst wohl bekannt gemacht werden wird: Warum hat ein junger Mensch willentlich 149 andere Menschen in den Tod gerissen? Warum hat sich in ihm unvorstellbar Böses festgesetzt? Es geht also nicht länger um technisches Versagen, sondern um die Böswilligkeit (malum morale), die scheinbar aus der menschlichen Freiheit heraus geboren ist. Man wird dabei die Diabolik der Cockpit-Schließsicherung im Airbus behandeln – durch beabsichtigtes Fernhalten des Bösen vom Cockpit hat man das Böse im Cockpit selbst eingeschlossen gehalten. Und doch bleibt die Theodizeefrage die gleiche: Du Gott, warum hast Du dem Bösen kein Einhalt geboten; warum hast du zugelassen, dass unschuldige Passagiere in den Tod stürzen mussten? Wo warst Du mit deiner Vorsehung in dieser Katastrophe? – keine Antwort.

Siehe auch meinen Aufsatz: Teuffel – Der Aufstand des Gebets (DtPfrBl)

Gebet aus Anlass des Flugzeugabsturzes bei Barcelonnette-Digne in Südfrankreich (Flug 4U9525 Germanwings Barcelona-Düsseldorf)

24. März 2015

absturzstelle-alpen-germanwings

Du Gott, Geheimnis des Lebens,
urplötzlich hat der Tod das Leben an sich gerissen.
Menschen sind aus heiterem Himmel tödlich abgestürzt.
Wir können das nicht begreifen:

Wo ist deine Güte,
die du uns versprochen hast?
Wo ist deine Macht,
mit der du unserer Ohnmacht begegnest?

Wir möchten ja glauben,
dass du es gut mit uns Menschen meinst.
Es fällt uns so schwer,
in dieser Katastrophe erkennen wir dich nicht.

So nimm dich der Verstorbenen an,
berge sie in deiner Hand,
lass sie nicht verlorengehen.

Komm mit deinem Geist zu den Menschen,
die Angehörige verloren haben,
die verzweifelt sind.
Bringe Licht in ihre Dunkelheit
und umarme sie mit deiner Liebe.

Du Gott aller Menschen und Völker,
Heil und Friede der Menschen ehren dich mehr
als eine Welt in Elend und Not.
Erhöre unser Gebet.
Durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen.

Weiteres Material findet sich in meinem Buch „Im Angesicht der Katastrophe. Öffentliche Trauer- und Bittgottesdienste„.

Sprich jetzt! Schweig nicht! Hier ist Dein Ort!

16. September 2014

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort

In meinem Text „Der Aufstand des Gebets„, der im Deutschen Pfarrerblatt jüngst erschienen ist, habe ich darauf hingewiesen, dass es uns an Trauerliedern fehlt,die den eignen Schmerz in die Gottesanrede hineinnehmen. Dankenswerter Weise hat mich Karl – Helmut Barharn, Pastor i.R. in Göttingen, darauf aufmerksam gemacht, dass er selbst aus Anlass einer besonders dramatisch-traurigen Beerdigung eigene Verse gedichtet hat, die auf “Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort” gesungen werden können. Hier sind sie:

Herr, schau auf uns und unser Herz!
Sieh, welche Trauer, welcher Schmerz!
Der Tod fasste auf einmal zu;
die Frage quält: “Warum?”, “Wozu?”

Wer gibt uns Antwort, hilft uns auf,
wenn niemand hielt des Unglücks Lauf?
Wir suchen Dich in Deinem Wort!
Sprich jetzt! Schweig nicht! Hier ist Dein Ort!

Gott braucht dich nicht

14. Oktober 2012

Gott braucht dich nicht

Jüngst ist bei Rowohlt das Buch „Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung“ von Esther Maria Magnis erschienen.  Das Buch – es bleibt offen, was selbst erlebt oder aber ersonnen ist – handelt vom Gebetsringen mit dem verborgenen Gott im Angesicht der Tumorerkrankung des eigenen Vaters bzw. des Bruders und deren Tod. Sprachlich gelungen, eindrückliche Bilder, beißende Kritik an Volkskirchentheologie. Lesen. Ein aufschlussreiches Interview mit der Autorin findet sich hier.