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„Ein jeder muss ein Stück vom heiligen Kreuz tragen“ – Luthers Sermon vom Leiden und Kreuz

7. Dezember 2016

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Sermon vom Leiden und Kreuz (1530)

Von Martin Luther

Liebe Freunde, ihr wißt, daß man in dieser Zeit die Passionsgeschichte Christi zu predigen pflegt. So zweifle ich auch nicht daran, daß ihr oft gehört haben werdet, was es für eine Pas­sion und was es für ein Leiden gewesen ist, auch wozu sie Gott der Vater verordnet hat. Er hat nämlich dadurch nicht dem leidenden Christus helfen wollen, denn Christus bedurfte solchen Leidens gar nicht. Wir aber und das ganze mensch­liche Geschlecht bedurften solchen Lei­dens, daß es also ein Geschenk sein soll und uns aus lauter Gnade und Barmher­zigkeit darge­geben und geschenkt ist. Von diesem Stück wol­len wir jetzt nicht handeln, denn ich habe sonst oft davon ge­sprochen. Weil aber viele irrende Wanderprediger wieder und wieder auf­tauchen, welche das Evangelium nur schänden und uns beschuldigen, wir wüßten nichts mehr zu lehren und zu predigen als nur vom Glauben und ließen die Lehre von den guten Werken und dem heiligen Kreuz und Leiden hinten­anstehen. Auch sagen sie weiterhin, sie hätten den rechten Geist, der sie treibt, solches zu lehren. Darum wollen wir jetzt allein von dem Beispiel dieser Passion her sagen, was für ein Kreuz wir tragen und erleiden, auch wie wir dasselbe tragen und erleiden sollen.

Darum gilt es als erstes zu merken, daß Christus mit seinem Leiden [29] uns nicht nur (aus der Bedrohung) vom Teufel, von Tod und Sünden (heraus)geholfen hat, sondern daß sein Lei­den auch ein Beispiel ist, dem wir in unserem Leiden nachfol­gen sollen. Und obwohl unser Leiden und unser Kreuz nicht in dem Sinn aufgewertet werden sollen, als wollten wir dadurch selig werden oder das Geringste damit verdienen, sollen wir dennoch Christus im Leiden nachfol­gen, daß wir ihm gleichför­mig werden. Denn Gott hat es so beschlossen, daß wir nicht nur an den gekreuzigten Christus glauben, sondern auch mit ihm gekreuzigt werden und leiden sol­len, wie er es ja an vielen Stellen in den Evangelien klar anzeigt. „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt“, spricht er, „und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert“ (Matth. 10,38). Ebenso: ,,Weil sie den Hausvater Beelze­bub heißen, um wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen?“ (Matth. 10,25) Darum muß ein jeder ein Stück vom heiligen Kreuz tragen, und es kann auch nicht anders sein. Paulus sagt auch: „Ich erfülle an meinem Fleisch, was noch am Leiden Christi mangelt“ (Kol. 1,24), als wollte er sagen: „Seine ganze Christenheit ist noch nicht voll bereitet.“ Wir müs­sen auch darin nachfolgen, daß nichts an dem Leiden Christi feh­le noch ihm abgehe, sondern daß es alles zusammenkom­me. Folglich muß ein jeder Christ für sich bedenken, daß das Kreuz nicht ausbleiben wird.

Es soll und muß aber ein solches Kreuz und Leiden sein, das einen Namen hat und wirklich drückt und weh tut, wie es eine große Gefahr für Gut und Ehre, für Leib und Leben sein kann. Ein solches Leiden fühlt man wohl und es drückt; denn es wäre sonst kein Leiden, wenn es nicht sehr weh täte.

Darüber hinaus soll es ein solches Leiden sein, das wir uns nicht selbst erwählt haben, wie es nämlich bei den Geistern in den neuen Abspaltungen geschieht, die sich selbst ein eigenes Leiden erwählen. Es soll ein solches Leiden sein, welches uns der Teufel oder die Welt zu­schickt, dessen wir gern, wo es nur möglich wäre, enthoben sein wollten. Und dann ist es nö­tig, daß man fest bleibt und sich so hineinschickt, wie ich zuvor ge­sagt habe, nämlich im Wissen, daß wir leiden müssen, damit wir Christus gleichförmig werden, daß es auch nicht anders sein kann und darf, denn ein jeder muß sein Kreuz und Leiden haben. Wenn man das weiß, dann ist es desto sanfter und er­träglicher, und man kann sich trösten, indem man sagt: „Wohlan, will ich ein Christ sein, so muß ich auch die Farbe des Hofstaates tragen. Der liebe Christus gibt kein anderes Ge­wand aus an seinem Hof: es muß gelitten sein.“ Dies können die anderen nicht tun, die sich ihr eigenes Kreuz erwählen, son­dern sie werden unwillig darüber und wehren sich mit der Faust. Das ist dann ein hübsches und löbliches Leiden, und dennoch meinen sie, uns Schuld geben zu dürfen, [30] als lehr­ten wir nicht recht vom Leiden und sie könnten es allein. Wir aber lehren so, daß niemand sich selbst ein Kreuz oder Leiden auflegen oder erwählen soll, sondern wenn es daherkommt, daß wir es dann geduldig tragen und erdul­den.

Aber sie irren nicht nur in dem Stück, daß sie ein erwähltes Kreuz haben, sondern auch in dem, daß sie ihr Leiden so sehr aufwerten und ihm ein großes Verdienst beimessen, damit aber Gott lästern, weil es nicht ein rechtes, sondern ein (nach Selbstruhm) stinkendes und ein selbsterwähltes Leiden ist. Wir aber sagen so, daß wir mit unserem Leiden nichts verdienen und es nicht in schöne „Monstranzen“ fassen, wie sie ihres fassen. Es ist an dem genug, daß wir wissen, daß es Gott wohl­gefällt, daß wir leiden, damit wir auf diese Weise Christus gleich­förmig werden, wie ich bereits gesagt habe. So sehen wir, daß ebendieselben, die soviel vom Leiden und Kreuz rüh­men und lehren, das wenigste vom Kreuz und von Christus wis­sen, weil sie ihr eigenes Leiden zum Verdienst machen. (Mein) Lieber! Es ist nicht eine solche Sache damit, es wird auch nie­mand dazu gedrungen oder gezwungen: Willst du also nicht umsonst und ohne Verdienst leiden, so kannst du es sein las­sen und also Christus verleugnen. Der Weg geht vor die Türe hinaus. Allein, das mußt du wissen: Wenn du nicht leiden willst, wirst du auch nicht zum Hofstaat (Christi) gehören. So kannst du nun tun, was du von beiden willst: leiden oder Christus ver­leugnen.

Willst du leiden, wohlan, so ist der Schatz und Trost, der dir verheißen und geschenkt wird, so groß, daß du gerechterweise gern und mit Freuden leiden solltest, nämlich weil Christus dir so vollständig samt seinem Leiden geschenkt und zu eigen ge­geben wird. Wenn du nun das so glauben kannst, darfst du frei auch in der größten Angst und Not sagen: „Wenn ich auch lange leide, was ist das denn im Vergleich mit einem solchen Schatz, den mir mein Gott zu eigen gegeben hat, damit ich ewig mit ihm leben soll!“ Siehe, so würde das Leiden süß und leicht werden und nicht mehr ein ewiges Leiden sein, sondern nur etwas Geringfügiges, das eine kleine Zeit währt und bald wieder vergeht, wie Paulus und Petrus, auch Christus selbst im Evangelium sagen (vgl. 2. Kor. 4,17; 1. Petr. 1,6; Joh. 16,16 ff.). Sie sehen nämlich das große, überschwengliche Geschenk an, daß Christus mit seinem Leiden und Verdienst ganz und gar unser geworden ist. Nun ist das Leiden Christi so mächtig und stark, daß es Himmel und Erde füllt und die Gewalt und Macht des Teufels und der Hölle, des Todes und der Sünde zerreißt. Wenn du nun einen solchen Schatz gegen deine Anfechtung und Leiden hältst, wird es dir gegenüber solchem Gut als ein geringer Schaden vorkommen, wenn du ein wenig von deinem Besitz, der Ehre, Gesundheit, ja [31] dein Weib und Kind, deinen eigenen Leib und dein Leben verlierst. Willst du aber einen sol­chen großen Schatz nicht achten und nichts darum leiden, wohlan, so fahre nur immer hin und laß es: Wer nicht glaubt, dem wird auch nichts von solchen unaussprechlichen Gütern und Gaben zuteil.

Weiter soll sich ein jeder Christ so verhalten und gewiß sein, daß solches Leiden ihm zum Besten dienen wird. Denn auch Christus will uns um seines Wortes willen nicht nur solches Lei­den tragen helfen, sondern es auch zum Besten kehren und wenden. Dadurch nun soll es uns wiederum lieblicher und leichter werden, solches Kreuz zu tragen, indem unser lieber Gott uns soviel Gewürz und Labwasser in unsere Herzen geben will, daß wir alle unsere Anfechtung und unser Kreuz tragen können. So sagt auch der Apostel Paulus 1. Kor. 10,13: „Gott ist getreu und läßt uns nicht mehr anfechten, als wir er­tragen können. Ja, er schafft auch mit derAnfechtung ein Her­auskommen, so daß wir es ertragen können.“ Das ist aber wahr: Wenn das Leiden und die Anfechtungen am größten sind, dann bedrängen und be­drük-ken sie uns derartig, daß man denkt, man kann nicht mehr, man müsse untergehen. Aber wenn du dann an Christus denken kannst, wird der treue Gott kommen und dir helfen, wie er von Anbeginn der Welt an den Seinen geholfen hat. Denn es ist ja ebenderselbe Gott, der im­mer gewesen ist. So ist es eben auch ein und dieselbe Ursache, um derentwegen wir leiden und um derentwegen alle Heiligen von Anbeginn an gelitten haben. Die ganze Welt muß uns ja das Zeugnis geben, daß wir nicht um öffentlicher Schande und Laster willen leiden, wegen Ehe­bruch, Hurerei, Mord usw. Son­dern darum leiden wir, weil wir bei dem Wort Gottes blei­ben, dasselbe predigen, hören, lernen und verbreiten. Solange das nun die Ursache unseres Leidens ist, so laß es nur immer ge­schehen. Wir haben dieselben Verheißungen und Ursachen zu lei­den, die alle Heiligen immer und immer gehabt haben. So können wir uns nun wohl auch der­selben Verheißungen trö­sten und uns an sie in unserem Leiden und unserer Trübsal halten, wie es denn (jetzt auch) sehr nötig ist.

Darum sollen wir uns nun so in unserem Leiden verhalten, daß wir zuerst und am allermeisten auf die Verheißungen sehen, nach denen unser Kreuz und unsere Anfechtung uns zum Besten gewendet werden sollen, dahin, wohin wir es nie­mals hätten wünschen noch denken können. Und das ist es eben, was den Unterschied zwischen den Leiden und Anfech­tungen der Chri­sten und denen aller anderen Menschen aus­macht. Denn andere Leute haben auch ihre An­fechtungen, ihr Kreuz und Unglück, obwohl sie eine Zeitlang im Rosengarten sitzen und ihr Glück [32] und Gut ganz nach ihrem Willen ge­brauchen. Wenn sie aber in Anfechtung und Leiden kommen, so können sie sich nicht trösten; denn sie haben die gewaltigen Verheißun­gen und die Zuversicht zu Gott nicht, die die Christen haben. Sie können sich nicht damit trö­sten, daß ihnen Gott die Anfechtung tragen helfen will und noch viel weniger können sie sich vor ihm dessen versichert wissen, daß ihnen solche An­fechtung und Leiden zum Besten gera­ten soll. So geschieht es denn, wie wir sehen, daß sie auch in geringen Anfechtungen nicht bestehen können; wenn sie aber große, starke Anfechtun­gen überfallen, verzweifeln sie ganz, bringen sich selbst um oder wollen sonst aus der Haut fahren, weil ihnen die ganze Welt zu eng wird. Derart können sie kein Maß halten weder im Glück noch im Unglück: Geht es ihnen wohl, so sind sie die frevelhaftesten, trotzigsten und hochmütigsten Leute, die man finden kann. Geht es ihnen übel, so sind sie gänzlich zerschla­gen und verzagt, mehr als eine Frau. Wie man es ja sieht: Die jetzt so aufbegehren, pochen und trotzen, waren während des Bau­ernaufruhrs so verzagt, daß sie nicht wußten, wo sie blei­ben sollten. Es muß so gehen, wenn man die Verheißungen und Gottes Wort nicht hat. Aber die Christen haben auch im höch­sten Leiden und Unglück ihren Trost.

Damit man aber solches desto besser verstehen kann, will ich ein Beispiel erzählen, in dem ihr deutlich die Leiden der Chri­sten abgemalt und entworfen sehen könnt. Ihr wißt wohl alle, wie man Christophorus hin und wieder malt. Ihr sollt aber nicht denken, daß je ein Mann gewesen ist, der so geheißen oder das wirklich getan hat, was man von Christophorus erzählt. Wer viel­mehr diese Legende oder Fabel aufgeschrieben hat, der ist ohne Zweifel ein feiner und ver­nünftiger Mann gewesen. Er hat dem einfältigen Volk ein solches Bild vormalen wollen, damit sie ein Beispiel und Ebenbild des christlichen Lebens hätten, wie dasselbe eingerichtet und geordnet sein soll; und er hat es deutlich getroffen und abgemalt. Ein Christ ist nämlich wie ein großer Riese, hat große, starke Beine und Arme, ganz so wie man denn den Christo­phorus malt. Er trägt auch eine solche Last, welche die ganze Welt nicht, kein Kaiser, König noch Fürst, tragen könnte. Daher heißt auch ein jeder Christ Christophorus, das ist ein Chri­stusträger, weil er den Glauben annimmt.

Wie geht es aber damit zu? Wenn man den Glauben an­nimmt, so denkt keiner, daß es eine schwierige Sache darum sei. Christus scheint einem ein kleines Kindlein zu sein, das hübsch und wohlgestaltet ist und leicht zu tragen, wie es dem Christophorus geschah. Das Evangeli­um läßt sich nämlich zuerst [33] so ansehen, als sei es eine feine, liebliche, freund­liche und kindliche Lehre. So erlebten wir es auch selbst am An­fang (mit der reformatorischen Verkün­digung). Als sie begann, kam jedermann zum Evangelium und wollte auch evangelisch sein. Da war ein solches Verlangen und ein Durst danach, daß kein Backofen so hitzig ist, wie es die Leute damals waren. Aber wie ging es weiter? Es ging eben zu wie mit dem Christo­pho­rus. Der erfuhr nicht eher, wie schwer das Kindlein ist, bis er in das Wasser kam, dorthin wo es am tiefsten ist.

Genauso ging es mit dem Evangelium: Als es sich ausbreitete, kamen die Wellen daher. Papst, Bischöfe, Fürsten und deren tobende Gefolgschaft widersetzten sich. Da fühlte man zum erstenmal, wie das Kindlein so schwer zu tragen ist. Denn das Wasser kommt dem guten Christophorus ja so nahe, daß er fast dadurch ertrinkt. Wie ihr seht, geht es jetzt auch so zu. Auf seiten jener, die dem Wort entgegenstehen, ist soviel an Praktiken, Erfindungen, Trug und List, alles mit dem Ziel, daß sie uns im Wasser ersäufen möchten. Da ist solches Drohen und Schrecken, daß wir uns zu Tode fürchten müßten, wenn wir dem nicht einen anderen Trost entgegenzusetzen hätten. Wohlan, wer den Christus, das liebe Kindlein, auf sich geladen hat, der muß ihn entweder ganz hinüber durch das Wasser hin­durchtragen oder ertrinken. Da gibt es kein Mittelding. Ertrinken ist nicht gut; darum wollen wir mit dem Christus durch das Wasser hindurch, wenn es gleich noch einmal so aussehen möchte, als müßten wir darin ertrinken. Wir haben ja die Verhei­ßung: Wer Christus hat, sich auf ihn verläßt und glaubt, der kann frei mit David sagen, Ps. 27,3: „Ob sich auch ein Heer ge­gen mich legt, soll mein Herz sich doch nicht fürchten. Ob sich auch Streit gegen mich erhebt, will ich mich darauf verlas­sen.“ Laß sie (gegen uns) aufbegehren und pochen, drohen und schrecken, wie sie wollen, wäre das Wasser auch noch so tief, so wollen wir dennoch mit Christus hindurch.

Auf die gleiche Weise geht es in allen anderen Stücken zu: Wenn es beginnt, so will es zu schwer werden, es sei Sünde, Teufel, Tod oder Hölle oder auch unser eigenes Gewissen. Was soll man aber dagegen tun? Wo sollen wir hinlaufen und wie uns schützen? Es läßt sich von uns aus nicht anders ansehen, als wolle es ganz und gar zu Boden gehen und fallen. Aber auf der Seite drüben (nämlich der Gegner des Evangeliums) sind sie sicher und stolz, meinen, sie haben es schon geschafft. Ich sehe es auch wohl, daß der liebe Christophorus sinkt. Dennoch kommt er heraus; denn er hat einen Baum, an dem hält er sich fest; Dieser Baum ist die Ver­heißung, daß Christus mit unserem Leiden etwas Besonderes tun will. „In der Welt“, spricht er (Joh. 16,33), „werdet ihr Zwang und Trübsal haben, aber in mir werdet ihr Frieden ha­ben.“ Ebenso Paulus (1. Kor. 10,13): „Wir haben einen treuen Gott, der uns aus der Anfech­tung hilft, daß wir es [34] ertragen können.“ Diese Sprüche sind Stäbe, ja Bäume, an denen man sich festhalten kann und das Wasser brausen und rauschen läßt, wie es will.

Demnach haben sie uns mit dem Christophorus ein Beispiel und Bild vormalen wollen, um uns in unserem Leiden zu stärken und uns zu lehren, daß das Verzagen und der Schrecken nicht so groß sind wie der Trost und die Verheißung. Wir sollen also wissen, daß wir in die­sem Leben keine Ruhe haben werden, wenn wir Christus tragen, sondern in der Anfech­tung unsere Augen von dem gegenwärtigen Leiden weg zu dem Trost und der Verheißung hinwen­den sollen. Dann werden wir erfahren, daß es wahr ist, was Christus sagt: „In mir wer­det ihr Frieden haben.“ Das ist nämlich der Christen Kunst, die wir alle zu ler­nen haben, daß wir auf das Wort sehen und alle vorhandenen und beschwerenden Nöte und Leiden weit aus den Augen tun. Das Fleisch aber kann solche Kunst überhaupt nicht, es sieht nicht weiter als auf das gegenwärtige Leiden. Das ist ja auch eine Wesensart des Teufels, daß er das Wort weit aus den Augen rückt, so daß man nun nicht mehr sieht als nur die Not, welche vorhanden ist. So tut er ja jetzt auch mit uns und wollte gern, daß wir das Wort ganz verleugneten und ver­gäßen und allein auf die Gefahr blickten, die uns vom Papst und den Tür­ken am Hals hängt. Wenn ihm das Spiel gelänge, so ersäufte er uns in der Not, weil wir nichts als solches Sausen und Brau­sen sehen. Aber das soll nicht sein. Denn es geht so zu: Will einer ein Christ sein und sich nur nach dem richten, was er sieht, hört und fühlt, verliert er Christus bald. Nur das Lei­den und Kreuz, sosehr du immer kannst, aus dem Herzen und dem Sinn geschlagen! Sonst, wenn man es zu lange bedenkt, wird das Übel ärger. Bist du in Anfechtung und Leiden, so sprich: „Dies Kreuz habe ich mir ja nicht selbst erwählt und zugerichtet. Es ist die Schuld des lieben Wortes Gottes, daß ich solches leide und daß ich doch auch Christus habe und leh­re. So laß es in Gottes Namen immer gehen! Ich will es den walten und aus­fechten lassen, der mir solches Leiden längst vorhergesagt, und mir seine göttliche, gnädige Hilfe verheißen hat.“

Wenn du dich derart in die Schrift hineinbegibst, so wirst du Trost fühlen, und deine ganze Sache, die du sonst mit keinem Entschluß, auf keine Art und Weise steuern kannst wird besser werden. Ein Kaufmann kann es sich doch so einrichten, daß er, um Geld und Gut zu gewin­nen, von Haus und Hof, Frau und Kind fortzieht und – um des schnöden Gewinnes willen – Leib und Leben wagt, und doch hat er keine sichere Verheißung oder Zusage, daß er gesund wieder zu Frau und Kind heimkommen wird. Dennoch ist er so tollkühn und verwegen und wagt sich frei hinaus in solche Gefahr ohne alle Verheißung. Kann ein Kaufmann nun solches um Geldes und Gutes willen tun: Pfui uns, daß wir ein [35] geringes Kreuz nicht tragen und dennoch Christen sein wollen. Und wir haben noch dazu den Baum in unseren Fäusten, an dem wir uns gegen die Wellen festhalten können, nämlich das Wort und die starken, feinen Verheißun­gen, daß wir niemals von den Wasserwogen ersäuft werden sollen.

Ebenso tut auch ein Reiter: Der begibt sich in den Krieg, wo so viele Hellebarden und Büch­sen auf ihn gerichtet sind. Er hat auch keine Verheißung, deren er sich trösten könnte, als nur seinen tollen Sinn. Dennoch geht er hinein, wo doch dieses ganze Leben nichts anderes ist als ein hartes Leben und Lei­den. Ebenso tun auch die Papisten: Die lassen es sich keine Mühe noch Arbeit gereuen, nur damit sie ihren Greuel und ihre Abgötterei wieder aufrichten. Wie­viel Pläne haben sie nur seit der Zeit, als das Evangelium seinen Lauf begonnen hat, gefaßt und tun es wieder und wieder noch heutigen Tages, fassen einen Plan nach dem anderen. Die­se alle sind nicht aufgegan­gen und zu Asche geworden, auch jetzt. Dennoch bilden sie sich ein und sind sich dessen so sicher, daß sie es hinaus­posaunen und das Wort Gottes unterdrücken; so ergehen sie sich in ihrer bloßen Tollkühnheit.

Können nun Kaufleute, Reiter, Papisten und solche Gesellen einen solchen Mut schöpfen, daß sie sich solche Gefahren, Mühen und Arbeit aufladen und sie erleiden, sollten wir uns ja mit Recht schämen, daß wir uns gegen Leiden und Kreuz sperren. Wir wissen doch erstens, daß es Gott so verordnet hat, daß wir leiden sollen und daß es nicht anders sein kann. Zum anderen kennen wir unsere Verheißung und Zusage auch. Obgleich wir nicht so gute Christen sind, wie. wir es wohl sein sollten, und zaghaft und schwach sowohl im Leben wie im Glauben sind, will Gott dennoch sein Wort verteidigen, nur darum, weil es sein Wort ist. Deshalb kön­nen wir also mit Recht trotzen und sagen: Wenn gleich 10 Päpste oder tür­kische Kaiser da wären, so will ich sehen, ob sie alle zusam­men den Mann, der da Christus heißt, schlagen werden. Das können sie wohl tun, daß sie ein Spiel zurüsten, das nach ihrem Kopf gespielt wird, aber dem Wort Gottes werden sie keinen Abbruch tun; dieses soll und wird geschehen, obgleich wir schwach im Glauben sind.

Das ist nun die rechte Kunst, daß wir derart im Leiden und Kreuz auf das Wort und die tröst­liche Zusage sehen und ihm Glauben schenken. Er spricht ja: „In mir werdet ihr Frieden haben, aber in der Welt Trübsale“ (Joh. 16,33), als wollte er sagen: Gefahr und Schrecken werden euch gewiß unter die Augen kommen, wenn ihr euch meines Wortes annehmen wer­det. Laßt sie nur kommen, solches wird euch um meinetwillen begegnen und widerfahren. So seid nun getrost! [36] Ich will euch nicht verlassen, ich will bei euch sein und euch helfen. Es sei nun die Anfechtung so groß, wie sie immer wolle, sie wird dir gering und leicht werden, wenn du für dich solche Gedanken aus dem Wort Gottes schöpfen kannst. Darum soll sich auch ein jeder Christ so zurüsten, daß er sich in der Anfechtung mit den feinen tröstlichen Zusagen schützen und bewahren kann, die. uns Christus, unser lieber Herr, hinterlassen hat wenn wir um seines Wortes willen leiden. Tut man es aber nicht und läßt die tröstlichen Sprü­che fahren, wenn das Kreuz kommt, so wird es uns genauso gehen wie der Eva im Para­dies. Die hatte Got­tes Gebot. Mit diesem sollte sie des Teufels Eingebung und An­reiz zu­rückschla­gen. Aber was tat sie? Sie läßt das Wort fahren und bekümmert sich um die Gedan­ken, was es für ein feiner Apfel. sei, es wäre an dem geringen Ding nicht viel gelegen. So ging sie ihren Weg dahin, und wenn man das Wort fahrenläßt, kann es nicht anders zugehen. Wenn wir aber bei dem Wort bleiben und uns daran halten, werden wir gewiß erfahren, daß wir fein heraus­kommen und siegen werden. Siehe, diese zwei Stücke lehren wir, wenn wir von dem Leiden und Kreuz predigen. Und wer uns die Schuld gibt, als lehrten wir gar nichts vom Kreuz, der tut uns Unrecht. Das tun wir aber allerdings nicht, daß wir unser Leiden zum Ver­dienst gegen­über Gott machen. Nein, weit, weit hinweg damit! Dasselbe hat Christus allein getan und sonst niemand. Dem soll auch allein die Ehre gebühren.

Drittens wollen wir auch sehen, warum unser Herrgott uns solches Leiden zuschickt. Dieses nun ist hier die Ursache: Er will uns seinem lieben Sohn in der Weise gieichförmig machen, daß wir ihm hier im Leiden und dort in jenem Leben in der Ehre und Herrlichkeit gleich wer­den, gemäß seinem Wort: „Mußte nicht Christus leiden und so zur Herrlichkeit ein­gehen?“ (Luk. 24,26.) Dieses aber kann Gott mit uns nur durch Leiden und Anfechtungen erreichen, die er uns durch den Teu­fel und böse Leute zuschickt.

Die andere Ursache ist die: Auch wenn Gott uns nicht angrei­fen und plagen wollte, will es doch der Teufel tun. Er kann Got­tes Wort nicht ertragen; er ist ja überhaupt von Natur aus so boshaft und giftig, daß er nichts Gutes leiden kann. Es ist ihm leid, daß ein Apfel auf einem Baum wächst; es tut ihm weh und verdrießt ihn, daß du einen gesunden Finger hast. Wenn er es tun könnte, so zerrisse er alles, was da ist, und würfe es durch­einander. Aber keinem Ding ist er so feind wie dem lieben Wort, und das darum: Er kann sich hinter jedem Geschöpf ver­bergen, nur das Wort deckt ihn auf, daß er sich nicht verbergen kann, [37] und zeigt jeder­mann, wie schwarz er ist. Da wehrt und sperrt er sich und bindet die Fürsten und Bischöfe aneinan­der und meint sich dadurch wieder zu verstecken. Aber es hilft nichts: das Wort zieht ihn dennoch ans Licht. Darum ruht er auch nicht, und weil ihn das Evangelium nicht leiden will, will er es auch wiederum nicht leiden. Da hebt es sich denn auf. Und wenn uns unser lieber Gott nicht durch seine Engel schützte und wir des Teufels List, Anschläge und Trug sehen könnten, müßte ein jeder allein von dem Anblick sterben, so viele Ge­schütze und Büchsen hat der Teufel auf uns gerichtet. Aber Gott wehrt ihnen, daß sie nicht treffen.

So kommen die zwei Helden zusammen. Ein jeder tut, so­viel ihm möglich ist. Der Teufel braut immer ein Unglück über das andere zusammen; denn er ist ein mächtiger, boshafter und unruhiger Geist. So ist es denn Zeit, daß die Ehre un­seres lieben Gottes auch hervorbricht. Denn das Wort, das wir ins Feld führen, ist ja ein schwaches, elendes Wort, und wir, die es haben und treiben, sind auch schwache und elende Menschen und tragen den Schatz in irde­nen Gefäßen, wie Paulus sagt (2. Kor. 4,7), die man leicht zerschlagen und zer­brechen kann. Darum läßt sich der böse Geist durch keine Mühe verdrießen und schlägt getrost danach, ver­sucht, ob er das Töpflein zerschlagen könnte. Es steht ihm ja so unter der Nase, daß er es nicht ertragen kann. Da heißt es erst recht, das kleine Fünklein mit Wasser und Feuer zu löschen und zu dämpfen. Da sieht unser Herrgott eine Weile zu und steckt uns zwischen Tür und Angel, damit wir aus unserer eigenen Erfahrung lernen, daß das kleine, schwache, elende Wort stär­ker ist als der Teufel und die Pforten der Hölle. Das Schloß sollen sie ruhig stürmen, der Teufel mit seinem Anhang. Aber laß sie nur stürmen, sie sollen dabei etwas finden, was ihnen den Schweiß heraustreiben soll, und es dennoch nicht gewin­nen; denn das Wort ist ein Fels, wie Christus es nennt, der nicht zu erstürmen ist. So laßt uns erleiden, was auf uns zu­kommt! So können wir erfahren, daß uns Gott beistehen, uns gegen diesen Feind und allen seinen Anhang schützen und schirmen will.

Zum dritten ist es auch sehr notwendig, daß wir nicht nur deshalb leiden, damit Gott seine Eh­re, Macht und Stärke gegen den Teufel beweise, sondern auch darum, weil uns der vortreff­liche Schatz, den wir haben, wenn er ohne Not und Leiden bleibt, nur schnarchend und sicher macht. Wir sehen es ja, und es ist leider allzusehr verbreitet, daß jetzt viele das heilige Evan­gelium so mißbrauchen, daß es eine Sünde und Schande ist, nämlich derart, als wären sie durch das Evangelium von allem so befreit, als ob sie nichts mehr tun, geben oder leiden sollten. Solcher Bosheit kann unser Gott nur durch das Kreuz steuern. Er muß [38] uns also üben und antreiben, daß der Leiden mehr werden und die Anfechtungen zunehmen und stär­ker werden und wir so den Heiland in uns bringen. Sowenig wir also des Essens und Trinkens entbehren können, sowenig können wir derAnfechtung und des Leidens entbehren. Darum müssen wir notwendig vom Teufel durch Verfolgung oder sonst einen heim­lichen Pfahl, der uns durch das Herz dringt, geplagt werden, wie Paulus auch klagt (2. Kor. 12,7). Weil es aber nun besser ist, daß man ein Kreuz hat, als daß man ohne Kreuz ist, soll sich nie­mand davor entsetzen oder erschrecken. Du hast ja eine gute, starke Verheißung, deren du dich trösten kannst, und das Evan­gelium kann auch nicht anders ans Licht kommen als durch und im Leiden und Kreuz.

Zum letzten: Der Christen Leiden ist deshalb edler und köst­licher als aller anderen Menschen Leiden, weil Christus sie in das Leiden gesteckt hat und so auch alle Leiden seiner Chri­sten geheiligt hat. Sind wir denn nicht arme, tolle Leute? Wir sind nach Rom, Trier und an andere Orte gelaufen, um die Heiligtümer aufzusuchen. Warum lassen wir uns nicht auch das Kreuz und das Leiden lieb sein, welches Christus viel näher gewesen ist und ihn näher berührt hat als irgendein Kleid am Leibe? Es hat ihm nicht allein den Leib, sondern das Herz be­rührt. So ist nun durch das Leiden Christi auch das Leiden aller seiner Heiligen ganz zum Heiligtum geworden; denn es ist mit dem Leiden Christi verbunden. Deswegen sollen wir alles Leiden nicht anders annehmen denn als Heiligtum; denn es ist wahrhaftig ein Heiligtum.

Weil wir aber jetzt wissen, daß es Gott so wohlgefällt, daß wir leiden sollen und Gottes Ehre sich in unserem Leiden erweist und sichtbar wird, und zwar besser als in irgend etwas an­de­rem, und weil wir solche Leute sind, die ohne Leiden im Wort und Glauben nicht bestehen können, und dennoch daneben die edle, teure Verheißung haben, daß unser Kreuz, wenn es uns von Gott zugeschickt ist, nichts Schlechtes, sondern ein durch und durch köstliches und edles Heiligtum ist, warum wollen wir uns dann weigern zu leiden? Wer nicht leiden will, der fahre hin und sei ein Junker. Wir predigen solches nur den Willigen, die wirklich Christen sein wollen. Die anderen werden es doch nicht fertigbringen (bereitwillig zu leiden). Haben wir doch so­viel Trost und Verheißung, daß Gott uns nicht im Leiden steckenlassen, sondern heraushelfen will, wenn auch alle Men­schen daran verzweifelten! Darum, obgleich es weh tut: Wohl­an, du mußt doch irgend etwas leiden; es kann ja nicht immer gleich zugehen! Es ist ebenso gut, ja tausendmal besser, um unseres Christus willen zu leiden, der uns Trost und Hilfe im Leiden zugesagt hat, als um des Teufels willen zu leiden und ohne Trost und Hilfe zu verzagen und zu verderben. [39]

Siehe, auf diese Weise lehren wir vom Kreuz, und ihr sollt euch auch daran gewöhnen, daß ihr fleißig das Leiden Christi von allen anderen Leiden unterscheidet. Jenes ist ein himm­lisches, unseres ein irdisches Leiden. Sein Leiden tut alles, un­seres tut nichts, als daß wir Christus gleichförmig werden. Das Leiden Christi ist also ein Herrenleiden, unseres ein Knechts­leiden. Diejenigen, die anders davon lehren, die wissen weder, was Christi Leiden noch was unser Leiden ist. Was ist die Ursache dafür? Die Vernunft kann nicht anders. Sie möchte gern mit ihrem Leiden wie mit allen anderen Werken hofieren, damit sie etwas verdient. Das sei für dieses Mal genug von dem Beispiel der Passion und von unserem Leiden geredet. Gott gebe, daß wir es recht fassen und lernen. Amen.

Gehalten am Karsamstag, 16. April 1530 auf der Veste Coburg.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, hg. v. Horst Beintker, Helmar Junghans und Hubert Kirchner, Band 1: Die Botschaft des Kreuzes, bearbeitet von Horst Beintker, Berlin 1981, 198-210 (WA 32,28-39).

Hier die Predigt als pdf.

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Hans Joachim Iwand – Zur Versöhnungslehre

21. Juni 2016

Weyden - Crucifixion (Triptych)

Da hat Hans Joachim Iwand in seinem Vortrag zur Versöhnungslehre die „Goldader der Heiligen Schrift“ freigelegt – mit seiner Auslegung zu 2. Korinther 5,18-22:

Zur Versöhnungslehre

Von Hans Joachim Iwand

Die christliche Lehre von der Versöhnung ist das Zentrum unseres Glaubens. Einer ihrer besten Vertreter aus dem 19. Jahrhundert, Martin Kähler, hat gesagt, „alle biblischen, dogmatischen, ethischen Studien haben mich auf die Frage von der Versöhnung durch Christum ge­führt, wie dieselbe die unabtrennbare andere Seite, nämlich die Grund­lage der Rechtfertigung durch den Glauben ist“.

Man wird bei dieser Gelegenheit auch an August Tholuck erinnern dürfen, der die Lehre von der Versöhnung wieder neu und lebendig hervorhob, nachdem sie in der Aufklärungszeit gänzlich verfallen war. Wenn ihn auch heute kaum noch jemand kennt und liest, so ist es doch nützlich, daran zu erinnern, daß es Tholucks „Lehre von der Sünde und vom Versöhner oder die Wahre Weihe des Zweiflers“ war, womit die Versöhnungslehre im 19. Jahrhundert wieder neu ins Bewußtsein der Christenheit eintrat. Martin Kähler und viele andere — selbst Wil­helm Herrmann wird man hier nicht vergessen dürfen — stehen noch ganz im Banne dieser großen Tradition. Darin dürfte Kähler recht haben, daß mit der Lehre von der Versöhnung das Zentrum des christlichen Glaubens wieder gefunden wurde.

Wir stehen, sobald wir uns auf sie beziehen, in der Mitte der großen Gottesstadt, wo alle Radien aus den anderen Bereichen und Bezirken zusammenlaufen. Von hier aus kann man das ganze übersehen; wem diese Mitte fehlt, dem fehlt auch das Bewußtsein der Ganzheit, dem fehlt die Anschaulichkeit und Einheitlichkeit seines Glaubens.

Wir wollen versuchen, uns das an einem Beispiel deutlich zu machen. Abgesehen von den vielen, kaum übersehbaren Fragen, die unser Thema in der Theologiegeschichte gefunden hat, seit Anselm von Canterbury (1033-1109) und Abaelard (1072-1142), seinen beiden so gegen­sätzlichen Vertretern bis in die Gegenwart hinein, muß es doch einen Punkt geben, an dem uns ansichtig wird, was das Christen­tum meint, wenn es von der Lehre von der Versöhnung spricht. Was ist das Gegenteil dazu? Kann man sich auch ein Gottesverhältnis den-[215]ken, in dem die Versöhnungslehre keine Rolle spielt oder nur eine untergeordnete? Von hier aus wird das Eigentümliche der biblischen Offenbarung verständlich. In der Bibel wird immer, auch im Alten Testament, von Gott im Blick und in Beziehung auf die Versöhnung geredet. Das ist anders bei der Philosophie, weithin auch anders bei unseren großen Dichtern, es ist anders überall da, wo man an ein immanentes Gottesbewußtsein anknüpft, das in der mensch­lichen Natur angelegt ist, und das man entfalten möchte. Und es ist ver­ständlich, wenn es nichts anderes gäbe, an dem wir uns in unserer Frage nach Gott zu orientieren hätten, als eben jenes in uns lebendige Gefühl einer Abhängigkeit von einem überweltlichen Wesen oder eines panthe­istischen Einsseins mit Gott — dann würden wir niemals auf die Versöhnung stoßen, als das eigentliche Thema des Verhältnisses Gottes zu uns.

Es liegt nicht an uns, daß von Versöhnung die Rede ist, sondern an Gott. Die Natur des Menschen ist nicht dazu angelegt. Wenn man ihr selbst ihren Lauf läßt, sucht sie Gott auf ganz anderen Wegen und in ganz anderen Erfahrungen und Bildern. Sie möchte eher Gott ver­söhnen als sich von ihm versöhnen lassen.

Wer aber den wirklichen Gott findet, nicht einen erdachten oder erträumten, sondern den Gott, der uns mit sich versöhnte als wir noch Feinde waren, der uns rettet, wo wir verloren gehen, der frei und wunderbar auf dem Plan ist, um sich als Herr und Versöhner der Welt und der Menschen zu erweisen, eben der Welt, die von ihm her und auf ihn hin ist, der wird den Unterschied empfinden, der zwischen der Bibel und ihrem Reden von Gott auf der einen Seite und unserem Denken und Empfinden auf der anderen Seite besteht. Die Bibel nennt dieses versöhnende Handeln Gottes in Jesus Christus darum gern ein Mysterium, das heißt ein Geheimnis Gottes, das sich nur von Gott her erschließt, das wir nicht von außen aufbrechen oder enträtseln können, und so ist es nicht der Gott der Philosophen, wie Pascal ihn genannt hat, um den es in der Lehre von der Versöhnung geht, sondern es ist der Gott Israels, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott des Alten und des Neuen Bundes, um den es uns dabei zu tun ist. Wir treten mit dieser Frage heraus aus der Welt der Aufklärung und aus der Stimmung des Pantheismus, wo es nirgend zu einem echten Gegen­über kommt zwischen Gott und uns.

Wer Gott ist und wer ich bin, das bleibt dort auf immer verborgen. [216] Erst da, wo Gott selbst als Versöhner auf den Plan tritt, offenbart er sich als der, der er ist und macht zugleich offenbar, wer ich bin.

Vielleicht hat Calvin, in dessen Theologie die Versöhnung eine so bedeutende Rolle spielt, eben darum die These in den Vordergrund gestellt, daß es in der christlichen Religion um die Frage geht, wer Gott ist und wer ich bin.

Ich kann das nicht ermessen und verstehen aus der bloßen Erinne­rung daran, daß Gott mich geschaffen hat oder daß ich ein endliches Wesen bin im Verhältnis zu ihm als dem Unendli­chen, daß Gott uns allerorten umgibt oder daß er in uns wohnt, wie er in allem Leben­digen lebt und ist, denn damit ist er noch nicht herausgetreten, hat sich noch nicht gezeigt in seinem Gottsein, ist nicht zu fassen nach dem, was er ist. Hier gibt es kein echtes Gegenüber zu ihm und ich kann nicht zu ihm sagen: ,,Mein Herr und mein Gott“, hier ist er überall und nirgend­wo. Aber da, wo er als der Versöhner auf den Plan tritt in seinem Bund, wo er mitten unter uns gegenwärtig sein will, darf es dann heißen: Kommet und seht! Da heißt es Jerusalem und Gol­gatha, da heißt es Jesus Christus, der Herr!

 II.

Wer meint, der Versöhnung mit Gott entraten zu können, wer also den Gott sucht, mit dem er je schon eins ist, ehe denn Gott diese Einheit herstellt, dem wird darum immer wieder die Schrift leer er­scheinen, er wird sich anderen, leichter eingänglichen Gedanken und Empfin­dungen über Gott und das Göttliche hingeben. Denn der Gott des Bundes, des Alten wie des Neuen, des Bundes von Sinai und des Bundes von Golgatha will als der erkannt und geglaubt sein, der als der Versöhner sich zu uns und uns zu sich ins Verhältnis setzt, der, wie es Karl Barth in seiner neuen groß angelegten Versöhnungslehre voranstellt: „Mit uns ist!“

Wir wollen uns das an einer besonders inhaltreichen Stelle des Neuen Testamentes deutlich machen, denn vom Neuen empfängt ja auch das Alte sein Licht und seine Rechtfertigung: 2. Korinther 5,18-22. Man könnte sagen, daß hier wirklich an einem Punkte alles zusammenge­faßt ist, was für die Lehre von der Versöhnung entscheidend ist. Jeder dieser gewichtigen Sätze ist ein Glaubensartikel für sich.

1. Es geht aus Vers 17 hervor, daß es sich in der Versöhnung um [217] eine neue Schöpfung handelt, nicht nur um eine Besserung und Restau­rierung des alten Menschen. „Wer in Christus ist, ist eine neue Krea­tur.“ Paulus meint doch wohl, daß Gott da, wo er in Jesus Christus als Versöhner am Werke ist, uns als Schöpfer begegnet und daß wir sein ganzes Versöhnungswerk anschauen dürfen, als wenn wir das eigentlichste und tiefste Geheimnis unseres Lebens anschauten. Wir dürfen dabei sein und sehen, wie Gott das Wunder des Lebens an uns tut! Das ist mehr als das bloße Wunder des. Geborenseins und des Existierens, dies erst ist seine Erfüllung. Hier ist Werden und Erkennen eins.

Dies Wunder ist 2. dies, daß es Gott war, der in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnte. Es geht um die Gegenwart Gottes in dem einen Menschen Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstan­den ist. In Jesus ist Gott, die Welt mit sich versöhnend, am Werk. So ist er in dem Menschen Jesus unter uns getreten und so will er von uns geglaubt und angenommen sein, daß wir uns ihm versöhnen lassen. Nur ein Schatten, nur ein fernes, dunkles, trübes Ahnen ist alles angeborene, im Menschen verbliebene Gottesbewußtsein gegen­über dieser seiner Herrlichkeit, die unser Bitten und Verstehen weit überragt.

Aber es gibt nicht nur die Versöhnungstat Gottes in Jesus Christus, sondern

3. zugleich den Dienst der Versöhnung. Wie die Sonne nicht auf­gehen kann, ohne daß ihre Strahlen über die Erde laufen, so hat Gott mit der Tat der Versöhnung auch das Amt der Versöhnung gesetzt. Das ist der Dienst der Kirche. Was auch immer in der Kirche geschieht, es sollte nichts anderes sein als die Fortsetzung dieses Ereignisses dieser unerhörten Gottes­nähe und Gottesfreundlichkeit, wie sie in Jesus Chri­stus ein-für-allemal Wirklichkeit gewor­den ist. Diese Sonne sollte nim­mermehr untergehen. Das, was geschah, da Gott in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnte, indem „er uns die Sünden nicht anrech­nete“, sollte allerorten geschehen, wo das Wort von der Versöhnung, das heißt wo die Versöhnung in der Kraft des Wortes Gottes ver­kündet wird. Man achte wohl darauf, daß das „Wort von der Ver­söhnung“ nicht an sich durch die Welt läuft, es ist ein besonderer Dienst dazu nötig, damit die Welt, die dieses Wort nicht begriffen hat, immer aufs neue von ihm ergriffen und angesprochen wird.

Wenn wir uns nun aber fragen, worin denn diese Versöhnung besteht, so stoßen wir [218]

4. auf jenen Begriff, der in der Geschichte der Theologie und des Glaubens, insbesondere seit Augustin und Luther, eine so große Rolle spielte, der Begriff der Nichtanrechnung. Luther hat einmal gesagt, diese Nichtanrechnung sollte man nicht gering achten, denn sie bedeute mehr als Himmel und Erde. Wir sind von Natur aus geneigt, nach etwas „Positivem“ Ausschau zu halten, aber die Schrift sagt uns hier (man könnte auch an Römer 4,8; Psalm 32 denken), daß das erste Wort, welches ein Mensch vernimmt, wenn er versöhnt wird mit Gott, ein Nein ist, ein scheinbar negatives und doch ist dieses Nein, das eigentliche und letzte Positivum unseres neuen Lebens. Das Nein be­sagt: In Gottes Augen bist du nicht der, der du in deinen und der anderen Menschen Augen bist, in Gottes Augen bist du um Jesu Christi willen auf immer geschieden und getrennt von deinen Sünden und Verfehlungen. Wie sollen wir das verstehen? Stellen wir uns vor, die Welt wäre wie ein großes Meer, wir müßten uns über Wasser halten, da ist aber eine Last, die zieht uns in die Tiefe, sie ist an uns gehängt mit unserer eigenen Natur, es ist ein Gefälle in uns, das uns nach unten reißt, wie einen Stein in die Tiefe. Es kennt niemand das geheime Ge­füge, wo wir und unsere Verfehlungen miteinander in eins verfloch­ten sind. Die menschliche Natur ist nicht einfach identisch mit ihrer Sünde und auf der ande­ren Seite hat doch die Sünde ihre Wurzeln in eben dieser Natur. Niemand kann das auseinan­dernehmen, ohne darüber entweder oberflächlich oder schwermütig zu werden. Das Wort der „Nichtanrechnung“ aber heißt, daß Gott in Jesus das Nein zu uns ge­sprochen hat, welches die Schuld von uns scheidet und so den Menschen errettet. Er spricht ein absolutes, von keinem irdischen und keinem himmlischen Gericht umzustoßendes Nein. Er trennt mich selbst von meinen eigenen Verfehlungen, so daß ich mich an sein Urteil halten darf, er stellt sein gött­liches Nein zwischen mich und meine Sünden, so daß nichts und niemand herüber und hinü­ber kommen kann, Jesus Christus steht dazwischen. Dieses Nein Gottes, eine Nichtanrech­nung! — ist tausendmal mehr als alle Ja des sogenannten „positiven Christen­tums“ (wir haben dies Wort wohl noch in den Ohren!), mögen sie unserem alten Adam noch so gut gefallen. Erst muß der Mensch dieses Nein Gottes glauben lernen, erst muß er erfahren, daß Jesus Christus in der Mitte ist, dort, wo niemand sonst hintreten kann, der uns scheidet von jener Welt des Bösen und Sündhaften und sagt: Nein, dieser Mensch gehört nicht euch, sondern mir. Das ist der Trost des Evangeliums, Gottes Zuspruch; daß mit seiner Nichtanrechnung unse-[219]rer Schuld eine neue Zeit und ein neuer Mensch heraufgeführt wird, denn

5. der Welt, nicht nur der Kirche gilt die Versöhnung. Es heißt nicht: Gott war es, der in Christus die Kirche reinigte, sondern es heißt: der die Welt mit sich versöhnte. Das bedeutet, daß die Versöhnung all denen zukommt, die dieser verlorenen und entstellten Welt angehören und verhaftet sind. Die Nichtanrechnung der Sünden ist kein Privileg, das nur besonderen Menschen gilt, besonders ernsten, besonders from­men, besonders unter ihrer Schuld leidenden, denen natürlich auch! Aber die Versöhnung gilt vorbehaltlos. Mit diesem Nein Gottes — und hier dürfen wir sagen, mit diesem im Blute Christi bekräftigten und befestigten Nein ist Ähnliches geschehen wie am Beginn der Schöpfung, als Gott Licht und Finsternis schied. So scheidet sein Nein die Welt und unsere Verfehlungen voneinander in einer uns wahrhaft erlösen­den und rettenden Tat, scheidet das Sein vom Nichts, das Leben vom Tod, die Gerechtigkeit Gottes von unserer Ungerechtigkeit. So muß man das lesen, was hier geschrieben ist: Er versöhnte die Welt mit ihm selber, indem er uns unsere Übertretungen nicht zurechnete.

Das ganze ist aber

6. nur auszudrücken in der Weise der Aufforderung und der Einladung: „Laßt euch versöhnen mit Gott“. Die Art und Weise, wie Gott das Werk der Versöhnung an uns heranbringt, geschieht in der Form der Bitte (wie im Abendmahl), zu nehmen, was er für uns bereitet hat. Auch das zeigt eine neue Lage an. Unsere Existenz haben wir uns nicht wählen können, wir haben sie als unsere Bestimmung empfangen. Bei unserer ersten Schöpfung, wenn wir das so sagen dürfen, sind wir nicht mitbeteiligt gewesen, da sprach Gott und es geschah. So soll es jetzt nicht sein. Gott will uns dabei haben als die Genossen seines Bundes, als solche, die in seine Hand einschlagen und das Ja des Menschen, des Menschen im neuen Bunde, dazu sprechen, ein Ja, mit dem wir auf das Nein Gottes, auf seine Nichtanrechnung im Glauben antworten und die Versöhnung als Gottes Gnadenurteil annehmen. Gott selbst will seinen Bund mit freien weil befreiten Menschen schließen. Das freie Ja zu seiner Gnade soll das Tor sein, durch das wir ins neue Leben treten. Die Tat der Versöhnung wird also nicht mein durch Tradition und Sitte, durch Erziehung und was dieser Wege mehr sind, durch die sich kultu­relle Eigenschaften von Generation zu Generation übertra­gen, sondern hier ist der Augenblick alles, hier heißt es: Heute, so ihr meine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht! Psalm 95; Hebräer [220] 3,7. Ich muß heraustreten aus dem, woraus ich herausgerufen bin, und einschla­gen in die Hand Gottes. „Du reichst mir deine durchgrabene Hand, die so viel Treue an mich gewandt.“ Es ist sehr wesentlich, daß dieser Akt der Freiheit in der Kirche nicht verloren geht, denn mit ihm würde die Freude und das Aktuelle der Begegnung mit der Gnade Gottes schlechthin verloren gehen. Das also heißt Versöhnung mit Gott. Sie ist der Inbegriff des großen Freudentages, an dem Gottes Werk in Jesus Christus in uns, in unserer Welt, zu seinem Ziele kommt. Nur, daß sich niemand täusche über den Preis. Das ist nämlich

7. das Seltsame, daß wir hier am letzten Ende dieses ganzen Ge­schehens meinen könnten, das bloße Angebot der Gnade Gottes könnte genügen. Wo dem Menschen etwas so großes ange­boten würde, da müsse jeder den Platz verlassen, an dem er steht, müsse von den Ecken und Gassen weglaufen, wo er sich befindet, um der Einladung zu fol­gen, zu der er hier gerufen ist. Aber das ist ein Irrtum. Das Kommen und sich Versöhnenlassen geht nicht so leicht. Sie kom­men eben nicht, die Geladenen kommen nicht, die Erwählten nehmen es nicht an. Wenn Gott das Werk der Versöhnung nur auf den Ruf seiner Boten gegrün­det hätte — manche meinen das ja —, dann würde diese Botschaft leer und nutzlos verhallen. Das Versöhnungswort Got­tes, mit dem er uns gerettet hat, das wir im Ja zu ihm ergreifen sollen, „sollen“, weil wir es „dürfen“ und ergreifen „dürfen« weil wir es „sollen“, dieses Nein Gottes muß uns so vor Augen gestellt werden, daß es mehr ist als ein Wort, ein Begriff und ein Spiel mit Begriffen.

Nun stoßen wir auf das Höchste und Tiefste, auf die eigentliche Goldader der Heiligen Schrift, in jene Tiefe, wo wir empfinden, daß in ihr Dinge gesagt und gedacht sind, wie man sie bei keinem Philo­sophen finden kann, denn nun gelangen wir an das eigentliche Funda­ment der Versöhnungslehre: „Er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden die Gerechtigkeit Gottes in ihm.“ Das ist einer der Sätze, auf die man ster­ben kann, weil sie einen Trost bieten, der stärker ist als der Tod. Und wenn man in seinem ganzen Leben nichts anderes begriffen hätte als dies — und diese Sache ist gar nicht so ein­fach zu begreifen, einmal ist man ihr näher und dann wieder weiter von ihr entfernt, man muß immer tiefer und inniger darum ringen, in ihre Mitte zu gelangen, sich dort festzuhalten, mit seinem ganzen Sein und Leben — dann hätte man nicht umsonst gelebt. Hier erst wird ganz deutlich, wer Gott ist und was er in Jesus Christus an uns getan hat und wer wir selbst sind. Hier erst weiß [221] man, was es heißt: Crux unica spes! — Das Kreuz die einzige Hoff­nung. — Hier begreift man, daß man das neue, göttliche Leben nicht beginnen kann, ohne diesen Wechsel. Wir müssen aufhören von unse­rer Gerechtigkeit zu leben und anfangen, mit Jesus Christus unserer eigenen Ungerechtigkeit zu sterben. Dieser von Gott in den Tod gege­bene Mensch Jesu Christus ist die, das behauptet hier Paulus, univer­sale, die dich und mich und alle Welt ganz umfassende Sünde im Feuer des göttlichen Gerichtes. Ich und wir haben sie nie ganz ernst genom­men, aber Gott hat sie ernst genommen. Hier und so, in seinem Todesgang, wirklich in seinem Blute, hat Jesus Christus den Menschen auf die Seite der göttlichen Gerechtigkeit gezogen, hat ihn bekleidet mit dem Kleid eines neuen Seins. Hier ist Jesus im Gehorsam gegen Gott hinausgegangen in die Nacht der Gottverlassenheit, in die Tiefe, die keiner von uns ermessen kann, damit wir in den Besitz derjenigen Gerechtigkeit kämen, die nicht den Menschen, sondern Gott zum Sub­jekt hat. Versöhnung heißt also, daß uns Gott im Opfer Jesu Christi einen realen Seinsgrund geschaffen hat, auf Grund dessen wir sie an­neh­men, weil wir in diesem Versöhnungstode Jesu angenommen sind. Wer diesen Grund weg­nimmt, wer meint, es genüge, zu verkündigen, daß Gott gut ist, daß er barmherzig ist, wer darauf allein die Ver­söhnung gründen möchte, der hat den großen Ernst Gottes, der hat das, was wir in der Theologen-Sprache die stellvertretende Genugtuung nennen, gestrichen: „Er hat meine Sünde zu seiner gemacht und seine Gerechtigkeit zu meiner“ (Luther). Das ist der fröhliche Wechsel und in Wahrheit die „Transsubstantion“ von Sünde und Gerechtigkeit.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Um den rechten Glauben. Gesammelte Aufsätze, hg. v. Karl Gerhard Steck, TB 9, München: Chr. Kaiser 21965, 214-221. Zuerst veröffentlicht in: Das tat Gott. Bericht und Besinnung einer Bruderschaft, fünfzig Jahre Bahnau, Unterweissach: Buchhandlung der Bahnauer Missionsschule 1956, 208-216.

Hier der Text als pdf zum Herunterladen.

Hans Joachim Iwand – „Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt.“ Predigt über 2. Korinther 5,19-21

17. Juni 2016
Iwand mit Karl Barth 1956 auf der Jahrestagung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal

Hans Joachim Iwand (2.v.l.) mit Karl Barth 1956 auf einer Tagung der Gesellschaft für evangelische Theologie in Wuppertal-Elberfeld

Versöhnung in Christo akademisch lehren ist das eine. Das Wort von der Versöhnung auf den Glauben hin in einer Predigt auszurichten das andere. Eine höchst anspruchsvolle Karfreitagspredigt findet sich bei Hans Joachim Iwand aus dem Jahr 1957:

„Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt.“ Predigt über 2. Korinther 5,19-21

Von Hans Joachim Iwand

Denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns auf­gerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Bot­schafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde ge­macht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt. Es geht hier nicht um die Erlösung der Erlösten, oder um die Versöhnung der Versöhnten, es geht nicht etwa darum, nur bewußt zu machen, was wir je schon sind in der Hand unseres Gottes, sondern es han­delt sich um mehr, um eine Tat Gottes, die eine Weltenwende be­deutet. Es geht darum, daß Gott genau da, wo wir meinen, den Glauben an ihn zu verlieren, mitten in der verlorenen und gott­losen Welt das Zeichen seines Sieges, seiner Barmherzigkeit, sei­ner rettenden und richtenden Überlegenheit aufgerichtet hat. Wir alle rechnen in seinen Augen zu dieser verlorenen, gottfeindlichen, im Aufstand gegen ihn befindlichen Welt. Als Glieder dieser Welt, wie sie heute ist, wie wir sie alle kennengelernt haben, in den kur­zen oder langen Abläufen unseres Lebens, sollen wir es hören und glauben, daß der große Versöhnungstag Gottes mit dieser Welt wahrgeworden ist! Ließen wir ihn so gelten, wie er dasteht, dann müßten die Türen der Kirche heute ganz weit aufgehen, dann müßte in diesem Augenblick alles frei und offen vor uns liegen, was da draußen vor sich geht, dieses dunkle und schreckliche, die­ses grausame Menschen- und Weltenlos, dann dürften wir hin­schauen auf die Brandstätten des eben vergangenen Krieges, dann müßten wir es spüren bis in diesen Raum hinein, die schreckliche Atmosphäre des Hasses, der Verhetzung und der Propaganda, in der sich neues Unheil zusammenbraut, kaum daß das alte vorüber ist. Dann müßte alles vor unserem Auge stehen, was uns oft so viel [279] Anfechtung bereitet, die erbarmungsvolle Oberflächlichkeit der Menschen, die nicht mehr wagen in die Tiefe zu gehen und einen Blick in sich selbst zu tun, die wohl oder übel ohne Vergangenheit und Zukunft leben in dem flüchtigen Moment der Arbeit und des Genusses und des eben wieder modern gewordenen Tanzes um das goldene Kalb. Und doch würden wir in demselben Augenblick wis­sen, daß das alles aufgehoben ist, daß das vor Gott nicht gilt und nicht wahr ist, so wenig wahr wie der letzte Versuch der Welt ge­lingen konnte, Gott in Christo zu widerstehen. Diese ganze weite, große, verlorene Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Ge­kreuzigten. Hier ist sie aufgehoben. Indem sie versucht, Gott los­zuwerden, ist er nun endgültig als der Sieger in ihre Mitte ge­treten.

Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unend­lichen Verborgenheit und Tiefe

Es sind vier Worte, die sich am Anfang unseres Textes besonders auffällig und deutlich heraus­heben: «Gott war in Christo», d. h. in diesem leidenden und sterbenden Menschen Jesus da ist Gott der Handelnde, der uns allen Nahe. Gott ist also nicht etwas hinter dem Ganzen. Die Karfreitagsgeschichte ist nicht ein Drama, das sich auf der irdischen Bühne vor unseren Augen abspielt und hinter dem Gott als Regisseur steht oder von uns dazu zu denken wäre. Da ist kein Vorhang zwischen Gott und diesem Gekreuzigten. Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unend­lichen Verborgenheit und Tiefe und hat mitten in dieser Welt, in der wir alle leben, und für diese Welt, die keinen Raum für ihn hat, in Christus ein für alle­mal sein letztes Wort gesprochen. Er hat das Tor zu sich wieder aufgetan und den großen Versöhnungstag her­aufgeführt, auf den wir alle, ob wir es wissen oder nicht, so sehn­süchtig warten. Wir alle warten darauf und müssen darauf warten, wenn anders wir je zu spüren bekamen, was Sünde und Schuld und Verfehlung bedeuten. Gott muß mitten unter uns treten, alles andere kann uns nicht helfen. Gott ist es, der das allein ändern kann. Aber eben Gott in Christus. Diese beiden sind eins, der Vater und der Sohn, der Vater im Himmel und dieser Mensch auf Er­den, und ist doch ein Werk und eine Tat, die beide tun im Sterben und im Leben, im Siegen und im Untergehn. Es ist nicht so, als ob sich in Christus in diesem Tod eine besondere Tiefe des Mensch‑[280]lichen offenbarte, als ob wir hier nur etwas zu sehen und zu hören bekommen, was aus unserer Welt und unseren Möglichkeiten stammt und was wir so verstehen können. Nein, der Apostel meint, ihr habt nicht eure, sondern ihr habt Gottes Möglichkeiten hier vor euch. In diesem Jesus Christus greift Gott selber ein. Er will die Welt davon überführen, daß die Gerechtigkeit und der Friede bei ihm liegt. Daß er sie sucht, auch wenn sie ihn längst vergessen hat. Daß er sie nicht losläßt, auch dann, wenn sie meint, sie sei ganz fern und ganz gottlos geworden. Und dasselbe gilt auch nach der anderen Seite hin. Man könnte ja meinen, diese Tat Gottes in Chri­stus gelte nur den Frommen, d. h. solche, die doch noch eine letzte Erinnerung an Gott bewahrt haben, und das sind, was man die religiös ange­legten Naturen nennt. Aber auch diese Gedanken müs­sen wir fern lassen, wenn wir hören und verstehen wollen, was un­ser Text uns sagt. An diesem großen Versöhnungstage geschieht nämlich wirklich, was Jesus Christus in seinen Gleichnissen immer nur angedeutet hatte: Die Türen des königlichen Saales sind weit geöffnet und die Boten werden ausgesandt, alle zu holen, die Guten und die Bösen, die Tauben und die Lahmen, die Ausgestoßenen und die Entfremdeten, nicht bloß die Idealisten, sondern auch die Materialisten, nicht nur die Gehorsa­men, die im Hause blieben, nein, auch die verlorenen Söhne, die ihr Vermögen vertan und ihr Leben verwüstet haben, — heute sind alle gerufen, ohne Unterschied! Das bedeutet: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber, daß die Welt diese offene Tür bekommen hat, durch die alle einen freien Zugang haben von hier nach dort, nachdem Gott durch diese Tür eingetreten ist von dort nach hier. Gott und die Welt, die sonst nicht zueinan­der kommen können, begegnen sich hier und begegnen sich so, daß die Welt mit Gott ver­söhnt wird. Das ist das Große, das ist es, was Karfreitag bezeugt! Und wir alle sind immer wieder neu gefragt, ob wir das auch wirklich glauben, denn erst dann sind wir Christen! Es ist so leicht, an Gott zu glauben, wenn man die Augen schließt und die Welt nicht sieht, die Welt um uns und die Welt in uns. Und darum geschieht es dann so oft, daß wir diesen ungeprüften und eingebilde­ten Glau­ben verlieren, sobald wir die Augen auftun und sehen, was Welt [281] heißt und bedeutet. Aber dieser weltabgewandte Glaube ist nicht der lebendige Glaube an Gott in Chri­stus, er ist der Glaube an einen gedachten, eingebildeten, selbstgemachten Menschengott, der Glaube an den Gott der Guten, der Gerechten und der Frommen, aber er ist nicht der Karfrei­tags­glaube. Und man muß den einen ablegen, wenn der andere in uns geboren werden soll. Denn der Karfreitagsglaube sieht zwar, wie es um die Welt steht, aber er glaubt nicht dem, den er da sieht, er glaubt allein das, was Gott in Christus getan hat.

Das scheinbar Negative ist das Allerpositivste in unserem Leben

Denn — und das ist das zweite und Wunderbare an diesem Ver­söhnungshandeln Gottes, daß wir nichts Positives über die Art aus­machen können, wie Gott und die Welt in Christus sind. Das ein­zige Ergebnis Gottes, das wir zu fassen bekommen, das einzige, was hier und überall durch die ganze Bibel hindurch verkündet wird, wenn die Rede auf das Kreuz Christi kommt, scheint etwas Negatives zu sein: Gott rechnet ihnen die Sünden nicht an. Mehr ist es nicht. Weil wir alle immer wieder darauf aus sind, wissen zu wollen, was Gott uns gibt, weil wir Gott immer nur als den geben­den Gott im Auge haben, können wir den vergebenden nicht fas­sen. Darum können wir auch nicht begreifen, daß das scheinbar Negative das Allerpositivste ist in unserem Leben, das Fundament, auf dem alles andere ruht, was wir an Glauben, Lieben und Hoffen kennen! Das wird in dem Augenblick anders, wenn wir im Ange­sicht der Versöh­nungstat Gottes begreifen lernen, was Verfehlungen bedeuten. «Ewig still steht die Vergan­gen­heit», sagt der Dichter, und er hat wohl recht damit, solange wir absehen von der Kar­frei­tagsbotschaft. Dann ist in der Tat das Vergangene wie ein Fels, den wir nicht wegwälzen kön­nen, denn in dem, was wir Vergan­genheit nennen, sind ja unsere eigenen Taten Ereignis ge­wor­den, die unabhängig von uns ihren Weg gehen und ihre Wirkung haben. Sie sind die großen Hindernisse auf unserem Weg nach vorn, die uns die Straße in die Zukunft versperren. Darum ist die ganze Weltgeschichte immer wieder ein verzweifelter Versuch, nach vorn durch­­zubrechen und dann ein schrecklicher Rückfall in die alte Schuld und in die alten Sünden. Es gibt Ereignisse, die so schwer sind, daß sie uns alle mit sich in die Tiefe ziehen, daß aller Mut [282] zum Leben erlischt, alle Freude und alle Zuversicht, daß wir uns umdre­hen müssen und hinschauen auf das versunkene Sodom und Gomorrha, bis wir selbst zur Salzsäule werden! Es nützt uns dann gar nichts, daß wir übrig geblieben und mit dem Leben davon ge­kommen sind, denn wir sind gebannt an eine schreckliche Vergangenheit, die uns nicht losläßt und uns zerquält und zerfrißt mit der einen großen Frage: warum, warum? Wir hören die heimlichen An­klagen aus dem Abgrund hervorsteigen. Wir spüren, wie schwer die Gewichte sind, die sich an uns hängen, die unabänderlichen Ereignisse, die wir selbst herauf­beschwören. Dann erst, wenn man das Leben von dieser Seite aus sieht, wenn man begreift, wie die Men­schen unter solcher Last gleichgültig werden, wie sie freud- und hoffnungslos sich dahinschleppen, kann man verstehen, was für eine große Sache es ist, wenn Gott kommt und Gericht hält und das Ende und das Ergebnis darin besteht, daß es heißt: Er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu! Wenn wir einen Blick darauf werfen, wie genau unter den Menschen selbst gerechnet wird, wie dort jeder vom anderen seine Schuld eintreibt, die einzelnen, die Völker, die Klassen, die Parteien, dann erst, wenn man dieses grausame Spiel begriffen und den Menschen einmal gesehen hat, wie er über sei­nesgleichen zu Gericht sitzt und alles anrechnet, was nur anzurechnen ist, dann kann man ermessen, daß wir hier in eine andere Welt tre­ten, eine Welt, über deren Portal eingemeißelt ist: Im Angesicht des Gekreuzigten «Gott rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu».

Die Welt lebt nun einmal davon, daß ihre Rech­nungen beglichen werden

Das ist es, was wir nicht fassen können. Darum erdichten wir uns immer wieder ein Dahinter, einen nach Menschenart rechnenden, verklagenden, die Schuld eintreibenden Gott. Dieser Wahn müßte heute endgültig fallen, wenn es auch für uns Karfreitag werden soll. Heute müß­ten wir begreifen, daß Gott uns in Jesus nahe ist, und daß es hier kein Dahinter gibt. Daß die­ses Sein Gottes in Christo unser Sein ist, das allernächste und vertrauteste in unserem Leben, näher als alles Gewesene und als alles Kommende, näher als alle Tiefen und näher als alle Höhen, näher als die Dämonen, und zwar die guten wie die bösen, so daß uns nichts davon scheiden kann, und wir nichts anderes sehen und nichts anderes hören als dieses Wort Gottes: Er rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu! Das [283] heißt also, daß alle Seile zerrissen werden, mit denen die Last der Vergangenheit unser Schiff in die Tiefe ziehen möchte, daß ein Schluß­strich gesetzt wird, unter alle Verfehlungen, damit wir neu anfangen können, so neu, als finge unser Leben mit diesem Gottes­tage selber überhaupt erst an. Aber auch das ist noch viel zu wenig gesagt, um die Fülle zu fassen, die das Neue mit sich bringt, denn wahr­schein­lich würden wir gar bald wieder unseren alten Fehler ma­chen und wenn nicht die glei­chen, dann andere, die ebenso schwer sind, und so bliebe doch die Angst vor den Abgrün­den und das Wissen um die Schwächen, die nun einmal den Menschen angeboren sind. Aber, nicht wahr, dieses Mißverständnis erklärt sich daraus, daß wir schon wieder etwas Positives in der Hand halten möchten, daß wir uns nicht genügen lassen an Gottes Gnade, an dem einen: Er rechnet ihnen ihre Sünde nicht zu. Alles Positive ist in diesem Falle weniger als dieses Negati­ve, alles Sein ist weniger als das Nicht-Sein, alles Haben weniger als das Nicht-Haben. Und weil der Karfreitag uns in der Tat nicht mehr sagt, sagt er mehr als alle anderen Tage und ist er wirklich Gottes Tag in unserem Leben! Er sagt nur dies eine: Gott war in Christo und rech­nete ihnen ihre Sünden nicht zu. Und hier dürfen sie alle kommen, die Menschen dieser Welt, und einsetzen, was sie wollen, was jeden bedrückt, es mögen Berge von Schuld sein oder Ab­gründe von Versuchungen, es mag all das sein, was die vom Zweifel Angefochtenen erle­ben und erleiden, all die Blasphemie, die sie gedacht, all die Leugnun­gen Gottes, die sie gelehrt haben. Die Ungerechtigkeiten dieser Welt, wenn sie Ereignis geworden sind in dem Erleiden der Kinder und der Frauen, die Grausamkeiten des Krieges, die Hartherzig­keit der Geldmen­schen, alles das soll nicht gerechnet werden. Wenn wir Menschen so etwas täten, wo kämen wir dann hin, wo bliebe das Recht und die Gesellschaft, wo bliebe der Staat und die Polizei? Hin und wieder möchten wir es ja so haben, hin und wieder ver­suchen wir es selbst und machen Ansätze dahin, aber wir scheitern, wir müssen erkennen, daß wir die Ordnung unter­graben, von der wir alle leben, denn die Welt lebt nun einmal davon, daß ihre Rech­nungen beglichen werden. Aber Gott ist darum Gott und nicht ein Mensch. Und der Himmel ist darum nicht die Erde und der [284] Karfreitag ist darum nicht ein Tag, wie alle anderen Tage, weil hier nichts anderes gilt, als Gottes freie, vergebende, bedingungs­lose Gnade. So tief ist das Geheimnis des Karfreitags, es ist das Geheimnis Gottes selbst! Und wenn es diesen Tag nicht gäbe, dann könnte niemand von uns wissen, wie es um Gott steht und wie wir zu ihm stehen. Und weil es das Geheimnis Gottes ist, was immer noch sein Geheimnis bleibt, auch wenn unsere Augen das Kreuz sehen, und wenn unsere Ohren die Geschichte des Kreu­zes hören, darum braucht Gott einen besonderen Dienst, der diese neue Li­nie, diese himmli­sche, göttli­che, gnadenvolle Linie mitten in der Welt und in der Zeit vertritt und unbeirrbar durchhält, mag das auch heute so wenig von der Welt verstanden werden, wie es da­mals der Fall war.

Der Tod von Jesus von Nazareth riecht nach Leben und er hat gar nichts Abstoßendes und gar nichts Schreckliches

Daraus ergibt sich das dritte, was unser Text sagt: Daß Gott nicht nur nicht anrechnet, sondern daß er einen Botendienst einrichtet von dieser Stätte des großen Versöhnungstages her, der in alle Welt hinausgeht und überall hin die Freudenbotschaft bringt. Ein alter Meister unter den Theologen hat ein eindrückliches Bild für dies Geschehen geprägt. Er vergleicht Gott mit einem König und die Welt vergleicht er mit einem Volk, das sich gegen diesen König empört hat. Durch diese Empörung, so sagt er, seien alle Glieder des Volkes schuldig geworden, denn sie haben sich aufgelehnt ge­gen ihren angestammten Herrn; aber der König setzt einen Ge­richts­tag fest in seinem Palast und unterzeichnet eine Urkunde, durch die seinem Volk die Schuld vergeben wird, die auf allen lastet. Da­mit aber jedermann in diesem Reiche wissen kann, daß er hinfort unter der Vergebung lebt, sendet der König Boten aus bis in die fernsten Winkel und Enden seines Landes, die jedermann die Bot­schaft überbringen sollen, daß der König den großen Versöhnungs­tag für alle gemacht hat. Und wenn wir uns die ersten Christen ansehen und wissen wollen, was eigentlich solch ein Apostel ist, wie hier der Apostel Paulus, der zu uns redet, dann werden wir be­merken, daß dieser Apostel sich nicht anders fühlt als solch ein Bote, und die ersten Christen sich nicht anders verstehen als solche Menschen, denen diese Botschaft gebracht worden ist. «Als Bot­schafter an Christi Statt» möchte der Apostel angesehen werden, [285] und so sollten sich alle ansehen, die zu den Menschen von Gott re­den, denn alles andere Reden von Gott ist nutzlos und leer. Wir sollen diese Botschaft Gottes hinaustragen bis in die letzten Hütten und Dörfer, bis in die fernsten Winkel seines großen, weiten Kö­nigreiches, zu allen, die sich fürchten, die Angst haben, die zusam­men­schrecken, wenn der Name des Königs genannt wird. Eigentlich müßte, wenn wir den Apostel recht verstehen, der Karfreitag der große Freudentag der Welt sein, wir dürfen uns gar nicht versam­meln hinter verschlossenen Türen, sondern müßten selbst hinaus­gehen und alle herein­holen, damit sie es auch hören und verneh­men, daß heute Friede ist, Friede in Gottes großem, weitem König­reich, Freude auf der ganzen Erde! Friede gerade im Zeichen und Angesicht des einen Menschen, des Menschen Jesus Christus, der da am Kreuz hängt. Überall sonst ist der Tod etwas Schreckliches und überall, wo das Leben auf den Tod stößt, flieht es, denn es merkt, daß es selbst bedroht ist. Es riecht nach Sterben, nach Untergang und Ende. Aber der Tod von Jesus von Nazareth riecht nach Leben und er hat gar nichts Abstoßendes und gar nichts Schreckliches. Denn jeder Mensch, der sein Auge dahin erhebt und der diese Bot­schaft annimmt, hört hier, daß wir leben sollen. Der Tod ist zu einem Mittel geworden in der Hand Gottes, um uns alle froh und gewiß zu machen! Es ist so wie damals, als die Israeliten in der Wüste die eherne Schlange errichteten. Jedermann, der seine Augen dahin erhob, war gerettet, das Gift der Schlange schadete ihm nicht mehr, der Tod konnte ihm nichts mehr anhaben.

Es ist schrecklich, wenn die Kirche meint, mit Institutionen und Gesetzen den Menschen zu dem Letzten und Höchsten helfen zu können

Aber eines muß man freilich bei dieser Sache beachten, und dar­auf legt der Apostel den größ­ten Wert: diese Boten dürfen, weil sie Boten Gottes sind, nicht befehlen, sie dürfen nur bitten, so, als ob Jesus Christus, der hingeopferte Königssohn, selbst bäte: sonst wären sie nicht Boten des Gnadenreiches und könnten die Men­schen nicht zum Glauben rufen, sie könnten sich nicht aus der Kraft des Geistes für die Gnadenbotschaft entscheiden. Laßt mich hier noch etwas Besonderes sagen: Es war kurz nach dem Ende des letz­ten Krieges. Zum erstenmal waren wir in einer zerstörten, mittel­deutschen Stadt wieder zusammen, viele Freunde und Brüder der Bekennenden Kirche, viele von ihnen, die nicht mehr geglaubt hat‑[286]ten, daß sie sich jemals wiedersehen würden. Da war Martin Nie­möller, der solange im KZ von uns getrennt war, da waren Brü­der, die aus den Gefängnissen Berlins kamen, in denen sie hart am Tode vorbeigingen, da war auch der Mann unter uns, der durch die Absperrung Deutschlands solange von uns getrennt war, Karl Barth, dessen Wort uns in den Jahren der Entscheidung so viel be­deutet hatte. Und als wir dann zum Abendmahl gingen, zum ersten Abendmahl nach all den Jahren der Trennung und des Grauens, stand dieses Wort aus dem 2. Korinther-Brief über uns, und wir ha­ben uns gelobt, unser Dienst soll von nun an nichts anderes sein, als dieses Bitten: So bitten wir euch nun an Christi Statt, lasset euch versöhnen mit Gott! Es ist nämlich schrecklich, wenn die Kirche mehr sein möchte, wenn sie glaubt, die Menschen zum Glauben zwingen zu können, wenn sie meint, mit Institutionen und Gesetzen den Menschen zu dem Letzten und Höchsten helfen zu können. Mit sol­chen Mitteln, die die Staaten und vielleicht auch die Gesellschaft und vielleicht auch die Parteien gebrauchen, um ihre Untertanen und Anhänger zusammenzuhalten, gewinnt man nur die Leiber, aber niemals die Herzen. Die Herzen gewinnen überhaupt nie wir, sondern die Herzen gewinnt nur Christus selbst. Wir müssen ab­nehmen und er muß wachsen! Er, der für uns dahingegebene Sohn Gottes, muß mitten unter unserem Bitten so groß werden, daß durch ihn geschieht, was an diesem Tage geschehen soll und kann. Sonst wäre ja dieser Versöhnungstag Gottes eben doch nicht der Tag aller Tage, sonst wäre er nicht der Tag der großen Freiheit, sonst würden die Menschen sich ja doch wieder nur auf Menschen verlas­sen. Bitten heißt ja, darauf angewiesen sein, daß der, den wir bitten, es tut. Haben wir nicht erfahren in den Zeiten, da unsere ganze kirchliche und geistige Herrlichkeit zusammenbrach, daß viele Men­schen, die sich Christen nannten, eben doch nicht zu Christus ge­hörten, daß sie sich noch niemals freiwillig, noch niemals aus freien Stücken Gott ganz übergeben hatten? Es gehört Glaube dazu, Glau­be an Gott und Glaube an das Wunder des Glaubens, das Gottes Geist an uns Menschen tun kann, wenn man diese Grenze innehält. Ein Glaube, der mehr verlangt als etwa nur, daß wir an das Gute im Menschen glauben sollen, nein, wir können und dürfen und sol‑[287]len glauben, daß der Mensch sich versöhnen läßt, wenn Gott in Christus ihn bittet, daß er sich in innerer Freiheit versöhnen läßt, einfach darum, weil es ihm von Gott her aufgeht, daß die Feind­schaft zu Ende ist und darum auch bei uns zu Ende sein muß.

Auf die­sem einen Jesus Christus liegt die ganze Nacht

Denn wir gehören ja nun auf die andere Seite. Auf ihm, auf die­sem einen Jesus Christus, liegt die ganze Nacht — und auf uns, auf allen, die nicht Jesus Christus sind: «Durch seine Wun­den sind wir geheilt.» Wir sind — oder wir könnten jedenfalls sein — Gottes Gerechtigkeit! Also gerade das, was wir bisher nie sein konnten. Denn bisher konnten wir ja nur unsere eigene, fatale, abstoßende, Heuchler und Pharisäer zeitigende Gerechtigkeit sein. Bisher wa­ren wir im besten Falle so gerecht, daß immer wieder ein fataler Geruch von dieser Gerechtig­keit ausging, der jene Grenzen und Grä­ben schuf, die uns alle gegeneinander mit dem tiefen Mißtrauen er­füllen. Gottes Gerechtigkeit ist diese uns unsere Sünden nicht an­rechnende Gerechtigkeit, ist seine souveräne Tat — durch die aus dem größten Elend die größte Freude, aus dem Unabänderlichen das Werden des neuen Lebens wird! Das ist gemeint mit dem Satz, mit dem unser Text schließt: «denn Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden die Gerech­tigkeit, die vor Gott gilt». Wenn wir einmal erkannt haben, daß wir mit unserer bedenklichen eigenen Gerechtigkeit nicht bestehen kön­nen, weil wir in Jesus Christus gerichtet sind, dann werden wir uns nicht mehr der neuen Gerechtigkeit schämen, die am großen Ver­söhnungstage vor aller Welt von Gott proklamiert wurde und der zu dienen bis heute das Predigtamt berufen ist.

Gehalten in Bonn am 20. April 1957 (Karfreitag).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 278-287.

Hier die Predigt als pdf zum Herunterladen.

Hermann J Kassel – „Aeternus-Kreuz“ aus korrodiertem Stahl. Rezension einer Devotionalie

15. Februar 2016

Kassel - Altarkreuz

Das ist es – das Kreuz. Es hängt als Altarkreuz im Chorraum der katholischen Pfarrkirche St. Evergislus in Bonn-Plittersdorf – sakrale Kunst mit Rostdekor. Der Bildhauer Hermann J Kassel hat es 2001 als Doppelkreuz aus Stahl mit den Maßen 180 x 160 x 40 cm und mit einem Gewicht von 350 kg geschaffen. Aus dem Rahmenkreuz biegt sich das ausgeschnittene Binnenkreuz körperähnlich hervor. Aus der Distanz ähnelt es einem Kruzifix, aber wo bei näherem Hinsehen der Lichtspalt zwischen Rahmen- und Binnenkreuz sichtbar wird, zeigt sich die göttliche Heilsenergie andeutungsweise im hervorgebogenen Stahl.

Das Doppelkreuz setzt eine lebensentscheidende Spannung frei – die zwischen dem Kreuzestod Christi an Karfreitag und seiner Auferstehung an Ostern. In der Form des Binnenkreuzes ist der Auferstandene der Gemeinde mit ausgebreiteten Armen segnend zugeneigt. Das Kreuzesgeschehen reicht als Pascha-Mysterium über den Tod hinaus. Kreuzesleid und Osterfreude sind in diesem Stahlkreuz vereint. So sieht es jedenfalls der Künstler selbst: „Während das äußere Kreuz Leiden und Tod andeutet, symbolisiert das herausgebogene und dem Betrachter entgegenkommende innere Kreuz, das auf den Corpus anspielt, die Dimension der Loslösung vom Leid und die Auferstehung. Somit wird das gesamte Ostergeschehen von Karfreitag und Ostersonntag, Kreuzestod und Auferstehung, in ein und derselben Darstellung sichtbar.“

Aeternus-Kreuz

Das von Hermann J Kassel handgefertigte Aeternus-Kreuz kann mit seinen Maßen von 12 x 11 x 2 cm nicht die raumergreifende Wirkung eines Altarkreuzes entfalten. Und doch hebt es sich von gängigen Devotionalien deutlich ab. Schließlich ist jedes Kreuz vom Künstler aus massiven Stahl mittels Laser herausgearbeitet und sandgestrahlt worden, bevor es dann mehrere Wochen lang mit Wasser und Essig auf seine Patina hin bearbeitet wurde. Auf der Rückseite ist das Aeternus-Kreuz mit der Signatur des Künstlers versehen. Außerdem wird von jedem Kreuz ein signierter Korrosionsabdruck auf Büttenpapier angefertigt. Erhältlich ist das Aeternus-Kreuz beim katholischen St. Benno Verlag in Leipzig über dessen Online-Shop „Vivat“ zum Preis von 159,- € (Einführungspreis 129,- € bis 31.03.2016).

Aeternus-Kreuz rückseitig

Ein Video mit Hermann J Kassel über sein Aeternus-Kreuz findet sich hier.