Posts Tagged ‘Jesus Christus’

Jesus von Nazareth – Grundzüge von Botschaft und Wirken (Jürgen Roloff)

1. August 2017

Roloff - Jesus

Da meint man beim Lesen die Stimme des Verfassers aus dessen Vorlesungen zu hören. Jürgen Roloff hat nicht nur für C.H. Beck Wissen die Monographie „Jesus“ geschrieben, sondern auch den instruktiven RGG-Artikel über Jesus von Nazareth. Darin heißt es über Jesu Botschaft und Wirken:

Wie für Johannes den Täufer, so ist auch für Jesus die Herr­schaft Gottes, seine unmittelbar bevor­stehende Selbstdurchsetzung, das zentrale Thema. Aber während die Gottesherrschaft beim Täufer jenseits der unheilvollen Gegenwart liegt und heilvoller Zugang zu ihr nur unter der Bedingung der Umkehr möglich ist, betont Jesus ihre un­mittelbare Nähe. Satan ist bereits ent­machtet (Lk 10,18), Gott beginnt schon jetzt sein heilvoll Welt und Menschen verwandelndes Werk, um es in naher Zukunft zu voll­enden. Umkehr, wie Jesus sie fordert, bedeutet, der Nähe Gottes rechtzugeben und sich auf sie einzustellen. Er selbst weiß sich als personhafter Reprä­sentant der Gottesherrschaft. In ihm und seinem Wirken greift die Gottesherrschaft, Zu­kunft vorwegnehmend, in die Gegenwart ein, diese zur festlichen Heilszeit machend. Wie weit er den so impli­zierten Anspruch, Träger analogieloser Vollmacht zu sein, durch den Gebrauch vorgeprägter Würdeprädikate explizierte, ist strittig. Den Titel »Christus« hat er wegen dessen davidsmessianologisch-politische Festlegung schwerlich auf sich angewandt. Wahrschein­lich ist hingegen, daß er für sich die Bezeichnung »Menschensohn« gebraucht hat, die zwar eine ein­deutige eschatologische Konnotation (Dan 7) hatte, aber keine titulare Festlegung impli­zierte.

Vor allem in seinen Gleichnissen bringt Jesus den Zeitgenossen die Gottesherrschaft als sie unmittelbar betreffende Lebenswirklichkeit nahe. Zentrale Themen sind Gottes un­widerstehliche Güte (Mt 20,1-16), seine suchende, Wi­derstände überwindende Liebe (Lk 15,1-10), das unauf­haltsame Wachstum seiner Herrschaft (Mt 13,31f.), sowie die Notwendigkeit, ihr absolute Priorität ein­zuräumen (Mt 13,44-46). Die breit bezeugten heilenden Taten Jesus, die zweifellos von den Zeit­genossen als Wunder verstanden wurden, demonstrieren die leibliche Dimension der Got­tes­herrschaft. Indem Jesus Menschen von lebensmindernden körperlichem und seelischem Leiden befreit, wird zei­chenhaft sichtbar, daß sich in ihm die prophetische Ver­heißung heilen Lebens für die Heilszeit erfüllt (Mt 11,3-6). Wie diese zuallererst Israel gilt, so ist auch Jesus Wirken durchweg auf die endzeitliche Sammlung und Vollendung Israels ausgerichtet. Der Zwölferkreis der engsten Jünger ist Realsymbol des zu seiner endzeitlichen Fülle ge­langenden Zwölf-Stämme-Volkes (Mt 19,28). Wenn Jesus sich den »Zöllnern und Sündern«, den am Rand der religiös-sozia­len Gemeinschaft Israels Stehenden, zuwendet, handelt er als Vollstrecker der Absicht Gottes, sein Volk in seiner Ge­samtheit als sein Eigentum zurückzugewinnen. Endzeit­liche Erneuerung Israels bedeutet wesentlich auch Er­neuerung des Verhältnisses zur Tora, dem heiligen Willen Gottes. In diesem Sinn ist die eschatologisch motivierte Radikalität von Jesus Tora-Ausle­gung zu verstehen: Sie fordert die unge­teilte Hingabe an Gott und an den Nächsten (Mk 12,28-34). In den Antithesen der Bergpredigt (Mt 5,21-48) setzt Jesus – hinter kasuistische An­passungen und Kompromisse zurückgreifend – den ursprünglichen Sinn der Tora als Ord­nung des heilvollen, dem Schöpfungswillen Gottes ge­mäßen Lebens neu in Geltung.

Hier der vollständige Artikel als pdf.

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„Gott erblickte das Licht der Welt in der Nacht vom vierundzwanzigsten zum fünfundzwanzig­sten Dezember“ – Peter Handkes Lebensbeschreibung

24. Februar 2017

So kann man auch eine biblische Gottes- bzw. Jesusgeschichte nacherzählen, wie es der junge, dreiundzwanzigjährige Peter Handke in seinem provozierenden Text Lebensbeschreibung getan hat – lakonische Aneinanderreihung von Ereignisse, und um das Geschehen ist es geschehen:

Lebensbeschreibung

Von Peter Handke

Gott erblickte das Licht der Welt in der Nacht vom vierundzwanzigsten zum fünfundzwanzig­sten Dezember. Die Mutter Gottes wickelte Gott in Windeln. Auf einem Esel flüchtete er sodann nach Ägypten. Als seine Taten verjährt waren, kehrte er in sein Geburtsland zurück, weil er fand, dass dort der Ort sei, an welchem ein jeder am besten gedeihen könnte. Er wuchs auf im Stillen und nahm zu an Alter und Wohlgefallen. Es litt ihn in der Welt. Er wurde die Freude seiner Eltern, die alles daransetzten, aus ihm einen ordentlichen Menschen zu machen.

So erlernte er nach einer kurzen Schulzeit das Zimmermannshandwerk. Dann, als seine Zeit gekommen war, legte er, sehr zum Verdruss seines Vaters, die Hände in den Schoß.

Er trat aus der Verborgenheit. Es hielt ihn nicht mehr in Nazareth. Er brach auf und verkün­dete, dass das Reich Gottes nahe sei. Er wirkte auch Wunder. Er sorgte für Unterhaltung bei Hochzeiten. Er trieb Teufel aus. Einen Schweinezüchter brachte er auf solche Art um sein Eigentum.

In Jerusalem verhinderte er eines Tages im Tempel den geregelten Geldverkehr. Ohne das Versammlungsverbot zu beachten, sprach er oft unter freiem Himmel. Aus der Langeweile der Massen gewann er einigen Zulauf. Indes predigte er meist tauben Ohren. Wie später die Anklage sagte, versuchte er das Volk gegen die Obrigkeit aufzuwiegeln, indem er ihm vor­spiegelte, er sei der ersehnte Erlöser. Andererseits war Gott kein Unmensch. Er tat keiner Fliege etwas zuleide. Niemandem vermochte er auch nur ein Haar zu krümmen.

Er war nicht menschscheu. Unbeschadet seines ein wenig großsprecherischen Wesens war er im Grunde harmlos. Immerhin hielten einige Gott für besser als gar nichts. Die meisten jedoch erachteten ihn für so gut wie nichts. Deshalb wurde ihm ein kurzer Prozess gemacht. Er hatte zu seiner Verteidigung wenig vorzubringen. Wenn er sprach, sprach er nicht zur Sache. Im übrigen blieb er bei seiner Aussage, dass er der sei, der er sei. Meist aber schwieg er.

Am Karfreitag des Jahres dreißig oder neununddreißig nach der Zeitwende wurde er, in einem nicht ganz einwandfreien Verfahren, ans Kreuz gehenkt.

Er sagte noch sieben Worte. Um drei Uhr Nachmittag, bei sonnigem Wetter, gab er den Geist auf. Zur gleichen Zeit wurde in Jerusalem ein Erdbeben von mittlerer Stärke verzeichnet. Es ereigneten sich geringe Sachschäden.

Quelle: Peter Handke, Prosa. Gedichte. Theaterstücke. Hörspiele. Aufsätze, Frankfurt 1969, Seite 99f.

Wie an einer Drachenschnur … – warum ein freier Glaube einen festen Halt braucht

6. November 2016

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Was für einen Anblick bieten farbige Drachen am Himmel, wenn sie ruhig im Wind stehen oder aber ihre Bahnen und Kreise durch die Lüfte ziehen. Als Himmelsstürmer sind sie uns Sinnbild der Freiheit, über alles Erdschwere und Einengende erhaben. Dabei können sie nur deshalb in den Himmel steigen und im Wind stehen, weil sie von einer angespannten Schnur gehalten werden. Reißt diese Verbindung ab, müssen Drachen unweigerlich zu Boden stürzen.

So lässt sich menschliche Freiheit neu verstehen: Auch sie braucht einen festen Bezug und eine Ausrichtung, damit sie sich dauerhaft halten kann. Völlig losgelöst – also absolut und unverbindlich – verliert sich menschliche Freiheit. Ohne festen Lebensbezug enden wir in einer tödlichen Isolation.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater (5,1). Damit redet er nicht menschlicher Unverbindlichkeit das Wort, sondern spricht die Befreiung von Abhängigkeiten an, die uns gefangen nehmen. Zu dieser Freiheit sind wir mit unserem Glauben herausgefordert. Wir sollen uns an Jesus Christus als Erlöser festmachen, sagt dieser doch von sich selbst: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,14f) und: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,31) Erhöht am Kreuz von Golgota erlöst er uns von der Todesmacht der Sünde und eröffnet uns einen Lebensraum von der Erde bis in den Himmel, spannt unser Leben von der Geburt durch den Tod in die Ewigkeit bei Gott aus.

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Da kann dann ein Drache am Himmel mit seiner Kreuzgestalt zum Sinnbild Jesu Christi werden, heißt es doch im Brief an die Hebräer: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (12,2) Wo wir uns im Glauben in Jesu Nachfolge einreihen, wird unser Leben in aller Freiheit in Gottes Himmelreich getragen.

„Die hohen, unverständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen“ – Martin Luthers Anti-Hermeneutik in seiner Höllenfahrtspredigt

3. November 2016
Höllenfahrt Christi. (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert - Lindenau-Museum Altenburg)

Höllenfahrt Christi (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert – Lindenau-Museum Altenburg)

„Hermeneutik ist die Kunst, aus einem Text herauszukriegen, was nicht drinsteht.“ Odo Marquards bekanntes Diktum verweist auf die platonische Grundlage jeglicher Hermeneutik: Das konkrete Erzählgeschehen wird auf allgemein Gedachtes ideell hintergangen. Nur so kann es der „aufgeklärten“ Vernunft zugemutet werden. Luthers Predigt zur Höllenfahrt und Auferstehung Christi vom 17. April 1533 ist eine radikale Absage an jegliche theologische Hermeneutik. Nur im leiblichen Erzählgeschehen kann die Wirklichkeit des göttlichen Heilshandeln zugesagt werden:

„Dass ich das mit dem Munde ausreden oder mit den Sinnen begreifen sollte, wie es bei Christus in dem Dasein zu­geht, das gar weit über und außer diesem Leben ist, — das werde ich wohl bleiben lassen müssen. Kann ich doch schon das nicht al­les erfassen, was zu diesem Leben, zu Christi Erdendasein, gehört — z. B. wie es dem Herrn Christus im Garten Gethsemane zu Sinn und Mute war, als er reichlich Blut schwitzte —, sondern muss es beim Wort und Glauben bewenden lassen. Ebenso ist es noch viel weniger mit Worten oder Gedanken zu fassen, wie er zur Hölle ge­fahren ist. Viel­mehr weil wir uns ja unsere Gedanken und Vor­stellungsbilder von dem machen müssen, was uns in Worten vorge­tragen wird, und weil wir nichts ohne Bilder denken und verstehen kön­nen, so ist es fein und recht, dass man’s ganz wörtlich auffaßt, so wie man’s malt: daß Christus mit der Fahne hinunterfährt und die Höllenpforten zerbricht und zerstört; die hohen, unver­ständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen. Denn eine solch bildhafte Darstellung zeigt in feiner Weise die Kraft und den Nutzen dieses Artikels, weswegen es geschehen ist und gepredigt und geglaubt wird; nämlich: wie Christus der Hölle Gewalt zerstört und dem Teufel alle seine Macht genommen hat. Wenn ich das habe, so habe ich den rechten Kern und Sinn davon, und soll nicht weiter fragen und klügeln, wie es zugegangen oder möglich sei, geradeso, wie auch bei andern Artikeln des Glaubens­bekenntnisses solches Klügeln und Meistern der Vernunft verboten ist und auch nichts errei­chen kann.“

Hier Luthers Predigt als pdf.

Leidgeprüft

13. März 2016
Meister Francke - Schmerzensmann

Meister Francke, Der Schmerzensmann (1435)

In diesen Tagen ist für Christen eine Leidenszeit angesagt. Wörtlich übersetzt heißt nämlich Passionszeit – also die vierzig Tage Vorbereitung auf das Osterfest – „Leidenszeit“. Allerdings sollen dabei Christen nicht selbst leiden, sondern vielmehr das Leiden Jesu Christi betrachten. Die Stationen seines Kreuzweges – was Jesus für uns ertragen hat – wollen auf uns einwirken. So lautet die erste Strophe eines bekannten Passionslieds: „Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, / mich in das Meer der Liebe zu versenken, / die dich bewog, von aller Schuld des Bösen / uns zu erlösen.“ (EG 91)

Jesu Leiden zu bedenken heißt nicht etwa Gefallen am Leiden zu finden. Sein menschliches Leiden will vielmehr auf die göttliche Liebe hin durchschaut sein. Der Heiland leidet nicht nur vor uns, sondern für uns, als wolle er uns zusagen: „Ich, Immanuel, ‚Mit-uns-Gott‘ zeige euch meinen Schmerz für Euch.“ Durch Menschenschuld sind ihm die Wunden geöffnet, dringt der Todesschmerz in sein Leben ein.

Der Schmerz bleibt nicht länger nur menschlich, ein Los unserer irdischen Existenz, sondern reicht in die Tiefe Gottes hinein. Der Gott lässt uns nicht allein in unserem Schmerz. Im Leiden Jesu nimmt er Anteil an ihm. Sein Schmerz öffnet sich für unsere Schmerzen und für unsere Sünden. Darin zeigt sich seine Liebe. Der Gott, der seine sündenfremden Geschöpfe liebt, muss sie an seinem Sohn erleiden.

Für uns heißt dies umgekehrt: Wir haben uns selbst den Schmerzen und der menschlichen Sünde zu stellen. Ein Leben ohne Leid und Schmerz ist für uns auf Erden nicht vorgesehen. Und doch können wir, wenn wir den Blick auf Christus den Schmerzensmann richten, über die eigenen Schmerzen hinaussehen, ja „hinaushoffen“ zu Gott.