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„Weiden ist nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden“ – Martin Luther über das kirchliche Hirtenamt

27. Januar 2017

Was James Rebanks in seinem Buch „The Shepard’s Life“ als Grundregeln seines Schäferberufs benannt hat, lässt sich auch auf das pastorale bzw. bischöfliche Hirtenamt in der Kirche übertragen: „My job is simple: get around the fields and feed and shepherd the different flocks of ewes—dealing with any issues that arise. First rule of shepherding: it’s not about you, it’s about the sheep and the land. Second rule: you can’t win sometimes. Third rule: shut up, and go and do the work.“ Passend dazu hat Martin Luther in seinen Predigtauslegungen zum ersten Petrusbrief von 1523 bezüglich 1.Petrus 5,2 „Weidet die Herde Christi, die euch befohlen ist“ ausgeführt:

„Christus ist der Erzhirte, und er hat unter sich viele Hirten und auch viele Schafe, die hat er seinen Hirten hin und her ausgetan, wie St. Petrus hier schreibt, in vielen Ländern. Was sollen dieselben Hirten tun? Sie sollen die Herde Christi weiden. Das hat der Papst auf sich bezogen und will damit bewähren, daß er Oberherr sei und mit den Schafen umgehen möge, wie er will. Man weiß wohl, was „weiden“ heißt, nämlich daß die Hirten den Schafen Weide geben und Futter vorlegen, auf daß sie fruchtbar werden, dazu daß sie darauf sehen, daß nicht die Wölfe kommen und die Schafe zerreißen. Es heißt nicht „schlachten und würgen“.

Nun sagt St. Petrus nachdrücklich „die Herde Christi“, als sollte er sagen: Denkt nicht, daß die Herde euer ist, ihr seid nur Knechte. … Die Bischöfe sind Knechte Christi, daß sie seine Schafe hüten und ihnen Weide geben. Darum ist „weiden“ nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden, daß sich die Schafe nähren im Evangelium und Gottes Wort. Das ist allein eines Bischofs Amt. …

Ein Prediger muß nicht allein weiden, so, daß er die Schafe unterweist, wie sie rechte Christen sein sollen, sondern auch daneben den Wölfen wehren, daß sie die Schafe nicht angreifen und mit falscher Lehre verfüh­ren und Irrtum einführen, wie denn der Teufel nicht ruht. Nun findet man jetzt viele Leute, die wohl leiden mögen, daß man das Evangelium predige, wenn man nur nicht wider die Wölfe schreit und wider die Prälaten pre-[235]digt. Aber wenn ich schon recht predige und die Schafe wohl weide und lehre, so ist’s dennoch noch nicht genug der Schafe gehütet und sie be­wahrt, daß nicht die Wölfe kommen und sie wieder davon führen. Denn wie ist das ein Bauen, wenn ich Steine auftürme und sehe einem anderen zu, der sie wieder einwirft? Der Wolf kann wohl leiden, daß die Schafe gute Weide haben, er hat sie desto lieber, daß sie feist sind. Aber das kann er nicht leiden, daß die Hunde feindlich bellen. Darum ist es ein großes Ding, wer es zu Herzen nimmt, daß einer recht weide, wie es Gott befoh­len hat. …

Und hier rührt St. Petrus zweierlei Stücke an, die da wohl jemanden möchten abschrecken, dem Volk vorzustehen. Aufs erste findet man et­liche, die da fromm sind und lassen sich auch ungern dazu zwingen, daß sie Prediger sind, denn es ist ein mühsames Amt, daß man überall zusehe, wie die Schafe leben, daß man ihnen helfe und sie aufrichte, da muß man Tag und Nacht aufsehen und wehren, daß nicht die Wölfe einreißen, dazu muß man auch Leib und Leben einsetzen. Darum spricht er: „Ihr sollt’s nicht genötigt tun“. Wahr ist’s, es soll sich niemand selbst unberufen zu dem Amt dringen, aber wenn er berufen und gefordert wird, soll er willig hinangehen und tun, was sein Amt fordert. Denn die es genötigt tun müs­sen und nicht Lust und Liebe dazu haben, die werden’s nicht wohl ausrichten.

Die andern sind noch ärger als diese, die dem Volk vorstehen und darin ihren Gewinn suchen, daß sie ihren Wanst weiden. Diese suchen die Wolle und die Milch von den Schafen, fragen nichts nach der Weide. … Denn wenn der, der da weiden soll, so auf das Gut gerichtet und gewinnsüchtig ist, würde er bald selbst ein Wolf werden. …“

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 5, hrsg. v. Hartmut Günther und Ernst Volk, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983, 234f (WA 12,388-390).

Geduldige Annahme und gekonnte Hingabe – Was man als Pfarrer vom Schäfer James Rebanks lernen kann

26. Januar 2017

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Stanley Hauerwas hatte Anfang November kurz vor der Präsidentschaftswahl in den USA einen lesenswerten Aufsatz veröffentlicht: „Is Democracy Capable of Cultivating a Good Life? What Liberals Should Learn from Shepherds“. Darin bezieht er sich auf James Rebanks’ Buch „The Shepard’s Life. Modern Dispatches from an Ancient Landscape“ (auf Deutsch: „Mein Leben als Schäfer“, C. Bertelsmann 2016). Beim Lesen wird man in der Tat in das Leben eines Schäfers im nordenglischen Lake District mitgenommen. Treffend heißt es in der Verlagsankündigung:

„James Rebanks’ Familie lebt seit Generationen im englischen Hochland, dem Lake District. Die Lebensweise ist seit Jahrhunderten von den Jahreszeiten und Arbeitsabläufen bestimmt. Im Sommer werden die Schafe auf die kahlen Berge getrieben und das Heu geerntet; im Herbst folgen die Handelsmessen, wo die Herden aufgestockt werden, im Winter der Kampf, dass die Schafe am Leben bleiben, und im Frühjahr schließlich die Erleichterung, wenn die Lämmer geboren und die Tiere wieder in die Berge getrieben werden können. James Rebanks erzählt von einer archaischen Landschaft, von der tiefen Verwurzelung an einen Ort. In eindrucksvoll klarer Prosa schildert er den Jahresablauf in der Arbeit eines Hirten, bietet uns einen einzigartigen Einblick in das ländliche Leben. Er schreibt auch von den Menschen, die ihm nahe stehen, Menschen mit großer Beharrlichkeit, obwohl sich die Welt um sie herum vollständig verändert hat.“

Die Aufgabe eines Schäfers beschreibt Rebanks mit knappen Worten: „My job is simple: get around the fields and feed and shepherd the different flocks of ewes—dealing with any issues that arise. First rule of shepherding: it’s not about you, it’s about the sheep and the land. Second rule: you can’t win sometimes. Third rule: shut up, and go and do the work.“ (ein längerer Auszug aus Rebanks Buch findet sich hier)

Ja, das Amt eines Pfarrers bzw. Pastors verweist nicht nur etymologisch auf ein Hirtenamt, wie es in im ersten Brief des Petrus vorbildlich dargestellt ist: „Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.“ (1Petr 5,1-4)

Geduldige Annahme und gekonnte Hingabe – was als pastorale Tugenden benannt werden kann, bedarf einer besonderen Story, in der man sich als Christ in der Gemeinschaft der Heiligen auf die göttliche Verheißung hin wiederfindet. Andernfalls bleibt man ein professioneller „Kirchenbenutzer“, der seinen Job im eigenökonomischen Interesse hoffnungslos absolviert.