Posts Tagged ‘Jona’

Alfons Deissler – Die theologische Botschaft des Jonabuchs (als Vorbereitung zur Predigt über Jona 3,1-10)

24. Juni 2017

Die gesamte Geschichte des Propheten Jona in einem Bild (Holzschnitt aus der Luther-Bibel 1545) – Links am Rand: Gottes Befehl an Jona zur Predigt in Ninive (Jon. 1,1-2). In der Mitte: Jona auf der Flucht vor Gott (Jon. 1,3). Rechts: Die Schiffer werfen das »Gerät« im Sturm über Bord, um das Schiff zu erleichtern (Jon. 1,5); Jona wird ins Meer geworfen, wo ihn der Fisch verschlingt (Jon. 1,15; Jon. 2,1). Links unten am Rand: Der Fisch speit Jona aus (Jon. 2,11). Links oben: Ninive (mit einer großen Kathedralkirche) und die Predigt des Jona (Jon. 3,1 ff.). Im Hintergrund in der Mitte: Jona in der verdorrenden Kürbishütte und Gott in der Wolke (Jon. 4,5-11).

Was „kritische“ Schriftexegese positiv zum Verständnis eines biblischen Buches im Sinne des göttlichen Wortes beitragen kann, zeigt der Kommentar zum Buch Jona (Neue Echter Bibel) aus der Feder des verstorbenen katholischen Professors für alttestamentliche Theologie Alfons Deissler (1914-2005). Als theologische Botschaft dieses Buches fasst er zusammen:

Jona ist durch und durch theozentrisch. Der Hauptakteur ist JHWH selbst, so daß man dem Buch die Überschrift geben könnte: »Die Geschichte JHWHs mit seinem Propheten Jona.« Jona ist dabei ein Partner JHWHs, der dem Ideal eines Propheten nicht entspricht. Er hat nicht nur einige Schwierigkeiten mit seinem Gott wie Mose und vorab Jeremia, sondern er leistet fundamental und durchhaltend Widerstand gegen seinen Sonder­auftrag für Ni­nive. Er will seinem Gott aufzwingen, nur für Israel ein gnädiger und barm­herziger Bundesgott zu sein und über die Israel feindselige Völkerwelt nur als ein strenger Gott der vergeltenden Gerechtigkeit zu walten. Jona ist dabei gewiß auch als Repräsentant bestimmter und vielleicht auch bestimmender Kreise in der nachexilischen JHWH-Gemeinde anzusehen. Gegen solches die JHWH-Offenbarung ver­engendes, ja verstellendes Denken und Wünschen muß der inspirierte Verfasser des Jonabuches aufstehen, und er tut es sichtlich mit Mut und beredter Zunge. Auf ihn und nicht auf Jona kann darum das Michawort (3,8) vom wahren Propheten Anwendung finden.

Das Erwählungsprivileg Israels wird vom Autor des Buches nicht in Frage gestellt, aber daß man es ausspielen könnte gegen die Souverä­nität des Waltens Gottes an den Völkern, wie Jona es tut, wird nicht einmal im Angesicht der »bösesten« aller Städte und Mächte toleriert. Das Jonabuch steht mit dieser Verkündigung vom universalen Heilswillen JHWHs nicht allein. Schon die Vätergeschichte hat in Gen 12,3 den Ausgriff Gottes nach Abraham als Vorgriff auf die Völkerwelt er­klärt. In der Exilszeit haben Deutero-Jesaja und insbesondere die JHWH­-Knecht-Lieder Israel mit einem allumfassenden Heilshorizont konfrontiert. Dem entspricht Mal 1,11; Jes 19,16-25, ein Text aus der Epoche des Jonabuches, verheißt einen gemeinsamen Gottesbund zwischen Ägypten, Assur und Israel. In seiner diese Verkündigung aufnehmenden und in einer »theologia narrativa« entfaltenden Bot­schaft stößt das Buch Jona vor bis zur Grenze und zugleich Erfüllung des JHWH-Israel-Bundes in Jesus, dem Christus, in welchem die be­sondere Heilsgeschichte Gottes mit Israel auf die ganze Menschen­welt hin entgrenzt wird. Unser Buch bereitet die Verkündigung Jesu von der abgründigen Barmherzigkeit des göttlichen Vaters vor, die sich insbesondere an allen Sündern, welche es auch seien, als heil­schaffend erweisen will.

Hier der vollständige Text des Kommentars als pdf.

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„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde“ – Gerhard von Rad über den Propheten Jona

23. April 2017

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim mit Jona im Maul des Fisches

„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns vor allem Theologisieren die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.“ Mit diesem Zitat leitet Gerhard von Rad in seiner kleinen Schrift „Der Prophet Jona“ von 1950 zur Nacherzählung über:

Als der Fisch Jona ans Land gespieen hatte, war der Prophet ungefähr an demselben Punkt wie vorher, denn wie­der erging der Befehl Gottes an ihn. Daß Gott seinen Be­fehl genau in denselben Worten wiederholt, ist wohl eine eindringliche Predigt gleicherweise seiner Geduld mit den Menschen wie seiner Strenge. Jona wußte nun, daß er die­sem Gott nicht entlaufen kann, so machte er sich auf den Weg nach Ninive. Hier muß der Erzähler seinen Hörer vorbereiten; wie sollte der auch sonst von der unfaßlichen Größe dieser Stadt einen rechten Begriff bekommen. Drei Tage brauchte man allein, um sie zu durchwandern! In ihr stand also nun Jona; und wirklich, er predigte jetzt.

»Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen.«

Seine Rede wird länger gewesen sein, wir mögen sie uns nach der Art der Weherufe oder Völkerreden eines Jesaja oder Hesekiel vorstellen. Der Erzähler gibt nur ihren Inhalt in einem Satz wieder. Aber man wird sich doch auch seine Gedanken machen müssen, wie Jona predigt. Täu­schen wir uns nicht, so klingt durch seine Predigt ganz die alte Starre und Kälte, die uns an ihm schon vorher aufge­fallen ist. Indessen war aber ihre Wirkung auf die Heiden merkwürdigerweise ganz unabhängig von dieser Gesin­nung des Predigers, denn sie ergriff und erschreckte die Bevölkerung. Ja, — wie sich das bei Heiden manchmal ereignet hat — eine ganze Bußbewegung wurde ausgelöst. Hier hat sich unser Erzähler nun Gelegenheit zur Ausma­lung einer reizenden Miniatüre gegeben: Die Sache kam vor den König; der stand sogleich von seinem Thron auf, legte seinen Ornat ab und ein Bußgewand an. Schnell wurde ein königlicher Erlaß ausgefertigt, durch den eine allgemeine Landesbuße ausgerufen wurde. (»Nach Befehl des Königs und seiner Gewaltigen also:…«) Alle sollten fasten und Buße tun, auch die Rinder und Schafe sollten keine Nahrung zu sich nehmen, sich in Trauer hüllen und mit aller Macht zu Gott beten …

Jona hatte sich inzwischen außerhalb der Stadt niederge­lassen; es war ja ein Gericht wie das über Sodom in Kürze zu erwarten. Aber, war er äußerlich auch in leidlicher Sicherheit, so war dieser kühle Beobachterposten doch in anderem Sinn gefährlich genug. Denn angesichts dessen, was Lots Weib getroffen hat, wird man fragen dürfen, ob Gott so etwas wie ein neu­gieriges Betrachten eines Gottes­gerichtes überhaupt dulden will. Und tatsächlich, Jona kam nicht auf seine Rechnung, denn Gott hatte über Ni­nive anders beschlossen; er hatte ihre Reue gesehen und der Stadt vergeben.

Nun aber — welch ein Anlaß! — brach die lange verhal­tene Erregung aus Jona hervor-; Der hebräische Erzähler sagt: »Er zürnte einen großen Zorn«, und mit diesem Aus­bruch eröffnet sich ein geradezu schauerliches seelisches Ge­lände. Jetzt erfährt man auch, weshalb Jona damals zu fliehen versucht hat: Er hat es vorausgesehen, daß Gott doch würde Gnade walten lassen, daß Gott ihn, den Pro­pheten, im entscheidenden Moment im Stiche lassen und sein Wort unerfüllt lassen würde. Wie Jona Gott im Zorn die uralten Gnadenprädikate vorhält, die die Gemeinde seit Jahrhunderten im Kultus vor Gott als ein Dankopfer darzubringen pflegte, — das klingt schon fast wie der gräßliche Fluch eines Verdammten:

»Das verdroß Jona gar sehr und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach Herr, das ist’s, was ich sagte, da ich noch in meinem Lande war, darum ich auch wollte zuvorkommen zu fliehen nach Tharsis; denn ich weiß, daß du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässest dich des Übels reuen.«

Man sieht, er weiß alles; genau, wie es im Katechismus steht, sagt er es her. Aber es war ihm bitter ernst mit sei­nem Vorwurf; so ernst, daß er nicht mehr weiterleben wollte. Darin war er freilich ganz ein Mensch des Alten Bundes, daß er das Leben nicht selber wegwarf, daß er vielmehr Gott bat, es ihm zu nehmen. Immerhin schien ihn doch noch etwas am Leben zu erhalten, und das war die Neugierde über das weitere Ergehen der Stadt. Gott aber erfüllte ihm seine Bitte nicht; er nahm ihm nicht sein Le­ben, sondern nun wandte er ihm sein väterliches Handeln zu. Er ließ an dem Ort, wo der unzufriedene Gottesmann lagerte, schnell einen Rizinus, eine große breitblättrige Staude aufwachsen und wirklich, — kaum genoß Jona den Schatten und die Kühle des Blätterdaches, da linderte sich nicht nur sein Unmut, Jona »freute« sogar, wie der Erzäh­ler sagt, »eine große Freude«. Aber das Behagen des Got­tesman­nes fand ein schnelles Ende, denn Gott, der allwis­sende und allmächtige Lenker aller Kreatu­ren, hatte ein Würmlein beordert, das fraß die Staude an, daß sie schnell verdorrte. Zu diesem Mißgeschick kam als zweites der im Orient so gefürchtete, alles ausdörrende Ostwind. Als dann die Sonne noch dem Jona auf den Kopf stach, da wurde er halb ohnmächtig und in Kür­ze so verzweifelt, daß er wieder leidenschaftlich zu sterben begehrte. Die kleine Wohltat des Blätterschattens hat er selbstverständ­lich sich zu eigen gemacht, ja sie hat ihn ganz ausgefüllt, als aber die so vergängliche Linderung wieder aus seinem Le­ben genommen wurde, da brau­ste er auf, fühlte sich in sei­nem Innersten verletzt und war ganz außerstande, Gottes überlegen gütige Anfrage nach dem Recht dieses Zornes auch nur zu verstehen:

»Ja, mit Recht zürne ich bis an den Tod! «

Dies also ist der Bote, sozusagen der Treuhänder der Ge­danken Gottes über Ninive! — Nun aber holt der Erzäh­ler aus zum Letzten. Jetzt führt er uns aus allem Zwielicht, aus allen Lächerlichkeiten, Unbegreiflichkeiten, mit einem Wort, aus allen Menschlichkeiten steil hinauf unmittelbar an das Herz Gottes. Gott hat das letzte Wort; und wir können nichts Besseres tun, als die wundervollen Worte einfach hierher zu setzen, die in ihrer Hoheit und Gnade gewissermaßen den ganzen Raum ausfüllen, die jedenfalls [72] so allgenugsam, so sieghaft erscheinen, daß jede weitere Frage nach Jona und seinem Starrsinn gegenstandslos wird. Es geht nunmehr um anderes:

»Und der Herr sprach: Dich jammert des Rizinus, daran du nicht gearbeitet hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, welcher in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht jammern solcher großen Stadt, in welcher sind mehr denn hundertzwanzigtausend Men­schen, die nicht wissen Unterschied, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere.«

Hier der vollständige Text als pdf.

„Da stirbt nun Jona drei Tage und Nächte im Walfisch …“ – Luthers geistliche Ausdeutung des Jonabuchs

29. März 2017

Jan Brueghel der Ältere – Jonas entsteigt dem Walfisch (1595) – Öl auf Holz

Es heißt ja, dass Martin Luther sich in seiner Schriftlauslegung allein auf den Literalsinn bezogen hat. Am Ende seiner Auslegung zum Jonabuch von 1526 betreibt Luther jedoch explizit Schriftallegorese, wenn er sich an einer dreifachen geistlichen Ausdeutung versucht. So schreibt er unter anderem:

„Da stirbt nun Jona drei Tage und Nächte im Walfisch. Das ist, der Sünder liegt in solchem Schrecken und Todesnöten und ringt mit dem Tode, bis er ganz verzweifelt. Denn innerhalb von drei Tagen kann man wohl spüren, ob einer tot sei. Und wer den dritten Tag im Tod erreicht, — da ist keine Hoffnung mehr. Selbst wenn er nicht ganze drei Tage läge, das meint, wenn er mehr als eine ganze Nacht und einen Tag liegt, dann ist er dahin. Denn derselbe kann wohl eine Stunde des vorigen Tages und eine Stunde des folgenden Tages erreichen. Solche drei Tage sind nicht lang in diesem geistli­chen Sterben. Denn es ist schnell geschehen, daß ihn Tod und Angst ins Verzweifeln treiben. Danach kommt das lebendige Gotteswort, das Evangelium der Gnade, und spricht zum Fische, das ist, es gebietet dem Tode, daß er den Menschen lebendig lasse. Da fängt der Glaube an und der Mensch wird sowohl von Sünden als auch vom Tode ledig und los und lebt somit in Gnade und Gerechtigkeit mit Christus. Da lernt nun Jona das Stücklein singen: »Ich will mit Dank opfern« usw. und schilt diejenigen, die sich auf Eitelkeit verlassen und die Gnade nicht achten. Denn solche Leute erfahren, daß Werk- und Gesetzesleben ganz unnützige Dinge seien und allein Gottes Gnade helfen muß. Und so werden dann Leute daraus, die in der Welt großen Nutzen schaffen; denn sie können recht lehren, beraten und regieren, weil sie es nicht alleine aus den Büchern oder Worten, sondern aus dem Geist und eigener Erfahrung haben. Was sie lehren, das schneidet dann und ist kräftig, wie es Jona hier mit seiner Predigt zu Ninive andeutet.“

Hier der Text aller drei geistlichen Ausdeutungen als pdf.

 

Martin Luther – Die Vernunft spielt Blindekuh mit Gott (Der Prophet Jona ausgelegt, 1526)

21. Juli 2016
Cranach - Der Prophet Jona

Aus der Werkstatt Lucas Cranach, 1526

Was kann man kraft der eigenen Vernunft von Gott wissen? Dieser Frage geht Martin Luther in seine Auslegung zum Jonabuch nach. Er bezieht sich dabei auf Jona 1,5: „Und die Leute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott.“

Hier siehst du, daß es wahr ist, was S. Paulus sagt (Röm. 1,19), wie Gott bei allen Heiden bekannt sei, das heißt: Alle Welt weiß von der Gottheit zu reden und der natürlichen Vernunft ist bekannt, daß die Gottheit etwas Großes sei gegenüber allen andern Dingen. Das beweist sich daraus, daß diejenigen hier Gott anrufen, die doch Heiden waren. Denn wenn sie nichts von Gott oder der Gottheit gewußt hätten, wie wollten sie dann angerufen und zu ihm geschrien haben? Obwohl sie nun nicht recht an Gott glauben, haben sie doch solchen Sinn und die Meinung, Gott sei ein solches Wesen, das da helfen könne im Meer und in allen Nöten. Solch Licht und Verständnis ist in aller Menschen Herzen und läßt sich nicht unterdrücken oder auslöschen. Es sind zwar einige da gewesen, wie die Epikuräer, Plinius und dergleichen, die es mit dem Munde leugnen. Aber sie tun’s mit Gewalt und wollen das Licht in ihren Herzen unterdrücken, sie tun wie [50] diejenigen, die mit Gewalt die Ohren zustopfen oder die Augen zuhalten, daß sie nicht sehen noch hören. Aber das hilft ihnen nicht, ihr Gewissen sagt ihnen anderes. Denn Paulus leugnet nicht, daß »Gott hab’s ihnen offenbart«, daß sie von Gott etwas wissen (Röm. 1,19).

So laßt uns hier auch aus der Natur und Vernunft lernen, was von Gott zu halten sei. Denn so meinen diese Leute von Gott, daß er ein solcher sei, der von allem Bösen helfen könne. Daraus folgt weiter, daß die natürliche Vernunft bekennen muß, daß alles Gute von Gott komme. Denn wer aus allem Bösen und Unglück helfen kann, der kann auch alles Gute und Glück geben. So weit reicht das natürliche Licht der Vernunft, daß sie Gott als einen gütigen, gnädigen, barmherzigen, milden ansehen. Das ist ein großes Licht. Aber es fehlen noch zwei große Stücke. Das erste: Sie (die Vernunft) glaubt richtig, daß Gott solches vermöge und wisse, zu tun, zu helfen und zu geben. Aber daß er es wolle oder willig sei, solches auch an ihr zu tun, das kann sie nicht (glauben). Darum bleibt sie nicht fest bei ihrem Sinn. Denn die Macht glaubt sie und kennt sie, aber am Willen zweifelt sie, weil sie das Gegenteil im Unglück fühlt. Das siehst du hier gut; denn die Leute rufen recht zu Gott, womit sie bekennen, daß er helfen könne, wenn er wollte. Sie glauben auch, daß er andern helfen wolle. Dabei lassen sie es bleiben, höher können sie nicht kommen. Denn sie versuchen ja alle ihre Macht, tun ihr Bestes und Höchstes. Hier kann der freie Wille nicht mehr. Aber sie glauben nicht, daß er helfen wolle; denn wenn sie das glaubten, dann handelten sie nicht so, würden nicht das Gerät und die Ware aus dem Schiff werfen, würden auch nicht zu Jona laufen und ihn heißen, seinen Gott anzurufen, sondern stille sein und auf Gottes Hilfe harren. Ferner wäre auch das Meer stille geworden um ihres Glaubens willen. Nun ist aber vonnöten solcher Glaube, der nicht zweifelt, Gott wolle nicht alleine andern, sondern [51] auch mir gnädig sein. Das ist ein rechter, lebendiger Glaube und eine große, reiche, eigentümliche Gabe des heiligen Geistes, wie wir es bei Jona sehen werden.

Das zweite (Stück) ist, daß die Vernunft die Gottheit nicht recht austeilen noch recht zueignen kann demjenigen, dem sie alleine gebührt. Sie weiß, daß Gott ist. Aber wer oder welcher es sei, der da mit Recht Gott heißt, das weiß sie nicht. Und es geht ihr ebenso, wie es den Juden ging, als Christus auf Erden wandelte und von dem Täufer Johannes bezeugt war, daß er gegenwärtig sei. Da stand es mit ihrem Herzen so, daß sie wußten, Christus wäre unter ihnen und ginge zwischen den Leuten. Aber welches die Person wäre, das wußten sie nicht; denn daß Jesus von Nazareth Christus wäre, das konnte niemand ausdenken. So spielt auch die Vernunft Blindekuh mit Gott und tut lauter Fehlgriffe und tappt immer daneben, so daß sie das Gott nennt, was nicht Gott ist, und umgekehrt nicht Gott nennt, was Gott ist, was sie beides nicht täte, wenn sie nicht wüßte, daß Gott wäre, oder gerade wüßte, welches oder was Gott wäre. Darum plumpst sie so herein und gibt den Namen und göttliche Ehre und nennt Gott, was sie meint, daß es Gott sei, und trifft so nimmermehr den rechten Gott, sondern überall den Teufel oder ihre eigene Meinung, die der Teufel regiert. Darum ist es ein ganz großer Unterschied, zu wissen, daß ein Gott ist, und zu wissen, was oder wer Gott ist. Das erste weiß die Natur und ist in alle Herzen geschrieben. Das andere lehrt alleine der heilige Geist.

Davon wollen wir Beispiele geben. Die Papisten und Geistlichen laß uns zuerst vornehmen, welche solchen Wahn von Gott haben, daß sie meinen, Gott sei ein solcher, der sich mit guten Werken bewegen oder genügen lasse. Darum haben sie auch so viele Stände, Sekten und mancherlei Weisen zu leben, mit denen sie alle meinen, Gott zu dienen und zu gefallen. Nun sage mir: Wenn nun kein Gott wäre, [52] der so gesinnt oder dieses Willens wäre, was ehren solche Leute als Gott? Ist’s nicht wahr, sie ehren ihren eigenen falschen Wahn und Einfall als Gott? Denn es ist in Wahrheit kein Gott, der so gesinnt sei; sie verfehlen mit solchem Wahn den rechten Gott und es bleibt da nichts als ihr falscher Wahn, der ist ihr Gott, dem geben sie den Namen und die Ehre Gottes. Nun kann unter dem falschen Wahn niemand sein als der Teufel, der ihn eingibt und regiert. So ist nun ihr falscher Wahn ihr Abgott und das Bild des Teufels in ihrem Herzen. Denn der rechte, einige, wahrhaftige Gott ist der, dem man nicht mit Werken, sondern mit rechtem Glauben von reinem Herzen dient, der seine Gnade und Güter völlig umsonst ohne Werk und Verdienst gibt und schenkt. Das glauben sie nicht. Darum kennen sie ihn auch nicht und müssen fehlgrei­fen und daneben tappen.

Da sieht du, woher alle Abgötterei kommt und warum es entsprechend Abgott, Aberglaube und Abgötterei heiße: Ohne Zweifel darum, weil solch Wahn uns abführt von Gott und abwendet von rechtem Gottesdienst. Oh, gewiß ein Abgott und Aberglaube, der uns von Gott zum Teufel hinab in die Hölle weist. Denn weil ein jeder etwas vornimmt, wovon er wähnt und glaubt, es gefalle Gott, und meint, Gott sei eben so gesinnt, der doch nicht so gesinnt ist und kein Gefallen daran hat: Darum müssen so viele Abgöttereien sein, wie es vielerlei Wahngebilde gibt, die vorgenommen werden, damit sie so Gott gefallen, ausgenommen allein die Meinung des Glaubens, die der heilige Geist gibt. So kam bei dem König Ahab der Abgott Baal auf; denn weil der König wußte, daß ein Gott sei, wähnte er, das wäre Gott, der sich diejenige Weise gefallen ließe, die er im Gottesdienst vor­nahm, und nannte so Gott »Baal« und umgekehrt nannte er den Baal »Gott«, wie das aus Hosea 2,16 deutlich wird.

Weiter meinte der König Jerobeam, das wäre Gott, der sich den Gottesdienst vor den goldenen Kälbern gefallen ließe; [53] und so mußten die Kälber »Gott Israels« heißen und umge­kehrt Gott ein »Kalb« genannt werden (1. Kön. 12,28). Gleichwie wenn man jetzt Christus, unsern Herrn, »Kappenhold« oder »Plattenhold« nennen würde, weil man meint, er sei ein Gott, der den Kappen und Platten hold wäre und ihm solcher Dienst wohlgefalle, wie denn die Mönche und Pfaffen ihn bestimmt im Herzen so ansehen und nennen. Aber das ist ein Abgott und Aberglauben und Irrwahn, der weit fehlgeht, und richtige Erzabgötterei. So gibt es unzählbare Abgöttereien, so viele Wahngebilde da sind, die anderes vornehmen und selbst erwählen, daß es Gott gefalle, abgese­hen vom Glauben in Christus. Da nun aber ein solcher Gott, dem das gefalle, nirgends ist, so dienen sie damit alle dem Teufel und nicht Gott.

Ebenso siehst du auch, daß alle diese Leute im Schiff von Gott wissen, aber keinen gewissen Gott haben. Denn »ein jeder«, heißt es, »rief seinen Gott an«, das ist: Seinen Wahn oder das, was er in seinem Sinne für Gott hielt. Darum verfehlen sie alle den einzigen rechten Gott und haben unter Gottes Namen und Ehre nur Abgötter. Deshalb war auch ihr Glaube nicht richtig, sondern ein Aberglaube und Abgötterei, die ihnen auch nichts halfen. Denn ihr Gott läßt sie in der Not sinken und vergeblich rufen, so daß sie ganz verzweifeln und nicht wissen, wo sie einen Gott finden sollten, der ihnen helfe; und sie laufen hinab zu Jona, wecken ihn auf und heißen ihn, seinen Gott anrufen, für den Fall, daß ein anderer Gott da wäre als ihr Gott, der helfen wolle. Da siehst du, wie falscher Glaube in der Not nicht besteht, sondern sinkt und verlorengeht, sowohl Gott als auch Glaube, Abgott und Aberglaube, so daß nur verzweifeln dableibt. Deshalb führt alleine der einzige lebendige Gott den Namen und Merkvers, daß er ein Nothelfer sei (Ps. 9,10; 46,2 und allenthalben); denn er kann aus dem Tode helfen (Ps. 68,21).

WA 19,205,25-208,35

Quelle: Martin Luther, Die Auslegungen von Jona und Habakuk, hg. v. Gerhard Krause, Frankfurt a. Main: Insel Verlag 1983, S. 49-53.

Hier Luthers Text als pdf.