Posts Tagged ‘Islam’

„der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab“ – Was die Grablegung Jesu uns über Sargpflicht sagt

30. Januar 2018

Grablegung Jesu

In Bayern gibt es eine gewachsene Bestattungskultur – dazu gehört die christliche Tradition einer Sargpflicht. Diese Tradition wollen wir auch künftig erhalten“, hatte die Gesundheitsministerin Melanie Huml vor einigen Wochen im bayerischen Landtag gesagt. Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind die letzten Bundesländer, die noch eine Sargpflicht kennen.

Eine christliche Tradition wird geltend gemacht, und dabei ist im Evangelium etwas ganz anderes über die Grablegung Jesu erzählt: „Und als es schon Abend wurde und weil Rüsttag war, das ist der Tag vor dem Sabbat, kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei. Und als er’s erkundet hatte von dem Hauptmann, gab er Josef den Leichnam. Und der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen, und wälzte einen Stein vor des Grabes Tür.“ (Mk 15,42-46)

Bestattung eines Kartäusers

Bestattung eines Kartäusers

Dass Tote in Särgen bzw. Sarkophagen zu bestatten sind, ist weder eine gewöhnliche biblische noch eine Christusbestimmte Tradition. Nur in Gen 50,26 sowie in Lk 7,14 ist von einem Sarg die Rede. Die ersten christlichen Sarkophage sind erst ab dem späten 3. Jahrhundert nach Christus belegt. In einigen Ordensgemeinschaften, etwa bei den Kartäusern, hat sich der Brauch erhalten, die Toten ohne Sarg auf einem Holzbrett liegend in der Erde beizusetzen.

Wenn Muslime ihre Verstorbene ohne Sarg in Leintüchern bestatten, folgen sie der biblischen Tradition. Nur werden sie dafür nicht das Vorbild der Grablegung Jesu geltend machen, bestreitet ja der Islam dessen Kreuzigung.

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Die grüne Fahne des Propheten bei der Anbetung der Könige

16. November 2015

Wenn das keine Aussicht für den Frieden auf Erden ist

NAMENSgedächtnis

Fresko Roggenburg komp

In der Roggenburger Klosterkirche hat Waldemar Kolmsperger (München) 1901 den Zyklus der Deckenfresken neu gemalt. Zentral im Kirchenschiff ist die Anbetung des neugeborenen Jesuskindes durch die Könige aus dem Morgenland dargestellt. Hier vollzieht sich etwas, was eschatologisch wahr wird. In der Gefolgschaft der Könige zeigt sich die grüne Fahne des Propheten mit dem Sichelmond. Schlussendlich werden also die fremdreligiösen Menschen, Muslime eingeschlossen, den einen „König aller Königreich“ Jesus Christus anzubeten wissen. Wenn das keine Aussicht für den Frieden auf Erden ist.

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Die christliche Toleranz hat die Gestalt des Kreuzes

16. Januar 2015

Kreuz.jpg

Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel ruft im FAZ-Interview die Christen in Deutschland zur „Stärkung der eigenen Identität“ dazu auf, „noch mehr und selbstbewusst über ihre christlichen Werte zu sprechen und ihre eigenen Kenntnisse ihrer Religion zu vertiefen“. Mit christlichen Werten ist es wohl nicht getan, handelt es sich doch bei der christlichen Botschaft um eine „wertlose Wahrheit“ (Eberhard Jüngel). Aus aktuellem Anlass noch einmal der Link zu meinem FAZ-Artikel „Man höre doch mal dem Heiland zu„, der mit folgenden Worten beginnt: „Das Christentum in Europa hat ein existentielles Problem. Es ist nicht etwa die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft oder deren vermeintliche Islamisierung. Die Existenzbedrohung besteht vielmehr darin, dass dem eigenen Namensgeber mit seiner Botschaft und seinem Werk nicht wirklich geglaubt wird. Anders als der ungläubige Thomas will man nicht die Finger in die offene Seitenwunde legen und damit Vertrauen zum gekreuzigten und auferstandenen Christus fassen.Die arabische Übersetzung meines Textes findet sich hier.

Die grüne Fahne des Propheten bei der Anbetung der Könige

6. Januar 2014

Fresko Roggenburg komp

In der Roggenburger Klosterkirche hat Waldemar Kolmsperger (München) 1901 den Zyklus der Deckenfresken neu gemalt. Zentral im Kirchenschiff ist die Anbetung des neugeborenen Jesuskindes durch die Könige aus dem Morgenland dargestellt. Hier vollzieht sich etwas, was eschatologisch wahr wird. In der Gefolgschaft der Könige zeigt sich die grüne Fahne des Propheten mit dem Sichelmond. Schlussendlich werden also die fremdreligiösen Menschen, Muslime eingeschlossen, den einen „König aller Königreich“ Jesus Christus anzubeten wissen. Wenn das keine Aussicht für den Frieden auf Erden ist.

Auf Arabisch

12. Mai 2011

Wer meinen F.A.Z.-Text „Man höre doch mal dem Heiland zu“ bei Qantara.de auf Arabisch lesen will, hier der Link.

Listen to the Saviour

30. April 2011
Dürer

Albrecht Dürer, Studie zur »Großen Kreuzigung«

Schon einmal etwas von Qantara.de gehört? Nachdem dort mein F.A.Z-Artikel „Man höre doch mal dem Heiland zu“ sowohl im Original als auch in einer gelungenen englischen Übersetzung „Listen to the Saviour“ noch einmal publiziert worden ist, bin ich hellhörig geworden. Es handelt sich dabei um ein Internetportal, das vom deutschen Außenministerium initiiert worden ist. Ziel ist es, in den Sprachen Deutsch, Englisch, Indonesisch, Arabisch und Türkisch den intellektuellen Dialog der westlichen mit der islamischen Welt zu fördern.

29.04.2011

Christianity and Critique of Islam

Listen to the Saviour

An alliance with critics of Islam would discredit the Churches, and the state’s religious neutrality guarantees that adherents of all faiths can freely pratice their religion. A comment by the Protestant pastor Jochen Teuffel

Christianity in Europe is facing an existential problem – but not the increasing secularisation of society or its alleged Islamification. The threat to Christianity’s existence lies instead in the fact that people do not really believe in Christ, his message or his works. Unlike Doubting Thomas, however, people are unwilling to touch Jesus‘ wounds and find faith in the crucified and resurrected Christ.

The provocation of the Christian faith lies in Jesus‘ last word on the cross: „Tetelestai!“ – it is finished. There is nothing we mortals can add to Christ’s surrender of his life for our sake. All Christians have to do is celebrate the redemption effected by Jesus Christ (Paschal mystery) in church services, to testify to the name of God as a form of mission, and to serve our fellow men and women. In all other cases we must exercise tolerance, which means merely bearing that to which we are averse, because we can neither avert nor ignore it, least of all accept it for ourselves.

The minority path of the Christians

The crucifixion is a palpable manifestation of this impassioned tolerance – quite literally. Jesus impressed upon his disciples the need to follow him to martyrdom with the words: „Whosoever will come after me, let him deny himself, and take up his cross, and follow me. For whosoever will save his life shall lose it; but whosoever shall lose his life for my sake and the gospel’s, the same shall save it“ (Mark 8:34f).

The bible sets out a minority path for Christians, a path on which they will have to tolerate slander, persecution, and even violence to their persons due to their own bonds to Christ: „Yea, and all that will live godly in Christ Jesus shall suffer persecution“ (2 Timothy 3:12).

With good reason, Martin Luther refers in his treatise On the Councils and the Church (1539) to persecution as one of the seven marks of Christianity: „The holy Christian people are externally recognised by the holy possession of the sacred cross. They must endure every misfortune and persecution, all kinds of trials and evil from the devil, the world, and the flesh, by inward sadness, timidity, fear, outward poverty, contempt, illness, and weakness, in order to become like their head, Christ.“

Even in their own society, according to Luther, Christians must suffer a hate more bitter than that which afflicts the Jews, heathens and Turks. They must „be called the worst people in the world, to the point where they are ‚doing God service‘ who hang them, drown them, slay them, torture them, hunt them down, plague them to death; not because they are adulterers, murders, thieves or scoundrels, but because they will to have Christ alone and no other God.“

Divine rule in worldly powerlessness

Indeed, the „preaching of the cross“ (1 Corinthians 1:18) is a hardly bearable imposition upon Christians. It cannot be used as a basis for erecting a state within our own society. But that is precisely what Jesus rejected for himself and his disciples when interrogated by the governor Pontius Pilate: „My kingdom is not of this world: if my kingdom were of this world, then would my servants fight“ (John 18:36). The symbol of Emmanuel – „God with us“ (see Matthew 1:22f) – has no place on military belt buckles. The cruciform dialectic of divine rule in worldly powerlessness is immune to all forms of state interest. It is precisely herein, however, that Christians find the legitimacy of the secular state.

Participants in the debate about German society’s recognition of Islam frequently make reference to a „guiding Christian culture“. In cases where this is intended to bring into play a Western, Christian reservation towards the Islamic faith and Muslims, this is the surest way to discredit the Gospel and the cross of Christ. Cruciform tolerance is replaced here by a claim to religious power over people, applied by political means beyond the bounds of personal faith.

For socially conservative Christians, the result may be short-term alliances with critics of Islam who are distanced from the Church or even with atheist Islam critics. In the long term, however, propagating a community of heirs to a Western, Christian culture can be understood as nothing but a „post-secular“ attempt to re-establish a partial bond to church traditions by means of social policy.

When a claim to inclusion in society as a whole is newly made in the name of Christian values, it inevitably awakens the collective memory of the pre-Enlightenment corpus Christianum. The pathos of bourgeois freedom and self-determination is summoned up as a cri de guerre against the imagined restoration of religiously motivated social discipline. In the long term, the critique of religion applied to Islam in Germany will affect the Churches too. Thus, the current debate on Islam can only encourage a development towards a laicist state, which would be tantamount to edging the churches out of the public sphere.

Against cultural and religious conservatism

Furthermore, a Western cultural reservation makes Christian missionary work among Muslims in Europe practically impossible. Those who demand assimilation of religious faith – and not loyalty to the law, for instance – as a prerequisite for integration in society, cannot simultaneously attest to Christ’s surrender of his life as an act of redemption. Only from a tolerant minority position, which raises no other claim to inclusion in society beyond personal conversion, does our own Christian testimony remain credible. Thus, the state’s religious neutrality and freedom of religion in fact guarantee that we can bring Christ’s message into play without force in our society.

Official Christianity still has difficulties with a minority position. Religious pluralisation and increasing distance from the Church do, after all, damage its own allegedly hereditary status in society. It would seem logical in this situation to defend claims to religious importance on a cultural basis. A religious conservatism that relies on maintaining culture, however, is an unholy matter. The only thing that enables hope and optimism for Christians is looking back at the cross.

Jesus‘ words on the cross, „It is finished!“ place our current society under an eschatological reservation. There may be an increasing religious pluralisation, the church milieus may be further dissolving, fewer and fewer people appear to believe in God; and yet all this does not affect the theandric act of redemption on the cross in the slightest.

Christians have nothing to lose that we have not long since won in Christ. According to biblical testimony, what was finished on the cross – the victory over sin and death – will be applied to all at the end of universal time in Christ’s second coming. For those who believe this promise, their own tolerance is not a resignatory acceptance of a pluralist community of fate. Through their faith in this „It is finished!“, Christians in fact evade a bourgeois identity trap, in which fear of life or death is articulated in prophecies of society’s downfall. Instead, Saint Paul’s testimony has the last word:

„For I am persuaded, that neither death, nor life, nor angels, nor principalities, nor powers, nor things present, nor things to come, nor height, nor depth, nor any other creature, shall be able to separate us from the love of God, which is in Christ Jesus our Lord“ (Romans 8:38f).

Jochen Teuffel

Jochen Teuffel is a Protestant pastor in Vöhringen/Iller. In 2009 he published the book „Mission als Namenszeugnis – Eine Ideologiekritik in Sachen Religion“ („Mission as Testimony of the Name – A Critique of Religious Ideology“).

Translated from the FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Monday, April 18, 2011, No. 91, Page 28.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung/Qantara.de 2011

Sarrazins Leserbrief bezüglich meines Beitrages in der F.A.Z.

30. April 2011

Thilo-Sarrazin

Hier der Wortlaut von Sarrazins Leserbrief bezüglich meines Beitrages in der F.A.Z: Man höre doch mal dem Heiland zu.

Kein Wunder, dass unsere Kirchen leerer werden

Bereits von einem „normalen“ Patrick-Bahners-Text verstehe ich beim erstmaligen Lesen oft nur die Hälfte. Vom Artikel des evangelischen Gemeindepfarrers Jochen Teuffel „Man höre doch mal dem Heiland zu“ habe ich fast gar nichts verstanden, obwohl ich in theologischen Fragen einmal gut geschult war. Der Autor fürchtet offenbar, dass eine säkulare Islamkritik auch eine von ihm erhoffte Wiederbelebung des Christentums behindern und für eine weitere Verbreitung eines laizistischen Staatsverständnisses sorgen könnte.

Diese in den Kirchen weitverbreitete Einstellung sieht anscheinend im Islam, auch in seinen fundamentalistischen Ausprägungen, einen willkommenen Verbündeten gegen Agnostizismus und Heidentum beziehungsweise gegen die von der Aufklärung geprägte Moderne überhaupt. Das scheint mir der rationale Kern dieses weitgehend unverständlichen Textes zu sein, der den Gipfel der Unverständlichkeit dort erreicht, wo offenbar mein Buch kritisiert werden soll: „Wer dieser Zusage  glaubt, für den ist die eigene Toleranz eben kein resignatives Sichabfinden mit einer pluralistischen Schicksalsgemeinschaft. Im Glauben an das ,Es ist vollbracht!’ entgehen Christen vielmehr einer bürgerlichen Identitätsfalle, wo sich eigene Lebens- beziehungsweise Todesangst in gesellschaftlichen Untergangsprophetien – ,Deutschland schafft sich ab’ – zur Sprache bringt.“

Mit anderen Worten: Am Ende der Welt beim Jüngsten Gericht ist es doch sowieso egal, ob sich Deutschland abgeschafft hat oder nicht. Kein Wunder, dass Deutschlands Kirchen immer leerer werden, wenn solche Pfarrer predigen.

Dr. Thilo Sarrazin, Berlin in: Briefe an den Herausgeber, F.A.Z., Samstag, 23. April 2011,  Nr. 95, Seite 19.

Man höre doch mal dem Heiland zu

18. April 2011
Sermon On The Mountwith the Healing of the Leper
Cosimo Rosselli, 1481

Cosimo Roselli – Bergpredigt (1481)

In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist folgender Artikel von mir erschienen:

Man höre doch mal dem Heiland zu

Ein Bündnis mit der Islamkritik würde die Kirchen diskreditieren. Christen müssten hinnehmen, dass sie Minderheit sind. Die christliche Toleranz hat die Gestalt des Kreuzes.

Von Jochen Teuffel

Das Christentum in Europa hat ein existentielles Problem. Es ist nicht etwa die fortschreitende Säkulari­sierung der Gesellschaft oder deren ver­meintliche Islamisierung. Die Existenzbe­drohung besteht vielmehr darin, dass dem eigenen Namensgeber mit seiner Bot­schaft und seinem Werk nicht wirklich ge­glaubt wird. Anders als der ungläubige Thomas will man nicht die Finger in die of­fene Seitenwunde legen und damit Vertrau­en zum gekreuzigten und auferstandenen Christus fassen.

Die Provokation des christlichen Glau­bens besteht im letzten Wort Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht (tetelestai)!“ Der stellvertretenden Lebenshingabe des Got­tessohnes ist menschlicherseits nichts hinzuzufügen. Was für Christen zu tun bleibt, ist die gottesdienstliche Feier des Pascha-Mysteriums Christi, das missionarische Na­menszeugnis sowie der Dienst am fremden Nächsten. Im Übrigen gilt Toleranz, was nichts anderes heißt, als „Zuwiderliches“ zu ertragen, weil man es weder abwenden noch ignorieren oder gar für sich akzeptie­ren kann.

Am Kreuz Christi manifestiert sich die­se passionierte Toleranz handgreiflich – im wahrsten Sinne des Wortes. Folgerich­tig schärft Jesus seinen Jüngern die Nach­folge im Martyrium mit den Worten ein: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s er­halten“ (Markus 8,34f). Die Bibel sieht für Christen einen Minderheitsweg vor, wo es Verleumdungen, Verfolgungen, ja sogar Gewaltleiden wegen der eigenen Christus­bindung auszuhalten gilt: „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Ver­folgung leiden“ (2 Timotheus 3,12).

Mit gutem Grund spricht Martin Luther in seiner Konzilsschrift (1539) von der Verfolgung als einem der sieben Kennzeichen des Christentums: „Zum siebenten er­kennt man äußerlich das heilige christliche Volk an dem Heiligungsmittel des heiligen Kreuzes, dass es alles Unglück und Verfol­gung, allerlei Anfechtung und Übel vom Teufel, von Welt und Fleisch leiden muss, damit es seinem Haupte, Christus, gleich werde.“ Selbst in der eigenen Gesell­schaft haben nach Luther Christen einen Hass zu erleiden, der bitterer ist als derje­nige, der Juden, Heiden und Türken entge­genschlägt. Sie müssen „die schädlichsten Leute auf Erden heißen, so dass auch die einen Gottesdienst tun, von welchen sie erhenkt, ertränkt, ermordet, gemartert, verjagt, gequält werden; und doch nicht deshalb, weil sie Ehebrecher, Mörder, Diebe oder Schälke sind, sondern weil sie Christus allein und keinen andern Gott haben wollen“.

In der Tat, das „Wort vom Kreuz“ (1 Ko­rinther 1,18) ist für Christen eine kaum er­trägliche Zumutung. Mit ihm lässt sich in der eigenen Gesellschaft kein Staat ma­chen. Aber das ist es ja, was Jesus im Ver­hör gegenüber dem Statthalter Pilatus für sich und seine Jünger abgelehnt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen.“ (Johan­nes 18,36) Das Zeichen des Immanuel – „Gott mit uns“ (siehe Matthäus 1,22f) – hat auf Koppelschlössern nichts verloren. Die kruziforme Dialektik einer göttlichen Herrschaft in weltlicher Ohnmacht versagt sich jeglicher Staatsräson. Genau dar­in aber erschließt sich für Christen die Le­gitimität des säkularisierten Staates.

In der Auseinandersetzung um die ge­sellschaftliche Anerkennung des Islam in Deutschland ist häufig von einer christli­chen Leitkultur die Rede. Wo damit ein abendländisch-christlicher Gesinnungs­vorbehalt gegenüber Muslimen ins Spiel gebracht werden soll, ist dies der sichers­te Weg, das Evangelium und das Kreuz Christi gesellschaftlich zu diskreditieren. An Stelle der kruziformen Toleranz tritt hier ein menschenmächtiger Religionsan­spruch, der mit politischen Mitteln außer­halb des persönlichen Glaubens geltend gemacht wird. Da mögen sich für wertkon­servative Christen kurzfristig Allianzen mit kirchendistanzierten oder gar atheistischen Islamkritikern ergeben. Auf Dauer kann jedoch die Propagierung einer abendländisch-christlichen Erbengemein­schaft nicht anders denn als „postsäkula­rer“ Versuch verstanden werden, eine par­tikulare, kirchliche Traditionsbindung ge­sellschaftspolitisch nachzubilden.

Ist im Namen christlicher Werte ein ge­samtgesellschaftlicher Anspruch auf Ein­schluss neu gestellt, wird damit unweiger­lich das kollektive Gedächtnis an das voraufklärerische Corpus Christianum ge­weckt. Gegen die imaginierte Restaurati­on einer religiös motivierten Sozialdiszi­plinierung steht noch einmal das Pathos bürgerlicher Freiheit und Selbstbestim­mung auf dem Panier. Was in Deutsch­land als Religionskritik gegen den Islam geltend gemacht wird, trifft langfristig die Kirchen. So kann die gegenwärtige Is­lamdebatte nur die Entwicklung hin zu ei­nem laizistischen Staat befördern, was ei­ner Verdrängung der Kirchen aus der Öf­fentlichkeit gleichkäme.

Weiterhin macht ein abendländischer Kulturvorbehalt die christliche Mission gegenüber Muslimen in Europa praktisch unmöglich. Wer religiöse Gesinnungsassi­milation – und nicht etwa Gesetzesloyali­tät – als Vorleistung für eine gesellschaftli­che Integration verlangt, kann nicht gleichzeitig die Lebenshingabe Christi am Kreuz als Erlösungstat bezeugen. Nur aus einer toleranten Minderheitsposition heraus, bei der außerhalb persönlicher Be­kehrung eben kein gesellschaftlicher An­spruch auf Einschluss erhoben wird, bleibt das eigene christliche Zeugnis glaubwürdig. Insofern sind gerade staatli­che Religionsneutralität und Religions­freiheit Garanten dafür, dass man in der betreffenden Gesellschaft die Christusbot­schaft als lebensentscheidend zwanglos ins Spiel bringen kann.

Das kirchliche Christentum tut sich im­mer noch schwer mit einer Minderheits­position. Religiöse Pluralisierung sowie zunehmende Kirchendistanz machen schließlich dem eigenen, vermeintlich an­gestammten Status in der Gesellschaft zu schaffen. Da scheint es nahezuliegen, reli­giöse Geltungsansprüche kulturell zu ver­teidigen. Ein religiöser Konservativis­mus, der auf Kulturbewahrung setzt, ist je­doch eine heillose Angelegenheit. Was für Christen Hoffnung und Zuversicht er­möglicht, ist allein der Rückblick auf das Kreuz. Die Kreuzesbotschaft Jesu „Es ist vollbracht!“ stellt nämlich die gesell­schaftliche Gegenwart unter einen escha­tologischen Vorbehalt. Da mag es eine zu­nehmende religiöse Pluralisierung geben, da mögen sich kirchliche Milieus weiter auflösen, da scheinen immer weniger Menschen noch richtig an Gott zu glau­ben; und doch betrifft all dies die gott­menschliche Heilstat am Kreuz nicht im Geringsten.

Christen haben nichts zu verlieren, was nicht schon längst in Christus gewonnen ist. Was am Kreuz vollbracht ist, der Sieg über Sünde und Tod, wird dem biblischen Zeugnis zufolge am Ende der Weltzeit in der Wiederkunft Christi allumfassend gel­tend gemacht. Wer dieser Zusage glaubt, für den ist die eigene Toleranz eben kein resignatives Sichabfinden mit einer plura­listischen Schicksalsgemeinschaft. Im Glauben an das „Es ist vollbracht!“ entge­hen Christen vielmehr einer bürgerlichen Identitätsfalle, wo sich eigene Lebens- be­ziehungsweise Todesangst in gesellschaft­lichen Untergangsprophetien – „Deutsch­land schafft sich ab“ – zur Sprache bringt. Stattdessen hat das Zeugnis des Apostels Paulus das letzte Wort: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Ge­genwärtiges noch Zukünftiges, weder Ho­hes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Römer 8,38f).

Jochen Teuffel ist evangelischer Gemeindepfarrer in Vöhringen/Iller. 2009 veröffentlichte er das Buch „Mission als Namenszeugnis – Eine Ideologiekritik in Sachen Religion“.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Nr. 91, Montag, 18. April 2011, Seite 28.

Der Text zum Downloaden: Teuffel – Man höre doch mal dem Heiland zu (FAZ)

Und hier der Text auf FAZ.NET.