Posts Tagged ‘Hingabe’

„Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi“ – Mein Votum zur Abschaffung der Kirchensteuer in der Bayerischen Staatszeitung

13. April 2017

Rembrandt – Die Fußwaschung (Federzeichnung, um 1655)

Die Frage der Woche in der heutigen Ausgabe der Bayerischen Staatszeitung (13. April 2017) lautet: Soll die Kirchensteuer abgeschafft werden? Joachim Unterländer, CSU-Abgeordneter und Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern votiert mit NEIN, ich hingegen mit JA. Hier meine Begründung:

Die Kirche hat ein Problem mit der Kirchensteuer. Nach der jüngsten Umfrage vom Dezember 2016 (INSA consulere) lehnen diese mehr als 60 Prozent ihrer Mitglieder ab, mit gutem Grund: Kirchensteuern sind eine Zwangsabgabe, welcher der Herr der Kirche, Jesus Christus, widerspricht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Steuern hat man an den Staat zu zahlen; Gott aber gibt man sich freiwillig mit Leib und Seele hin. So hat im 19. Jahrhundert zunächst der Staat Kirchensteuern erhoben, um Pfarrer zu besolden und Kirchengebäude zu unterhalten. 1919 ist dann den selbstständig gewordenen Landeskirchen und den Diözesen in der Weimarer Reichsverfassung die Erhebung eigener Steuern zugestanden worden.

Werden Steuern im Namen und auf Rechnung der Kirche erhoben, kommt das Evangelium nicht zum Zug. Kein Wunder, dass über 99 Prozent aller Kirchen und Diözesen weltweit keine Steuern erheben. Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi. Wo Menschen im Gottesdienst diese Hingabe empfangen, werden sie selbst zum freiwilligen Opfer befähigt. In Deutschland hingegen bringt die Kirchensteuer in beziehungsloser Weise den Kirchen viel Geld und vergrößert zugleich deren finanzielle Abhängigkeiten: Was alles finanziert und unterhalten sein will, und wer alles bedient werden muss. Als ökonomisch ausgerichtete „Betreuungskirche“ entfremdet man sich dem Evangelium immer mehr.

Der Ausstieg aus der Kirchensteuer lässt sich kaum über Nacht vollziehen. Schließlich steht Kirche in der Pflicht als Arbeitgeber. Aber man kann den Hebesatz der Kirchensteuer über einen Zeitraum von 40 Jahren stufenweise auf Null zurückführen.Das gäbe genügend Zeit für eine umfassende Kirchenreform. Am Ende sind es dann die Gemeinden, die sich – wie weltweit ja üblich – aus den Gaben der Gläubigen selbst finanzieren und durch Umlage übergemeindliche Dienste tragen. Kirche ohne Steuern gewinnt an Glaubwürdigkeit.

Hier der Pro- und Contra-Text aus der Staatszeitung als jpg.

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„You’ll Never Walk Alone“. Was der Fußball dem christlichen Glauben lehrt (Predigt über Matthäus 19,27-30)

25. Juni 2016

You'll Never Walk Alone

Was für ein Spiel – das UEFA Champions League Finale am 25. Mai 2005 im Atatürk Stadium in Istanbul. Zur Pause führt der AC Mailand durch Tore von Maldini und zwei von Crespo mit 3:0 gegen den FC Liverpool. Das Spiel scheint gelaufen. Doch dann angefeuert von den Liverpooler Fans mit ihrem Gesang „You’ll Never Walk Alone“ erzielt Steven Gerrard in der 54. Minute das erste Tor, zwei Minuten später markiert Šmicer den Anschlusstreffer und schließlich trifft Xabi Alonso in der 60. Minute zum Ausgleich. Innerhalb von sechs Minuten ist das Spiel wieder völlig offen. Nachdem auch die Verlängerung zu keinem weiteren Tor führt, steht das Elfmeterschießen an. Serginho vergibt für Mailand den ersten Elfer, während Didi Hamann sicher verwandelt. Nach dem dritten Fehlschuss auf Seiten Mailands durch Shevchenko reißen die Liverpooler die Arme hoch, der FC Liverpool gewinnt das Spiel und ist Sieger der Champions League 2004/2005.

„You’ll Never Walk Alone“, auf Deutsch „Du wirst niemals alleine gehen“ – das ist die Fußballhymne des FC Liverpools seit den sechziger Jahren. Die Fans kennen sie in und auswendig, können ein ganzes Stadion mit ihrem Gesang ausfüllen. „Gib niemals auf“ lautet die Botschaft. „Halte deinen Kopf oben und fürchte dich nicht vor der Dunkelheit. Am Ende des Sturms ist ein goldener Himmel.“ Das Lied „You’ll Never Walk Alone“ wurde als Finale des 1945 uraufgeführten Broadway-Musicals Carousel von Richard Rodgers komponiert und Oscar Hammerstein II getextet. Ursprünglich ist es einer schwangeren Frau zugeschrieben – als Ermutigung über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Nachdem 1963 eine Coverversion der Liverpooler Band Gerry & the Pacemakers zum Nummer-Eins-Hit in den britischen Charts wurde, hat sich der Liverpooler Fan-Block – genannt „The Kop“ – dieses Liedes angenommen. So wird vor jedem Spielbeginn im Liverpooler Stadion an der Anfield Road „You’ll Never Walk Alone“ von den Zuschauern auf der Tribüne als Vereinshymne angestimmt. Auch in Deutschland wird diese Hymne von den Fans von Borussia Dortmund, FSV Mainz 05, 1. FC Kaiserslautern, SV Darmstadt 98, Eintracht Braunschweig, Borussia Mönchengladbach, VfL Osnabrück, Alemannia Aachen, FC St Pauli und dem TSV 1860 München gesungen. Da ist dann im Stadion eine besondere Andacht und Hingabe zu spüren.

Für den eigenen Verein scheinen die Fans alles zu geben. Man trägt die Vereinsfarben am Leib, hängt sich einen Schal mit dem Namenszug des eigenen Vereins um den Hals und unterstützt mit Leibeskräften das Spiel der eigenen Mannschaft, als wäre man selbst in das Geschehen auf dem Platz mit hineingenommen. Ob Torjubel und Siegesrausch, ob Elfmeter-Bangen, ob Gegentor in der letzten Spielminute oder deprimierende Niederlage, ob Meisterschaft und Aufstieg oder gnadenloser Abstieg, ob unbeschreibliche Freude oder Trauer und Verzweiflung – als Fan man macht alles mit, was unten auf dem Platz mit der eigenen Mannschaft geschieht, und das nicht allein für sich, sondern in der Gemeinschaft mit den anderen. Egal woher man kommt, was auch immer man verdient, welche Pläne man im eigenen Leben hat, wenn es um das Spielgeschehen geht, gibt es kein Entkommen. Jedes Wochenende gilt es auf ein Neues.

Wahre Fußballfans zeichnen sich durch ganze Hingabe und Treue aus. Da wird für uns Christen etwas sichtbar, was Glaube einem zu bedeuten hat. Eben keine religiöse Weltanschauung, kein abstrakter Gottesgedanke, auch keine Sinnsuche oder Seelentrost, sondern persönliche Hingabe und eigenes Bekenntnis. So wie ein Fußballfan von sich selbst sagt „Ich bin Bayern-Fan“ (oder „Ich bin Nürnberg-Fan“)  – ich bin dieser einen Mannschaft aus München (bzw. Nürnberg) voll und ganz verpflichtet, so bekennt sich ein Christ zu Jesus Christus: Er ist für mich „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Was Jesus gesagt hat, was er getan hat, was er erlitten hat, was mit ihm am Kreuz von Golgota und im Gartengrab geschehen ist, das ist für mich lebensentscheidend. Auf ihn vertraue ich, auf ihn verlasse ich mich, an ihm mache ich mein Leben fest, egal was auf mich zukommt. Und ich bin mit diesem Glauben nicht für mich allein, sondern finde mich in der weltweiten Gemeinschaft von Gläubigen wieder.

In Jesus Christus sind sich fremde Menschen, unterschiedlicher Sprache, Herkunft, ja Hautfarbe, einig, nennen sich Schwestern und Brüder. Sonntag für Sonntag versammeln sich die Christen nicht in einer Arena, also nicht in einer Wettkampfstätte mit ringsum steigend angeordneten Zuschauersitzen, sondern in einem nach Osten ausgerichteten Kirchengebäude. Sie loben den Gott mit ihren Liedern, rufen Jesus Christus als Herrn an, hören auf Gottes Wort aus der Heiligen Schrift, beten gemeinsam zu dreieinigen Gott, empfangen Jesus Christus in Brot und Wein und werden zum Ausgang für die kommende Woche gesegnet. Und außerhalb der Kirche bzw. der Gemeinde bekennen Christen Farbe, in dem sie anderen gegenüber sagen, wer sie selbst sind: „Ich bin ein Christ. Ich glaube an Jesus Christus.“

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Schalker Fan-Feld (Friedhof)

Eine Frage stellt sich jedoch: Wozu das alles? Wozu soll man sich als Fußballfan an einen Verein bzw. als Christ sich an Jesus Christus binden und das alles mitmachen? Der Fußballfan wird darauf keine befriedigende Antwort geben können. Er kann nur erzählen, wie er Fan geworden ist, was er mit seinem Verein alles erlebt hat; er kann in glorreichen Erinnerungen schwelgen, aber für seine Zukunft kann er sich nichts versprechen, allenfalls die Bestattung auf dem Gelsenkirchener Fan-Friedhof – so er Schalke-Fan ist – oder aber auf dem Fußball-Grabfeld des Hamburger Sportvereins. Die Gegenfrage steht: Was hast du also von deinem Fan-Sein, was hast du von deinem Christsein?

Eine solche Frage hat sich schon den Jüngern Jesu gestellt, auf dem Weg nach Jerusalem. Wir hören dazu die Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus im 19. Kapitel:

27Darauf sagte Petrus zu Jesus: »Sieh doch:
Wir haben alles zurückgelassen
und sind dir gefolgt.
Was werden wir dafür bekommen?«
28Jesus antwortete seinen Jüngern:
»Amen, das sage ich euch:
Ihr seid mir gefolgt.
In der kommenden Welt Gottes –
wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit
auf dem Thron sitzen wird –
werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen.
Ihr werdet Gericht halten
über die zwölf Stämme Israels.
29Jeder, der etwas zurückgelassen hat –
Haus, Brüder, Schwestern,
Vater, Mutter, Kinder oder Felder –,
um zu mir zu gehören,
wird es hundertfach neu bekommen.
Und dazu bekommt er noch
das ewige Leben als Erbe geschenkt.
30Viele, die jetzt bei den Ersten sind,
werden dann die Letzten sein.
Und viele, die jetzt bei den Letzten sind,
werden dann die Ersten sein.«

Jünger, die alles zurückgelassen haben, so wie Petrus, Andreas, Johannes und Jakobus ihre Boote und Familien am See Genezareth, die sich in der Nachfolge ganz auf Jesus eingelassen haben, stellen ihm die Frage: Was bringt uns die Zukunft, was können und dürfen wir für uns selbst erwarten? Ein Lohn für all die Mühe und den persönlichen Einsatz. Nein, es springt für die Jünger nichts heraus, was auf ein Bankkonto eingezahlt werden könnte. Irdische Reichtümer und Erfolg sind bei Jesus Christus nicht zu haben. Sie erhalten eine Zusage, die über ihr bisheriges Leben hinausgeht. „In der kommenden Welt Gottes – wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit auf dem Thron sitzen wird – werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen. Ihr werdet Gericht halten über die zwölf Stämme Israels.“ Zwölf Apostel dürfen über die Sünde und den Tod triumphieren – als Mitsieger Jesu Christi.

Das ist es, was dem eigenen Glauben versprochen ist – ihr seid Mitsieger Jesu Christi, aus dem Staub der Erde auferstanden, dem Todesrachen entronnen, auf Gottes Seite für das ewige Leben bestimmt. Was ihr in eurem irdischen Leben verloren habt, was ihr zurückgelassen habt, was euch mit der Zeit entronnen ist, findet sich hundertfach bei Jesus Christus wieder. Denn Jesus lässt nichts verlorengehen. Er ist und bleibt Sieger über Sünde und Tod.

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Johann Christoph Blumhardt

Der württembergische Pfarrer Johann Christoph Blumhardt (1805-1880) hat dazu 1852 die passende Siegeshymne gedichtet: „Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht“. Das Lied findet sich in unserem Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 375, leider mit einer schwer eingängigen Barockmelodie versehen. So muss es bei einer Zitation des Textes bleiben:

„Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht,
sein wird die ganze Welt;
denn alles ist nach seines Todes Nacht,
in seine Hand gestellt.
Nachdem am Kreuz er ausgerungen,
hat er zum Thron sich aufgeschwungen.
Ja, Jesus siegt!

Ja, Jesus siegt! Wir glauben es gewiss,
und glaubend kämpfen wir.
Wie du uns führst durch alle Finsternis,
wir folgen, Jesu, dir.
Denn alles muss vor dir sich beugen,
bis auch der letzte Feind wird schweigen.
Ja, Jesus siegt!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Hier die Predigt als pdf.

Geben können ist eine Wohltat für die eigene Seele

8. September 2015

Neukirchener Kalender 2016

Im jüngst erschienenen Neukirchener Kalender 2016 findet sich zum Dienstag, 9. Februar folgender Text von mir:

Gewinnorientiert

Wer zu geben vermag, weiß, was er alles selbst für sein Leben empfangen hat. Im Zentrum des eigenen Gebens steht nicht ein notwendiger finanzieller Unterhalt einer Gemeinde, sondern die je eigene Hingabe an Christus. Wer freiwillig zehn Prozent seines Einkommens der eigenen Gemeinde, einer Kommunität, missionarischen Werken, karitativen Diensten oder einzelnen Bedürftigen zukommen lässt,  entzieht sich damit einer selbstbezogenen Verdienstlogik. Diese steht unter dem verführerischen Lebensmotto: „Ich bin, was ich mir erarbeitet habe und was ich für mich selbst behalten kann“, oder wie es der Werbeslogan einer Bank selbstgewiss verkündet: „Unterm Strich zähl ich.“ Mit der freiwilligen Zehntgabe macht sich ein Christ nicht länger von seinem eigenen Besitz oder Einkommen abhängig.  Geben können, statt abgeben müssen, ist vielmehr eine Wohltat für die eigene Seele.

Fußball und Glaube – Warum 1. FCN-Fans mehr von Kirche verstehen als mancher Theologieprofessor

6. April 2009

Nordkurve.jpg

Wenn es um Kirche geht, lässt sich von Die-hard-Fußballfans, die jedes Wochenende im Stadium in der Nordkurve oder auf der Tribüne stehen, mehr lernen als von manchem Theologieprofessor. Commitment zählt, was heißt am Namen des eigenen Vereins Anteil zu nehmen und dem Spielgeschehen aktiv zu folgen, selbst wenn dabei die Stimme heiser wird und es eine Erkältung gibt. Der Die-hard-Fan kommt ins Stadion, weil er von dem, was mit seinem Verein geschieht, mit Herz und Seele eingenommen ist. Er leidet also mit dem 1. FCN jedes Wochenende auf’s Neue.

Wie das Fußballspiel ist auch die Kirche als liturgische Spielgemeinschaft in Christus auf Handlung und nicht etwa auf eine Weltanschauung ausgerichtet. Sowohl für einen Anhänger vom 1. FCN als auch für einen Anhänger Jesu Christi gibt es keine denkerische Erhabenheit und auch keine intellektuelle Schreibtischekstase. Egal woher man kommt, was auch immer man verdient, welche Pläne man im eigenen Leben hat, wenn es um das Spielgeschehen geht, gibt es kein Entkommen.

Einen ganz entscheidenden Unterschied gibt es dennoch – der Sieg Jesu Christi in Kreuz und Auferstehung ein für alle Mal, kein Abstieg mehr nach dem „descendit ad inferos“. Und schließlich ist man als Parteigänger Christi immer auch bekennender Mitspieler auf dem Spielfeld und nicht nur Zuschauer. Trotz allem haben Anhänger eines Fußballvereins in der zweiten Bundesliga mehr Ahnung von der Lebensfülle des Christseins als mancher teilnahmslose Gottesdenker, der sich in platonischer Ideologie verfangen hat.