Posts Tagged ‘Jüngel’

„Nicht jedoch endet im Tod Gottes Verhältnis zu dem im Tod beendeten Leben“ – Eberhard Jüngel über den Tod in seinem RGG4-Artikel

11. Februar 2018

Eberhard Jüngel hat als einer der vier Herausgeber der RGG4 sich bei seinen Artikel souverän über die editorischen Richtlinien hinweggesetzt. Neben seinem subversiven Beitrag „Wein und Wahrheit“ sind seine Artikel Miniaturen seiner eigenen Theologie. Ausgestattet mit extensiven Quellenangaben im Text und unter Ignorierung der vorgegebenen Spartenlogik fasst er zusammen, was ihm selbst am Herzen liegt, so auch in seinem Artikel über den Tod:

Theologische Definitionen des Todes haben die überwiegend negativen Konnotationen der Rede vom Tod in den biblischen Texten methodisch zu berücksichtigen, also davon aus­zugehen, daß der Tod als ein im Zeichen des göttlichen Zornes über den Sünder verhängter, aus dem Sündigen resultieren­der »Fluchtod« zu begreifen ist. Erst nach Würdigung dieses bedrückenden Sach­verhaltes läßt sich legitimerweise fragen, ob der Tod auch als das vom Schöpfer gewollte und deshalb gut zu heißende Ende des menschlichen Lebens zu begreifen ist und also zur von Gott bejahten guten Natur des Menschen gehört. Die Mög­lichkeit eines das irdische Leben beendenden, ja vollendenden »natürlichen« bzw. »kreatürlichen« Tod erschließt sich vom Neuen Testament her als Erfahrbarkeit des durch den Tod Christi von seinem Fluchcharakter befreiten Tod, über den hinaus für den irdischen Menschen nicht die Fortsetzung des gelebten Lebens, sondern nur Gott selbst als »Jenseits« in Betracht kommt. Gott aber wird in seiner Existenz als Vater, Sohn und Geist von den Glaubenden als das in ursprünglicher Weise beziehungs­reiche Wesen erfahren und begriffen. Das Leben des als Ebenbild Gottes ge­schaffenen Men­schen ist folglich ebenfalls ein bezie­hungsreiches Leben, das sich als Verhältnis des Men­schen zu sich selbst, zu seiner sozialen und natürlichen Umwelt und zu Gott vollzieht. Wann und wo immer der Beziehungsreichtum des menschlichen Lebens lädiert wird, ist nach biblischem Verständnis bereits der Tod am Werk.

Ist des Menschen Sünde dessen Drang in die durch rücksichtslose Selbstverwirklichung ent­stehende Beziehungslosigkeit und ist der Tod das aus diesem Drang resultierende »Fazit« (Röm 6, 23), dann ist der Tod zu definieren als Eintritt vollständiger Beziehungslosigkeit, in der nicht nur des Menschen Verhältnis zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt und zu sich selbst, sondern auch sein Verhältnis zu Gott und insofern eben sein Leben endet. Nicht jedoch endet im Tod Gottes Verhältnis zu dem im Tod beendeten Leben. Kraft der sich im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi durchsetzen­den und offenbarenden Liebe, die Gott selber ist, schafft dieses konstante Verhältnis Gottes zum im Tod endenden menschlichen Leben jene neuen Beziehungen, in denen sich des Men­schen ewiges Leben vollzieht. Nun kann der Tod auch als das von Gott gesetzte gute Ende des menschlichen Lebens bejaht und Sterben sogar als Gewinn begrüßt (Phil 1, 21) werden. Doch nicht der Mensch vollbringt sterbend eine letz­te, das eigene Leben vollendende Tat, die dann gar als »die Tat des Wollens schlechthin« zu verstehen wäre. Der Tod führt den Menschen vielmehr in eine letzte Passivität, die nur Gott selbst mit neuer Aktivität zu beleben vermag.

Hier Jüngels vollständiger Text als pdf.

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Eberhard Jüngels Oinotheologie – Der Wein bahnt der Wahrheit den Weg (aus der RGG4)

10. Dezember 2016

glas-wein

Auch der Mitherausgeber der RGG4 Eberhard Jüngel hat es sich nicht nehmen lassen, einen oinotheologischen Beitrag „Wein und Wahrheit“ in der RGG4 zu veröffentlichen. Da steht dann allerdings ein anderer Mitherausgeber, Bernd Janowski, mit seinem bierernsten Beitrag Wein II. Biblisch, etwas dumm da:

Wein IV. Wein und Wahrheit

Was hat die →Wahrheit mit dem Wein zu tun? Was hat der Wein mit der Wahrheit gemein­sam? Beide, Wahrheit und Wein unterbrechen die →Wirklichkeit. Wein, wenn er denn getrunken wird, unterbricht den Zusammenhang des alltäglichen →Lebens, um dieses in eine ihm sonst nicht erschwingliche Höhe zu steigern, weshalb der Wein auch als →Rausch erzeugendes Getränk gilt. Im Rausch aber steigert sich der →Mensch zu großer Form, zu seiner Form (Heidegger). Schon Jesus Sirach (→Sirach/Sirachbuch) hat deshalb die Kraft des Weins der Lebenskraft gleich geachtet (Sir 31,27).

Wahrheit, wenn sie sich ereignet, also noch nicht auf den logischen Status einer bleichen Satzwahrheit (S-P) reduziert ist, unterbricht den Zusammenhang des →Seins, und zwar so, daß jene Lichtung entsteht, in der das menschliche Dasein (→Existenz) als →Subjekt« des Seienden als »Objekt« ansichtig wird, sich daraufhin zu diesem im Akt des Erkennens (→Erkenntnistheorie) in Beziehung setzt, der im Fall des Gelingens das »abkünftige« Verständnis von Wahrheit als »adaequatio rei et intellectus« (→Thomas von Aquin, De veritate, q. 1 a. 1; vgl. I.→Kant, B 92ff.) ermöglicht und schließlich zur Satzwahrheit (S-P) erbleicht.

Dieser dem W. und der Wahrheit eigene Unterbrechungscharakter dürfte schon früh zu der Auffassung -geführt haben, daß »im Wein Wahrheit ist: in vino veritatem esse dicitur« (Plinius d.Ä., Naturalis historia, 14,141). Was bisher erfolgreich verborgen wurde, der Wein bringt es [1361] an den Tag. Wie der Narr einst bei Hofe auszusprechen wagte und vermoch­te, was eigentlich →tabu war, so bricht aus dem vom Wein Enthemmten unversehens die Wahrheit hervor. Der Wein bahnt der Wahrheit den Weg.

Puristen, Moralisten und Askeseideologen wollen freilich Wahrheit ohne Wein und denun­zieren dessen →Genuß zum Zweck der Wahrheitsfindung keck als Schuld (→Sünde/Schuld und Vergebung): »Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!/Sie wird ihm nimmer­mehr erfreulich sein«, heißt es dann (F.v.→Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais, 1795). Der syrische Über­setzer des Jesus Sirach hat denn auch, dessen Text unverfroren manipulie­rend, den Wein verwässert, als er aus dem hebräischen »dem Leben gleich zu achten ist der Wein« das syrische »dem Wasser gleich zu achten ist der Wein« machte Wasser so gut wie Wein – schlimmer kann man den Wein nicht kränken! Und auch die Wahrheit nicht, die wohl im Wein, aber niemals im Wasser sein kann: auch dann nicht, wenn es stimmen sollte, daß das Wasser das Beste ist:

áriston mén hýdōr (Pindar, 1. Olym­pische Ode, Strophe 1). Das Beste ist noch lange nicht das Wahre.

Der Wein enthemmt, die Wahrheit macht frei. Deshalb bilden Wein und Wahrheit eine Syzy­gie, ein Zwillingspaar (→Zwillinge). Und was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.

I. KANT, Kritik der reinen Vernunft, 21787 • M. HEIDEGGER, Nietzsche, Bd. 1, 1961, 109-145. Eberhard Jüngel

RGG4, Bd. 8 (2005), 1360f.

Hier der Text als pdf.

Der evangelisch verstandene Gottesdienst (Vortrag von Eberhard Jüngel)

30. Dezember 2015

Jüngel

Am Sonntag, den 22. April 2007 sprachen auf Einladung der Münstergemeinde Walter Kasper und Eberhard Jüngel im Ulmer Münster über den Gottesdienst aus katholischer bzw. evangelischer Sicht. Während Kaspars Vortrag Gottesdienst nach katholischem Verständnis eher weiter ausgreift, erweist sich Jüngel wieder einmal als theologischer Meister der anspruchsvollen Verdichtung. Sein Vortrag „Der evangelisch verstandene Gottesdienst“ kann als evangelischer Lehrtext  gelten (ist er doch in seiner konzisen, durchnummerierten Diktion päpstlichen Lehrschreiben nicht unähnlich). Die vollständige Fassung findet sich hier: Eberhard Jüngel, Der evangelisch verstandene Gottesdienst.

Eberhard Jüngel – Glauben heißt Vertrauen

19. Mai 2015

Eberhard Jüngel

„Glauben heisst Vertrauen. Im Glauben verlässt sich eine Person auf eine andere. Im Glauben wird ein Ich seiner selbst ledig, um sich bei einem anderen neu zu finden. Indem der Mensch dem rechtfertigenden Urteil Gottes glaubt, vertraut er diesem Gott, sagt er auf menschliche Weise Ja zu seiner eigenen Bejahtheit durch Gott. Und indem er so Ja sagt, verlässt er sich auf Gott, kommt er bei ihm in neuer Weise zu sich selbst und ist sich eben deshalb seines Gottes und seines eigenen Heils unüberbietbar gewiss. Glaube ist Heilsgewissheit.“

Diese Worte hat Eberhard Jüngel seinerzeit in der theologischen Auseinandersetzung um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1998 geschrieben. Sie stammen aus seinem Artikel „Glauben heisst Vertrauen. Über die Weisheit und den moralischen Sprengstoff der Rechtfertigungslehre“ aus der NZZ.

Eberhard Jüngel – Vom Ernst des Lebens

30. März 2013

Die Neue Zürcher Zeitung scheut sich nicht, kirchenjahresgemäß auch Theologisches zu zeitigen. Hier der aktuelle Gastbeitrag von Eberhard Jüngel passend zu Karfreitag und Ostern: Vom Ernst des Lebens. Leserisch ein Genuss.