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Johannes Wirsching – Häresie als Glaubensphänomen

9. Februar 2017
Antonius Eisenhoit - Die Göttin Häresie

Antonius Eisenhoit (1553-1603) – Die Göttin Häresie (Kupferstich)

Lesenswert ist immer noch Johannes Wirschings Buch „Kirche und Pseudokirche. Konturen der Häresie“. Darin entschlüsselt er in feinsinniger Weise die häretische Logik eines ideologischen Protestantismus:

„Christusglaube ist Heilsglaube, Rechtfertigungsglaube und darin der Glaube, der empfängt. Glauben heißt, den Gabecharakter des Heils erkennen und in eins damit die gemeinmenschliche Verlorenheit. Zur Vernunft des Glaubens gehört also die Erkenntnis, daß Heil und Sünder zusammengehören und daß Rechtfertigung immer Rechtferti­gung des Gottlosen bedeutet. Gerade hier aber lehnt sich der Häretiker ein zweites Mal auf. Er nimmt Anstoß an der Recht­fertigung des Sünders, das heißt, er stößt sich daran, daß dem Menschen die Entscheidung über sein Heil und damit über die Vollendung seines Menschseins aus der Hand genommen sein soll. Auch der Häreti­ker sieht die göttliche Gnade am Werk, aber sie ist für ihn gerade darin wirklich, daß sie aus einer ,frem­den‘ Gnade zu seiner eigenen werden und sich völlig dem Be­gnadigten überlassen kann. Erst so werde die Gnade das, was sie ist: das ohne Vorbehalt gewährte, wirklich ,radika­le‘ Geschenk, das es dann ebenso radikal zu leben und durchzu­setzen gilt.

Ein Heil aber, das der Häretiker sich selber nicht mehr ver­mitteln zu lassen braucht, kann er auch nicht anders als unver­mittelt zur Geltung bringen. Im Grunde steht er damit außer­halb der Gemeinschaft des Glaubens, sieht sich jedoch — als der wahre Gläubige — erst recht in ihr, um ihr nunmehr vorzuhalten, wie sie verbessert, überboten und vollendet werden muß. Sowohl die gesamtkirchlich vermittelte Heilserfahrung aller Gläubigen als auch die aktuell vermittelte Heilsverkündigung durch Wort und Sakrament werden dem Häretiker auf diese Weise zu Bedingungen oder doch Möglichkeiten der Selbstvermittlung und sind darin paradigmatisch für den Gläubigen schlechthin, das heißt, sie werden zu Legitimationsformen des Heilszwanges. Das Heil des Menschen ist immer schon vermit­telt, es muß nur noch als solches gelebt und — ethisch, sozial, politisch — durchgesetzt werden. Die hierin durchbre­chende Gewaltsamkeit wird ebensowenig empfunden wie die vollen­dete Umkehrung der Gnade in eine Forderung; das gehört zum Wesen häretischen Heilsverständnisses und erinnert an das Rätsel des sogenannten Stürmerspruches. »Bis jetzt wird das Reich der Himmel mit Gewalt erstrebt, und gewaltsam Rin­gende reißen es an sich« (Mt 11,12).“

Das Unterkapitel „Häresie als Glaubensphänomen“ findet sich hier als pdf.

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