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„dass da draußen einer ist, der uns meint, uns hört und sieht, der uns den Lebensatem einhaucht und damit an den Grund unserer Existenz eine Resonanzbeziehung setzt …“ Hartmut Rosa und die theologische Relevanz des Resonanzbegriffs

5. Januar 2018

Hartmut Rosa, Taizé-erfahrener Schwarzwaldphilosoph und gegenwärtig der Popularsoziologe in Deutschland, hat mit Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung sein opus magnum geschaffen. Religiös höchst musikalisch – spielt er doch noch immer die Orgel im evangelischen Gottesdienst in seinem Heimatort Grafenhausen – entfaltet er eine soziologische Begrifflichkeit, die theologisch anschlussfähig ist, nicht nur für die praktische, sondern auch für die systematische Theologie. Hier ein Auszug aus einem Rundfunkvortrag:

Was also ist Resonanz? Resonanz ist eine Form von Beziehung, in der zwei Entitäten, manch­mal zwei Menschen, manchmal ein Mensch und ein Ding, sich wechselseitig beeinflussen, dass sie aufeinander reagieren und sich so verändern. Das geht allerdings nur in einem Reso­nanzraum. In sterilen Räumen, die Schwingungen nicht zulassen, ist das nicht möglich. […]

Resonanz bedeutet, sich von der Welt berühren zu lassen. Etwas erreicht mich, bewegt mich, verändert mich, ver­setzt mich in Schwingung. Ganz häufig erzählen wir ja mit genau diesen Begriffen von gelin­genden Momenten. Aber Resonanz bedeutet auch, ich habe auf etwas geantwortet, vielleicht mit einer Emotion (emovere = nach außen bewegen). Ich habe mich als selbstwirksam erfah­ren, indem ich diese Anrufung beantwortet habe. Resonanz besteht auch darin, sich als wirk­sam in der Welt zu erfahren: Ich habe die andere Seite erreicht. Wir können uns das gut in einem Gespräch vorstellen. Ein Gespräch kann ein toter Informationsaustausch sein, aber auch eine Resonanzbeziehung, in der mich das, was der andere sagt, wirklich berührt und ich um­gekehrt den anderen durch meine Worte bewegen kann, so dass wir uns beide verändern.

Solche Resonanzbeziehungen gibt es aber auch, wenn wir z. B. musizieren, Gitarre oder Gei­ge spielen. Da erfahren wir uns als berührt und bewegt, aber auch als selbstwirksam. Wir kön­nen selber Musik formen und bewegen.

Diese Art von Resonanzbeziehung hat zwei wichtige Eigenschaften.

  1. Unverfügbarkeit. Wir können sie nicht erzwingen. Man kann nie genau vorhersagen, wann Resonanz eintritt. Das kennt jeder aus eigener Erfahrung: Wenn wir unser Lieb­lingslied anhören, dann bewegt es uns manchmal sehr, aber wenn wir versuchen, es jeden Tag, vielleicht noch zu einer bestimmten Uhrzeit zu spielen, dann bewegt sich irgendwann gar nichts mehr. Man kann Resonanz also nicht erzwingen. Außerdem weiß man nicht, wie lange sie andauert und was dabei herauskommt.
  2. Resonanzbeziehungen sind Beziehungen der Anverwandlung. Dort, wo ich mich auf Resonanz einlasse, werde ich mich verändern, kann aber nicht genau sagen, in welche Richtung. Ich kenne das Ergebnis der Resonanzprozesse nicht. Ich nenne das Anver­wandlung. Da geht es nicht um Aneignung – ich bringe etwas unter Kontrolle –, son­dern ich lasse mich so auf eine Sache ein, dass sie mich dabei auch verändert und in gewisser Weise transformiert. Welt-Anverwandlung ist also das Ergebnis einer Reso­nanzbeziehung.

Es gibt drei Dimensionen von Resonanzbeziehungen: horizontale, diagonale und vertikale. Horizontale sind solche, die wir zu anderen Menschen eingehen, dort sind sie am offensicht­lichsten. Liebesbeziehungen stellen wir uns z. B. als Resonanzbeziehungen vor, sowohl die Liebesbeziehung zwischen zwei Intimpartnern als auch die zwischen Eltern und Kindern. Die Idee dabei ist, dass wir uns nicht wechselseitig verdinglichen oder instrumentalisieren, son­dern dass wir uns so gut es geht aufeinander einlassen und uns diese Beziehung auch ver­ändert.

Ähnlich stellen wir uns Freundschaften vor. Freundschaften haben genau das Phänomen der transformierenden Kraft. Eine intensive Freundschaft bedeutet, dass wir so miteinander in Beziehung stehen, dass wir uns auch zu widersprechen vermögen und wir uns im gegenseiti­gen Reden und Antworten verändern. […]

Diagonale Resonanzbeziehungen haben wir zu Dingen, zu stofflicher Materie, das können beispielsweise ästhetische Erfahrungen in einem Museum sein. Wir gehen in ein Museum, um uns von einem Bild erreichen und berühren zu lassen auf eine Weise, die wir nicht genau vor­hersehen können. Häufig passiert auch nichts mit uns, aber manchmal gibt es Gegenstände, sei es nun ein Bild oder auch eine antike Nähmaschine, die uns so berühren, dass es zu einer Resonanz zwischen uns und dem Gegenstand kommt.

Diagonale Resonanzbeziehungen, also Beziehungen zu Dingen und Stoffen, erfahren wir insbesondere auch bei der Arbeit. Arbeiten heißt, sich an einem Weltgegenstand abzuringen. Das kann für die Bäckerin der Teig sein oder die Pflanzen für den Gärtner oder der Text für einen Wissenschaftler oder eine Journalistin. Da steht uns jeweils etwas gegenüber, was mit eigener Stimme spricht, was immer einen Moment des Unverfügbaren hat. Das Abarbeiten an diesem Gegenstand transformiert uns, so dass Arbeiten eine zentrale Resonanzachse für mo­derne Menschen ist. Die Angst davor, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist eben nicht nur die Angst, seine Ressourcen einzubüßen, sondern eben auch die Angst, eine Resonanzachse zur Welt zu verlieren.

Schließlich gibt es als dritte Achse einen Welt- und Resonanzsinn als Ganzes. Es gibt eine tiefe Sehnsucht von uns Menschen, mit dem Leben, der Welt oder dem Universum, wie der Religionsphilosoph William James sagt, als Ganzes verbunden zu sein. Dabei wissen wir gar nicht genau, ob das Universum schweigend, tot und kalt ist oder ob da wirklich eine Antwort­beziehung am Grunde unserer Existenz liegt, wie Martin Buber z. B. sagen würde. Ich glaube, Religion gewinnt daraus ihre anhaltende Kraft und Attraktivität, dass sie ganz tief die Idee anlegt, dass da draußen einer ist, der uns meint, uns hört und sieht, der uns den Lebensatem einhaucht und damit an den Grund unserer Existenz eine Resonanzbeziehung setzt, eine Ant­wortbeziehung.

Hier der Link zum vollständigen Text „Mehr Resonanz. Auswege aus der Beschleunigungsgesellschaft„. Außerdem ist auch sein Vortrag auf dem Hamburger Kirchentag 2013 „Was brauchen Menschen? Vom Schweigen der Welt und von der Sehnsucht nach Resonanz“ lesenswert.

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