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„Lass mich gehen, die Morgenröte bricht an“ – Paul Schempps Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose/Genesis 32,23-32)

20. Januar 2017
Lynd Ward - Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Lynd Ward – Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Es ist eine Kunst einen Text aus dem Alten Testament auf Christus hin auszulegen, ohne das Erzählgeschehen in seiner Wörtlichkeit zu übergehen. Paul Schempp hat es in seiner Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose 32,23-32) meistlich verstanden, selbst in diesen Kampf einzudringen, um die göttliche Verheißung in Christus zur Sprache zu bringen. Seine Predigt kann  in jedem Fall mit Gerhard von Rads Predigt über diesen Kampf  mithalten. Hier ein Auszug:

„Die Kraft Jakobs ist es nicht, der Glaube und das Gebet der Christenheit ist es nicht, was uns den Weg freimachen könnte vor Gott, was uns auch nur eine Stunde vor Verderben und Tod schützen könnte, wenn Gott wider uns ist. Und Gott ist wider uns, so gewiß wir Fleisch sind und sterben müssen, so gewiß das heilige Land nicht der Him­mel und das Reich Gottes ist, so gewiß Jakob einmal nur als Leiche hineinkommen wird, so gewiß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben werden, so gewiß der König der Juden, der Auserwählte Gottes, Jesus Christus, am Kreuz sterben mußte. Jakob ist in die Hände des lebendigen Gottes gefallen, und der Schrecken seines Vaters Isaak — so hat Jakob Gott vor Laban genannt — ist über ihn hergefallen. Was ist mit Jakob, daß dieser Gegner nicht fertig wird mit ihm, daß dieser Schrecken ihn nicht umbringt und dieser Fremde sogar bittet: Laß mich gehen, die Morgen­röte bricht an? Gottes eigenes Wort, das er nicht zurücknimmt, Gottes eigener Segen, von dem er nichts abbricht, Gottes eigene Wahl, die ihn nicht gereut. Gottes eigene Treue, die eben göttlich und darum be­ständig und unveränderlich ist. Das ist Jakobs Kraft, das ist der Kern und auch die Grenze von Gottes Zorn, das ist die himmelhoch er­habene Göttlichkeit Gottes, auch wo er Mensch wird, auch wo er die Widerspenstigkeit und Unverbesserlichkeit des Menschen menschlich angreift und sie überfällt wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Löwe und Bär am Wege, auch wo er sich verhüllt und verbirgt in den dunkel­sten Anfechtungen seiner Zeugen, in den schwärzesten Drohungen seiner Boten und darüber hinaus in all dem, was unser aller Dasein täglich und nächtlich bedroht mit den Schatten des Todes und was unsre Wege und Wünsche, auch die reinsten und frömmsten, versperrt und verriegelt und was unser aller Leben zu einem so verzweifelten Kampf um Möglichkeit, um Zukunft und Hoffnung und Frieden macht“

Die vollständige Predigt findet sich hier als pdf.

Gerhard von Rad – Predigt über 1. Mose 32,22-31 (Jakobs Kampf am Jabbok)

12. September 2016
Walter Habdank - Jakobs Kampf am Jabbok

Walter Habdank – Jakobs Kampf am Jabbok

Eine meisterliche Predigt von Gerhard von Rad zu Jakobs Kampf am Jabbok, bei der er die Theologie in das Morgenlicht hineinnimmt: „Mitten in der entsetzlichen Anfechtung kann man nicht Theologie treiben, da kann man nur gerettet werden oder verloren gehen, aber danach muß man Theologie treiben, und wehe, wenn man es anders tut als in der unmittelbaren Nähe, sozusagen noch im Bannkreis der schwindenden Schatten solcher Nächte und ihrer Schrecken. Ja, ihr Freunde von der theo­logischen Fakultät, was ist das für eine überhangende Wand, was sind das für Abgründe, an denen wir uns mit unserem bißchen Theologie angesiedelt haben! Aber wenn es schon unsere Aufgabe ist, den Ort zu erkennen, an dem der Mensch Gott begegnet ist, und das Gedächtnis dieser Begegnung zu klären und zu erhalten, wo und wann kann denn das anders geschehen als in diesem ersten morgendlichen Zwielicht?“

Predigt über 1. Mose 32,22-31 (Jakobs Kampf am Jabbok)

Von Gerhard von Rad

Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, so daß hinüberkam, was er hatte, und blieb allein.

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, daß er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwor­tete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißest du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.

Und Jakob nannte die Stätte Pniel; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pniel vorüberkam, ging ihm die Sonne auf.

Liebe Gemeinde! Diese Geschichte ist ein Prüfstein dafür, ob wir im Alten Testament noch lesen können. Ja, ich meine wirklich nur lesen können, verstehen, was dasteht. Dann käme nämlich ganz von selber die Lust, das auch einmal weiterzuerzählen, davon zu sprechen. Und durch dieses beides: Lesen können und erzählen wollen — wie schnell bekäme dadurch unser Christenstand ein Gesicht! Das böse Wort von den alttestamentlichen Viehhändler- und Zu­hältergeschichten, auf das die N. S.-Schulung eingestimmt war, hört man heute nicht mehr. Aber was ist damit gewonnen? Haben es die Christen in der Vollmacht des Geistes abge­wehrt? Es ist heute politisch nicht opportun, das ist alles. An der Hilflosigkeit, die Bibel zu lesen und zu erzählen, hat sich nichts geändert. Und wenn das auch von unseren Dienern am Wort (wie man so schön sagt) gilt, dann ist etwas todkrank bei uns. Jesaja sagt einmal, Gott werde noch einmal einen Geist des Tiefschlafs ausgießen; dann werde es mit den Gotteswor­ten gehen, wie wenn man einem, der nicht lesen kann, ein Buch in die Hand gibt und ihn zum Lesen auffordert. Aber der wird es zurückgeben und sagen: »Ich verstehe mich nicht auf Geschriebenes.« Das ist eine unheimliche Weissagung.

Ja freilich, solche Geschichten sind nicht wie Fabeln von Gellert, bei denen man schnell mit allem klar kommt; so klar, daß man am Schluß das Verstandene gleichsam mit einer Steck­nadel aufspießen kann. Das hier ist eine Geschichte, in der eine Menge geschieht, aber ist eigentlich nicht sehr erbötig, uns zu sagen, was das alles bedeu­tet. Aber ist das nicht merk­würdig, daß sie uns trotz dieser Dunkel-[92]heit, ja Rätselhaftigkeit fesselt? Der Grund ist völlig klar: Wir wittern, daß sie uns etwas Klärendes über uns, über das Leben, über die Welt und vielleicht sogar über Gott sagen könnte. So sind wir doch alle: wie ein hungriges Tier haben wir immerhin noch einen sehr feinen Sinn, ein ziemlich sicheres Unterscheidungsver­mögen für das, was uns — innerlich hungrig und unausgefüllt, wie wir sind — nähren könnte. Ach, liebe Gemeinde: Lesen können, erzählen kön­nen, das bedeutet noch nicht, alles verstan­den zu haben. Wahr­scheinlich ist das Gegenteil richtig: Das richtige Lesen, das köstliche Lesen weiß sich immer ganz am Anfang des Verstehens, auf der Schwelle einer Tür. Nur eines muß dabei sein, daß ich weiß: in irgendeiner Weise geht mich das an. Ich werde mir beim Lesen selber deutlicher. Als vor einigen Jahren hier ein Film gedreht wurde, bei dem man viele Statisten aus der Bevölkerung einbezog, da sind dann später die Heidelberger in Scharen ins Kino gelaufen, weil sie selber im Film vorkamen!

Liebe Freunde, seid versichert, wir kommen auch in dieser Geschichte vor. Aber nicht als Komparsen, sondern wir sind die Hauptpersonen selber! Dem Mann jedenfalls, der da in der Nacht für seine Familie sorgt, könnten wir uns schon verwandt fühlen. Er ist ein ruheloser Mann. Diese Situation an der Furt ist fast symbo­lisch für sein Leben. Er ist mit seinem Bruder zerfallen, aber noch wichtiger, sein Verhältnis zu Gott ist ungeklärt. Er hat mit Heiligem Spott getrieben, und nun hat er Angst; freilich viel mehr Angst vor dem Bruder als vor Gott. So könnte man noch fortfahren, aber wir wollen uns jetzt zweierlei an dieser Geschichte beson­ders besehen: diese Nacht und diesen Morgen.

Es gibt so etwas wie einen seichten Tagverstand, der redet uns ein, daß die Dinge der Nacht nur sehr mit Vorbehalt ihre eigene, ihre nächtliche Wirklichkeit haben. Der hat etwas unaus­stehlich Recht­haberisches, alles will er sich auf seine platt-verständige Weise zurechtlegen. Wir begegnen diesem Tagverstand in vielen Gestalten, am widerlichsten wohl in der nichtssa­genden, ewig lächelnden Fas­sade unseres öffentlichen Wohllebens, ja auch in den Physiogno­mien unserer politischen Manager. Alles Dunkle wird weggelogen (und keine Lüge ist hierfür zu dumm). Unsere Staatsmänner haben — wenn man den Reportern glauben wollte — viel zu lachen und sich die Hände zu schütteln. Dieser Tagverstand hat etwas kollektiv Anonymes, und auch wir zollen ihm unseren Tribut, denn auch wir halten uns, solange es irgend geht, eine heitere Maske vors Gesicht. [93]

In der Nacht aber wird’s persönlich, und überall, wo es ganz unaus­weichlich persönlich wird, da sind wir auch allein. So liegt der Satz »und blieb allein« wie ein steinerner Block am An­fang unserer Geschichte, an dem man nicht vorbeikommt. Ist es nicht so: Immer, wo es in unserem Leben ums Ganze, ums Letzte geht, da sind wir allein, und da gilt auch keine Maske mehr. Erst in solchen Nächten wird die wahre Wirklichkeit unseres Lebens offenbar, die der konventionierte Tagverstand sich abblendet. Hier erst sind wir echt. So war es auch bei Jakob: Das Entsetzliche kam über ihn, als er allein war, als ihm alle die Suggestionen der Konven­tion, der heite­ren, harmlosen Tagwelt abhanden gekommen waren und er endlich zu dem geworden war, was er freilich auch unter der Maske seines Wohlstandes immer schon war: ein Mensch, ein von allen Seiten verwundbarer, angefochtener Mensch.

Was ist über ihn gekommen? Die Erzählung stellt es so dar, daß man sofort merkt, auch Jakob wußte es nicht. Sie sagt: »Da rang ein Mann mit ihm.« Ja, oft ist es ein Mann, der Mensch, der über den Menschen kommt und der imstande ist, ihn an den Bereich dieses äußersten Entset­zens heranzuführen. Der Mensch als Feind ist furchtbar. Aber es steht ja nicht da, daß das ein Mann von Fleisch und Blut war, der Jakob in dieser Nacht angefallen hat. Wir sagten ja: Er weiß es nicht, was es war. Es war etwas, das in der rationalen Tagdimension und in ihrer ver­ständlich gewordenen Erscheinungs­welt schlechterdings nicht unterzubringen war. Aber das wird nicht nur gelegentlich und nur an den Rändern unseres Lebensraumes sichtbar; das steht mitten in unserem Leben. Nein, es steht nicht ruhig da, sondern es springt uns an; es »ringt« mit uns. Nietzsche sagt: »Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und gequält.« Ja, in der modernen Dichtung und Malerei stoßen wir auf und ab auf Bekenntnisse des Entsetzens vor diesem Fremden, das in der Welt, die der Mensch als seine eigenste be­trachtet, umgeht. Wer darauf achtet, der sieht auch da, daß man dieses Entsetzliche nicht eigentlich benennen kann. Es ist mehr als das Grausame, als Krankheiten, als bleierne Uner­heblichkeit, auch mehr als Krieg; es ist etwas noch Ungeheuerlicheres. So hat es auch Jakob erfahren; denn »der Mann« gehört nicht der sichtbaren Erschei­nungswelt zu; er ist etwas von draußen Gekommenes, und das macht den Menschen erstarren. An diese Zone des ewigen Eises jenseits der vom Menschen kultivierten Welt führen auch manche Chorgesänge der griechischen Tragödie heran, und in aller Verworrenheit und [94] Formlosigkeit spricht sich etwas von dem Erschrecken über dieses Fremde auch beim modernen Menschen aus.

Aber, dies alles ist nur Vorbereitung, Exposition. Jetzt erst kommt die Sache: es wird gehan­delt und geredet. Darin ist Jakob ganz Mensch; er schlägt zurück. Wie groß auch seine Angst ist, er sucht sich zu behaupten, er schlägt auch auf das Metaphysische mit Fäusten los. Aber nun achtet darauf: die rohe Gewalt des Abweh­rens ist nur das eine. Es wird ja auch gespro­chen und gefragt, und damit kommt in Jakob etwas ganz anderes zum Zug als die einfache Angst: Er muß wissen, was das ist. Hier, erst in dieser geistigen Auseinandersetzung brechen die eigentlichen Rätsel dieser Geschichte voll auf. (Bis hierher war sie ja noch ganz verständ­lich.) Denn das ist doch der Gipfel der Rätsel, daß Jakob dieses Entsetz­liche anspricht und fragt und bittet, daß er es für ansprechbar hält. Ja, das ist das größte Geheimnis der Geschich­te, daß er durch dieses Entsetzliche hindurch, als sei es nur ein dünnes, schwarzes Tuch, Gott selbst anspricht, daß er den, der schon Miene macht, sich von ihm zu lösen, festhält und sagt — vielleicht vor sich selber erschreckend: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.« Wie ist das zu erklären? Gewiß nicht so, daß wir sagen: Dieser Jakob war eben im Grunde seines Wesens doch ein frommer Mensch. Frömmigkeit ist Reichtum. Diese Bitte aber ist doch eher ein Zeugnis letzter mensch­licher Armut. Vielleicht sah er an der leise heraufziehenden Mor­gen­röte, daß die Anfechtung ein Ende haben werde; vielleicht hat ihn die leise Geste des Nachlassens bei seinem Gegenüber ermutigt. Was wird er an ihm wahrgenommen haben? Vielleicht nur etwas, das nicht ganz furchtbar ist, sozusagen nur eine ganz kleine weiche Stel­le. Der muß wohl arm und leer sein, der sich an eine solche winzige Spur von Trost anklam­mert, daß er sich in einem solchen Augenblick sagt: Jetzt ist der Augenblick gekom­men, Gott meine ganze Armut und Leere hinzuhalten. Irgendwie muß er doch gewußt oder geahnt haben, daß ihm Gott gerade jetzt ganz nahe ist. Aber fragen wir lieber nicht zu viel danach, was da an Wissen oder Nicht­wissen, an Ahnen, Glauben oder Verzweiflung in Jakob vorge­gangen sein mag. Wir könnten dabei ja auch auf die Entdeckung stoßen, daß dieses so fromm klingende Wort ein ziemlich unverschämtes war. Was verschlägt das? Unser Herr hat doch einmal gesagt, daß Gott sich auch unser unverschämtes Geilen recht sein läßt, ja, daß es ihm sogar wohlgefällig ist.

Ach, liebe Freunde, wie viele unter uns möchten dies Wort »ich lasse [95] dich nicht, du segnest mich denn« auch aussprechen und warten darauf, ob vielleicht wir ihnen die Zunge dafür lösen können. Denn dieses Fremde und Entsetzliche sitzt in jedem Menschenleben, und wir müssen es, wenn wir nicht einfach zugrunde gehen wollen, wie Jakob machen, es anneh­men. Ja, wenn es so stünde: Hier um uns herum ist der freundlich helle Lebensbereich, und draußen herum, erst im weiten Umkreis lagert das dunkle Unerforschte, dann wollten wir uns schon bereitfinden, es mit Goethe ruhig zu verehren. Aber diese Gebietsbereinigung gibt es nicht. Das Unbegreifliche, das sich unversehens zum Entsetzlichen wandeln kann, ist mitten in unser aller Leben. Es sitzt mit uns zu Tisch und steht vor dem Bett, in dem wir schlafen, und wir müssen ihm standhalten und in seiner Nähe glauben können. Daß uns das doch gelin­gen möge, wie Jakob dieses auf uns zukommende Dunkle anzunehmen, durch es hindurch wie durch eine ganz dünne Hülle den himmlischen Vater anzureden, ihn festzuhalten und seinem nächtlichen Segnen stillzuhalten! Auch wir würden wie Jakob die leise heraufziehende Mor­genröte sehen dürfen. Liebe Gemeinde, glaubt es mir, dieses Wort »ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«, ob es nun fromm oder unverschämt gesprochen war, das durch das Ent­setzliche hindurch oder an ihm vorbei, als stünde er dicht dabei, den himmlischen Vater anruft, ist eines der wissendsten Worte, das je über eines Menschen Lippen gegangen ist. Einer der lichtesten Momente! Und daraufhin hat ihm Gott einen anderen Namen gegeben, dh. als den, wie er sich da gezeigt hat, will ihn Gott kennen und annehmen. So gerade soll er Gott wohlgefallen, als der, der Gott seine ganze Armut hingehalten hat, ja, der so arm war, daß ihm nur noch das eine blieb, durch das entsetzliche Dunkel hindurch sich an Gottes Herz zu werfen. Dieser neue Name sagt: »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.«

Dreimal geht es in dieser Geschichte um ein Benennen, um den Namen. Gott fragt den Jakob nach seinem Namen und gibt ihm einen neuen Namen. Dann stellt Jakob die Gegenfrage und fragt den Unheimlichen nach seinem Namen, und am Schluß gibt Jakob dem Ort einen Namen. Vielleicht klingt das uns fürs erste ein wenig fremd; es geht aber um etwas ganz Einfaches: Es gibt für den Menschen kein Erkennen ohne ein Benennen. Ein von einem Astro­nomen entdeckter Stern ist sozusagen nicht existent, solange er nicht einen Namen hat. Ein neugefundenes Naturgesetz muß formuliert, in Worten formuliert sein, erst dann kann der erkennende Mensch damit arbeiten. Genauso verhält es sich auch mit allen geistigen, ja, [96] mit den metaphysischen Realitäten. Hat Gott den Jakob benannt, so heißt das in der Sprache der Bibel, er hat ihn erkannt und in seine Welt eingeordnet. Er hat ihm in seinen Heilsgedan­ken einen Platz gegeben, und das heißt: nun verliert er ihn nicht aus den Augen, nun hält er ihn fest in seinen Gedanken, in seinen Händen und in seinem Herzen. Das alles nennt die Bibel Gottes Erkennen. So sagt Paulus, er sei von Gott erkannt. »Wenn jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.«

Zurück zu unserer Geschichte. Jetzt ist Jakob am Zug, und jetzt kommt die Stelle, in der wir drin vorkommen, wir von der Universitätsgemeinde, wir akademischen Christen oder, etwas bescheidener wir, die wir der urtümlichen Funktion alles Menschseins dienen, dem Erkennen. Darin ist Jakob ganz und echt Mensch, daß er erkennen und benennen will. Kaum fühlt er sich aufs Notdürftigste wieder auf seinen Beinen stehend, da heißt es:

Und Jakob fragte und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du mich, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.

Liebe Gemeinde, es ist nicht auszusagen, was sich in diesen paar Worten alles zusammen­drängt. »Sage doch, wie heißt du.« Der ganze herrliche Ansturm des menschlichen Erkennt­niswillens auf das Letzte, auf das Fundament und die Quelle alles unseres Lebens, auf Gott selbst —, und sein immer neues Scheitern. Wir sehen es: Der geheimnisvolle Partner gibt auf diese Frage keine Antwort, er weicht ihr aus, und es ist, als ob er sein Visier wieder herunter­gelassen habe. Jakob sieht auf einmal nichts als das eiserne, starre Gesicht. Ja, davon wäre viel zu sagen, das kennen wir bei all unserem akademischen Forschen und Erkennen, dieses starre, eiserne Gesicht Gottes, wie er sich Schritt um Schritt von einer Geheimniszone in die nächste vor unserem Fragen zurückzieht. Aber all unser menschliches Erkenntnisstreben ist ja nie rein theoretisch kontemplativer Natur. So rein doch nicht. In all unserem Wissenwollen liegt der Wille, der Sache mächtig zu werden. Darin gerade sind wir Jakob, dem es nichts ausmachte, auch nach dem Letzten seine begehrliche Hand auszustrecken. In diesem »Sage doch, wie heißt du?« erkennen wir uns mit all unserem unbändigen Erkenntnis- und Macht­willen wie- der, der Gott nutzen und vor seinen Wagen spannen will. Aber so, wie man eine Naturkraft oder eine wissenschaftliche Gesetzmäßigkeit nutzt, so läßt Gott eben nicht mit sich handeln. Da schließt sich sein Visier, und er weist die Frage ab. »Warum fragst du, wie ich [97] heiße? Und er segnete ihn daselbst.« Wie merkwürdig ist das alles, dieses Sichverwei­gern Gottes und zugleich dieses: »und er segnete ihn daselbst«. Aber so ist es doch allent­halben! Der Gott, den wir in unserem Lebensraum so dringend in den Griff zu bekommen und eindeutig erkennen zu können begehren, verweist die Fragen; aber segnet er uns nicht auf Schritt und Tritt, schenkt uns Freuden von Mal zu Mal, Erfüllungen und auch Erkenntnisse! Ja, Erkenntnisse. Im Schatten seines großen Geheimnisses will er uns auch unsere akademi­sche Arbeit tun lassen, und, liebe Freunde, glaubt es, es tut dieser Arbeit gut, wenn sie um dieses Gegenüber weiß, wenn sie sich für Gott offenhält und seine Gegenwart aushält. Glaubt es, dieses Wissen käme auch unserer Wissenschaft zugut; es würde sie nämlich davor bewah­ren, sich selbst absolut zu setzen. Wie ist sie doch immer in Gefahr, sich in ihrer eigenen Gott­ähnlichkeit zu versteifen und steril zu werden!

Und dann ist es langsam Morgen geworden. Die entsetzliche Anfechtung ist von Jakob gewichen. Sehen wir ihn uns nur einmal an: Es ist ein merkwürdiger Mann, der da im ersten Licht des Morgens steht, der nicht so sehr sieghaft um sich blickt, sichtlich etwas angeschla­gen und vielleicht noch etwas verwirrt. Aber er weiß immerhin, was jetzt zu tun ist. Noch einmal geht es um ein Benennen und Erkennen:

Und er nannte die Stätte Pniel, denn ich habe Gott von Angesicht gesehen und meine Seele ist genesen.

Das ist jetzt Theologie. Hier, genau in diesem morgendlichen Zwielicht hat die Theologie ihren Platz. Mitten in der entsetzlichen Anfechtung kann man nicht Theologie treiben, da kann man nur gerettet werden oder verloren gehen, aber danach muß man Theologie treiben, und wehe, wenn man es anders tut als in der unmittelbaren Nähe, sozusagen noch im Bannkreis der schwindenden Schatten solcher Nächte und ihrer Schrecken. Ja, ihr Freunde von der theo­logischen Fakultät, was ist das für eine überhangende Wand, was sind das für Abgründe, an denen wir uns mit unserem bißchen Theologie angesiedelt haben! Aber wenn es schon unsere Aufgabe ist, den Ort zu erkennen, an dem der Mensch Gott begegnet ist, und das Gedächtnis dieser Begegnung zu klären und zu erhalten, wo und wann kann denn das anders geschehen als in diesem ersten morgendlichen Zwielicht?

Dieser Morgen hat etwas unendlich Tröstliches. »Als Jakob an Pniel vorüberging, ging ihm die Sonne auf.« Das ist alles, was der Erzähler [98] sagt. Nicht, daß Jakob die Sicherheit hätte, von solchen Nächten null endgültig verschont zu sein. Die hat er nicht. Aber was kann ihm noch passieren! Er sagt: »Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen.« In diesem Wort kommt noch einmal das schreiende Rätsel zum Vorschein. Stimmt das denn, was er da sagt? Er hat gekämpft, zugeschlagen, geschnauft, gestöhnt, er hat versucht zu erken­nen. Hat er Gott von Angesicht gesehen? Oh, er hat recht: Das alles war Gott, ganz direkt und ganz persönlich. Ja, er hat recht: so nah bei Gott, so dicht an Gottes Herzen wie in dieser Nacht war er noch nie. Und darum hat der Morgen, in den der seltsame Mann hineinhinkt, schon einen österlichen Schein. Amen.

Predigt am 31. Januar 1960 im Universitätsgottesdienst in Heidelberg

Quelle: Gerhard von Rad, Predigten, hg. v. Ursula von Rad, München: Chr. Kaiser, 2. A., 1978, 91-98.

Hier der Text als pdf.