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„Der Tod und die Hölle gaben die Toten heraus, die darin waren …“ – wie die neue Luther-Bibel 2017 alle Verstorbenen in die Hölle schickt

7. November 2017

Hieronymus Bosch – Die Hölle (Ausschnitt aus dem Triptychon „Der Garten der Lüste“, rechte Tafel Innenseite)

Mit der Hölle hat die Luther-Bibel 2017 ihre Schwierigkeiten. Nimmt man für bare Münze, wie dort von ihr die Rede ist, müsste man bei christlichen Beerdigungen als Pfarrer davon sprechen, dass die Verstorbene nun – zumindest vorübergehend – in die Hölle fährt.

Es geht um die Übersetzung des griechischen Wortes hádēs im Neuen Testament. In der neuen Einheitsübersetzung wird es wörterbuchgemäß mit „Unterwelt“ übersetzt. Die Zürcher Bibel von 2007 übersetzt sowohl mit „Unterwelt“ wie auch mit „Totenreich“, während die englischsprachigen Übersetzungen wie RSV, NRSV und NASB von dem „Hades“ sprechen. Die Luther-Bibel 2017 hingegen belässt es weiterhin mit „Hölle“ bzw. kehrt in Offenbarung 20,13f zu dieser Übersetzung zurück, wenn es dort bezüglich des Jüngsten Gerichts heißt: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl.

Nun hat Martin Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments nicht zwischen hádēs (lat. inferus bzw. infernum) als Unter- bzw. Totenwelt (z.B. in Apg 2,27.31) und géhenna (lat. gehenna) als Strafort (z.B. in Mt 5,29f) unterschieden, sondern beide griechischen Wörter mangels begrifflicher Differenzierungsmöglichkeiten mit „Helle“, also „Hölle“ übersetzt. Dass der hádēs der ewige Ort leiblicher Qualen sein soll, ist freilich dem biblischen Zeugnis nicht zu entnehmen. Man kann zwar in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) die Unterwelt (hádēs) singulär als Ort der Qual wahrnehmen,  aber die Gleichsetzung mit der leiblichen Hölle ist auch für Luther nicht möglich. So führt er in seiner Predigt über Lukas 16,19-31 vom 22. Juni 1522 dazu aus:

„Also wiederum kann die Hölle an diesem Ort nicht sein die rechte Hölle, die am jüngsten Tage angehen wird. Denn des Reichen Leichnam ist ohn Zweifel nicht in die Hölle, sondern in die Erden begraben. Es muss aber ein Ort sein, da die Seele sein kann und keine Ruhe hat: derselbe kann nicht leiblich sein. Darum achten wir, diese Hölle sei das böse Gewissen, das ohn Glaube und Gottes Wort ist, in welchem die Seele vergraben ist und verfasset bis an jüngsten Tag, da der Mensch mit Leib und Seele in die rechte leibliche Hölle verstoßen wird.“ (WA 10/III, 192, 11-18)

Allgemein wird im Neuen Testament die Unterwelt (hádēs) entsprechend der hebräischen šeōl als strafneutrales, wenn auch gottfernes Totenreich vorgestellt. Wenn gegenwärtig – egal ob in der Kirche oder in der Gesellschaft – von „Hölle“ die Rede ist, sind damit untrennbar Vorstellungen von Strafe bzw. von leiblichen Qualen verbunden. Von daher ist nicht nachvollziehbar, dass nun die Luther-Bibel 2017 entgegen dem ökumenischen Konsens die begriffliche Differenzierung zwischen Totenreich (bzw. Unterwelt) und Hölle zurücknimmt. Folgt man dieser Übersetzung, müsste man verstorbenen Menschen an Stelle einer Totenruhe (bis zum Jüngsten Gericht) generell postmortale Höllenqualen in Aussicht stellen.

Hans Bietenhard hat seinerzeit für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament einen Artikel zur Topologie von Himmel und Hölle geschrieben, der immer noch lesenswert ist. Hier findet man seinen Text Himmel/Hölle. Hermeneutische Überlegungen als pdf.

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Pharao Necho und die Geldbuße – wie in der Lutherbibel 2017 militärische Gewaltherrschaft schöngeredet wird

16. Juni 2017

Eines der eher verunglückten Wörter des christlichen Wortschatzes ist im Deutschen das Verb „büßen“ (bzw. die „Buße“). „Das sollst Du mir büßen“ heißt es, wenn man dem anderen Vergeltung androht. Dass das Wort „Buße“ bei uns einen schlechten Klang hat, verdankt sich dem kirchlichen Bußverfahren des Mittelalters, bei dem es die in Bußbüchern (libri poenitentiales) tariflich festgelegten Bußstrafen zur eigenen Besserung abzuleisten galt. Etymologisch betrachtet kommt „büßen“ nämlich von „bessern“. Eine Geldbuße ist also weder vergeltende Bestrafung noch Schadenskompensation, sondern soll sich als „Besserungsleistung“ auf das moralische Verhalten des „Pönitenten“ auswirken. Nachdem man selbst den Strafzettel erhalten hat, sagt man sich: „Das nächste Mal parke ich nicht im Parkverbot.“

Interessanterweise taucht ein besserungssträfliches „Büßen“ erst in der revidierten Lutherbibel von 1964 auf. Auch in der Lutherbibel 2017 finde es sich an drei Stellen: In Sprüche 13,13 heißt es noch immer: „Wer das Wort verachtet, muss dafür büßen“, obwohl das hebräische chabal nichts mit „büßen“ im Sinne einer Besserungsstrafe zu tun hat und Luther 1545 „WEr das wort veracht / Der verderbet sich selbs“ sachlich richtig liegt (Zürcher: „Wer das Wort verachtet, erleidet Schaden“). Ähnlich steht in Sprüche 30,10 mit Luther 1964 noch immer „Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst“ (Luther 1545 „Verrate den Knecht nicht gegen seinem Herrn / Er möcht dir fluchen / vnd du die schuld tragen müssest“), sowie in Sirach 23,24 [34] „Eine solche Frau wird man der Gemeinde vorführen, und ihre Kinder müssen’s büßen.“ (Luther 1545 „Diese wird man aus der Gemeine werffen / vnd jre Kinder müssen jr entgelten.“)

Besonders fragwürdig ist jedoch die Rede von „Geldbuße“ in der Lutherbibel 2017. So legt in 2Kön 23,33 bzw. 2Chr 36,3 der Pharao Necho (610 bis 595 v. Chr.) dem Land Juda eine „Geldbuße“ von 100 Zentnern Silber und einem Zentner Gold auf. Das klingt so, als wäre der Pharao im Auftrag der kommunalen Verkehrsüberwachung tätig gewesen. In Wirklichkeit hatte Necho den neuen, vom Volk gewählten judäischen König Joahas im Herbst 609 v. Chr. in seinem Hauptquartier in Ribla am Oberlauf des Orontes überführen lassen, ihn dort als König abgesetzt und nach Ägypten deportiert. An seiner Stelle setzte Necho Eljakim, einen anderen Sohn Joschijas, als judäischen König (von Ägyptens Gnaden) ein und änderte dessen Name in Jojakim. Fremdmilitärisch erzwungene Abgaben als „Geldbuße“ und damit als moralische „Besserungsmaßnahme“ zu verkaufen ist ein Unding. Luther 1545 weiß es besser, wenn das hebräische ʽonäsch mit „Schatzung“ (vgl. „Brandschatzung“) im Sinne einer gewaltsam erzwungenen Tributzahlung (vgl. Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18. Auflage 2013, 994) übersetzt wird. Ebenso ist in Esra 7,26 von einer „Geldbuße“ (Luther 1545: „Busse am gut“) die Rede, wo besser „Geldstrafe“ zu übersetzen wäre.

Luther-Bibel ist etwas für die Germanisten – Karl-Heinz Göttert fordert eine heute vertretbare Übersetzung ein

2. April 2017

Im S. Fischer Verlag Wissenschaft ist soeben Karl-Heinz Götterts Buch: „Luthers Bibel. Geschichte einer feindlichen Übernahme“ erschienen. Aus diesem Anlass hat Andreas Öhler mit Göttert ein Interview in DIE ZEIT/Christ & Welt geführt. Göttert stimme ich zu, wenn er über die revidierte Luther-Bibel 2017 urteilt:

„Wir haben das große Reformationsjubiläum. Und was geschieht? Die evangelische Kirche legt wieder einmal eine Revision der Lutherbibel vor, diesmal eine, die stärker den alten Luther-Ton repräsentiert. Dabei können wir heute Luther seine interpretatorischen Freiheiten und übrigens auch sachliche Fehler nachweisen. Man klammert sich trotzdem an Luther, weil er 500 Jahre lang eine Basis bot. Ich halte dies für eine Form von Resignation. Es gibt im Übrigen heute philologisch überzeugende Übersetzungen, die der Luthers durchaus überlegen sind. Zum Beispiel die Basisbibel, die gerade entsteht. […] Da haben sich kompetente Philologen nach den Kriterien heutiger Wissenschaft an die Übersetzung gemacht. Luthers „Sprachkraft“ in Ehren, aber Kompetenz ist letztlich wichtiger. Die Lutherbibel ist für die deutsche Sprache ein unverzichtbares Zeugnis. Für die Einheit der deutschen Schriftsprache ist sie von ganz überragender Bedeutung. Aber man sollte sie in dieser Hinsicht den Germanisten überlassen. Die Theologen, wenn ich das einmal so salopp sagen darf, sollten sich lieber um eine heute vertretbare Übersetzung kümmern. Eine Übersetzung, die – ganz nebenbei bemerkt – auch ökumenetauglich gewesen wäre.“

Meine eigene Kritik an der Luther-Bibel 2017 findet sich hier.

Gott legt uns keine Last auf – Zur Fehlübersetzung von Psalm 68,20 in der neuen Luther-Bibel 2017

24. Januar 2017
Henry Holiday - Illustration zu Lewis Carrolls The Hunting of the Snark (1876)

Henry Holiday – Illustration zu Lewis Carroll, The Hunting of the Snark (1876)

In der neuen Luther-Bibel 2017 wird nunmehr Lukas 2,14 textkritisch korrekt übersetzt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Luther hatte ja übersetzt: „Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen“, was alle vormaligen Revisionen überstanden hatte.

Wenn man bei dem vertrautesten Text der Lutherbibel solch eine signifikante Korrektur übernimmt, bleibt es unverständlich, warum in Psalm 68,20 Luthers Fehlübersetzung immer noch wiedergegeben wird: „Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. (GElobet sey der HERR teglich / Gott legt vns eine Last auff / Aber er hilfft vns auch)“ Richtig übersetzt die Zürcher Bibel: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist.“ Ebenso die revidierte Einheitsübersetzung 2017: „Gepriesen sei der Herr, Tag für Tag! Gott trägt uns, er ist unsere Rettung.“

Da ist ja ein wesentlicher Unterschied, ob der Gott einem eine Last auferlegt oder aber einen selbst gnadenreich trägt. Dass Luther falsch übersetzt hat, wissen alle. Und dass seine „belastende“ Fehlübersetzung in den Duktus eines Siegesliedes auf Gottes Herrschaft nicht passen kann, ist offensichtlich. Und doch hat man bei der aktuellen Revision an der Fehlübersetzung festgehalten und als Fußnote hinzugefügt: „Wörtlich: »der unsere Last trägt, der uns hilft«.“ (womit ja die Fehlübersetzung eingestanden wird).

Offensichtlich wollte man sich in der neuen Luther-Bibel eine sprichwörtliche Kernstelle frommer Gottergebenheit bewahren. Aber genau damit wird der eigene Übersetzungsanspruch zur semantischen Manipulation, womit die Autorität der Heiligen Schrift bewusst preisgegeben wird. „Das Wort sie sollen lassen stahn“ gilt als Kriterium auch für eine Bibelübersetzung in der Gefolgschaft Martin Luthers.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Warum die Luther-Bibel 2017 einen Glaubensartikel immer noch auslässt und die Schweizer es hinkriegen.

19. Januar 2017

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Auch in der neuen Luther-Bibel 2017 heißt es eingangs des Prologs im Evangelium nach Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1,1) Dieser Vers muss irritieren: Wie kann man mit jemandem zusammen sein, wenn man derselbe ist – das Wort mit Gott und zugleich Gott. Die Ursache für diese Konfusion ist schlicht die Auslassung des bestimmten Artikels in der deutschen Übersetzung. Martin Luther hat – wie so oft – eben nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der lateinischen Vulgata übersetzt (wo es ja keinen bestimmten Artikel gibt): „In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum et Deus erat Verbum.“ Dem griechischen Original zufolge muss die korrekte Übersetzung wie folgt lauten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei dem Gott, und das Wort war Gott.“ Das Objekt „dem Gott” bezieht sich auf den himmlischen Vater, wo hingegen im dritten Satzteil „Gott” als Gattungsname bzw. Prädikatsnomen gilt. Folgerichtig wird das Wort (bzw. der Logos) als göttlich prädiziert, was nichts anderes heißt, als dass es über dieselben Wesenseigenschaften wie der Gott verfügt. Trotz Wesenseinheit ist es jedoch nicht mit dem Vater identisch.

Das Wort ist Gott, ohne damit „der Gott“ (Vater) zu sein. Wenn es in den Formel von Chalcedon heißt, dass Jesus Christus wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch sei, handelt es sich bei diesen beiden artikellosen Prädikaten um Gattungsnamen, die Jesu Wesenseinheit mit dem Vater und uns Menschen aussprechen. Auch die revidierte Einheitsübersetzung verschreibt sich einem subtilen Modalismus, wenn es in ihr – wenigstens in richtigen Reihenfolge – heißt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Die Schweizer hingegen haben vor zehn Jahren in der Zürcher Bibel mit gutem Grund wie folgt übersetzt: „Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.“

„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ – Worin die Übersetzung des Missionsbefehls in der Luther-Bibel 2017 wirklich fragwürdig ist

8. Januar 2017
Otto Pankok  - Christus zerbricht das Gewehr (Holzschnitt 1950)

Otto Pankok – Christus zerbricht das Gewehr (Holzschnitt 1950)

Die Einleitung zu Jesu Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel 2017 lautet immer noch: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ (Mt 28,18) Man ist darin der ursprünglichen Übersetzung Luthers treu geblieben: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himel vnd Erden.“ (Luther-Bibel 1545) Für mich unverständlich, hat sich doch die Bedeutung von „Gewalt“ in der Gegenwart eindeutig und unumkehrbar auf Gewalt im Sinne von violence, also einer beabsichtigten körperlichen Verletzung bzw. Tötung anderer Menschen oder aber deren erzwungene Vereinnahmung  hin verengt. Damit muss der Missionsbefehl für unbedarfte Leser im höchsten Maße missverständlich sein. Diese können nicht anders als den Eindruck gewinnen, Jesus Christus legitimiere bzw. vollziehe verletzende Gewalt, um sein Reich durchzusetzen.

So hat gestern in einem Facebook-Kommentar ein Ingenieur im Hinblick auf meine Kritik am Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel vorwurfsvoll geschrieben: „Der Satz von der Gewalt ist ausgelassen worden. Christen sind im Ausschneiden offensichtlich besonders versiert.“

Dass „Gewalt“ frühneuhochdeutsch im Sinne von „Schalten und Walten“ verstanden wurde und darin tatsächlich dem griechischen Wort exousia (bzw. dem lateinischen potestas) entsprochen hat, ist in der Gegenwart auch für studierte Leser nicht nachvollziehbar. Korrekterweise hat daher die Zürcher Bibel 2007 übersetzt: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ Und in der neuen Einheitsübersetzung 2017 heißt es ähnlich: „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.“

Mein Vorwurf an die Revision der Luther-Bibel 2017 ist, dass man um die Vertrautheit eines „Luther-Sounds“ willen die Verständlichkeit des Evangeliums preisgibt. Dem Volk wird also nicht auf’s Maul geschaut. Stattdessen soll die Luther-Bibel als protestantisches Kulturgut bewahrt werden. Für die Kirche Jesu Christi, die aus Seinem Wort lebt (und es dazu auch sprachlich präzise verstehen muss), darf es jedoch keinen Denkmalschutz für eine Übersetzung von 1545 geben.

Ist der Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel 2017 falsch wiedergegeben? – Ja, schreibe ich in idea spektrum

4. Januar 2017
Duccio di Buoninsegna, Erscheinung Christi auf den Berg von Galilea ( Altarretabel des Sieneser Doms, 1308-11)

Duccio di Buoninsegna, Erscheinung Christi auf den Berg von Galilea (Altarretabel des Sieneser Doms, 1308-11)

In der aktuellen Ausgabe 1/2017 von idea spektrum habe ich den Pro-Beitrag zur Frage „Ist der Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel 2017 falsch wiedergegeben?“ geschrieben. Während die neue Einheitsübersetzung 2017 bezüglich Mt 28,19 – ähnlich wie die Zürcher Bibel – übersetzt „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ heißt es nunmehr (wieder) in der Luther-Bibel 2017 „Darum gehet hin und lehret alle Völker“.

Der Einwand von Altbischof Kähler „als ob wir Menschen die Macht hätten, alle Völker zu Christen zu machen“ sticht für mich nicht wirklich. Wenn „Jünger machen“ zu macherisch klingen sollte, hätte man ja alternativ übersetzen können: „Darum gehet hin und gewinnet als Jünger alle Völker“ bzw. „Darum gehet hin und weist als Jünger alle Völker ein“.

Kählers zweites Gegenargument verfängt meiner Meinung nach ebenfalls nicht. Das Verb mathēteuō ist alles andere als ein geläufiges griechisches Wort. Der transitive Gebrauch ist christliche Sondersprache und ist in der gesamten antiken Literatur nur viermal belegt. Wenn nun in Walter Bauers Wörterbuch zum Neuen Testament die Bedeutung „belehren“ mit aufgeführt wird, verdankt sich dies eben der vermeintlichen Autorität von Luthers bzw. Hieronymus Übersetzung von Mt 28,19. Aufschlussreich ist, dass in Mt 27,57 sowohl Hieronymus in der Vulgata wie auch Luther bezüglich Josef von Arimathäa die Passivform emathēteutē nicht als „belehrt worden sein“, sondern als „Jünger sein“ (discipulus esse) übersetzt haben. Im Übrigen steht ja im Griechischen das Verb didaskō für „lehren“ (so auch in Mt 28,20).

Was „Jünger machen bzw. gewinnen“ beinhaltet, entfaltet Jesus in der nachfolgenden – eigentlich modal zu übersetzenden – Partizipialkonstruktion, nämlich „taufen“ (v 19b) und „lehren“ (v 20a). Demzufolge übersetzt Fridolin Stier wörtlich: „Geht nun und macht zu Jüngern alle Völker, sie taufend auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sie lehrend, alles zu wahren, was ich euch gewiesen.“ (v 19.20a, ähnlich die englischsprachige NRSV) Luther hingegen muss die durch seine Übersetzung von mathēteusate in Vers 19 entstandene Tautologie „Lehret alle Völker, indem ihr lehrt“ auflösen. Er tut dies dadurch, indem er die Partizipialkonstruktion (anders als Hieronymus) durch zwei Imperative „taufet“ bzw. „lehret“ parataktisch wiedergibt.

Es geht in Jesu Missionsbefehl um einen bestimmten „Jünger-sein“-Status von Menschen in Bezug auf Jesus selbst – in Entsprechung zu den elf Jüngern (mathētai), die auf dem Berg in Galiläa diesen Befehl selbst empfangen haben (v 16). Taufe auf Seinen Namen und Unterweisung in Jesu Sinne sind beides Beziehungsgeschehen, die das „Jünger machen“ in die Tat umsetzen. Jesu Gegenwartszusage „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20b) gilt damit sowohl für die elf Jünger auf dem Berg, wie auch für die neu hinzugewonnenen Jüngern aus den Völkern. Ohne ein „Jünger machen“ würde es hingegen eine bleibende Diskrepanz zwischen den elf „gelehrten“ Jüngern und den übrigen „belehrten“ Menschen geben. So etwas kennt man ja aus der eigenen Schulzeit von manchem (ein-)gebildeten Lehrer, der per se Recht haben muss, um seinen vermeintlich höheren Status gegenüber Schülern zu halten. Ein missionarisches „Jüngerschaftsverhältnis“ hingegen nimmt für Christen einen egalitären Charakter an und ist damit gerade nicht hierarchisch bzw. vormundschaftlich bestimmt.

Hier nun mein eigentlicher Text aus idea spektrum:

Wir sollen andere nicht nur lehren, sondern auch zu Jüngern machen. So lautet der griechische Urtext

In der Lutherbibel von 1984 heißt es in Jesu Missionsbefehl: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“ (Matthäus 28,19) – in Übereinstimmung mit den gängigen Übersetzungen der Gegenwart. Anders dagegen die Lutherbibel 2017: „Darum gehet hin und lehret alle Völker“. Anstelle einer „Jünger-Machung“ tritt ein Lehren. Man kann sich dazu auf Luthers eigene Übersetzung berufen. Aber Luther ist mit seinen Worten nicht dem griechischen Urtext, sondern der lateinischen Vulgata (docete omnes gentes) gefolgt. Das griechische Verb mathēteuō bedeutet mehr als nur Wissenswertes zu „lehren“, sondern bezieht sich auf ein verbindliches Lehr- und Lebensverhältnis, nämlich das zwischen einem Jünger (mathētēs) und seinem Meister.

Was es heißt, als Jünger seinem Meister Jesus nachzufolgen, wird in den Evangelien erzählt: eine hingabevolle Gemeinschaft, die sich ganz auf Jesu Weisung und Lebensweg einlässt. Wenn nun der auferstandene Jesus seine Jünger beauftragt, Völker ebenso als Jünger zu gewinnen, sollen die Menschen in diese verbindliche Nachfolge eintreten. Zu Recht hat die Missionsbewegung im 20. Jahrhundert die grundlegende Bedeutung der biblisch verstandenen Jüngerschaft (Discipleship) wiederentdeckt. Wenn nun in der neuen Lutherbibel die Jünger-Werdung aus dem Missionsbefehl verbannt ist, wird damit – gewollt oder ungewollt – einem individualistischen religiösen Bewusstsein das Wort geredet.

Beworben wird die neue Lutherbibel vollmundig: „Das Original – so zuverlässig wie nie! Vollständig überprüft und durchgehend auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand.“ Schaut man genauer hin, erweist es sich nicht nur bei Jesu Missionsbefehl, dass dieser Anspruch nicht eingehalten wird.

Der Text in seiner Druckfassung zusammen mit dem Contra-Beitrag des früheren thüringischen Landesbischofs Dr. Christoph Kähler findet sich hier als pdf.

„Die Bibel ist ein Buch, das Gottes Wort nahebringt“ – Wie die revidierte Einheitsübersetzung 2017 gelesen sein will

24. Dezember 2016

einheitsuebersetzung

In einem ist die revidierte (katholische) Einheitsübersetzung 2017 der neuen Luther-Bibel 2017 voraus, nämlich im kirchlichen Vorwort. Anders als im Vorwort in der neuen Luther-Bibel aus der Feder des Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, wird in dem bischöflichen Vorwort der revidierten Einheitsübersetzung die Kanonizität der Heiligen Schrift für die Lehre und Verkündigung der Kirche herausgestellt. So lautet das bischöfliche Vorwort:

„Nahe ist dir das Wort
in deinem Mund und in deinem Herzen.“
(Dtn 30,14; Röm 10,8)

Die Bibel ist ein Buch, das Gottes Wort nahebringt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat es so gesagt: „In der Heiligen Schrift kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf“ (Dei Verbum 21). Die Bibel hat für die ganze Kirche grundlegende Bedeutung. Sie wird im Gottesdienst als „Wort des lebendigen Gottes“ verkündet. Sie ist Richtschnur für die kirchliche Lehre. Sie ist ein starker Antrieb für die Praxis der Nächstenliebe. Viele Menschen schöpfen Kraft aus dem Lesen der Heiligen Schrift. Viele nehmen die Bibel zur Hand, um in besonderen Zeiten eine gute Entscheidung zu treffen. Ohne dass die Bibel im Glauben gelesen würde, bliebe sie Papier und Druckerschwärze. Wer sie aber in dem Geist liest, in dem sie geschrieben wurde, findet zu einer Antwort auf Gottes Wort und wird dann auch anders reden, anders beten, anders denken, fühlen und handeln: voller Glaube, Hoffnung und Liebe. Durch unser Leben wird sie lebendiges Wort Gottes.

Die Bibel erzählt von der großen Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Sie hat zwei Teile, das Alte und das Neue Testament. Das Alte Testament verbindet das Christentum mit dem Judentum. Es erzählt von der Erschaffung der Welt und der Erwählung des Gottesvolkes Israel. Das Neue Testament legt Zeugnis von Jesus Christus ab. Es erzählt, wie das Evangelium von Galiläa aus in der ganzen Welt verkündet wird. Beide Teile der Bibel gehören untrennbar zusammen. Denn es gibt nur einen Gott. Sein Wort hat die Welt erschaffen; in Jesus Christus ist es Fleisch geworden (Joh 1,1–18). Deshalb wird das Neue Testament im Lichte des Alten Testaments und das Alte Testament wird im Lichte des Neuen Testaments gelesen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat gefordert: „Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offenstehen“ (Dei Verbum 22). Dieses Anliegen bestimmt auch die vorliegende Neuausgabe der deutschen Einheitsübersetzung. Sie ist zuverlässig und verständlich. Sie lädt alle Menschen ein, sich von Gottes Wort berühren zu lassen und dadurch selbst dem göttlichen Wort ein menschliches Gesicht zu geben.

Allen, die in diesem Buch lesen, wünschen wir ein hörendes Herz!

„Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.“ (Ps 130,5)

Jüngerschaft (Discipleship) und der verstümmelte Missionsbefehl Jesu in der neuen Luther-Bibel 2017

21. Dezember 2016

discipleship

In der Luther-Bibel 2017 heißt es in Jesu Missionsbefehl nicht mehr „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker„, sondern „Darum gehet hin und lehret alle Völker“. An Stelle einer „Jünger-Machung“ tritt – wider den griechischen Urtext – das Lehren als kognitive Wissensvermittlung. Dass in der Wendung „Jünger-machen“ jedoch etwas ganz Wesentlichens für unser Christsein enthalten ist, dazu der Artikel von Manfred Marquardt aus der RGG4:

Jüngerschaft III.

Von Manfred Marquardt

Der in der deutschsprachigen Dogmatik nicht häufig verwendete Begriff Jüngerschaft bez. die spezifische, innere und geistl. Beziehung der Glaubenden zu Jesus Christus, die individuelle und gemeinschaftliche Unterordnung unter ihren auferstandenen und erhöhten Herrn (Meister, Lehrer, Rabbi) sowie die Hinwendung zu tätiger Nachfolge. Die von Jesus zur Jüngerschaft Berufenen bilden die »Urform« der christl. Gemeinde (K. Barth), die Gemeinschaft der durch die Taufe in seinen Leib eingegliederten Glaubenden, die als neue Menschen »von bes. Be­schaffenheit« (S. Kierkegaard) ihr Leben nach seinem Willen gestalten und durch die Zugehö­rigkeit zu dem einen »Meister« Christus, neben dem es auch nach Ostern keine weiteren im gleichen Sinne geben kann, jenseits aller Unterschiede Brüder und Schwestern sind. Dieser prinzipiell unüberbietbare, durch kirchl. Ämter und Beauftragungen nicht aufzuhebende Sta­tus begründet eine hierarchiekritische Gleichunmittelbarkeit aller Glieder zu Christus, die der Vielfalt des Leibes Christi nicht entgegensteht, ihr aber ein eigenes Gepräge als Gemeinschaft der einan­der und anderen Menschen Dienenden gibt. Zugleich macht sie die Zusammenge­hörigkeit aller Glaubenden über konfessionelle, kulturelle, nationale und soziale Grenzen hin­weg bewußt und erfahrbar. Der unlösbare Zusammenhang von Glaube und Lebensführung (Pannenberg 365), zu der auch Selbstverleugnung, Entbehrungen und Leiden gehören können, ist für die Jüngerschaft von essenzieller Bedeutung. D. Bonhoeffers Buch »Nachfolge« (1937), auch in engl. Übers. unter dem Titel »The Cost of Discipleship« weit verbreitet, hat nicht nur zum häufige­ren Gebrauch des Begriffs Jüngerschaft/Discipleship, sondern auch zu einer stärkeren Akzentverschie­bung ins Ethische beigetragen: Die Antwort auf den Ruf Jesu ist das gehorsame Tun des Jüngers. — Die »Einführung in die Jüngerschaft« ist ein wichtiger Teil der auf die Gewinnung kirchenfremder Menschen für den christl. Glauben ausgerichteten neueren Theol. des Gemeindeaufbaus.

Lit.: J. CALVIN, Inst., 1559, III,6: De vita hominis Christiani • S. KIERKEGAARD, Philos. Brocken, 1844 • D. BONHOEFFER, Nachfolge, 1937 • K. BARTH, KD IV/1, 1953, 372-379; IV/2, 1955, 603-626; IV/3, 1959, 598-636 • W.J. ABRAHAM, The Logic of Evangelism, 1989 • W. PANNENBERG, Syst. Theol., Bd. 3, 1993 • J. K. RICHES, Art. Nachfolge Jesu III. (TRE 23, 1994, 691-701) • S. H. MATTHAEI, Making Disciples, 2000.

RGG4, Bd. 4 (2001), Sp. 703.

Neue Luther-Bibel 2017: Jesu Missionsbefehl ohne Jüngerschaft „Darum gehet hin und lehret alle Völker“

16. Dezember 2016
Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Erstaunen bei den landeskirchlichen Missionswerken: Jesu Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel 2017 kennt keine Jünger mehr. Stattdessen ist doppelte Belehrung angesagt, wenn es heißt: „Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Dass mathēteuō nur noch „lehren“ heißen soll, will nicht einleuchten, sprechen doch die einschlägigen Wörterbücher und Kommentare eine andere Sprache. In der Luther-Bibel 1984 bzw. im Luther-NT von 1956 heißt es zu Recht: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker„. Ebenso ist in den Standardübersetzungen der Gegenwart wie Einheitsübersetzung, Elberfelder, Zürcher, Basis-Bibel sowie Gute Nachricht von einem „Jünger-machen“. Warum nun die Änderung?

Die Antwort findet sich bei Luther selbst. In der Luther-Bibel von 1545 heißt es:  18Vnd Jhesus trat zu jnen / redet mit jnen / vnd sprach Mir ist gegeben alle Gewalt im Himel vnd Erden. 19Darumb gehet hin / vnd leret alle Völcker / vnd teuffet sie / im Namen des Vaters / vnd des Sons / vnd des heiligen Geists / 20Vnd leret sie halten alles was ich euch befolhen habe. Vnd sihe / Jch bin bey euch alle tage / bis an der Welt ende. Und auch in der revidierten Luther-Bibel von 1912 steht in Vers 19 „Darum gehet hin und lehret alle Völker„. Nun muss man aber wissen, dass sich Luther (wie im Übrigen auch die englische King James Version) bei seiner Übersetzung nicht an den griechischen Urtext gehalten hat, sondern der lateinischen Vulgata gefolgt ist: „euntes ergo docete omnes gentes“ (ebenso in Apg 14,21). Eine Fehlübersetzung, denn docere (= lehren) beinhaltet eben nicht die persönliche Bindung eines Schülers bzw. Jüngers an seinen Lehrer. Jüngerschaft hingegen bedeutet eine verbindliche Lebensform und ist damit weit mehr als informative Belehrung.

Dass bei der Revision des Neuen Testaments 1956 die „Jüngermachung“ in Vers 19 eingeführt worden ist, hat Luthers Fehlübersetzung korrigiert. Nun aber wird 2017 der Fehler wiederhergestellt. Man wird dafür wohl eine bessere Verständlichkeit geltend machen. Aber das kann nicht wirklich gelten, wenn damit Jesu Anweisung um die maßgebliche Existenzform der Christen in seiner Nachfolge (discipleship) gebracht wird. Sollte die Wendung „Jünger machen“ zu poietisch klingen, könnte man stattdessen auch anders übersetzen: „Darum gehet hin und weist alle Völker als Jünger ein“.