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Charles A. Feys „Liberty Bell“ und das göttliche Lebensglück

22. Januar 2018

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Als am 8. Juli 1776 in Philadelphia zum ersten Mal in der Öffentlichkeit die amerika­nische Unabhängigkeitserklärung verlesen wurde, läutete die Liberty Bell, also die Freiheits­glocke. Ihr Name geht zurück auf deren Inschrift, nämlich Worte aus dem 3. Buch Mose (Levitikus 25,10): „Proclaim LIBERTY Throughout all the Land unto all the Inhabitants ThereofIhr sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin woh­nen.“ Im Kontext der Tora bezieht sich diese Freiheitsausrufung auf das 50. Jahr, das sogenannte Jobel­jahr („Jubiläum“), in dem im alten Israel Menschen aus der Schuldknecht zu entlassen und die ursprünglichen Landbesitzverhältnisse wiederherzustellen sind. Als wäre es ein Omen für die gesellschaftliche Entwicklung in den USA, entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts an der Liberty Bell ein tiefer Riss. Als sie am 23. Februar 1846 zum Geburtstag George Washingtons noch einmal angeschlagen wurde, vergrößerte sich der Riss so weit, dass die Glocke klanglich am Ende war. Fortan blieb sie stumm und wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit zum ikonischen Symbol der amerikanischen Unabhängigkeitsgeschichte stilisiert.

50 Jahre später kam es zur klanglichen Wiederauferstehung der Liberty Bell, und zwar in den Saloons von San Francisco. Das hatte mit einer Geburtsgeschichte hier in Vöhringen/Iller zu tun: Am 2. Februar 1862 – Mariä Lichtmess –, also vor mehr als 155 Jahren wurde Augus­tinus Josephus Fey in der „Alten Schule“ neben der Marienkirche als jüngstes von 15 Kindern des Lehrers Karl Fey und seiner Frau Maria geboren. Nachdem er in die USA ausgewandert war und sich dort in Charles August Fey umbenannt hatte, entwickelte er 1898 in San Francis­co den Archetyp aller Spiel­automaten (bzw. Slot Machines) – drei Walzen mit je fünf Glücks­symbolen – Hufeisen, Diamant, Spaten, Herz und eine Freiheitsglocke (Liberty Bell) – auf zehn Positionen, die sich unabhän­gig voneinander drehen, sobald man einem Metallhebel nach unten zieht. Nacheinander – also mit einer spannungssteigernden Zeitverzögerung – kommen dann drei Glückssymbole im Sichtfenster nebeneinander zu stehen. Feys „einarmiger Bandit“ ist eine handwerkliche Meisterleistung, besitzt er doch einen funk­tionierenden automatischen Auszahlmechanismus, bei dem die gewonnenen geldwerten Messingmarken („trade token“) in eine Schale ausgespuckt werden.

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Der Klang der metallenen Wertmarken sowie der Einbau eines Glöckchens in den Mechanis­mus inspirierte Charles Fey zu der Namensgebung „Liberty Bell“, die sich als Emblem – mit Riss – und dem entsprechenden Schriftzug auf dem Gehäuse seines Spielautomaten findet.

Was für ein Versprechen – Gewinn der eigenen (finanziellen) Freiheit an einem Spiel­auto­maten! Hirnforschung wie auch Lebenserfahrungen sprechen da eine gegenteilige Sprache: Im Zusammenspiel von Spielautomat und Spieler hat nämlich der Automat den Spieler im Griff. Geld erregt das Belohnungssystem im Gehirn.[1] Je höher der Betrag, der auf dem Spiel steht, desto stärker die Erregung im sogenannten Nucleus accumbens. Der ausgeschüttete Botenstoff Dopa­min generiert Verlangen mit Belohnungserwartung und ist damit ein Motiva­tor auf einen möglichen Gewinn hin weiterzuspielen.

Auf der anderer Seite macht sich in Sache Geld ein zweiter Hirnbereich, nämlich die soge­nannte Inselrinde, die Insula, bemerkbar. Sie ist maßgeblich an der Schmerzwahrnehmung beteiligt. Gera­de beim Verlust von Geld wird die Insel aktiv. So versucht jeder Mensch instinktiv, dieses unangenehme Gefühl bzw. diesen Schmerz zu vermeiden. Droht ein Verlust, wird außerdem die Amygdala, auch „Mandelkern“ genannt, aktiviert. Das ist der Bereich im Gehirn, der für die emotionale Einordnung von Situationen verantwortlich ist. Schon die Möglichkeit etwas zu verlieren hat eine starke Erregung zur Folge und damit einen großen Einfluss auf die anstehende Entscheidung.

Da der Verlust von Geld im Ab­gang nicht hingenom­men sein will, spielt man auf schlecht Glück weiter und vergrößert damit seinen Verlust – Teufels­kreis der Spielsucht. Beim Glücksspiel wird eben nicht Freiheit gewonnen, sondern verspielt. Mecha­nisch ist der Spieler in der Illusion gehalten, er sei bei einem Spielautomat selbst am Drücker, sitze am längeren Hebel und hätte damit den ein­armigen Banditen im Griff.

Aber es sind nicht nur Spielhallen, wo Geldvorstellungen Menschen seelisch gefan­gen neh­men. Auch in Unternehmen können Geldzahlen das Sagen haben, nämlich dann wenn Anteils­eigner, Investoren, Aktionäre und die Geschäftsführung auf Zahlenvorgaben fixiert sind. Zah­len dürfen durchaus Kontrollinstrument für die Führung eines Unternehmens sein. Wo jedoch „zukunftsvorgebliche“ Zah­len zur alles bestimmende Wirklich­keit in Unternehmen geworden sind, werden die dort beschäftigten Menschen see­lisch und körperlich in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn wir auf eigene Zahlwerke schauen, seien es Lohn- und Gehaltsabrechnungen, Bank- oder Wertpapierdepotkontoauszüge, sind die schwarz auf weiß stehenden Zahlen und Ziffern für uns kein Heilsgut. Egal wie viele und wie hohe Ziffern vor dem Kom­ma zu stehen kommen – kein Leben wird damit heil. Abstrakte Zahlfolgen kennen weder Fülle noch Voll­kommenheit, da ja immer noch „eins“ in das Unendliche hinzugezählt werden kann. Wo man ihnen Glauben schenkt, ist man versucht, Zahlen und Ziffern heillos vermehren zu wollen und wird schlimmstenfalls zum Zocker.

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Das kann es nicht gewesen sein – unser Leben ein zahlenwertiges, vergängliches Glücksspiel. Wer jen­seits inflationärer Zahlen das Heil und den Lebenssinn sucht, hat an einem anderen Leben Anteil zu nehmen. Davon ist im Prolog des ersten Briefs des Johannes die Rede:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.“ (1Joh 1,1-4)

Wirklichkeit unseres Lebensglücks ist unzählige Anteilnahme, Anteilnahme am Leben Jesu. Seine Hingabe, seine Liebe, sein Wort wollen auf uns einwirken, uns im Innersten berühren, und zwar so, dass ihnen nichts hinzuzufügen ist. Die Fülle des Lebens ist nicht äußeren Umständen, Zufällen oder einem eigenen Geldvermögen abzugewinnen. Was Men­schen für sich zahlenwertig zu gewinnen meinen, ist das, worin sie sich selbst verlieren. Ganz anders erweist sich die gemeinschaftliche Teilhabe (Koinonia) am göttlichen Leben im Glau­ben an die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dazu heißt es in Psalm 36:

HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /
und dein Recht wie die große Tiefe.
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
(vv 6-10)

[1] Vgl. dazu Corinna Bürger/Bernd Weber, Neurofinance – Geldverarbeitung im Gehirn, in: Martin Reimann/Bernd Weber (Hrsg.), Neuroökonomie. Grundlagen – Methoden – Anwendungen, Wiesbaden: Gabler 2011, 219-279.

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