Posts Tagged ‘gute Werke’

Was sind gute Werke (Hans G. Ulrich)

2. August 2017
Brueghel-Umkreis_Werke_der_Barmherzigkeit

Die Werke der Barmherzigkeit, 17. Jh. (Umkreis Brueghels des Jüngeren)

In seinem lesenswerten RGG-Artikel über die guten Werke bezieht Hans G. Ulrich diese auf Gottes Werk und entzieht sie damit der hoffnungslosen Selbstreflexion eines moralischen Subjekts:

Christlich-theologische und philosophische Ethik ist nicht nur als Ethik der Pflichten, der Tugenden oder der Güter, sondern auch als Ethik der guten Werke verstanden worden. Diese ist auch von einer Ethik des guten Lebens oder einer Ethik der ge­rechten Prozeduren zu unterscheiden. Eine Ethik der guten Werke fragt, inwiefern es bestimmte Werke oder Hand­lungen gibt, die im Sinne der moralischen oder sittlichen Existenz des Menschen und des ihm Gebotenen »gut« genannt werden können. Handlungen sind »gut« nicht allein deshalb zu nen­nen, weil sie aus einer guten Absicht oder einem guten Willen hervorgehen, aber ohne eine gute Absicht gibt es auch keine gute Handlung.

In der christlichen Tradition lautet die Regel: Ein guter Mensch bringt gute Werke hervor, gute Werke machen jedoch keinen guten Menschen. Als guten Menschen versteht die christ­liche Tradition den neuen Menschen, der von Gott dazu geschaffen wird, gute Werke zu tun (Eph 2,10). Die guten Werke sind Frucht des Handelns Gottes am Menschen (Gal 5,22). Sie können deshalb nicht dazu dienen, bei Gott ein Verdienst zu erwerben. Diese Ab­grenzung läßt eine Ethik der guten Werke nicht hinter sich, sondern eröffnet erst eine solche. Die Vor­aussetzung dafür, daß ein Werk »gut« genannt werden kann, ist nach Luthers Ausle­gung des ersten Gebotes allein der Glaube, das Vertrauen in Gottes heilschaffendes Handeln, in dem ein Werk geschieht, denn dieses Vertrauen be­gründet, daß ein Werk nicht um des eigenen Nut­zens willen getan wird. So ist der Glaube das erste und einzige gute Werk. Alle anderen Wer­ke können »gut« nur genannt werden, sofern sie befreit von der Sorge um das eigene Heil allein auf das gerichtet sind, was dem Nächsten not tut. Davon bestimmt kann alles, was Menschen – etwa in ihrem Beruf – tun, ein gutes Werk sein.

Was gut ist, kann nicht an einem Zustand der Welt oder des Menschen ermessen werden, weil damit das Gute, das von Gott im Glauben zu erfahren, weiterzugeben und zu bezeugen ist, außer acht gelassen wird. Dem Menschen ist zu tun geboten, was ihm im Vertrauen auf Gottes Werk zu tun bleibt. Dies sind durchaus bestimmte gute Werke. Statt einem allgemeinen Guten dienen zu wollen, ist es geboten, das zu tun und sich davon prägen zu lassen, was im Gebot Gottes (etwa im Dekalog), zusammengefaßt im Gebot der Nächstenliebe, enthalten ist. Dazu gehört, das Gerechte zu tun, Barmherzigkeit zu üben und Frieden zu stiften. Solche guten Werke kennzeichnen die christliche Lebensform, die mit dem Glauben gegeben ist. Diese Lebensform hat die christliche Ethik als sittliche Lebensform zu entfalten und kann sich nicht auf das beschränken, was aufgrund allgemein begründeter Regeln verboten oder zu schützen ist. In diesem Sinne ist die christliche Ethik der guten Werke als Sozialethik zu verstehen. Sie zeigt, wie in allem Tun, im Beruf und in den Institutionen durch die guten Werke die Lebens­form zu bezeugen ist, die aus dem Vertrauen in Gottes Werk her­vorgeht und von ihm geprägt ist.

RGG4, Bd. 3 (2000), Sp. 1345f.

Unfreiwillig und ungezwungen – der Glaube, das Evangelium und die guten Werke

16. Juli 2017

Luthers Auslegung des dritten Glaubensartikels aus seinem Kleinen Katechismus hat es in sich: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“

Verkürzt ausgesprochen heißt es da: Ich glaube, dass ich selbst nicht glauben kann. Mein Glaube an Jesus Christus ist nicht freiwillig. Er beruht weder auf meiner eigenen Entscheidung noch auf meiner persönlichen Einsicht, sondern verdankt sich dem Heiligen Geistes, der im Evangelium an mir selbst wirkt. Weil dieser Glaube mir Vertrauen (fiducia) in Jesus Christus ist, geschieht er mir Sünder recht und hält mich im Leben wie im Sterben beim dreieinigen Gott.

Das macht nämlich wahres Vertrauen aus: ein Geschehen, das mir zugutekommt. Ich ent­scheide eben nicht, ob und wem ich wirklich vertraue, sondern lebensentscheidendes Gesche­hen lässt mich vertrauen. Sollte ich jedoch meinen Glauben im Sinne einer eigenen Glaubens­entscheidung verstehen, wäre ich im Glauben selbst am Werk und müsste ihn durch weitere Schritte des Glaubens mir jeweils neu rechtfertigen. Eine eigene Glaubensentscheidung sucht sich aktiv zu bewahrheiten. Andernfalls wäre der eigene Glauben mit der Zeit verwirkt.

Telelestaies ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Glaube an Jesus Christus gilt dem passio­nierten Geschehen am Kreuz: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschla­gen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,4-5)

Jesus Christus ist als der eine Herr zu bekennen, „durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1Korinther 8,6). Er lässt sich im Glauben nicht persönlich vereinnahmen. Sein Kreuzestod ist kein Heilswerk, das ich mir zu eigen machen kann, indem ich Jesu Hingabe als Opfer für mich gläubig annehme. Wer meint, Jesus Christus als Herrn und Heiland für sich selbst angenommen zu haben, verfehlt das bleibende Gegenüber des Kreuzes.

Ich kann Jesu Tod für mich nichts abgewinnen, sondern werde vielmehr im Glauben seiner Hingabe ausgeliefert. In seinem Tod ist es um mich als Sünder geschehen. Was mir zu meinem Heil zugesagt ist, verdankt sich allein göttlicher Wirklichkeit in Jesus Christus, „welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt“ (Römer 4,25).

Nun wäre es ein großes Missverständnis, die unfreiwillige Passivität des Glaubens apathisch zu verstehen, als spiele es für unser Heil keine Rolle, ob man Jesus als Herrn zu bekennen weiß und an dessen göttliche Auferweckung von den Toten zu glauben vermag (vgl. Römer 10,9f). Ganz im Gegenteil: Wer nicht mit seinem Mund bekennt, dass Jesus Herr ist und wer nicht in seinem Herzen glaubt, dass ihn der Gott von den Toten auferweckt hat, dem kann kein göttliches Heil zugesagt werden. Wer nicht selbstbewusst glaubt, „dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat“ (Auslegung des zweiten Glaubensartikels im Kleinen Katechismus), findet sich nicht in der Gegenwart des dreieinigen Gottes wieder.

Unser Glaube an Jesus Christus ist keine passive Kenntnisnahme der Geschichte (notitia historiae – vgl. CA 20), sondern leidenschaftliche Widerfahrnis des Evangeliums im Heili­gen Geist. Und diese Widerfahrnis kann nicht innehalten und auf sich beruhen, sondern ent­äußert sich in guten Werken. Da diese caritativen Werke anderen Menschen, die mir als Nächste begeg­nen, zugutekommen, vermag ich damit für mich selbst nichts zu bewirken. In ihnen nehme ich am Leben des anderen teil (compassion), ohne dass ich diese Anteilnahme für mich selbst rückgewinnen kann.

Hier der Text als pdf.