Posts Tagged ‘Karfreitag’

„Nimm und trink vom Kelch des Heils“ – Christus in der Kelter (eine Karfreitagspredigt)

14. April 2017

Meester van het Martyrium der Tienduizend – Christus in de wijnpers (Kupferstich handkoloriert, 1463-1467, Rijksmuseum Amsterdam)

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.“ (Johannes 19,33f)

Als es mit dem Leiden Jesu am Kreuz von Golgota sein Ende hatte, fließt Blut – sein Blut. Die Frage stellt sich: Ist Jesus Christus damit zu einem Todesopfer geworden, dessen Blut unschuldig vergossen worden ist? Schnell redet man bei Unfällen oder Gewalttaten von Todesopfern, als wären die Getöteten dem Tod geopfert worden.

Wenn wir an Karfreitag den Kreuzestod Christi in den Blick nehmen, gedenken wir keinem passiven Todesopfer (im Sinne eines victim), sondern unseres Erlösers. In der christlichen Passionsmystik findet sich dazu die bildliche Darstellung „Christus in der Kelter“. Sie nimmt Bezug auf Jesaja 63,3: „Ich trat die Kelter allein (torcular calcavi solus)“. Beim Propheten steht diese Aussage für die vernichtende Handlung im göttlichen Endgericht über die Völker, wenn es heißt:

Wer ist der, der von Edom kommt,
mit rötlichen Kleidern von Bozra,
der so geschmückt ist in seinen Kleidern
und einherschreitet in seiner großen Kraft?
»Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet,
und bin mächtig zu helfen.«
Warum ist denn dein Gewand so rotfarben,
sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?
»Ich trat die Kelter allein,
und niemand unter den Völkern war mit mir.
Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn
und zertreten in meinem Grimm.
Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt,
und ich habe mein ganzes Gewand besudelt.
Denn ich hatte einen Tag der Rache mir vorgenommen;
das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.
Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer,
und ich war bestürzt, dass niemand mir beistand.
Da musste mein Arm mir helfen,
und mein Zorn stand mir bei.
Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn
und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm
und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«

(Jesaja 63,1-6)

Mit diesen prophetischen Worten ist ein grausames Strafgericht über die Sünde der Völker angesagt, bei dem der HERR menschliches Leben wie die Trauben in einer Kelter zertritt und deren Blut in den Ackerboden fließen lässt. Dass die Passionsmystik nun Christus in der Kelter auftreten lässt, verdankt sich einer technischen Innovation. Ursprünglich wurden Weintrauben in der Kelter (von lateinisch calcatorium, deutsch Fußtretung) ausgepresst, indem die Maische mit den Füßen zerstampft wurde. Bei den Römern kamen dann hölzerne Hebelpressen, sogenannte Baumkeltern („Torkel“, lateinisch torcular, „Presse“) zum Einsatz, bei denen eine Platte durch den Hebeldruck eines langen Baumstammes auf die Maische gedrückt wurde.

Christus in der Kelter trägt den Pressbaum (Kelterbalken) als sein Kreuz. So presst er die Weintrauben aus und ist zugleich selbst der Ausgepresste, der dem erdrückenden Gewicht des Baums nichts entgegenzusetzen hat.

Torkel in Nonnenhorn am Bodensee aus dem Jahr 1591

Schon Papst Gregor der Große (590-604) hat sich dieses Sinnbildes Christi angenommen:

„Allein hat er die Kelter getreten,
in der er selbst ausgepresst wurde,
da er das Leiden ertrug und überwand,
bis zum Tode am Kreuz duldend aushielt
und glorreich vom Tode erstand
(Solus enim torcular in quo calcatus est calcavit, qui sua potentia eam quam pertulit passionem vicit. Nam qui usque ad mortem crucis passus est, de morte cum gloria surrexit.)“
(Homiliae in Ezechielem II,1,9 vgl. PL 76, 942B)

Und auch der Mystiker Rupert von Deutz (um 1070-1129) deutet die Kelter auf Selbsthingabe Christi aus:

„Er kelterte, da er sich freiwillig für uns hingab,
er wurde gekeltert wie eine Traube,
da er unter dem Druck des Kreuzes
den Wein von der Hülle des Körpers ausscheiden ließ
und seinen Geist aushauchte“
(In Isaiam 2, 29 – PL 167, 1356)

Das tonnenschwere Gewicht der Sünde lastet auf Christus, erdrückt den Körper, presst ihm sein eigene Leben aus. So vollzieht sein Auftritt in der Kelter nicht das göttliche Zorngericht über die Völker. Gottfeindliches Leben wird durch ihn nicht zertreten. Vielmehr stiftet seine eigene Hingabe Frieden, wie es im Brief an die Kolosser heißt:

Es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (Kol 1,19f)

Was Blut für das menschliche Leben austrägt, stellt die göttliche Anweisung im 3. Buch Mose heraus: „Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“ (17,10)

Auf dem Bildnis „Christus in der Kelter“ findet sich ein Abfluss aus der Kelter, unter den ein Kelch bereitgestellt ist. Dass Jesu Blut vergossen worden ist, ist keine Mordtat, bei dem das Blut vom Ackerboden in den Himmel schreit (vgl. 1Mose 4,10). Vielmehr wird aus dem Unheilsgeschehen am Kreuz von Golgota das Leben neu gewonnen. Christus stellt sich nicht als Todesopfer der Menschheitsgeschichte dar. Im Abendmahl hat er den Leidens- und Todeskelch mit Danksagung in die eigene Hand genommen und ihn seinen Jüngern gereicht: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,27f)

In diesen Kelch hat sich Jesus mit seiner Todesgabe leiblich hineingelegt. Sein Blut, das geflossen ist, gereicht uns zum Heil. Der Tod am Kreuz macht nicht fassungslos, sondern stellt sich als Hingabe gegen unseren eigenen Tod. Er greift unser Leben auf, wo die Sünde es von den göttlichen Wurzeln abgeschnitten hat, wo es im Tod zu Staub verfallen muss.

Wenn wir von diesem „Kelch des Heils“ (Ps 116,13) trinken, schmecken wir den Wein (und nicht etwa Essig). Als Freudenbringer und Gottesgabe ist er zu preisen, so in Psalm 104:

Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz
und sein Antlitz schön werde vom Öl
und das Brot des Menschen Herz stärke

(Ps 104,14f)

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ (Prediger 9,7)

Dein Tun hat Gott schon längst gefallen, wenn Du im Abendmahl den Leidenskelch Jesu als Kelch des Heils in die eigenen Hände nimmst und seinen Worten Glauben schenkst: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedäch­tnis.“ (1Korinther 11,25)

Christus in der Kelter – tonnenschweres Gewicht der Sünde lastet auf ihm, erdrückt sein Leben, presst es ihm aus. Aber seine Hingabe für uns geht nicht verloren, ist im Kelch unter der Kelter gefasst: „Nimm und trink vom Kelch des Heils“ „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

Hier der Text als pdf.

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„Diese Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Gekreuzigten“ – Hans Joachim Iwands Predigt über 2. Korinther 5,19-21 an Karfreitag

13. April 2017

Christus in der Kelter

Eine starke Karfreitagspredigt über 2. Korinther 5,19-21 hatte Hans Jochim Iwand am 7. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Diese Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Gekreuzigten. Sie hat hier ihren letzten, ungeheuerlichen Versuch gemacht, Gott, als er mitten unter uns trat, zu beseitigen. Als sich auf einmal alles verwandelte, als verschlossene Quellen neu aufbrachen, als sich die Augen der Blinden öff­neten, als die Aussätzigen rein wurden und die Armen aufhörten, Gott zu fluchen und anfingen, Gott, den Gott, der in Jesus zu ihnen trat, zu lieben, da hat diese Welt ihren letzten Versuch gemacht, Gott los zu werden, und das Kreuz ist das Denkmal dieses letzten, aber gerade darin endgültig ge­scheiterten Versuchs. Um des Kreuzes willen darf es nun wirklich heißen: »Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.«

Es sind zwei Worte, die sich am Anfang unseres Textes besonders auf­fällig und deutlich herausheben: Gott und Welt. Im Griechischen ist es fast noch schärfer ausgedrückt als in dem verlesenen Text, da heißt es: dement­sprechend, daß es Gott war, der in Christus die Welt mit sich versöhnte. Gott ist also nicht etwas hinter dem Ganzen, das Geschehen, um das es geht, wenn wir die Karfreitagsgeschichte hören, ist nicht ein Drama, das sich vor unseren Augen abspielt und hinter dem dann irgendein Gott als Regisseur steht oder von uns dazu zu denken wäre, so wie man sonst das Drama eines Lebens auf die Bühne bringt. Da ist kein Vorhang zwischen dem Kreuz und Gott. Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unendlichen Verborgenheit und Tiefe und hat mitten in dieser Welt, in der wir alle leben, und für diese Welt, die so verloren ist und so seufzt und stöhnt und ächzt unter ihrer eigenen Gottesfeme, gehandelt und er hat das Tor zu sich wieder aufgetan und den großen Versöhnungstag herauf­geführt, auf den sie alle so sehnsüchtig warteten, die Propheten und die Frommen des Alten Testaments, genau so wie wir. Alle warteten darauf und müssen warten, wenn anders uns je einmal deutlich wurde, was Sünde und Schuld und Verfehlung bedeutet. Gott muß mitten unter uns treten. Gott ist es, der in Christus handelt. Gott gehört zu Christus und Christus gehört zu Gott, und es ist eben nicht so, als ob sich in Christus eine beson­dere Tiefe von Welt offenbarte, die Welt in ihrer edelsten und besten Mög­lichkeit, die Welt als die Welt des Menschen und seiner Größe, als ob wir also hier nur etwas sehen und hören könnten, was aus der Welt und ihren eigenen Möglichkeiten heraus denkbar ist. Nein, nicht unsere, sondern Gottes Möglichkeiten werden hier greifbar. Gott greift in Jesus Christus selber ein, er will uns überzeugen, daß er Gedanken des Friedens mit uns hat und nicht des Leides, daß er uns sucht, auch wenn wir nichts mehr von ihm wissen wollen, daß er den Weg weiß, auch wenn wir ihn längst ver­loren, schon längst alle Hoffnung begraben haben, je wieder zurückzufinden. Und ebenso gilt das nach der anderen Seite hin, nach der Seite der Welt hin, man könnte ja meinen, diese Tat Gottes in Jesus Christus habe mit der Welt nichts mehr zu tun, die gelte nur für den Frommen, den Guten und Gerechten, man könnte meinen, und viele glauben das ja, daß nur religiös angelegte Naturen verstehen, worum es in Jesus Christus geht. Aber auch diesen Gedanken müssen wir fahren lassen, wenn wir hören und verstehen wollen, was unser Text uns sagt. Heute geschieht nämlich wirklich, was Jesus Christus in seinen Gleichnissen immer wieder ange­deutet hatte: daß die Türen des königlichen Saales weit offen sind und die Boten ausgesandt werden, alle zu holen, Gute und Böse, die Krüppel und die Lahmen, die Ausgestoßenen und die Entfremdeten, nicht bloß die Idealisten, sondern auch die Materialisten, nicht bloß den Sohn, der im Hause blieb, nein, gerade auch den verlorenen Sohn, der sein Vermögen vertan und sein Leben verwüstet hat, heute sind alle gerufen ohne Unter­schied, heute sind alle geladen zu hören, was hier kundgemacht wird. Das ist Jesus Christus, die offene Tür, durch die wir alle wieder einen Zugang haben von hier nach dort, weil Gott durch diese Tür eingetreten ist, von dort nach hier. Gott und Welt, diese beiden abgrundtiefen Gegensätze be­gegnen sich hier und sie begegnen sich so, daß die Welt mit Gott versöhnt ist. Das ist das Große, was der Karfreitag bezeugt, und wir alle sind immer wieder neu gefragt, ob wir das glauben. Denn es ist so leicht, an Gott zu glauben, wenn man die Augen schließt und die Welt nicht sehen will, die Welt um uns und die Welt in uns, und darum geschieht es dann so oft, daß wir den Glauben verlieren, wenn wir irgendwie genötigt werden, die Au­gen aufzutun und zu sehen, was Welt heißt und bedeutet. Aber dieser welt­abgewandte Glaube ist in Wahrheit nicht der Glaube an den Gott in Chri­stus, es ist nur der Glaube an einen gedachten, eingebildeten, selbst gemachten Menschengott, der Glaube an den Gott der Guten, der Gerech­ten, der Frommen, aber nicht der Glaube, der erst hier geboren wird, hier, wo Gott in Christus mitten unter uns steht, um uns zu vergeben.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

Schlüssel des Heils am Kreuz von Golgota (Golgatha)

8. April 2017

Ludlow Massacre Monument (cc Beverly & Pack)

Ganz tief geht es die Stufen hinunter. Warum nur dieser Kellerabgang? Draußen scheint doch die Sonne; angenehm warm ist es. Die Frühlingszeit lässt aufblühen; und auch die Bäume zeigen zartes Grün. Aber er weiß es: Für ihn gibt es jetzt keinen Ausweg, kein Zurück, nur der Abstieg in eine ungeahnte Dunkelheit. Stufe für Stufe entschwindet das Tageslicht, wird das Lachen der Kinder von draußen immer leiser. Nur die Schritte der eigenen Füße auf den steinernen Stufen hallen nach. Diesen Klang nimmt er mit – Schritt für Schritt.

Muss er sich das wirklich antun? Mit jedem weiteren Schritt abwärts nimmt sich die Luft zum Atmen zurück. Immer stickiger wird es, als habe sich hier unten all das über die Jahrhunderte eingelagert, was das Leben ausgedünstet hat, als habe sich aller menschliche Todeshauch da unten gesammelt.

Warum nur dieser Abstieg, bei dem er nicht gewinnen kann, sondern verlieren muss? Die anderen hatten ihn eindringlich davon abgeraten; sie baten, ja bettelten, er solle nicht in diesen Kellerabgang gehen, sich nicht auf diesen unmenschlichen Abstieg einlassen: „Du hast doch selbst gesagt, dass du das nicht überleben wirst. Warum machst Du es trotzdem? Da unter kann dich nur der Tod, dein Tod erwarten.“ Und doch schreitet er weiter – Schritt für Schritt, bis schließlich sein Gang hinfällig wird. Ganz tief unten ist das eigene Leben ausgehaucht. Einer mehr, ein Toter mehr – oder?

Der Gottessohn war es, der an Karfreitag aus freien Stücken in den eigenen Erstickungstod abgestiegen ist. Mit seinem Leben und Sterben hat er sich am Kreuz von Golgota in das Todesschloss gefügt – ohne lichtes Spiel. Wo er sich endgültig hingegeben hatte, hat Christus am eigenen Leib den Machtraum des Todes und der Sünde aufgeschlossen. Unten im Totenreich ist dem Tod das Leben entwunden worden, hat der Gottessohn uns die Ewigkeit erschlossen, lässt uns Gott nicht länger im Tod zugrunde gehen. So tönt der österliche Siegesruf aus der Todeskammer: „Verschlungen ist der Tod in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1Korinther 15,54-57 Zürcher)

Da ist er also, der Schlüssel des Heils am Kreuz von Golgota: Jesus Christus ist für dich gestorben, hat sich mit seinem Leben in deinen Sündentod gefügt, damit dir die Himmelstüre zum dreieinigen Gott erschlossen ist. Siehst du die Türe – offen ist sie für dich. Offen ist sie dort, wo Du Christus wahrnimmst und seinem Wort Glauben schenkst:

Ich bin die Tür.
Wenn jemand durch mich hineingeht,
wird er gerettet werden
und wird ein- und ausgehen
und eine Weide finden.

(Johannes 10,7 Zürcher)

Hans Joachim Iwand – „Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt.“ Predigt über 2. Korinther 5,19-21

17. Juni 2016
Iwand mit Karl Barth 1956 auf der Jahrestagung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal

Hans Joachim Iwand (2.v.l.) mit Karl Barth 1956 auf einer Tagung der Gesellschaft für evangelische Theologie in Wuppertal-Elberfeld

Versöhnung in Christo akademisch lehren ist das eine. Das Wort von der Versöhnung auf den Glauben hin in einer Predigt auszurichten das andere. Eine höchst anspruchsvolle Karfreitagspredigt findet sich bei Hans Joachim Iwand aus dem Jahr 1957:

„Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt.“ Predigt über 2. Korinther 5,19-21

Von Hans Joachim Iwand

Denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns auf­gerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Bot­schafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde ge­macht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt. Es geht hier nicht um die Erlösung der Erlösten, oder um die Versöhnung der Versöhnten, es geht nicht etwa darum, nur bewußt zu machen, was wir je schon sind in der Hand unseres Gottes, sondern es han­delt sich um mehr, um eine Tat Gottes, die eine Weltenwende be­deutet. Es geht darum, daß Gott genau da, wo wir meinen, den Glauben an ihn zu verlieren, mitten in der verlorenen und gott­losen Welt das Zeichen seines Sieges, seiner Barmherzigkeit, sei­ner rettenden und richtenden Überlegenheit aufgerichtet hat. Wir alle rechnen in seinen Augen zu dieser verlorenen, gottfeindlichen, im Aufstand gegen ihn befindlichen Welt. Als Glieder dieser Welt, wie sie heute ist, wie wir sie alle kennengelernt haben, in den kur­zen oder langen Abläufen unseres Lebens, sollen wir es hören und glauben, daß der große Versöhnungstag Gottes mit dieser Welt wahrgeworden ist! Ließen wir ihn so gelten, wie er dasteht, dann müßten die Türen der Kirche heute ganz weit aufgehen, dann müßte in diesem Augenblick alles frei und offen vor uns liegen, was da draußen vor sich geht, dieses dunkle und schreckliche, die­ses grausame Menschen- und Weltenlos, dann dürften wir hin­schauen auf die Brandstätten des eben vergangenen Krieges, dann müßten wir es spüren bis in diesen Raum hinein, die schreckliche Atmosphäre des Hasses, der Verhetzung und der Propaganda, in der sich neues Unheil zusammenbraut, kaum daß das alte vorüber ist. Dann müßte alles vor unserem Auge stehen, was uns oft so viel [279] Anfechtung bereitet, die erbarmungsvolle Oberflächlichkeit der Menschen, die nicht mehr wagen in die Tiefe zu gehen und einen Blick in sich selbst zu tun, die wohl oder übel ohne Vergangenheit und Zukunft leben in dem flüchtigen Moment der Arbeit und des Genusses und des eben wieder modern gewordenen Tanzes um das goldene Kalb. Und doch würden wir in demselben Augenblick wis­sen, daß das alles aufgehoben ist, daß das vor Gott nicht gilt und nicht wahr ist, so wenig wahr wie der letzte Versuch der Welt ge­lingen konnte, Gott in Christo zu widerstehen. Diese ganze weite, große, verlorene Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Ge­kreuzigten. Hier ist sie aufgehoben. Indem sie versucht, Gott los­zuwerden, ist er nun endgültig als der Sieger in ihre Mitte ge­treten.

Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unend­lichen Verborgenheit und Tiefe

Es sind vier Worte, die sich am Anfang unseres Textes besonders auffällig und deutlich heraus­heben: «Gott war in Christo», d. h. in diesem leidenden und sterbenden Menschen Jesus da ist Gott der Handelnde, der uns allen Nahe. Gott ist also nicht etwas hinter dem Ganzen. Die Karfreitagsgeschichte ist nicht ein Drama, das sich auf der irdischen Bühne vor unseren Augen abspielt und hinter dem Gott als Regisseur steht oder von uns dazu zu denken wäre. Da ist kein Vorhang zwischen Gott und diesem Gekreuzigten. Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unend­lichen Verborgenheit und Tiefe und hat mitten in dieser Welt, in der wir alle leben, und für diese Welt, die keinen Raum für ihn hat, in Christus ein für alle­mal sein letztes Wort gesprochen. Er hat das Tor zu sich wieder aufgetan und den großen Versöhnungstag her­aufgeführt, auf den wir alle, ob wir es wissen oder nicht, so sehn­süchtig warten. Wir alle warten darauf und müssen darauf warten, wenn anders wir je zu spüren bekamen, was Sünde und Schuld und Verfehlung bedeuten. Gott muß mitten unter uns treten, alles andere kann uns nicht helfen. Gott ist es, der das allein ändern kann. Aber eben Gott in Christus. Diese beiden sind eins, der Vater und der Sohn, der Vater im Himmel und dieser Mensch auf Er­den, und ist doch ein Werk und eine Tat, die beide tun im Sterben und im Leben, im Siegen und im Untergehn. Es ist nicht so, als ob sich in Christus in diesem Tod eine besondere Tiefe des Mensch‑[280]lichen offenbarte, als ob wir hier nur etwas zu sehen und zu hören bekommen, was aus unserer Welt und unseren Möglichkeiten stammt und was wir so verstehen können. Nein, der Apostel meint, ihr habt nicht eure, sondern ihr habt Gottes Möglichkeiten hier vor euch. In diesem Jesus Christus greift Gott selber ein. Er will die Welt davon überführen, daß die Gerechtigkeit und der Friede bei ihm liegt. Daß er sie sucht, auch wenn sie ihn längst vergessen hat. Daß er sie nicht losläßt, auch dann, wenn sie meint, sie sei ganz fern und ganz gottlos geworden. Und dasselbe gilt auch nach der anderen Seite hin. Man könnte ja meinen, diese Tat Gottes in Chri­stus gelte nur den Frommen, d. h. solche, die doch noch eine letzte Erinnerung an Gott bewahrt haben, und das sind, was man die religiös ange­legten Naturen nennt. Aber auch diese Gedanken müs­sen wir fern lassen, wenn wir hören und verstehen wollen, was un­ser Text uns sagt. An diesem großen Versöhnungstage geschieht nämlich wirklich, was Jesus Christus in seinen Gleichnissen immer nur angedeutet hatte: Die Türen des königlichen Saales sind weit geöffnet und die Boten werden ausgesandt, alle zu holen, die Guten und die Bösen, die Tauben und die Lahmen, die Ausgestoßenen und die Entfremdeten, nicht bloß die Idealisten, sondern auch die Materialisten, nicht nur die Gehorsa­men, die im Hause blieben, nein, auch die verlorenen Söhne, die ihr Vermögen vertan und ihr Leben verwüstet haben, — heute sind alle gerufen, ohne Unterschied! Das bedeutet: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber, daß die Welt diese offene Tür bekommen hat, durch die alle einen freien Zugang haben von hier nach dort, nachdem Gott durch diese Tür eingetreten ist von dort nach hier. Gott und die Welt, die sonst nicht zueinan­der kommen können, begegnen sich hier und begegnen sich so, daß die Welt mit Gott ver­söhnt wird. Das ist das Große, das ist es, was Karfreitag bezeugt! Und wir alle sind immer wieder neu gefragt, ob wir das auch wirklich glauben, denn erst dann sind wir Christen! Es ist so leicht, an Gott zu glauben, wenn man die Augen schließt und die Welt nicht sieht, die Welt um uns und die Welt in uns. Und darum geschieht es dann so oft, daß wir diesen ungeprüften und eingebilde­ten Glau­ben verlieren, sobald wir die Augen auftun und sehen, was Welt [281] heißt und bedeutet. Aber dieser weltabgewandte Glaube ist nicht der lebendige Glaube an Gott in Chri­stus, er ist der Glaube an einen gedachten, eingebildeten, selbstgemachten Menschengott, der Glaube an den Gott der Guten, der Gerechten und der Frommen, aber er ist nicht der Karfrei­tags­glaube. Und man muß den einen ablegen, wenn der andere in uns geboren werden soll. Denn der Karfreitagsglaube sieht zwar, wie es um die Welt steht, aber er glaubt nicht dem, den er da sieht, er glaubt allein das, was Gott in Christus getan hat.

Das scheinbar Negative ist das Allerpositivste in unserem Leben

Denn — und das ist das zweite und Wunderbare an diesem Ver­söhnungshandeln Gottes, daß wir nichts Positives über die Art aus­machen können, wie Gott und die Welt in Christus sind. Das ein­zige Ergebnis Gottes, das wir zu fassen bekommen, das einzige, was hier und überall durch die ganze Bibel hindurch verkündet wird, wenn die Rede auf das Kreuz Christi kommt, scheint etwas Negatives zu sein: Gott rechnet ihnen die Sünden nicht an. Mehr ist es nicht. Weil wir alle immer wieder darauf aus sind, wissen zu wollen, was Gott uns gibt, weil wir Gott immer nur als den geben­den Gott im Auge haben, können wir den vergebenden nicht fas­sen. Darum können wir auch nicht begreifen, daß das scheinbar Negative das Allerpositivste ist in unserem Leben, das Fundament, auf dem alles andere ruht, was wir an Glauben, Lieben und Hoffen kennen! Das wird in dem Augenblick anders, wenn wir im Ange­sicht der Versöh­nungstat Gottes begreifen lernen, was Verfehlungen bedeuten. «Ewig still steht die Vergan­gen­heit», sagt der Dichter, und er hat wohl recht damit, solange wir absehen von der Kar­frei­tagsbotschaft. Dann ist in der Tat das Vergangene wie ein Fels, den wir nicht wegwälzen kön­nen, denn in dem, was wir Vergan­genheit nennen, sind ja unsere eigenen Taten Ereignis ge­wor­den, die unabhängig von uns ihren Weg gehen und ihre Wirkung haben. Sie sind die großen Hindernisse auf unserem Weg nach vorn, die uns die Straße in die Zukunft versperren. Darum ist die ganze Weltgeschichte immer wieder ein verzweifelter Versuch, nach vorn durch­­zubrechen und dann ein schrecklicher Rückfall in die alte Schuld und in die alten Sünden. Es gibt Ereignisse, die so schwer sind, daß sie uns alle mit sich in die Tiefe ziehen, daß aller Mut [282] zum Leben erlischt, alle Freude und alle Zuversicht, daß wir uns umdre­hen müssen und hinschauen auf das versunkene Sodom und Gomorrha, bis wir selbst zur Salzsäule werden! Es nützt uns dann gar nichts, daß wir übrig geblieben und mit dem Leben davon ge­kommen sind, denn wir sind gebannt an eine schreckliche Vergangenheit, die uns nicht losläßt und uns zerquält und zerfrißt mit der einen großen Frage: warum, warum? Wir hören die heimlichen An­klagen aus dem Abgrund hervorsteigen. Wir spüren, wie schwer die Gewichte sind, die sich an uns hängen, die unabänderlichen Ereignisse, die wir selbst herauf­beschwören. Dann erst, wenn man das Leben von dieser Seite aus sieht, wenn man begreift, wie die Men­schen unter solcher Last gleichgültig werden, wie sie freud- und hoffnungslos sich dahinschleppen, kann man verstehen, was für eine große Sache es ist, wenn Gott kommt und Gericht hält und das Ende und das Ergebnis darin besteht, daß es heißt: Er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu! Wenn wir einen Blick darauf werfen, wie genau unter den Menschen selbst gerechnet wird, wie dort jeder vom anderen seine Schuld eintreibt, die einzelnen, die Völker, die Klassen, die Parteien, dann erst, wenn man dieses grausame Spiel begriffen und den Menschen einmal gesehen hat, wie er über sei­nesgleichen zu Gericht sitzt und alles anrechnet, was nur anzurechnen ist, dann kann man ermessen, daß wir hier in eine andere Welt tre­ten, eine Welt, über deren Portal eingemeißelt ist: Im Angesicht des Gekreuzigten «Gott rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu».

Die Welt lebt nun einmal davon, daß ihre Rech­nungen beglichen werden

Das ist es, was wir nicht fassen können. Darum erdichten wir uns immer wieder ein Dahinter, einen nach Menschenart rechnenden, verklagenden, die Schuld eintreibenden Gott. Dieser Wahn müßte heute endgültig fallen, wenn es auch für uns Karfreitag werden soll. Heute müß­ten wir begreifen, daß Gott uns in Jesus nahe ist, und daß es hier kein Dahinter gibt. Daß die­ses Sein Gottes in Christo unser Sein ist, das allernächste und vertrauteste in unserem Leben, näher als alles Gewesene und als alles Kommende, näher als alle Tiefen und näher als alle Höhen, näher als die Dämonen, und zwar die guten wie die bösen, so daß uns nichts davon scheiden kann, und wir nichts anderes sehen und nichts anderes hören als dieses Wort Gottes: Er rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu! Das [283] heißt also, daß alle Seile zerrissen werden, mit denen die Last der Vergangenheit unser Schiff in die Tiefe ziehen möchte, daß ein Schluß­strich gesetzt wird, unter alle Verfehlungen, damit wir neu anfangen können, so neu, als finge unser Leben mit diesem Gottes­tage selber überhaupt erst an. Aber auch das ist noch viel zu wenig gesagt, um die Fülle zu fassen, die das Neue mit sich bringt, denn wahr­schein­lich würden wir gar bald wieder unseren alten Fehler ma­chen und wenn nicht die glei­chen, dann andere, die ebenso schwer sind, und so bliebe doch die Angst vor den Abgrün­den und das Wissen um die Schwächen, die nun einmal den Menschen angeboren sind. Aber, nicht wahr, dieses Mißverständnis erklärt sich daraus, daß wir schon wieder etwas Positives in der Hand halten möchten, daß wir uns nicht genügen lassen an Gottes Gnade, an dem einen: Er rechnet ihnen ihre Sünde nicht zu. Alles Positive ist in diesem Falle weniger als dieses Negati­ve, alles Sein ist weniger als das Nicht-Sein, alles Haben weniger als das Nicht-Haben. Und weil der Karfreitag uns in der Tat nicht mehr sagt, sagt er mehr als alle anderen Tage und ist er wirklich Gottes Tag in unserem Leben! Er sagt nur dies eine: Gott war in Christo und rech­nete ihnen ihre Sünden nicht zu. Und hier dürfen sie alle kommen, die Menschen dieser Welt, und einsetzen, was sie wollen, was jeden bedrückt, es mögen Berge von Schuld sein oder Ab­gründe von Versuchungen, es mag all das sein, was die vom Zweifel Angefochtenen erle­ben und erleiden, all die Blasphemie, die sie gedacht, all die Leugnun­gen Gottes, die sie gelehrt haben. Die Ungerechtigkeiten dieser Welt, wenn sie Ereignis geworden sind in dem Erleiden der Kinder und der Frauen, die Grausamkeiten des Krieges, die Hartherzig­keit der Geldmen­schen, alles das soll nicht gerechnet werden. Wenn wir Menschen so etwas täten, wo kämen wir dann hin, wo bliebe das Recht und die Gesellschaft, wo bliebe der Staat und die Polizei? Hin und wieder möchten wir es ja so haben, hin und wieder ver­suchen wir es selbst und machen Ansätze dahin, aber wir scheitern, wir müssen erkennen, daß wir die Ordnung unter­graben, von der wir alle leben, denn die Welt lebt nun einmal davon, daß ihre Rech­nungen beglichen werden. Aber Gott ist darum Gott und nicht ein Mensch. Und der Himmel ist darum nicht die Erde und der [284] Karfreitag ist darum nicht ein Tag, wie alle anderen Tage, weil hier nichts anderes gilt, als Gottes freie, vergebende, bedingungs­lose Gnade. So tief ist das Geheimnis des Karfreitags, es ist das Geheimnis Gottes selbst! Und wenn es diesen Tag nicht gäbe, dann könnte niemand von uns wissen, wie es um Gott steht und wie wir zu ihm stehen. Und weil es das Geheimnis Gottes ist, was immer noch sein Geheimnis bleibt, auch wenn unsere Augen das Kreuz sehen, und wenn unsere Ohren die Geschichte des Kreu­zes hören, darum braucht Gott einen besonderen Dienst, der diese neue Li­nie, diese himmli­sche, göttli­che, gnadenvolle Linie mitten in der Welt und in der Zeit vertritt und unbeirrbar durchhält, mag das auch heute so wenig von der Welt verstanden werden, wie es da­mals der Fall war.

Der Tod von Jesus von Nazareth riecht nach Leben und er hat gar nichts Abstoßendes und gar nichts Schreckliches

Daraus ergibt sich das dritte, was unser Text sagt: Daß Gott nicht nur nicht anrechnet, sondern daß er einen Botendienst einrichtet von dieser Stätte des großen Versöhnungstages her, der in alle Welt hinausgeht und überall hin die Freudenbotschaft bringt. Ein alter Meister unter den Theologen hat ein eindrückliches Bild für dies Geschehen geprägt. Er vergleicht Gott mit einem König und die Welt vergleicht er mit einem Volk, das sich gegen diesen König empört hat. Durch diese Empörung, so sagt er, seien alle Glieder des Volkes schuldig geworden, denn sie haben sich aufgelehnt ge­gen ihren angestammten Herrn; aber der König setzt einen Ge­richts­tag fest in seinem Palast und unterzeichnet eine Urkunde, durch die seinem Volk die Schuld vergeben wird, die auf allen lastet. Da­mit aber jedermann in diesem Reiche wissen kann, daß er hinfort unter der Vergebung lebt, sendet der König Boten aus bis in die fernsten Winkel und Enden seines Landes, die jedermann die Bot­schaft überbringen sollen, daß der König den großen Versöhnungs­tag für alle gemacht hat. Und wenn wir uns die ersten Christen ansehen und wissen wollen, was eigentlich solch ein Apostel ist, wie hier der Apostel Paulus, der zu uns redet, dann werden wir be­merken, daß dieser Apostel sich nicht anders fühlt als solch ein Bote, und die ersten Christen sich nicht anders verstehen als solche Menschen, denen diese Botschaft gebracht worden ist. «Als Bot­schafter an Christi Statt» möchte der Apostel angesehen werden, [285] und so sollten sich alle ansehen, die zu den Menschen von Gott re­den, denn alles andere Reden von Gott ist nutzlos und leer. Wir sollen diese Botschaft Gottes hinaustragen bis in die letzten Hütten und Dörfer, bis in die fernsten Winkel seines großen, weiten Kö­nigreiches, zu allen, die sich fürchten, die Angst haben, die zusam­men­schrecken, wenn der Name des Königs genannt wird. Eigentlich müßte, wenn wir den Apostel recht verstehen, der Karfreitag der große Freudentag der Welt sein, wir dürfen uns gar nicht versam­meln hinter verschlossenen Türen, sondern müßten selbst hinaus­gehen und alle herein­holen, damit sie es auch hören und verneh­men, daß heute Friede ist, Friede in Gottes großem, weitem König­reich, Freude auf der ganzen Erde! Friede gerade im Zeichen und Angesicht des einen Menschen, des Menschen Jesus Christus, der da am Kreuz hängt. Überall sonst ist der Tod etwas Schreckliches und überall, wo das Leben auf den Tod stößt, flieht es, denn es merkt, daß es selbst bedroht ist. Es riecht nach Sterben, nach Untergang und Ende. Aber der Tod von Jesus von Nazareth riecht nach Leben und er hat gar nichts Abstoßendes und gar nichts Schreckliches. Denn jeder Mensch, der sein Auge dahin erhebt und der diese Bot­schaft annimmt, hört hier, daß wir leben sollen. Der Tod ist zu einem Mittel geworden in der Hand Gottes, um uns alle froh und gewiß zu machen! Es ist so wie damals, als die Israeliten in der Wüste die eherne Schlange errichteten. Jedermann, der seine Augen dahin erhob, war gerettet, das Gift der Schlange schadete ihm nicht mehr, der Tod konnte ihm nichts mehr anhaben.

Es ist schrecklich, wenn die Kirche meint, mit Institutionen und Gesetzen den Menschen zu dem Letzten und Höchsten helfen zu können

Aber eines muß man freilich bei dieser Sache beachten, und dar­auf legt der Apostel den größ­ten Wert: diese Boten dürfen, weil sie Boten Gottes sind, nicht befehlen, sie dürfen nur bitten, so, als ob Jesus Christus, der hingeopferte Königssohn, selbst bäte: sonst wären sie nicht Boten des Gnadenreiches und könnten die Men­schen nicht zum Glauben rufen, sie könnten sich nicht aus der Kraft des Geistes für die Gnadenbotschaft entscheiden. Laßt mich hier noch etwas Besonderes sagen: Es war kurz nach dem Ende des letz­ten Krieges. Zum erstenmal waren wir in einer zerstörten, mittel­deutschen Stadt wieder zusammen, viele Freunde und Brüder der Bekennenden Kirche, viele von ihnen, die nicht mehr geglaubt hat‑[286]ten, daß sie sich jemals wiedersehen würden. Da war Martin Nie­möller, der solange im KZ von uns getrennt war, da waren Brü­der, die aus den Gefängnissen Berlins kamen, in denen sie hart am Tode vorbeigingen, da war auch der Mann unter uns, der durch die Absperrung Deutschlands solange von uns getrennt war, Karl Barth, dessen Wort uns in den Jahren der Entscheidung so viel be­deutet hatte. Und als wir dann zum Abendmahl gingen, zum ersten Abendmahl nach all den Jahren der Trennung und des Grauens, stand dieses Wort aus dem 2. Korinther-Brief über uns, und wir ha­ben uns gelobt, unser Dienst soll von nun an nichts anderes sein, als dieses Bitten: So bitten wir euch nun an Christi Statt, lasset euch versöhnen mit Gott! Es ist nämlich schrecklich, wenn die Kirche mehr sein möchte, wenn sie glaubt, die Menschen zum Glauben zwingen zu können, wenn sie meint, mit Institutionen und Gesetzen den Menschen zu dem Letzten und Höchsten helfen zu können. Mit sol­chen Mitteln, die die Staaten und vielleicht auch die Gesellschaft und vielleicht auch die Parteien gebrauchen, um ihre Untertanen und Anhänger zusammenzuhalten, gewinnt man nur die Leiber, aber niemals die Herzen. Die Herzen gewinnen überhaupt nie wir, sondern die Herzen gewinnt nur Christus selbst. Wir müssen ab­nehmen und er muß wachsen! Er, der für uns dahingegebene Sohn Gottes, muß mitten unter unserem Bitten so groß werden, daß durch ihn geschieht, was an diesem Tage geschehen soll und kann. Sonst wäre ja dieser Versöhnungstag Gottes eben doch nicht der Tag aller Tage, sonst wäre er nicht der Tag der großen Freiheit, sonst würden die Menschen sich ja doch wieder nur auf Menschen verlas­sen. Bitten heißt ja, darauf angewiesen sein, daß der, den wir bitten, es tut. Haben wir nicht erfahren in den Zeiten, da unsere ganze kirchliche und geistige Herrlichkeit zusammenbrach, daß viele Men­schen, die sich Christen nannten, eben doch nicht zu Christus ge­hörten, daß sie sich noch niemals freiwillig, noch niemals aus freien Stücken Gott ganz übergeben hatten? Es gehört Glaube dazu, Glau­be an Gott und Glaube an das Wunder des Glaubens, das Gottes Geist an uns Menschen tun kann, wenn man diese Grenze innehält. Ein Glaube, der mehr verlangt als etwa nur, daß wir an das Gute im Menschen glauben sollen, nein, wir können und dürfen und sol‑[287]len glauben, daß der Mensch sich versöhnen läßt, wenn Gott in Christus ihn bittet, daß er sich in innerer Freiheit versöhnen läßt, einfach darum, weil es ihm von Gott her aufgeht, daß die Feind­schaft zu Ende ist und darum auch bei uns zu Ende sein muß.

Auf die­sem einen Jesus Christus liegt die ganze Nacht

Denn wir gehören ja nun auf die andere Seite. Auf ihm, auf die­sem einen Jesus Christus, liegt die ganze Nacht — und auf uns, auf allen, die nicht Jesus Christus sind: «Durch seine Wun­den sind wir geheilt.» Wir sind — oder wir könnten jedenfalls sein — Gottes Gerechtigkeit! Also gerade das, was wir bisher nie sein konnten. Denn bisher konnten wir ja nur unsere eigene, fatale, abstoßende, Heuchler und Pharisäer zeitigende Gerechtigkeit sein. Bisher wa­ren wir im besten Falle so gerecht, daß immer wieder ein fataler Geruch von dieser Gerechtig­keit ausging, der jene Grenzen und Grä­ben schuf, die uns alle gegeneinander mit dem tiefen Mißtrauen er­füllen. Gottes Gerechtigkeit ist diese uns unsere Sünden nicht an­rechnende Gerechtigkeit, ist seine souveräne Tat — durch die aus dem größten Elend die größte Freude, aus dem Unabänderlichen das Werden des neuen Lebens wird! Das ist gemeint mit dem Satz, mit dem unser Text schließt: «denn Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden die Gerech­tigkeit, die vor Gott gilt». Wenn wir einmal erkannt haben, daß wir mit unserer bedenklichen eigenen Gerechtigkeit nicht bestehen kön­nen, weil wir in Jesus Christus gerichtet sind, dann werden wir uns nicht mehr der neuen Gerechtigkeit schämen, die am großen Ver­söhnungstage vor aller Welt von Gott proklamiert wurde und der zu dienen bis heute das Predigtamt berufen ist.

Gehalten in Bonn am 20. April 1957 (Karfreitag).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 278-287.

Hier die Predigt als pdf zum Herunterladen.

Der Lumpensammler – Zur Predigt an Karfreitag (Jesaja 53,1-12)

3. April 2015
Lumpensammler

Ein Lumpensammler früh morgens in Paris, Avenue des Gobelins, Paris, 1899

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,4f) Zu diesen Worten hat der amerikanische Pfarrer Walter Wangerin die Geschichte „Der Lumpensammler“ (im Original „Ragman“) geschrieben, die eine Predigt zu Karfreitag hergibt:

Der Lumpensammler

Von Walter Wangerin jr.

Ich habe etwas Seltsames gesehen. Ich bin über eine sehr seltsame Geschichte gestolpert, über etwas, auf das mein Leben, meine Gewitztheit, meine verschlagene Zunge mich nicht vorbereitet hatten.

Still, Kind. Still jetzt, und ich werde es dir erzählen.

An einem Freitagmorgen, noch vor der Dämmerung, bemerkte ich einen gutaussehenden, starken jungen Mann, der durch die Straßen unserer Stadt ging. Er zog einen alten Karren voller bunter neuer Kleider und rief mit klarer heller Stimme: „Lumpen!“ Ah, beim Klang dieser süßen Musik schmeckte die Luft faulig, und das erste Morgenlicht schimmerte trüb.

„Lumpen! Neue Lumpen für eure alten! Ich nehme eure zer­schlissenen Lumpen! Lumpen!“

„Wie seltsam“, dachte ich, denn der Mann war einen Meter neunzig groß, und seine Arme waren wie Äste, hart und muskulös, und seine Augen leuchteten wach und klug. Konnte er keine bessere Arbeit finden, dass er als Lumpensammler durch die Innenstadt ziehen musste?

Ragman

Ich folgte ihm. Meine Neugier trieb mich an. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Bald sah der Lumpensammler eine Frau auf ihrer Hintertreppe sitzen. Sie schluchzte in ihr Taschentuch, seufzte und vergoss tausend Tränen. Ihre Knie und Ellbogen bildeten ein trauriges X. Ihre Schultern zitterten. Ich sah, dass ihr das Herz brach.

Der Lumpensammler hielt seinen Karren an. Leise stieg er über Blechdosen, zerbrochene Spielzeuge und Windeln auf die Frau zu.

„Gib mir deinen Lumpen“, sagte er sanft, „und ich werde dir ein neues Tuch geben.“

Er zupfte ihr das Taschentuch von den Augen weg. Sie blickte auf, und er legte ihr ein leinenes Tuch auf die Hand, so rein und neu, dass es leuchtete. Sie blinzelte und sah von der Gabe zu dem Geber auf.

Dann, als er wieder seinen Karren zu ziehen begann, machte der Lumpensammler etwas Merkwürdiges: Er legte sich ihr verschmier­tes Taschentuch vor sein Gesicht. Und dann begann er zu weinen und mit bebenden Schultern ebenso bekümmert zu schluchzen, wie sie es getan hatte. Sie jedoch blieb ohne eine Träne zurück.

„Das ist ein Wunder“, flüsterte ich bei mir selbst, und ich folgte dem schluchzenden Lumpensammler wie ein Kind, das sich von einem Geheimnis nicht mehr losreißen kann.

„Lumpen! Lumpen! Neue Lumpen für eure alten!“

Nach kurzer Zeit, als der Himmel grau zwischen den Dächern hindurchzuschimmern begann und ich die zerschlissenen Vorhänge vor den schwarzen Fenstern erkennen konnte, begegnete der Lum­pensammler einem Mädchen mit leeren Augen, dessen Kopf in einen Verband gehüllt war. Der Verband war blutdurchtränkt. Blut rann über ihre Wange.

Der große Lumpensammler betrachtete das Kind voller Mitleid und holte eine hübsche gelbe Mütze von seinem Karren.

„Gib mir deinen Lumpen“, sagte er und streichelte ihre blutver­schmierte Wange, „und ich werde dir meinen geben.“

Das Kind konnte ihn nur anstarren, während er den Verband löste, abnahm und sich um seinen Kopf band. Die Mütze setzte er auf ihren Kopf. Und ich sperrte den Mund auf, als ich es sah: Mit dem Verband war auch die Wunde verschwunden! Auf seiner Stirn quoll nun dunkles schweres Blut – sein eigenes!

„Lumpen! Lumpen! Ich sammle alte Lumpen!” rief der schluch­zende, blutende, starke, so klug aussehende Lumpensammler.

Inzwischen stach die Sonne vom Himmel, blendete meine Augen. Der Lumpensammler schien es immer eiliger zu haben.

„Gehst du zur Arbeit?“ fragte er einen Mann, der an einem Telefonmast lehnte. Der Mann schüttelte den Kopf.

„Hast du denn keine Arbeit?“ hakte der Lumpensammler nach.

„Bist du verrückt?“ gab der andere höhnisch zurück. Er stieß sich von dem Mast ab, so dass man seinen rechten Jackenärmel sah – er war plattgedrückt, und die Manschette steckte in der Tasche. Er hatte keinen Arm.

„So“, sagte der Lumpensammler. „Gib mir deine Jacke, und ich gebe dir meine.“

Mit welcher Bestimmtheit er das sagte!

Der Einarmige zog seine Jacke aus. Das gleiche tat der Lumpen­sammler — und ich erschauerte bei dem Anblick: Der Arm des Lumpensammlers blieb in seinem Ärmel, und als der andere die Jacke anzog, hatte er zwei gute Arme, kräftig wie Äste; der Lumpensammler dagegen hatte nur noch einen.

„Geh zur Arbeit“, sagte er.

Danach fand er einen Betrunkenen, der bewusstlos unter einer dünnen Decke lag, einen alten Mann, gekrümmt, runzelig und krank. Er nahm die Decke und legte sie sich um die Schultern, doch für den Betrunkenen ließ er neue Kleider zurück.

Und nun musste ich rennen, um mit dem Lumpensammler Schritt halten zu können. Obwohl er hemmungslos weinte, seine Stirn in Strömen blutete und er seinen Karren mit einem Arm ziehen musste, vor Trunkenheit stolpernd, immer wieder fallend, erschöpft, alt, alt und krank, lief er ungemein schnell. Er hastete durch die Gassen der Stadt, eine Meile und dann noch eine, bis er die Grenzen erreichte, und dann eilte er weiter.

Ich musste darüber weinen, wie sehr dieser Mann sich verändert hatte. Seine Not schmerzte mich. Und doch musste ich herausbe­kommen, wo er so eilig hinwollte – vielleicht um zu erfahren, was ihn so sehr antrieb.

Müllberg in Jakarta

Der kleine alte Lumpensammler – er kam zu einer Müllhalde. Er kam zu den Abfallgruben. Und dann wollte ich ihm bei dem helfen, was er tat. Aber ich blieb zurück und versteckte mich. Er stieg auf einen Hügel. Unter qualvollen Mühen räumte er eine kleine Fläche auf der Kuppe frei. Dann seufzte er und legte sich nieder. Seinen Kopf bettete er auf ein Taschentuch und eine Jacke. Seinen Körper bedeckte er mit der dünnen Decke. Und er starb.

Oh, wie ich weinte, als ich sein Sterben mit ansah! Ich ließ mich in eines der Schrottautos fallen und jammerte und klagte wie einer, der keine Hoffnung hat — denn in mir war eine tiefe Liebe zu dem Lumpensammler erwacht. Jedes andere Gesicht war mir angesichts des Wunders dieses Mannes verblasst, und er war mir kostbar geworden. Doch nun war er tot. Ich schluchzte, bis ich in Schlaf fiel.

Ragmandied

Ich wusste nicht – woher hätte ich es wissen sollen? – dass ich die ganze Nacht und auch den Samstag und die nächste Nacht durch­schlief.

Doch dann, am Sonntagmorgen, wurde ich durch ein lautes Getöse geweckt.

Licht – reines, hartes, forderndes Licht – prallte auf mein trauriges Gesicht, und ich blinzelte und blickte auf. Und ich sah das letzte und das erste Wunder von allen. Dort stand der Lumpensammler und faltete sorgfältig die Decke zusammen. Er hatte eine Narbe auf der Stirn, doch er lebte! Und er war gesund! Von Not oder Alter war ihm nichts anzumerken, und all die Lumpen, die er gesammelt hatte, leuchteten schneeweiß und rein.

Da senkte ich meinen Kopf, und erschauernd über all das, was ich gesehen hatte, ging ich auf den Lumpensammler zu. Voller Scham nannte ich ihm meinen Namen, denn neben ihm war ich nichts als eine erbärmliche Gestalt. Dann warf ich an Ort und Stelle alle meine Kleider ab und sagte voller Sehnsucht zu ihm: „Bekleide mich.“

Und er bekleidete mich. Mein Herr, er legte mir neue Kleider an, und ich bin ein Wunder neben ihm. Der Lumpensammler, der Lumpensammler, der Christus!

Quelle: Walter Wangerin, jr., Der Lumpensammler und andere Erzählungen, Gießen: Brunnen Verlag 1995, 9-12 (das Buch ist leider vergriffen).

Der Text des englischsprachigen Originals „Ragman“ findet sich hier: Wangerin – Ragman.

Eine englischsprachige Lesung von „Ragman“ durch Walter Wangerin findet sich hier.

Frohe Ostern? Morgenröte ohne Karfreitag

2. April 2015

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Was soll man sich in der Karwoche wünschen? Ich tue mir schwer mit „frohe Ostern“, denn damit wird ja offensichtlich der Karfreitag übergangen. Im Deutschen (und Englischen) ist Ostern („Morgenröte“) semantisch von Karfreitag geschieden, im Unterschied zu vielen anderen Sprachen. Dort werden Wortableitungen vom aramäischen pas-cha (angelehnt an das hebräische Wort pessach) verwendet. Im Pas-cha-Fest kommt die Einheit von Leiden und Kreuzestod Christi, seine Auferstehung von den Toten und seiner Erhöhung zur Sprache. Beim deutschen Osterverständnis hingegen bleibt der Kreuzestod Christi außen vor.

Triduum Sacrum („heilige drei Tage“), das wäre die korrekte liturgische Bezeichnung für das Fest, das wir beginnend mit dem Abendmahl an Gründonnerstag bis zum Ostermorgen feiern. „Ich wünsche Dir heilige drei Tage bzw. ein gesegnetes Pas-cha-Fest.“ Für Christen jedenfalls wäre dieser Wunsch zuträglicher als ein frohes Morgenrötefest.

Das Lachen der Täter an Karfreitag

25. März 2015

Lachen der Täter

Das scheint wohl ein Buch für Karfreitag zu sein, Klaus Theweleit, Das Lachen der Täter: Breivik u.a. Psychogramm der Tötungslust, das wohl morgen erscheinen wird. Die Besprechung von Julia Encke in der F.A.Z. zitiert aus dem Buch:

„Es gibt einen bestimmten körperlichen Herrschaftstyp, der seine Herrschaft immer mit Gewalt und ohne Rücksicht gegen die anderen durchsetzt. Die Griechen nennen ihn Barbaren. Ich nenne ihn nicht so, sondern einen bestimmten Dominanzmännertyp, der von Beginn unserer Kultur an da ist (auch bei den Griechen) und der versucht, seine Herrschaft durchzusetzen mit Gewalt, mit Töten. Und zum Töten braucht man eine bestimmte körperliche Disposition: eine Art zerstörter Körperlichkeit mit der Dauerangst, psychisch zu fragmentieren. Glücklicheren Menschentypen wäre das unangenehm, in die Haut des anderen einzudringen und das Blut spritzen zu lassen. Jeder macht das nicht; zumindest nicht mit Lust.“

Hier noch der Link zum Interview mit Theweleit in der WamS „Indem sie vernichten, werden sie lebendig“.

Eberhard Jüngel – Vom Ernst des Lebens

30. März 2013

Die Neue Zürcher Zeitung scheut sich nicht, kirchenjahresgemäß auch Theologisches zu zeitigen. Hier der aktuelle Gastbeitrag von Eberhard Jüngel passend zu Karfreitag und Ostern: Vom Ernst des Lebens. Leserisch ein Genuss.

Evangelium Jesu Christi als Skandalgeschichte des Kreuzes

11. Januar 2012

Der Kölner Generalvikar Dominik Schwaderlapp zeigt sich empört: „Es ist für mich ein Skandal, wenn Kabarettisten die zentrale Glaubensgestalt der Christen in sinnfreien Klamauk einbeziehen.“ Auf der alternativen Kölner „Stunksitzung“ zeigt ein Sketch über die menschliche Mobilitätsentwicklung Jesus, der grinsend auf einem Elektroroller zu seiner Kreuzigung fährt. Dazu läuft das Lied „Always look on the bright side of life“.

Anstößig in der Tat. Dabei verkennt jedoch der Generalvikar den wirklichen Skandal. In seinem ersten Brief an die Korinther bringt ihn der Apostel Paulus zur Sprache: „Denn da die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, auf dem Weg der Weisheit Gott nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verkündigung jene zu retten, die glauben. Während die Juden Zeichen fordern und die Griechen Weisheit suchen, verkündigen wir Christus den Gekreuzigten – für die Juden ein Ärgernis (skandalon), für die Heiden eine Torheit (moria), für die aber, die berufen sind, Juden wie Griechen, Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen.“ (1Kor 1,22-25)

Der Gottessohn am Kreuz nackt und bloß, gestorben für die Sünde der Welt – das ist der eigentliche Skandal. Wenn Linksnarren sich über den Kreuzgang Jesu lustig machen, ist das ein „weltliches“ Echo auf diesen Skandal. Durch (un-)sinnige Blasphemie werden Christen schmerzlich daran erinnert, dass die Botschaft vom Kreuz in der Welt tatsächlich als ärgerniserregende Torheit zu gelten hat. Wer in der Blasphemie selbst den Skandal sieht, scheint den Glauben an das Evangelium Jesu Christi als Skandalgeschichte des Kreuzes verloren zu haben.

Abschied vom Opfertod Jesu Christi?

28. Februar 2011
Otto Dix - Es ist vollbracht (Lithographie 1960)

Otto Dix – Es ist vollbracht (Lithographie 1960)

Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.“ So endet dem Evangelium nach Johannes zufolge das irdische Leben Jesu (19,30). Da gibt der Gottessohn sein eigenes Leben hin. Aber was soll dieses Opfer? Warum muss denn ein Unschuldiger für andere geopfert werden? Und was ist das für ein Gott, der ein bluttödliches Opfer braucht? Hinter der letzten Frage verbirgt sich freilich das Missverständnis, das Opfer solle bei dem Gott Versöhnung bewirken. Als brauche ein zorniger bzw. ehrverletzter Gott das Opfer seines Sohnes, um selbst besänftigt oder aber rehabilitiert zu werden.

Wo im Alten Testament vom Sünd- bzw. Schuldopfern die Rede ist (3Mose 4f), handelt es sich dabei nicht um menschliche Opfergaben. Vielmehr nimmt der Gott, vertreten durch den Priester, einem Menschen das Unheil seiner Sünde ab und überträgt sie auf ein Tier, das stellvertretend für seinen Eigentümer das Todesschicksal erleidet. Der Gott empfängt also nicht etwa eine menschliche Sühneleistung, sondern ermöglicht umgekehrt den Menschen heilende Sühne. Im Sühnegeschehen wird die Unheilswirkung der Sünde vom menschlichen Leben abgewendet.

Wenn im Neuen Testament der Kreuzestod Jesu zur Sprache kommt, wird dieser Tod nicht als Besänftigung eines göttlichen Zorns oder als Genugtuung für den himmlischen Vater geltend gemacht. Vielmehr steht am Anfang die göttliche Liebe, die sich des menschlichen Unheils annimmt, so wenn der Apostel Paulus schreibt: „Der Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8) Es ist eben nicht der Gott, der durch ein stellvertretendes Opfer mit dem Mensch versöhnt werden muss, als vielmehr der Mensch, der der Versöhnung mit dem dreieinigen Gott bedarf (2. Korinther 5,19-21). Die Selbsthingabe des Sohnes sucht nicht etwa den Vater, sondern die Menschen für sich einzunehmen.

Aber warum musste überhaupt ein Unschuldiger sterben? Hätte es da nicht auch andere, blutleere Möglichkeiten zur menschlichen Heilwerdung gegeben? Wer so fragt, nimmt sich selbst aus dem Heilsgeschehen heraus und versucht sich an einer Ingenieurslogik: Wie und mit welchen Mittel erreiche ich ausgehend von einem bestimmten Zustand ein gewünschtes Ergebnis? Da suchen fromme Menschen zu erklären, dass es für den Gott kein anderes Heilsmittel gab als seinen Sohn am Kreuz dahinzugegeben. Und doch können uns derartige Heilskonstruktionen in die Irre führen. Wer einen Heilsmechanismus aus- oder nachdenkt, entzieht sich dem Geschehen am Kreuz und scheint davon selbst nicht betroffen zu sein. Aber genau das ist für Christen unmöglich. Das Heilsdrama Jesu Christi – gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel – schließt uns mit Leib und Seele ein.

Wenn es um Sünde, Leben und Tod geht, sind wir nicht Ingenieure unseres eigenen Schicksals. Da gelten vielmehr die letzten Worte Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht!“ Warum das Heil ein für allemal für uns vollbracht ist, entzieht sich unserer Logik. Nur rückblickend auf das Kreuz können wir mit den Worten des auferstandenen Christus sprechen: „Musste der Gesalbte nicht solches erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lukas 24,26) Die Erlösten, denen in Christus die Versöhnung mit dem Gott zugesprochen ist, sagen zu Recht: Es ging nicht anders; das war für uns notwendig. Und doch bleiben Jesu Tod und Auferstehung ein göttliches Geheimnis, das Menschen nicht denkerisch ergründen können.

An Stelle eigenen Denkens tritt das liturgische Gedenken an die Selbsthingabe des Gottessohnes, wie dies Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ (Lukas 22,19) In der Feier des Abendmahls vollzieht sich mit den Einsetzungsworten die erinnernde Vergegenwärtigung von Jesu Heilstat in Tod und Auferstehung, der unser Glauben gilt. Und dieses bleibende Geheimnis des Glaubens wird vor der Austeilung gemeinschaftlich bekannt: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Wo wir mit der Liturgie in das Pascha-Mysterium hineingenommen sind, werden uns die Worte Jesu „es ist vollbracht“ lebenswahr. Der versöhnenden Lebenshingabe des Gottessohnes ist menschlicherseits nichts hinzufügen. Und damit ist dann auch in Sachen christliche Toleranz alles schon gesagt. Mit Christus gilt zu ertragen, was uns nicht gleichgültig sein kann, wie zum Beispiel fremdreligiöse Praktiken und Bauwerke hier in Deutschland. Was Christus für uns am Kreuz gewonnen hat, kann nicht durch Aktionen etwa gegen Moscheebauten geltend gemacht werden. Allein das eigene Zeugnis für ihn zählt. Und das lebt aus seiner Zusage: „Es ist vollbracht!“ Wer kann uns da überhaupt noch ängstigen: „Ist der Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Römer 8,31f)

In überarbeiteter Fassung in der Brücke – Evangelisches Gemeindeblatt für Ulm, Neu-Ulm und Umgebung, Nr. 4 (April) 2011, abgedruckt.

Hier mein Text als pdf.