Posts Tagged ‘Kirchensteuer’

„Man macht unserer Kirche ja den Vorwurf, daß wir eben das Kirchenvolk in die Kirche hineintaufen und es dauernd zum Objekt machen“ – Landesbischof Martin Haug gegen den staatlichen Einzug der Kirchensteuer

11. Januar 2018

Das hat es im Nachkriegsdeutschland tatsächlich gegeben, ein Landesbischof, der sich deutlich gegen den staatlichen Einzug der Kirchensteuer gestellt hat – Martin Haug, der von 1948-1962 als württembergischer Landesbischof amtierte. Dankenswerterweise hat Pfarrer i.R. Helmut Sigloch (von 1959-1962 persönlicher Mitarbeiter von Haug) mit seinem Büchlein „Macht die Gemeinde stark. Landesbischof Martin Haug“ darauf aufmerksam gemacht. So sei aus zwei Stellungnahmen des Bischofs auf den Sitzungen des Evangelischen Landestages 1950 und 1954 zitiert:

» … und das ist mir das allerwichtigste: Ich bitte um eine Entscheidung, die das bewußte, persönliche Christentum, die bewußte, persönliche und aktive Mitglied­schaft der Kirche stärkt und nicht schwächt, die die Aktivität fördert und nicht die Passivität. Der Unterschied, ob ich einen Kirchensteuer-Zettel bekomme und einen Dauerauftrag gebe oder jährlich einmal zahle — oder ob es mir abgezogen wird, ist selbstverständlich relativ. Aber es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich selbst auch nur einen Finger dazu regen muß oder ob das auch wieder aufhört. Man macht unserer Kirche ja den Vorwurf, daß wir eben das Kirchenvolk in die Kirche hineintaufen und es dauernd zum Objekt machen. Machen Sie bitte auch in finanziellen Dingen unsere Kirchenglieder je länger je mehr, was an uns liegt, zum Subjekt auf die Gefahr hin, daß vielleicht nicht wenige — ich bekomme ja viele Drohungen — wenn wir ernst machen die Kirche verlassen. Ich würde das sehr schwer nehmen und nehme es in jedem einzelnen Fall schwer. Aber ich würde das leichter nehmen, als daß wir sie auf diesem Weg allein festhalten. […] Wie kommen wir weiter auf dem Wege, auf den uns Gott gestellt hat, von der Staatskirche zur lebendigen Gemeinde? Wir sind auf diesem Wege. Wir sind noch nicht die lebendige Gemeinde und nicht die lebendige Kirche. Wenn wir uns das einbilden sollten, dann würden uns die Kirchensteuerproteste täglich daran erinnern, aber wir sind auf dem Wege und wir sollen auf diesem Weg bleiben und vorwärts gehen und nicht zurück. In diesem Sinne bitte ich, uns zu helfen in dieser Geldfrage, die nicht unsere größte Sorge ist. Es ist die Sorge, daß Gottes Reich unter uns Menschen werde«.

Auch als 1954 der staatliche Einzug der Kirchensteuer im Lohnsteuerabzugsverfahren praktisch entschieden war, hielt Martin Haug dagegen:

»Es ist im Oberkirchenrat niemand, der nicht die Volkskirche bejaht. Aber wir sind der Meinung, die Volkskirche in der heutigen Zeit ist etwas anderes, als die in der Zeit des Herzog Christoph. Die Volkskirche hat heute eine ganz große missionarische und diakonische Aufgabe an unserem Volk. Es ist die Verpflichtung, unser ganzes Volk, jedermann, den wir erreichen können und der nicht durch Anschluß an die katholische Kirche oder an irgendeine ganz andere Religions­oder Weltanschauungsgemeinschaft sozusagen sich schon von uns verabschiedet hat, also jedermann vor die Frage zu stellen, ob er sich nicht mit uns um Christus scharen will. Das können wir nicht mehr machen mit ein paar Pfarrern und mit einem Oberkirchenrat und ein paar Dekanatämtern, sondern das machen wir nur, wenn wir viele, viele Glieder unserer Volkskirche, die auf Jesus Christus getauft sind, zu bewußten Christen erziehen, wenn wir sie auf ihre Kirchenzugehörigkeit ansprechen, die gegeben ist damit, daß sie als Kinder getauft sind und, liebe Brüder, es ist eine schwere Verantwortung, heute die Kindertaufe zu vertreten. Ich vertrete sie. Aber ich vertrete sie mit dem, was dazu gehört, mit der Verpflichtung, dieses Getauftsein ernst zu nehmen und die Glieder der Volkskirche, diese Glieder, die als Kinder getauften Volkskirchenglieder, auf ihre Kirchenzugehörigkeit unmittelbar fortgesetzt anzu­sprechen. Sie mögen selbst zur Kirche stehen, wie sie wollen; ich nehme sie als Glieder der Kirche. Es geht mir dabei nicht um die Kirchensteuer in erster Linie. Das ist das Furchtbare, daß uns dies jetzt vorgeworfen wird, wie wenn wir meinten, mit der Kirchensteuer diese Lage retten zu können. Es geht mir darum, daß ich in unmittelbarer Verbindung mit den Gliedern der Kirche bleibe auch in dieser Frage, daß die Bitte um die Entrichtung des Beitrags zu der Kirche an die, die zur Volkskirche gehören, von der Kirche selbst an den Mann und die Frau herangetragen wird, und daß der Kirchensteuerpflichtige, wenn er etwas zu bemerken hat dazu, mit der Kirche in Berührung kommt.

Sehen Sie, ich komme sonst auch nicht durch bei meinem anderen Dienst; einmal werde ich vor die Arbeiter gestellt, das andere Mal vor Bauern, das dritte Mal vor Fabrikanten. Da lade ich Glieder der evangelischen Kirche ein und nehme sie als Glieder der evangelischen Kirche. Es könnte nämlich sonst dahin kommen, daß wir wohl einmal das Geld haben, aber nicht die Menschen, die mit diesem Geld dem Evangelium dienen. Und mit dieser Erziehung zu einem bewußten, persönlichen, aktiven Christentum hat auch unser Kirchensteuersystem etwas zu tun, das seit 1924 in der Württ. Landeskirche, jetzt genau 30 Jahre lang, besteht. Und um dieses auch geht es mir. Es ist schwierig, auf einem Gebiet das aufzugeben und auf den anderen Gebieten es vorwärtszutreiben. Und ich möchte bitten, daß der ganze Krampf retten wollten, und daß Sie mit mir helfen, daß möglichst viele mit uns die Dinge in diesen Zusammenhängen sehen.

Es ist nun freilich eine ganz gewaltige Erschwerung, daß wir mit diesem Aspekt allein dastehen unter den westdeutschen Landeskirchen und ich bin der letzte, der sich als württembergischer Christ deshalb irgendwie aufspielen wollte. Das ist mir gründlich vergangen. Das wird niemand weniger tun als der württembergische Landesbischof. Aber ich komme nicht darum herum, daß es mir nicht wohl dabei ist, daß die übrigen westdeutschen Landeskirchen zunächst im Jahr 1948 gesagt haben, der Währungsschnitt zwinge sie zu dieser ‚Notmaßnahme‘ des Lohnsteuerabzugs, und daß er heute nicht mehr als Notmaßnahme bezeichnet wird, sondern als die eigentlich für eine Volkskirche normale Lösung. Hievon bin ich noch nicht überzeugt. Ich weiß auch, daß die Lage in anderen Landeskirchen nicht ganz so einfach ist, wie das gelegentlich aussieht, übrigens einschließlich der katholischen Kirche in Württemberg. Ich habe die Entstehung der neuen Lösung ganz bewußt und persönlich miterlebt.

Volkskirche heute braucht Erziehung zum bewußten Christentum oder wenn man das nicht will, Abschied von der Volkskirche. Um die Arbeit geht’s, nicht ums Geld. Ich suche Euch und nicht das Eure. Das glaube ich mit gutem Herzen sagen zu können, freilich auch das Eurige dazu. Jawohl! Und ich würde wünschen, daß unsere Kirchen­pfleger und unsere Pfarrer und unser Oberkirchenrat auch vom Landeskirchentag einmal wieder den Mut gestärkt bekommen, so als Kirche vor ihre Glieder zu treten. Denn sonst kommen wir aus dem Nebel dieses bloßen Mitläufertums auch im 20. Jahrhundert nicht heraus. Und sonst kriegen die Freikirchen und die Neu­apostolischen eine neue Waffe gegen uns in die Hand, weil das nicht Volkskirche ist, sondern so ein bißchen allgemeine Volksbeeinflussung durch einen kirchlichen Apparat, wobei man bei den Amtsträgern voraussetzt, daß sie zur Sache stehen.

Glauben Sie nicht, daß ich nun Ihre Entscheidung hinterher korrigieren will. Aber ich möchte das Zerrbild korrigieren, das vom Landesbischof und von der württem­bergischen Kirchenleitung entworfen worden ist in den Debatten um die Kirchen­steuer im Land draußen. Es geht uns um etwas ganz anderes, als um die Erhaltung dieses etwas beschwerlichen Systems, von dem wir gar nicht überzeugt sind, daß es schon des Rätsels Lösung wäre. Aber es ist vielleicht der Start zu einer Weiter­entwicklung im Sinne der richtigen Autonomie der Kirche bis in ihre Ordnung hinein, während das andere vielleicht ein Schrittlein zurück ist. Ich habe noch nie gesagt, das eine sei die gläubige und das andere die ungläubige Lösung. Ich widerspreche auch dem, soweit das hier gesagt worden ist. Aber es gibt eine Kirchenleitung, die auch die Dinge der Ordnung in diesem Zusammenhang sieht, und zu der möchte ich gehören. Deshalb bitte ich, daß Sie das Ihrige tun, daß die Debatte um die Kirchen­steuer, die nun also weitergeht, weil wir die Entscheidung vertagt haben, ein bißchen in diese Linie kommt und aus der bloßen Frage, wie das Geld am besten eingeht, herauskommt, und daß ganz klar ist, es wäre auch gar nichts damit geschafft gewesen, wenn wir 100-prozentig beschlossen hätten, wir bleiben beim alten System und nicht miteinander auf allen Sparten sozusagen, in allen Gebieten die Kirchenzugehörigkeit ernst nehmen. Daß wir also einfach damit Schluß machen, daß jemand lebenslang völlig in der Unentschiedenheit bleiben kann, ob er nun eigentlich zur Kirche gehören will oder nicht.«

Quelle: Helmut Sigloch, Macht die Gemeinde stark. Landesbischof Martin Haug, Nürtingen: denkhaus Verlag 2017, S. 10-13.

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„Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi“ – Mein Votum zur Abschaffung der Kirchensteuer in der Bayerischen Staatszeitung

13. April 2017

Rembrandt – Die Fußwaschung (Federzeichnung, um 1655)

Die Frage der Woche in der heutigen Ausgabe der Bayerischen Staatszeitung (13. April 2017) lautet: Soll die Kirchensteuer abgeschafft werden? Joachim Unterländer, CSU-Abgeordneter und Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern votiert mit NEIN, ich hingegen mit JA. Hier meine Begründung:

Die Kirche hat ein Problem mit der Kirchensteuer. Nach der jüngsten Umfrage vom Dezember 2016 (INSA consulere) lehnen diese mehr als 60 Prozent ihrer Mitglieder ab, mit gutem Grund: Kirchensteuern sind eine Zwangsabgabe, welcher der Herr der Kirche, Jesus Christus, widerspricht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Steuern hat man an den Staat zu zahlen; Gott aber gibt man sich freiwillig mit Leib und Seele hin. So hat im 19. Jahrhundert zunächst der Staat Kirchensteuern erhoben, um Pfarrer zu besolden und Kirchengebäude zu unterhalten. 1919 ist dann den selbstständig gewordenen Landeskirchen und den Diözesen in der Weimarer Reichsverfassung die Erhebung eigener Steuern zugestanden worden.

Werden Steuern im Namen und auf Rechnung der Kirche erhoben, kommt das Evangelium nicht zum Zug. Kein Wunder, dass über 99 Prozent aller Kirchen und Diözesen weltweit keine Steuern erheben. Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi. Wo Menschen im Gottesdienst diese Hingabe empfangen, werden sie selbst zum freiwilligen Opfer befähigt. In Deutschland hingegen bringt die Kirchensteuer in beziehungsloser Weise den Kirchen viel Geld und vergrößert zugleich deren finanzielle Abhängigkeiten: Was alles finanziert und unterhalten sein will, und wer alles bedient werden muss. Als ökonomisch ausgerichtete „Betreuungskirche“ entfremdet man sich dem Evangelium immer mehr.

Der Ausstieg aus der Kirchensteuer lässt sich kaum über Nacht vollziehen. Schließlich steht Kirche in der Pflicht als Arbeitgeber. Aber man kann den Hebesatz der Kirchensteuer über einen Zeitraum von 40 Jahren stufenweise auf Null zurückführen.Das gäbe genügend Zeit für eine umfassende Kirchenreform. Am Ende sind es dann die Gemeinden, die sich – wie weltweit ja üblich – aus den Gaben der Gläubigen selbst finanzieren und durch Umlage übergemeindliche Dienste tragen. Kirche ohne Steuern gewinnt an Glaubwürdigkeit.

Hier der Pro- und Contra-Text aus der Staatszeitung als jpg.

Kirchensteuer in der Kritik

15. Januar 2017
Masaccio - Der Zinsgroschen (Fresko, 1425- 1428 Santa Maria del Carmine)

Masaccio – Der Zinsgroschen (Fresko, 1425-1428, Santa Maria del Carmine)

In der heutigen Ausgabe von SWR2 Glauben ist von Brigitte Lehnhoff unter dem Titel „Kirchensteuer in der Kritik. Eine Bestandsaufnahme“ ein gut recherchierter und angenehm moderierter Beitrag über die Kirchensteuer und alternative Modelle gesendet worden. Darin kommen auch mein Studienkollege Mathias Hartmann, Rektor der Diakonie Neuendettelsau, mit seinen Anfragen an die Zukunft der Kirchensteuer und ich mit meiner biblisch-theologischen Kritik zu Wort. Die evangelische Nachrichtenagentur idea hat daraus eine Meldung gemacht: Ist die Kirchensteuer noch zeitgemäß?

Hier noch einmal meine zwölf Thesen zur Kirchensteuer aus meinem Buch „Rettet die Kirche. Schafft die Kirchensteuer ab„:

  1. Die Kirche bekennt Jesus Christus als ihren Herrn: Ihre Handlungen und Ordnungen müssen sich deshalb an seinem Wort und Werk messen lassen.
  2. Kirche ist kein Volk von Steuerschuldnern, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, die unter und nach dem Evangelium leben.
  3. Kirche lebt nicht von Abgaben der Gläubigen, sondern allein durch die Selbsthingabe Jesu Christi, die wir im Abendmahl empfangen.
  4. Die Lebensbeziehung, die Christus schenkt, befähigt Menschen, ihm auf seinem Weg zu folgen und selbst opferbereit zu werden.
  5. Allein durch freiwillige Gaben können Christen den Auftrag der Kirche unterstützen und daran Anteil gewinnen.
  6. Freiheit und Nächstenliebe sind Grundpfeiler der christlichen Gemeinschaft. Gesetzliche Zwangsverhältnisse lassen sich nicht mit ihnen vereinbaren.
  7. Kirchensteuer ist eine öffentlich-rechtliche Zwangsabgabe, kein freiwilliger Mitgliedsbeitrag. Man kann sich ihr als Kirchenmitglied nicht einfach entziehen.
  8. Die Kirchensteuer steht im klaren Widerspruch zum Evangelium Jesu Christi und zu den evangelischen Lehrbekenntnissen.
  9. Die Tatsache, dass getaufte Christen durch einen Austritt aus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts generell vom Abendmahl ausgeschlossen werden, ist ein Skandal. Die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben wird damit in Frage gestellt.
  10. Der Mammon droht, das Evangelium zu verdrängen: Je größer das Budget der verfassten Kirchen, desto mehr Entscheidungen werden in Abhängigkeit vom Geld getroffen.
  11. Das derzeitige Kirchensteuersystem macht die Landeskirchen zu Anstaltskirchen und versperrt den Weg zum nachhaltigen Gemeindebau und zur Mission.
  12. Ein Ausstieg aus der Kirchensteuerfinanzierung muss stufenweise erfolgen. Sein Ziel ist eine Kirche, die sich aus den freiwilligen Gaben der Gläubigen selbst finanziert und durch Umlagen übergemeindliche Dienste trägt.

„Gehören Sie einer christlichen Konfession an?“ Wie eine Frage auf dem Einwohnermeldeamt reformierte Ungarn und freikirchliche Bulgaren in Deutschland ungewollt zu steuerpflichtigen Mitgliedern einer verfassten Landeskirche werden lässt

13. Januar 2017

kirchensteuer

Mir stellt sich gegenwärtig eine neue Herausforderung in Sachen Kirchensteuer. In unserer Kirchengemeinde sind im letzten Jahr zwei Neuzugänge aus dem Ausland verzeichnet worden – ein ungarischstämmiger Christ aus Rumänien und eine bulgarische Familie. Bislang sind diese in unserem Gemeindeleben nicht präsent. Und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, warum sie Mitglied unserer Kirchengemeinde sein wollen, wenn wir doch keinen fremd­sprachlichen Gottesdienst bzw. keine organisierte diakonische Hilfe für Zuwanderer anbieten.

Meine Vermutung ist, dass bei den nunmehr verstärkt fälligen Neuanmeldungen von südost­europäischen Zuwanderern auf dem Einwohnermeldeamt die Weichenstellung vorgenommen wird. Da wird ja bei Zuzügen aus dem Ausland – die ja noch nicht im bundesdeutschen Meldewesen registriert sind – routinemäßig nach deren Bekenntniszugehörigkeit gefragt wird (wie dies ja von den staatlichen Meldegesetzen verlangt wird). Die betreffenden Personen geben wahrheitsgemäß ihre eigene Glaubensüberzeugung mit „protestantisch“ an und werden mit dieser Auskunft automatisch für die verfasste Landeskirche vereinnahmt – in Unkenntnis der steuerrechtlichen Konsequenzen und in Unkenntnis der jeweiligen besonderen – in unserem Fall evangelisch-lutherischen – Bekenntnisbindung. Denn in ihren Herkunftsländern ist ja – wie weltweit fast überall – Kirchensteuer ein Ding der Unmöglichkeit. Und dass die Angabe „protestantisch“ bzw. „evangelisch“ einen ungarischstämmigen Reformierten oder einen bulgarischen „Freikirchler“ automatisch meldetechnisch zu einem „Lutheraner“ in einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft macht, können diese ja beim besten Willen nicht wissen (das gibt kein Integrationskurs her). Außerdem sind auf dem Einwohnermeldeamt keine „AGBs“ der verfassten Kirchen vorhanden, die die Mitgliedschaftskonsequenzen klar benennen.

Im Unterschied zur staatlichen Rechtsprechung der 60iger Jahre in Sachen innerdeutscher „Möbelwagenkonversion“, wo man u.a. geltend gemacht hat, dass die lutherische, unierten bzw. reformierten Landeskirchen untereinander im Verhältnis einer gebietsteiligen Arbeitsgemeinschaft stehen, wird man dies ja bei Zuzügen aus dem multikonfessionellen Ausland wohl kaum behaupten können. So muss der Eindruck entstehen, dass in rechtlich fragwürdiger Weise Menschen gegen ihren eigenen Willen für eine Religionsgemeinschaft steuerpflichtig vereinnahmt werden. Dass ungarischstämmige bzw. bulgarische Mitchristen ohne Gemeindebezeug irgendein Interesse an einer Mitgliedschaft in einer verfassten Landeskirche haben sollten, ist jedenfalls kaum vorstellbar. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die gegenwärtige Praxis des kirchlichen Meldewesens in Deutschland vor einer europäischen Rechtsprechung Bestand haben dürfte.

Demokratie in der Kirche? Um Himmels willen! – Warum es in den verfassten Landeskirchen nicht zur Abschaffung der Kirchensteuer kommen kann

27. Dezember 2016

kirchensteuer

Die neueste Umfrage in Sachen Kirchensteuer bringt es (mal wieder) ans Licht. Nach einer repräsentativen Umfrage (INSA CONSULERE, Erfurt im Auftrag der BILD-Zeitung) sind fast Zweidrittel der Bundesbürger (65,3 %) gegen die Erhebung von Kirchensteuern unter Mitwirkung des Staates. Nur 16 % sind für die Beibehaltung der bisherigen Praxis. Aufschlussreich ist, dass auch unter den Mitgliedern der evangelischen Landeskirchen eine deutliche Mehrheit gegen die bisherige Praxis ist, nämlich 59,6 %. Bei den Katholiken lehnen sogar 64,9 % der Kirchenmitglieder diese Praxis ab.

Dass wider den Mehrheitswillen der eigenen Mitglieder Kirchensteuer erhoben werden kann, hängt entscheidend davon ab, dass die verfassten Landeskirchen nicht demokratisch verfasst sind. So sind die Verfassungen der evangelischen Landeskirchen nicht vom „eigenen“ Kirchenvolk in demokratischer Weise beschlossen worden. Und auch die Landessynoden als „Kirchenparlamente“, die über die Erhebung von Kirchensteuern beschließen (bzw. längst beschlossen haben), entsprechen weder in der Zusammensetzung noch im Modus der Wahl ihrer Mitglieder den allgemeinen Grundsätzen einer repräsentativen Demokratie. Auch ist – im Unterschied beispielsweise zur Verfassung des Freistaats Bayern – innerhalb der verfassten Landeskirchen keine Volksgesetzgebung mittels eines Kirchenvolksbegehrens bzw. eines Kirchenvolksentscheids möglich.

Was jedoch am schwersten wiegt ist, dass die Erhebung von Kirchensteuern als innerkirchliche Zwangsabgabe dem erklärten Willen des Herrn der Kirche, Jesus Christus, und seinem Evangelium widerspricht.

Diakonie-Rektor Mathias Hartmann: Kirche muss Alternativen zur Kirchensteuer suchen

23. Januar 2016

mathias_hartmann

Mathias Hartmann, neuer Rektor der Diakonie Neuendettelsau, kann sich die Unabhängigkeit leisten, die Kirchensteuer infrage zu stellen und ganz direkt den Landesbischof zu kritisieren. So heißt es in der epd-Pressemeldung vom 22. Januar:

Der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Neuendettelsau, Mathias Hartmann, hat der evangelischen Kirche empfohlen, über neue Finanzierungsformen für die Zeit „nach der Kirchensteuer“ nachzudenken. Hartmann sagte am Mittwochabend im Nürnberger Presseclub: „Der Landesbischof singt das Hohelied der Kirchensteuer, das ist kurzsichtig.“ Die Kirchensteuer sei ein „sehr konservatives Element“ und verhindere, dass die Kirche dynamischer werde, sagte der Diakonie-Chef. Für die Kirche sei eine Refinanzierung über bestimmte Aufgaben wie das Quartiersmanagement denkbar, sagte der Rektor. Die heutigen Kirchensteuerzahler wären bereit, Geld zu bezahlen, wenn sie sehen, dass sie etwas von der Kirche bekommen. „Die Menschen bezahlen, wenn ihnen etwas gut tut“, argumentierte Hartmann.

Da kann ich meinem ehemaligen Erlanger Mitkommilitonen nur Recht geben.

Darf man in der Kirche Steuern erheben? Antwort an Margot Käßmann

30. Oktober 2015

In ihrer Erwiderung „Protestantische Glaubensfreude“ auf meinen Text „Protestantische Selbstsäkularisierung“ (in Christ in der Gegenwart) schreibt Margot Käßmann: „Besonders unverständlich ist mir das Argument, dass die Kirchensteuer evangeliumswidrig wäre. Jesus selbst hatte ja offensichtlich einen sehr entspannten Zugang zu Geld, es ist schlicht Teil des Lebens. So kommt es vor, auch in den Gleichnissen. Heute wird auch die katholische Kirche in Deutschland primär über Kirchensteuer-Einzugsverfahren finanziert. Zudem kann von der entsprechenden gesetzlichen Regelung – wenn sie will – jede Religionsgemeinschaft profitieren. Zum anderen wüsste ich nicht, was daran evangeliumswidrig sein soll, wenn die Starken sich bereit erklären, für die Schwachen einzutreten. Da wird leider gleich wieder extrem moralisch argumentiert nach dem Motto „Was würde Jesus dazu sagen?“. Mehr als achtzig Prozent unserer Einnahmen als evangelische Kirche kommen von weniger als zwanzig Prozent unserer Mitglieder. Das zeigt, dass hier sehr wohl umgesetzt wird, was schon in den ersten Gemeinden praktiziert wurde.

Diese Argumentation erscheint mir nicht schlüssig zu sein. Gerade in Sachen Steuergelder zeigt sich Jesus den Evangelien zufolge als hochsensibel, geht es doch um die Freiheit der Kinder Gottes, die eben nicht mit einer gesetzlichen Zwangsabgabe zu vereinbaren ist. So wird in der Tempelsteuer-Perikope Simon Petrus in seiner Heimatstadt Kafarnaum mit der Frage konfrontiert, ob Jesus die Tempelsteuer in Höhe einer Doppeldrachme zahle. Das vorschnelle Ja-Wort des Petrus konterkariert Jesus mit folgenden Worten:

„Was meinst du, Simon, von wem erheben die Könige der Erde Zölle oder Steuern? Von ihren Söhnen oder von den fremden Leuten? Da jener antwortete: Von den Fremden, sagte Jesus zu ihm: Also sind die Söhne frei. Damit wir aber bei ihnen keinen Anstoß erregen, geh an den See und wirf die Angel aus und nimm den ersten Fisch, der anbeißt. Und wenn du ihm das Maul öffnest, wirst du einen Stater (Vierdrachmenstück) finden. Das nimm und gib es ihnen für mich und dich.“ (Matthäus 17,24-27)

Tempelsteuer

Was Jesus mit seiner Zahlungsanweisung zum Ausdruck bringt, ist zweierlei: Die Tempel­steuer ist eine Zwangsabgabe, die ein Fremdverhältnis zwischen Steuernehmer und Steuer­zahler bedingt. Tributpflichtig können nur unfreie Vasallen sein, die sich einem König unter­zuordnen haben. Im Reich Gottes hingegen leben die Kinder Gottes steuerfrei. Um einen Skandal zu vermeiden, lässt sich Jesus auf die Zahlung der Tempelsteuer ein. Die eigene Verachtung für diese Steuer wird freilich in der Anweisung an Petrus zum Fischfang offen­sichtlich. Das fällige Geldstück soll nicht aus dem eigenen Geldbeutel kommen, sondern einem Fischmaul entnommen werden. Mit dem, was weder Jesus noch Petrus gehört, gilt es die illegitime Steuerschuld zu begleichen.

Für weitere Ausführungen verweise ich auf meinen Aufsatz Darf man in der Kirche Steuern erheben.

Wenn das Verhalten im wirklichen Leben so gut wie keine Auswirkung auf das Leben nach dem Tode hat – Lewitscharoff über Luther

25. September 2015

luther

Ein sprachlich wunderbarer und theologisch höchst aufschlussreicher Artikel „Das Urviech. Warum sollte man heute Luther lesen“ findet sich von Sibylle Lewitscharoff in der aktuellen Ausgabe von „Christ & Welt“. Unbedingt lesen.  Der letzte Absatz als Anfrage an den heutigen Protestantismus hat es dann in sich:

„Welche Konsequenzen eine Sündenlehre jedoch in sich trägt, in der das Verhalten im wirklichen Leben so gut wie keine Auswirkung auf das Leben nach dem Tode hat – sich damit näher zu befassen, weigerte sich der Reformator. Und schuf damit eine schwierige Hypothek für den Protestantismus, die ihm bis heute nachhängt.“

Dem Protestantismus fehlt es an einem „Vergelt’s Gott“, verweigert sich doch die evangelische Rechtfertigungslehre einer vertragsrechtlichen Heilsökonomie „do ut des“ (ich gebe, damit du gibst). Gläubiges Commitment scheint sich nicht als postmortaler Himmelslohn auszuzahlen. In verbindlichen Lebensformen von Freikirchen und landeskirchlichen Gemeinschaften wird die volksreligiöse Heilsökonomie in eine christusbezogene Anteilhabe eschatologisch transformiert. Für eine protestantische „Volkskirche“ mit liberalistischer Unverbindlichkeit ist das jedoch nicht möglich.

Wo eine heilskommerzielle Religion durch die Reformation ihre ökonomische Grundlage verloren hatte, musste der bauliche und klerikale Bestand in staatliche Hände überführt werden. Protestantisch lässt sich ja der Unterhalt von Kirchengebäuden und Klerus nicht heilskommerziell erwirtschaften. „Kostenloses“ Heil trägt nichts zum Umsatz bei. Also ist die Erfindung der Kirchensteuer die ökonomische Konsequenz eines „volkskirchlichen“ Protestantismus, der seinen Bestand erhalten will.

« Incompatible avec l’Évangile »

21. April 2015

Heute hat sich die französische Tageszeitung La Croix dem deutschen Kirchensteuersystem unter dem Titel „En Allemagne, l’impôt religieux en question“ angenommen. Über mich heißt es:

L’EKD souligne de son côté que « chaque pasteur dispose d’une marge de manœuvre dans sa paroisse ». C’est ainsi que l’an dernier, Jochen Teuffel a vu refusée sa « demande de procédure disciplinaire » contre lui-même. Dans sa paroisse de 2 200 fidèles à Vöhringen, le pasteur luthérien avait offert la communion à une femme ne payant plus l’impôt, en contradiction avec des directives adoptées par l’Église évangélique luthérienne de Bavière en 2005.

« Ces directives n’interdisent pas qu’au cas par cas, pour des raisons pastorales, les pasteurs invitent à la communion, a justifié l’Église régionale. Au contraire, elles énoncent : ”Cette démarche n’annule pas l’appartenance à la communauté des croyants qui est fondée sur le baptême. Il est donc important que les services de l’Église conservent un lien avec la personne et l’invitent à rev enir sur sa décision”. »

Jochen Teuffel n’en reste pas moins un opposant farouche à cet impôt qu’il juge « incompatible avec l’Évangile ». « Dieu accueille tout le monde, souligne-t-il. L’accès à la communion ne peut être conditionné au paiement d’une cotisation. » Il estime aussi qu’« une contribution obligatoire met à mal la relation fraternelle ».

A Igreja não deve ser uma nação de pagadores de impostos, mas uma comunidade de crentes

19. April 2015

Als „Kirchensteuerkritiker“ taucht man nicht nur in deutschsprachigen Texten auf. Hier ein Auszug aus den Artikel „Alemães abandonam igrejas para evitar impostos„, der heute in der brasilianischen Zeitung Folha de S.Paulo erschienen ist:

Grupos católicos e protestantes críticos aproveitaram a nova investida financeira e o novo episódio de cansaço com o imposto para pedir por reformas nas igrejas alemãs. Jochen Teuffel, um pastor de Vöhringen que já publicou um livro contra o imposto, afirma que o sistema alemão favorece deixar o evangelho de lado em favor de uma instituições replete de burocratas que só se preocupam com dinheiro. „A Igreja não deve ser uma nação de pagadores de impostos, mas uma comunidade de crentes“, afirma.