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Johann Baptist Metz – Erinnerung des Leidens als Kritik eines teleologisch-technologischen Zukunftsbegriffs

20. September 2017

Theoretisch hoch verdichtet und doch anspruchsvoll geschrieben ist, was Johann Baptist Metz bereits 1972 in Sachen memoria passionis geschrieben hatte:

Christlicher Glaube artikuliert sich als memoria passionis, mortis et resurrectionis Jesu Christi. In der Mitte dieses Glaubens steht das Gedächtnis des gekreuzigten Herrn, eine bestimmte memoria passionis, auf die sich die Verheißung künftiger Freiheit für alle gründet. Daß wir im Gedächtnis seines Leidens die Zukunft unserer Freiheit erinnern: dies ist eine eschatologische Aussage, die durch keine nachträgliche Anpassung plausibler gemacht oder allgemein verifiziert werden kann. Sie bleibt umstritten und bestreitbar; diese Anstößigkeit gehört zu ihrem mitteilbaren Inhalt. Denn die unter dem Namen „Gott“ erinnerte Wahrheit der Passion Jesu und der Leidensgeschichte der Menschheit kann nur so gedacht werden, daß sie immer auch die Absichten dessen verletzt, der sie zu denken sucht. Die eschatologische Wahr­heit der memoria passionis ist ja nicht ableitbar aus unseren geschichtlichen, gesellschaftli­chen und psychologischen Zwängen. Das erst macht sie zur befreienden Wahrheit. Das aber bedingt auch ihre konstitutionelle Fremdheit in unseren kognitiven Systemen.

Diese Fremdheit darf auch durch keine „natürliche Theologie“ entschärft werden. Gleichwohl hat diese „natürliche Theologie“ ihre relative Eigenberechtigung. Dieser Spannung versucht „politische Theologie“ von einer anderen Seite her gerecht zu werden. Denn wenn die escha­tologische Wahrheit der memoria passionis nicht in leeren Tautologien und Paradoxien aus­gedrückt werden soll, dann muß sie in den Verhältnissen der Zeit reflektiert und bestimmt werden, dann muß sich das Gedächtnis des Leidens Jesu als eine gefährlich­befreiende Erin­nerung in den vermeintlichen Plausibilitäten unserer Gesellschaft buchstabieren lassen. Jede eschatologische Theologie muß daher zu einer politischen Theologie als einer (gesellschafts-) kritischen Theologie werden. Denn gefordert ist Theologie als menschengerechte, sachgerech­te und zeitgerechte Hermeneutik eschatologischer Veränderung. Politische Theologie hat so die Aufgabe, einen eschatologischen Begriff von Veränderung zu vermitteln mit einer techno­logisch-zweckrationalen Form der Veränderung, die das Muster nicht nur der technischen Entwicklungen, sondern auch des sozialen Wandels weitgehend bestimmt. Eine eschatologi­sche Kritik des Bestehenden kann die Kategorie der Veränderung nicht unmittelbar kritisch einsetzen, weil im zweckrationalen Sinn das Bestehende das sich dauernd Verändernde ge­worden ist. Das „Neue“ der eschatologischen Herrschaft Gottes muß in begründeter und gezielter Veränderungsabsicht ausgedrückt werden, soll es nicht über das Ziel, d.h. Verklei­nerung der Differenz zwischen vorhandener Unmenschlichkeit und möglicher Mensch­lichkeit, hinausschießen. Theologie muß dabei nach Kategorien suchen, die als dialogkonsti­tuierend in Geltung treten können, wenn sie sich anschickt, mit Humanwissenschaften, Tech­nik und Politik über die Veränderung der Welt sich auseinanderzusetzen. Leid auf der einen, gelingendes, lebenswertes Leben auf der anderen Seite wären ein solches Kategorienpaar. Karfreitag und Ostern, oder memoria passionis et resurrectionis ist ihr theologisches Korrelat.

In der Frage, worauf hin verändert werden soll, erweist diese memoria ihre bestimmende Kraft. Nicht der totale Sprung in die eschatologische Existenz, sondern die Reflexion des konkreten Leides ist der Einstiegspunkt für die Verkündigung der in der Auferstehung Jesu sich ankündigenden neuen Form eines lebenswerten Lebens. Aus dem Gedächtnis des Leidens erwächst ein Wissen um Zukunft, das keine leere Antizipation bedeutet, sondern aus der Erfahrung der Neuschöpfung des Menschen in Christus sich auf die Suche nach menschli­cheren Lebensformen begibt. Politische Theologie reißt daher Erinnerung des Leidens und Zukunftserwartung nicht auseinander, sondern erweist ihren ursprünglichen Zusammenhang.

Die christliche memoria insistiert darauf, daß die Leidensgeschichte der Menschheit nicht einfach zur Vorgeschichte der Freiheit gehört, sondern daß sie inneres Moment der Geschich­te der Freiheit ist und bleibt. Die Imagination künftiger Freiheit nährt sich aus dem Gedächt­nis des Leidens, und Freiheit verdirbt, wo die Leidenden mehr oder minder im Klischee behandelt und zur augenlosen Masse degradiert werden. Damit aber wird die christliche memoria zu einer „gefährlichen Erinnerung“, die aufschreckt aus der vorschnellen Versöh­nung mit den „Tatsachen“ und „Tendenzen“ unserer technologischen Gesellschaft. Sie wird zu einer befreienden Erinnerung gegenüber den Zwängen und Mechanismen des herrschenden Bewußtseins und seinem abstrakten Ideal von Emanzipation. Die christliche memoria passio­nis artikuliert sich als eine Erinnerung, die frei macht, am Leiden anderer zu leiden und die Prophetie fremden Leidens zu achten, obwohl die Negativität des Leids in unserer „fortschritt­lichen“ Gesellschaft immer unzumutbarer und geradezu als unziemlich erscheint. Sie artiku­liert sich als eine Erinnerung, die frei macht, alt zu werden, obwohl unsere Öffentlichkeit von der Verleugnung des Alters bestimmt ist und es geradezu als „geheime Schande“ empfindet. Sie artikuliert sich als eine Erinnerung, die uns frei macht zur Kontemplation, obwohl wir bis in unsere letzten Bewußtseinsräume unter der Hypnose von Arbeit, Leistung und Planung zu stehen scheinen. Sie artikuliert sich als eine Erinnerung, die uns frei macht, uns unsere eigene Endlichkeit und Fragwürdigkeit vorzurechnen, obwohl unsere Öffentlichkeit unter der Sugge­stion eines immer fortschrittlicheren „harmonischeren“ Lebens steht. Sie artikuliert sich schließlich als eine Erinnerung, die uns frei macht, auf die Leiden und Hoffnungen der Vergangenheit zu achten und uns der Herausforderung der Toten zu stellen.

Hier der vollständige Text als pdf.

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Als erinnerte Leidensgeschichte gewinnt Geschichte die Gestalt »gefährlicher Überlieferung« – Johannes Baptist Metz über die Erinnerung

26. Juli 2017

Memoria Passionis

Ganz schön hintersinnig ist, was Johannes Baptist Metz 1973 in seinem Artikel „Erinnerung“ im Handbuch philosophicher Grundbegriffe geschrieben hat, bevor er schlussendlich auf den christlichen Glauben als memoria passionis, mortis et resurrectionis Jesu Christi zu sprechen kommt:

Der kogni­tive Primat der erzählten Erinnerung gegenüber der abstrakten Kritik zwingt eine Philosophie, die sich die Wahrheitsfrage durch universale Kritik weder aus­reden noch zur historischen Vorstufe emanzipatorischer Totalreflexion herabdeuten läßt, zur Auseinandersetzung mit der Mutmaßung Nietzsches, »daß auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, … unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein jahrtausendealter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Platos war, daß Gott die Wahrheit ist, daß die Wahrheit göttlich ist«. Dieser kognitive Primat erzählter Erinnerung und damit eines »in Geschichten verstrickten Bewußtseins« gegenüber der abstrakten Einheit des Bewußtseins und den darin »vorausset­zungslos« anhebenden Formen des Zweifels und der Kritik verweist schließlich den theologischen Gebrauch von Erinnerung nicht von vornherein in einen inter­subjektiv unzugänglichen Sonderbereich – jenen theologischen Gebrauch, dem­zufolge Erinnerung bzw. ihr soziales Pendant, die Tradi­tion, verstanden wird als vermittelndes Moment zwischen dem Absolutum göttlicher Offen­barung und dessen Empfänger. Nicht von ungefähr legt sich christlicher Glaube kategorial als memoria passionis, mortis et resurrectionis Jesu Christi aus und sucht sich in der Erzähl- und Argumentationsgestalt befreiender Erinnerung (als bestimmter Gestalt von Hoffnung) in den Verhältnissen der Neuzeit zu verantworten.

Hier der vollständige Text von Johann Baptist Metz über die Erinnerung als pdf.