Posts Tagged ‘Karl Barth’

„Das Wunder der Weihnacht“ – Karl Barths Feuilletonartikel von 1927

12. Januar 2017
Karl Barth 1962 am James River in Virginia (USA) feuert mit einem Gewehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg

Karl Barth 1962 am James River in Virginia (USA) mit einem Gewehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg.

In einem Feuilletonartikel für die Münchner Neuesten Nach­richten zu Weihnachten 1927 nimmt Karl Barth 1Kor 13,8 auf – „Die Liebe höret nimmer auf. Prophetengaben aber werden aufgehoben. Zungenreden wird aufhören. Erkenntnis wird aufgehoben werden“ -, um das Wunder der Weihnacht „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ neu zur Sprache zu bringen:

Muß denn gerade dies gesagt werden: «Empfangen vom heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau», um das Wunder der Weih­nacht, das Wunder der in sich selbst begründeten und darum nimmer aufhörenden Liebe kenntlich zu machen? Die bewußten Sätze gehören bekanntlich zu den berüchtigsten Sätzen des dem «modernen Menschen» so bedenklichen, wenn nicht gerade widrigen Dogmas der Kirche. «Muß man denn das glauben, um ein Christ zu sein?» «Kann man es denn wirklich nicht ohne das ma­chen?» Ich würde darauf antworten: man kann «es» bekanntlich überhaupt nicht «machen». Man «muß» also gar nichts glauben, um ein Christ zu sein.

Man ist nicht damit ein Christ, daß man dies und das tut, denkt und glaubt, erlebt, sagt. Wir hörten ja eben: darin steht die Liebe, nicht daß wir ihn, sondern daß er uns geliebt hat. Unter «Prophetengaben, Zungenrede, Erkenntnis», von denen Paulus sagt, daß sie «aufgehoben» werden, d.h. daß sie eine Grenze (unsere eigene Grenze) haben, gehört zweifellos auch das Bekenntnis der Kirche. Seine Wahr­heit ruht in seinem Gegenstande, nicht in ihm selber, also in Gottes Offenbarung, nicht in dem, was es über sie zu sagen hat. Also damit ist oder wird man in der Tat kein Christ, daß man das Bekenntnis nachsagt. Wohl aber damit, daß uns die Offenbarung angeht, daß man sich von ihr gesagt sein läßt, was sie sagt, und daß man dann, in welcher menschlichen Unvollkommenheit immer, nachsagt, was uns vorgesagt ist. Wir setzen nun voraus, daß Gottes Offenbarung den «modernen Menschen» genau so angeht, wie sie den antiken und den mittelalterlichen Menschen anging und wie sie den Menschen des Jahres 3000 angehen wird. Was sollten wir denn zu Weihnacht Besseres tun als eben mit dieser Voraussetzung an alles Volk herantreten? Der Engel in der Christnacht hat diese Voraussetzung offenbar auch gemacht.

Wir setzen voraus, daß der «moderne Mensch», der dies liest, es sich eben jetzt wieder einmal sagen läßt: Du liebst nicht nur mit jener Liebe, die aufhört, sondern du bist geliebt mit der Liebe, die nimmer aufhört, die du gar nicht verdient hast und gar nicht erwi­dern kannst. Es dürften aber dann, auf Grund dieser Voraussetzung, andere Fragen am Platze sein als die betrübte und auch ein wenig langweilige und geistlose liberale Frage: «Muß man denn das glauben?» Was heißt müssen? Man muß ja gar nicht! Kein Mensch muß müssen! Aber man kann vielleicht nicht anders, und dann darf man vielleicht glauben! Man hat dann vielleicht kein Vergnügen mehr daran, das Bekenntnis der Kirche als eine «Ansicht» (eine etwas veraltete Ansicht wahrscheinlich) aufzufassen, der man nun, wie es bei Ansichten so üblich ist, fröhlich diskutierend seine eigene «Ansicht» gegenüberzustellen sich beeilen müßte, sondern man hört es dann, weil man ja dann selber auch in der Kirche ist, nur schon darum, weil es das Bekenntnis der Kirche ist, allen individuellen Bedenken zum Trotz minde­stens mit Respekt, mit der Disziplin, der die eigene «Ansicht» jedenfalls nicht das Maß aller Dinge ist.“

Hier der vollständige Text als pdf.

„Der es mit uns hält“ – Karl Barths Weihnachtspredigt zu Lukas 2,7 von 1958

10. Januar 2017
Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956 (Bundesarchiv, Bild 194-1283-23A / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0)

Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956

Als Gegenstück zu Rudolf Bultmanns „Weihnachtsbesinnung“ von 1953 eine Weihnachtspredigt von Karl Barth zu Lukas 2,7, gehalten am Weihnachtstag 1958 in der Strafanstalt Basel. Ja, Welten liegen dazwischen, wenn Barth verkündet:

„Gott sei Dank, daß es, wenn es jetzt um das Einkehren des Heilandes geht bei uns, auch in unserem Leben noch einen solchen ganz anderen Ort gibt, wo der Heiland nicht erst fragt, nicht nur draußen steht und anklopft, sondern einfach einkehrt, wo er heimlich schon eingekehrt ist und nur darauf wartet, daß wir ihn erkennen und uns seiner Gegenwart freuen. Was ist das für ein Ort in unserem Leben? Denk jetzt nicht an irgend etwas, wie du meinst, Nobles, Schönes oder doch Rechtes in deinem Leben und Tun, in welchem du dich dem Heiland allenfalls empfehlenswert und empfangsbereit darstellen könntest! Nicht so: der Ort, wo der Heiland bei uns einkehrt, hat mit dem Stall von Bethlehem das gemein, daß es da auch gar nicht schön, sondern ziemlich wüst aussieht: gar nicht heimelig, sondern recht unheimlich, gar nicht menschenwürdig, sondern auch ganz in der Nähe der Tiere. Seht, unsere stolzen oder bescheidenen Herbergen und wir als ihre Bewohner – das ist doch nur die Oberfläche unseres Lebens. Es gibt darunter verborgen eine Tiefe, einen Grund, ja einen Abgrund. Und da drunten sind wir Menschen, wir alle ohne Ausnahme, jeder in seiner Weise, nur eben bettelarm dran, nur eben verlorene Sünder, nur eben seufzende Kreaturen, nur eben Sterbende, nur eben Leute, die nicht mehr aus noch ein wissen.

Und eben da kehrt Jesus Christus bei uns ein, mehr noch: da ist er bei uns allen schon eingekehrt. Ja, Gott sei Dank für diesen dunklen Ort, für diese Krippe, für diesen Stall auch in unserem Leben! Da drunten brauchen wir ihn, und eben da kann er auch uns brauchen, Jeden von uns. Da sind wir ihm gerade die Rechten. Da wartet er nur darauf, daß wir ihn sehen, ihn erkennen, an ihn glauben, ihn lieb haben. Da begrüßt er uns. Da bleibt uns schon gar nichts Anderes übrig, als ihn wieder zu begrüßen und willkommen zu heißen. Schämen wir uns nicht, da drunten dem Ochsen und Esel ganz nahe zu sein! Gerade da hält er es ganz fest mit uns allen. An diesem dunklen Ort will und wird er mit uns und dürfen wir mit ihm Abendmahl feiern. Und das ist es ja, was wir nachher mit ihm und miteinander tun dürfen. Amen.“

Hier der vollständige Text der Predigt.

Karl Barth – Die neue Welt in der Bibel (The Strange New World within the Bible)

15. Dezember 2016
Karl Barth mit Ehefrau Nelly und Kinder 1919 in Safenwil

Karl Barth mit Ehefrau Nelly und den Kindern Markus, Christoph und Franziska 1919 in Safenwil

Es gibt einen Vortrag von Karl Barth, der im angloamerikanischen Kontext eine eigene Wirkungsgeschichte entfaltet hatte – „Die neue Welt in der Bibel“. Bei der Übersetzung ins Englische 1928 wurde nämlich noch das Adjetiv „strange“ verstärkend hinzugefügt: „The Strange New World within the Bible„. Eugene Peterson beispielsweise im ersten Kapitel  zu „Eat This Book – A Conversation in the Art of Spiritual Reading“ (auf Deutsch unter dem Titel „Nimm und iss … Die Bibel als Lebensmittel“ im Neufeld Verlag erschienen) beruft sich ausdrücklich auf Barths Vortrag vom 6. Februar 1917 in der Kirche von Leutwil. Im Deutschen blieb „Die neue Welt in der Bibel“ jedoch in Karl Barths erster Aufsatzsammlung „Das Wort Gottes und die Theologie“ (1924) in Frakturschrift eingesperrt. Und auch der Wiederabdruck 2012 in der Karl Barth-Gesamtausgabe ist mit all den textkritischen Anmerkungen kein Lesegenuss. Dabei ist der Vortrag des dreißigjährigen Safenwiler Pfarrers Karl Barths viel zu gut, um nur als historisches Dokument zur Genese der Dialektischen Theologie gelesen zu werden. Barths expressive Sprache geht unter die Haut. Und seine Anti-Hermeneutik ist eine Einladung, sich selbst in die Bibel einzulesen:

In der Bibel steht eine neue Welt, die Welt Gottes. Diese gewaltige Antwort sagt das gleiche, wie das Wort des ersten Märtyrers Stephanus: Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen! Weder durch den Ernst unsres Glaubens, noch durch die Tiefe und den Reichtum unsrer Erfahrungen haben wir uns das Recht verdient, diese Antwort zu geben. Ich werde darum auch nur Weniges und Ungenü­gendes darüber sagen und auch ihr werdet nur Weniges und Ungenügendes davon fassen und verstehen können. Wir müssen uns offen eingestehen, daß wir mit dieser Antwort weit über uns selbst hinausgreifen. Aber das ist’s gerade: wenn wir überhaupt dem Inhalt der Bibel näher treten wollen, müssen wir es wagen, weit über uns selbst hinauszugreifen. Der Inhalt der Bibel selber läßt das nicht anders zu. Denn die Bibel hat nicht nur das an sich, daß sie zunächst jedem das gibt, was er verdient, was ihm entspricht: dem Einen viel, dem Andern etwas, dem Dritten nichts — sondern auch das Andre, daß sie uns, wenn wir nur aufrichtig sind, gar keine Ruhe läßt, wenn wir mit unsern kurzsichtigen Augen und plumpen Fingern so eine Antwort aus ihr herausgeholt haben, wie sie uns entspricht. Wir merken dann bald: das ist etwas, aber das ist nicht alles — das konnte mir für ein paar Jahre genügen, aber dabei kann ich nun eben nicht bleiben. Die Bibel sagt uns bei gewissen „Auffassungen“, die wir uns von ihr machen, bald sehr deutlich und sehr freundlich: So, das bist du, aber nicht ich! Das ist nun das, was dir vielleicht in der Tat sehr gut paßt: zu deinen Gemütsbedürfnissen und Ansichten, in deine Zeit und in eure „Kreise“, zu euren religiösen oder philosophischen Theo­rien! Sieh nun hast du dich spiegeln wollen in mir und hast wirklich dein eigenes Bild in mir wiedergefunden! Nun aber geh und suche auch noch mich! Suche, was dasteht! Die Bibel selbst ist’s, eine gewisse unerbittliche Logik ihres Zusammenhangs, die uns über uns selber hinaustreibt, uns einladet, ohne Rücksicht auf unsre Würdigkeit oder Unwürdigkeit nach der letzten höchsten Antwort zu greifen, mit der alles gesagt ist, was gesagt werden kann, auch wenn wir es kaum zu fassen und nur stammelnd auszudrücken wissen, eben nach der Antwort: Eine neue Welt, die Welt Gottes ist in der Bibel. Es ist ein Geist in der Bibel, der läßt es wohl zu, daß wir uns eine Weile bei den Nebensachen aufhalten und damit spielen können, wie es unsre Art ist — dann aber fängt er an, zu drängen und was wir auch einwen­den mögen: wir seien ja nur schwache, unvollkommene, höchst durchschnittliche Menschen! er drängt uns auf die Hauptsache hin, ob wir wollen oder nicht. Es ist ein Strom in der Bibel, der trägt uns, wenn wir uns ihm nur einmal anvertraut haben, von selber dem Meere zu. Die heilige Schrift legt sich selbst aus, aller unserer menschlichen Beschränktheit zum Trotz. Wir müssen es nur wagen, diesem Trieb, diesem Geist, diesem Strom, der in der Bibel selbst ist, zu folgen, über uns selbst hinauszuwachsen und nach der höchsten Antwort zu greifen. Dieses Wagnis ist der Glaube und nicht mit einer falschen Bescheidenheit, Zurückhaltung und angeblichen Nüchternheit, sondern im Glauben, als die da mitgehen wollen, wohin sie geführt werden, lesen wir die Bibel recht. Und jene Einladung: wag’s nur und greif’ nach dem höch­sten, obwohl du’s nicht verdienst! ist eben die Gnade in der Bibel, und da geht uns die Bibel recht auf, wo uns in ihr die Gnade Gottes begegnet, leitet, zieht und wachsen läßt.

Hier der vollständige Text des Vortrags als pdf.