Posts Tagged ‘Martin Luther und das Reformationsjubiläum’

„Am Anfang war das Jubeljahr“ – Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor

5. Mai 2017

Plakat zum Reformationsjubiläum 1917

Die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg hat wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass das sogenannte „Reformationsjubiläum“ das Urjubiläum aller historischen Jubiläen sei. So schreibt sie:

„Erfunden wurde das historische Jubiläum von protestantischen Universitäten, die im 16. Jahrhundert begannen, das Gedächtnis ihrer eigenen Gründung an runden Daten festlich zu begehen. Im Jahr 1617 gelang der bis dahin akademischen und lokalen Praxis der Sprung auf die große gesellschaftliche, ja internationale Bühne: mit dem ersten Zentenarium (Jahrhundertfeier) von Martin Luthers Thesenanschlag von 1517, dessen Bedeutung als Schlüsselereignis der Reformation, ja der von ihr geprägten Geschichte überhaupt damit fixiert war. Im Wettstreit zweier evangelischer Fürsten, der Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz, eines Lutheraners und eines Reformierten, die sich durch eine solche Feier als Anführer der Protestanten im Heiligen Römischen Reich profilieren wollten, wurde der 31. Oktober 1617 oder der Sonntag danach zur 100-Jahr-Feier des Anfangs der Reformation. Es war so eindrücklich, dass das Gedächtnis des Thesenanschlags hinfort an vielen Orten alle 100, alle fünfzig, ja schließlich alle 25 Jahre gefeiert wurde.

Dem Erfolg dieser neuen Form des Feierns und Gedenkens konnte sich auch der konfessionelle Gegner nicht entziehen, ebenso wenig Gruppen, die nicht-kirchlicher Ereignisse gedenken wollten. So wurde das Jubiläum schließlich zu dem allgegenwärtigen Element des kulturellen Lebens, als das wir es kennen. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, der Zeit des Historismus, die das Jubiläum ebenso liebte wie das historische Denkmal, fand man überall in der westlichen Welt immer neue Anlässe für festliches historisches Gedenken, wobei man bevorzugt nun auch biografisches, an den Geburts- und Todestagen bedeutender Männer, gelegentlich auch Frauen, festgemachtes Gedenken pflegte. Freilich war solche Bereicherung und Befestigung des kulturellen Gedächtnisses keine bloße Beschäftigung mit der Vergangenheit. Vielmehr feierte jede Epoche im Spiegel des Vergangenen, was sie an Großem und Bedeutendem auf das gefeierte Vergangene zurückführte – und damit, was sie für groß und bedeutend hielt. So wurden die Jubiläen zu gesellschaftlichen Großereignissen, in denen die jeweiligen Zeiten sich selbst inszenierten und die gefeierten Gegenstände von dort aus immer neu in Szene setzten.“ (Im Anfang war das Reformationsjubiläum. Eine kurze Geschichte von Reformationsfeiern und Lutherbildern, Die politische Meinung, Sonderausgabe 4, 2016)

Man müsste präzisierend ergänzen, dass das 100jährige Jubiläum des Thesenanschlags als Zentenarium wiederum durch die Einführung des „Heiligen Jahres“ (annus sanctus) inspiriert gewesen ist, das Papst Bonifatius VIII. 1300 erstmals für Rompilger ausgerufen hatte. Bei Erfüllung bestimmter Bedingungen wird den Gläubigen einen vollständigen Ablass der zeitlichen Sündenstrafen gewährt. Das „Heilige Jahr“ wiederum greift auf das alttestamentliche Jubeljahr (vgl. 3. Mose 25) zurück und überträgt den Charakter des Erlassjahres alle 7 x 7 Jahre (= 49 Jahre) auf den Ablass der Kirche. Etymologisch steckt im „Jubiläum“ (lat. annus jubilaeus) das hebräische jōbel. Das lateinische jubilum (Jauchzen) bleibt dabei außen vor. Ursprünglich sollte nach 1300 das nächste Jubeljahr mit einem Plenarablass wieder nach 100 Jahren folgen; der Abstand wurde aber von päpstlicher Seite im Laufe der Zeit immer weiter verringert. Schließlich galt seit Paul II. 1470 jedes 25. Jahr als „Jubeljahr“.

So schreibt Thomas Kaufmann in seinem Aufsatz „Reformationsgedenken in der Frühen Neuzeit. Bemerkungen zum 16. bis 18. Jahrhundert“ (ZThK 107, 2010, S. 285f):

„Das heute weithin selbstverständlich verbreitete Phänomen, ein historisches Ereignis gemäß einem bestimmten zeitlichen Intervall erinnernd zu vergegenwärtigen und hinsichtlich seiner Bedeutung für die Gegenwart zu reflektieren, d. h. als historisches Jubiläum zu begehen, entstand in kritischer Anknüpfung an die alttestamentlichen Jobel- und die seit 1300 begegnenden päpstlichen Jubeljahre an den protestantischen Universitäten des 16. Jahrhunderts. Die frühesten Beispiele historischer Jubiläen beziehen sich auf Stiftungsfeiern, wie sie die Universität Tübingen 1578, die Universität Heidelberg aus Anlass ihres 200jährigen Bestehens 1587, die Universität Wittenberg anlässlich ihrer 100-Jahr-Feier 1602 und die Universität Leipzig zum 200. Gründungsjubiläum 1609 begingen. Dass die Verwendung des zeitlichen Intervalls eines Jahrhunderts wesentlich durch die historiographischen Innovationen der zeitgenössischen Kirchengeschichtsschreibung, insbesondere die sogenannten Magdeburger Centurien, inspiriert war, besitzt größte Wahrscheinlichkeit. Das Reformationsjubiläum des Jahres 1617 stellt die erste breitenwirksamere außeruniversitäre Feier eines historischen Jubiläums dar. Dass es zu dieser Jubiläumsfeier von ausstrahlender öffentlicher Wirksamkeit kam, ist einerseits konkreten historischen Umständen geschuldet, basiert andererseits auf einer tiefen Verwurzelung der Reformations- und Luthermemoria in der lutherischen Konfessionskultur des 16. Jahrhunderts.“

Man könnte das als Ironie der Geschichte sehen: Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor (zu den weiteren Kohärenzen von Ablass und Reformation siehe Berndt Hamm, Ablass und Reformation, Tübingen 2016).

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„Der freie Wille ist offenkundig nur ein Gottesprädikat“ – Friedrich Mildenberger über Luthers De servo arbitrio

9. Januar 2017

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Mein Dogmatiklehrer Friedrich Mildenberger hatte aus Anlass des 500. Geburtstags Martin Luthers am 4. November 1983 den akademischen Festvortrag zum 240. Gründungstag der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gehalten. Mit der Themenstellung „Der freie Wille ist offenkundig nur ein Gottesprädikat (Martin Luther): Eine notwendige Unterscheidung von Gott und Mensch?“ ist er theologisch anspruchsvoll zur Sache gegangen. Er beendet seine Rede wie folgt:

„Wenn Luther von der heilsamen Zuwendung Gottes redet, verweist er auf den Gott, der unter dem Gegenteil verborgen sei. Dort ist seine heilsame und Leben schaffende Gegen­wart am nächsten, wo sie in der Not, in der Enge, in Angst und Leiden begegnet. Die sucht einer nicht gern auf. Aber vielleicht ist gerade dort, im Leiden und bei denen, die leiden, heil­same Erfahrung, und wir täten dann gut dar­an, gerade darauf zu achten.

Weiter: Dort, wo Luther den Gedanken des verborgenen Gottes denkt, kommt er auch auf die Erscheinung des Antichrist zu spre­chen, von dem es 2. Thess. 2,3f heißt, er sei „der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der da ist der Widersacher und sich über­hebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, so daß er sich setzt in den Tempel Gottes und vorgibt, er sei Gott.“ Luther meint dazu, hier sei also deutlich, wie sich einer über Gott erhebe, sofern dieser gepredigt und verehrt wird, sofern er im Wort und Gottesdienst mit uns verkehrt. Aber über Gott in seinem Wesen und seiner Majestät kann sich niemand erheben, sondern alles ist unter seiner mächtigen Hand. Haben wir nicht über die Zukunft des Lebens Macht, son­dern wer­den unserer Ohnmacht gewahr, weil das Leben unserem den­kenden Verfügen entgleitet, dann muß das nicht das Ende sein. So kann der Gedanke des verborgenen Gottes, wie ihn Luther vorge­dacht hat, zu einem tröstlichen Gedanken werden.

‚Der freie Wille ist offenkundig nur ein Gottesprädikat‘: Diese Be­hauptung Luthers war zu erörtern. Ob es sich bei dieser Unterschei­dung von Gott und Mensch um mehr als nur um eine zeitgebundene Denknötigung handelt, das läßt sich mit Argumenten allein nicht ent­scheiden. Dazu braucht es die Erfahrung des Lebens selbst.“

Der vollständige Text des Vortrags findet sich hier als pdf.

Double bind und die Schizophrenie Gottes. Eine pathologische Interpretation von Luthers „De servo arbitrio“

3. Januar 2017

NAMENSgedächtnis

damnedifyoudo1. Das soteriologische Paradox

Paradoxien haben ihre Verufenheit verloren, seitdem man erkannt hat, dass sie bei bestimmten Reflexionsformen unvermeidlich sind1. Sie werden nicht mehr nur der mathematischen Logik oder der Philosophie vorbehalten, sondern kunstvoll in ihrem ganzen Facettenreichtum zelebriert2. Die Theologie hat schon immer ein besonderes Verhältnis zu Paradoxien gehabt, sind doch ihre Lehrsätze von Anfang an mit Paradoxien kontaminiert worden. Von besonderer Bedeutung sind dabei die trinitari-[93]schen und christologischen Paradoxien, wie sie im Nicaeno-Constantinopolitanum und im Chalcedonense formuliert worden sind. Die Unterscheidung von Glaube und Vernunft hat sie freilich für die Theologie erträglich gemacht. Als geoffenbarte Glaubenswahrheiten lassen sie sich einer rationalen Rekonstruktion verschließen. Im übrigen konnten diese Paradoxien als Erkenntnisprobleme auf der Seite Gottes eingelagert werden. Im Gegensatz dazu ist der Mensch mit seiner ganzen Person in das soteriologische Paradox involviert: Treffe die heilsrelevante Entscheidung (bzw. handle gottgefällig), die du nicht treffen kannst (was du nicht tun kannst)…

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„Ein jeder muss ein Stück vom heiligen Kreuz tragen“ – Luthers Sermon vom Leiden und Kreuz

7. Dezember 2016

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Sermon vom Leiden und Kreuz (1530)

Von Martin Luther

Liebe Freunde, ihr wißt, daß man in dieser Zeit die Passionsgeschichte Christi zu predigen pflegt. So zweifle ich auch nicht daran, daß ihr oft gehört haben werdet, was es für eine Pas­sion und was es für ein Leiden gewesen ist, auch wozu sie Gott der Vater verordnet hat. Er hat nämlich dadurch nicht dem leidenden Christus helfen wollen, denn Christus bedurfte solchen Leidens gar nicht. Wir aber und das ganze mensch­liche Geschlecht bedurften solchen Lei­dens, daß es also ein Geschenk sein soll und uns aus lauter Gnade und Barmher­zigkeit darge­geben und geschenkt ist. Von diesem Stück wol­len wir jetzt nicht handeln, denn ich habe sonst oft davon ge­sprochen. Weil aber viele irrende Wanderprediger wieder und wieder auf­tauchen, welche das Evangelium nur schänden und uns beschuldigen, wir wüßten nichts mehr zu lehren und zu predigen als nur vom Glauben und ließen die Lehre von den guten Werken und dem heiligen Kreuz und Leiden hinten­anstehen. Auch sagen sie weiterhin, sie hätten den rechten Geist, der sie treibt, solches zu lehren. Darum wollen wir jetzt allein von dem Beispiel dieser Passion her sagen, was für ein Kreuz wir tragen und erleiden, auch wie wir dasselbe tragen und erleiden sollen.

Darum gilt es als erstes zu merken, daß Christus mit seinem Leiden [29] uns nicht nur (aus der Bedrohung) vom Teufel, von Tod und Sünden (heraus)geholfen hat, sondern daß sein Lei­den auch ein Beispiel ist, dem wir in unserem Leiden nachfol­gen sollen. Und obwohl unser Leiden und unser Kreuz nicht in dem Sinn aufgewertet werden sollen, als wollten wir dadurch selig werden oder das Geringste damit verdienen, sollen wir dennoch Christus im Leiden nachfol­gen, daß wir ihm gleichför­mig werden. Denn Gott hat es so beschlossen, daß wir nicht nur an den gekreuzigten Christus glauben, sondern auch mit ihm gekreuzigt werden und leiden sol­len, wie er es ja an vielen Stellen in den Evangelien klar anzeigt. „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt“, spricht er, „und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert“ (Matth. 10,38). Ebenso: ,,Weil sie den Hausvater Beelze­bub heißen, um wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen?“ (Matth. 10,25) Darum muß ein jeder ein Stück vom heiligen Kreuz tragen, und es kann auch nicht anders sein. Paulus sagt auch: „Ich erfülle an meinem Fleisch, was noch am Leiden Christi mangelt“ (Kol. 1,24), als wollte er sagen: „Seine ganze Christenheit ist noch nicht voll bereitet.“ Wir müs­sen auch darin nachfolgen, daß nichts an dem Leiden Christi feh­le noch ihm abgehe, sondern daß es alles zusammenkom­me. Folglich muß ein jeder Christ für sich bedenken, daß das Kreuz nicht ausbleiben wird.

Es soll und muß aber ein solches Kreuz und Leiden sein, das einen Namen hat und wirklich drückt und weh tut, wie es eine große Gefahr für Gut und Ehre, für Leib und Leben sein kann. Ein solches Leiden fühlt man wohl und es drückt; denn es wäre sonst kein Leiden, wenn es nicht sehr weh täte.

Darüber hinaus soll es ein solches Leiden sein, das wir uns nicht selbst erwählt haben, wie es nämlich bei den Geistern in den neuen Abspaltungen geschieht, die sich selbst ein eigenes Leiden erwählen. Es soll ein solches Leiden sein, welches uns der Teufel oder die Welt zu­schickt, dessen wir gern, wo es nur möglich wäre, enthoben sein wollten. Und dann ist es nö­tig, daß man fest bleibt und sich so hineinschickt, wie ich zuvor ge­sagt habe, nämlich im Wissen, daß wir leiden müssen, damit wir Christus gleichförmig werden, daß es auch nicht anders sein kann und darf, denn ein jeder muß sein Kreuz und Leiden haben. Wenn man das weiß, dann ist es desto sanfter und er­träglicher, und man kann sich trösten, indem man sagt: „Wohlan, will ich ein Christ sein, so muß ich auch die Farbe des Hofstaates tragen. Der liebe Christus gibt kein anderes Ge­wand aus an seinem Hof: es muß gelitten sein.“ Dies können die anderen nicht tun, die sich ihr eigenes Kreuz erwählen, son­dern sie werden unwillig darüber und wehren sich mit der Faust. Das ist dann ein hübsches und löbliches Leiden, und dennoch meinen sie, uns Schuld geben zu dürfen, [30] als lehr­ten wir nicht recht vom Leiden und sie könnten es allein. Wir aber lehren so, daß niemand sich selbst ein Kreuz oder Leiden auflegen oder erwählen soll, sondern wenn es daherkommt, daß wir es dann geduldig tragen und erdul­den.

Aber sie irren nicht nur in dem Stück, daß sie ein erwähltes Kreuz haben, sondern auch in dem, daß sie ihr Leiden so sehr aufwerten und ihm ein großes Verdienst beimessen, damit aber Gott lästern, weil es nicht ein rechtes, sondern ein (nach Selbstruhm) stinkendes und ein selbsterwähltes Leiden ist. Wir aber sagen so, daß wir mit unserem Leiden nichts verdienen und es nicht in schöne „Monstranzen“ fassen, wie sie ihres fassen. Es ist an dem genug, daß wir wissen, daß es Gott wohl­gefällt, daß wir leiden, damit wir auf diese Weise Christus gleich­förmig werden, wie ich bereits gesagt habe. So sehen wir, daß ebendieselben, die soviel vom Leiden und Kreuz rüh­men und lehren, das wenigste vom Kreuz und von Christus wis­sen, weil sie ihr eigenes Leiden zum Verdienst machen. (Mein) Lieber! Es ist nicht eine solche Sache damit, es wird auch nie­mand dazu gedrungen oder gezwungen: Willst du also nicht umsonst und ohne Verdienst leiden, so kannst du es sein las­sen und also Christus verleugnen. Der Weg geht vor die Türe hinaus. Allein, das mußt du wissen: Wenn du nicht leiden willst, wirst du auch nicht zum Hofstaat (Christi) gehören. So kannst du nun tun, was du von beiden willst: leiden oder Christus ver­leugnen.

Willst du leiden, wohlan, so ist der Schatz und Trost, der dir verheißen und geschenkt wird, so groß, daß du gerechterweise gern und mit Freuden leiden solltest, nämlich weil Christus dir so vollständig samt seinem Leiden geschenkt und zu eigen ge­geben wird. Wenn du nun das so glauben kannst, darfst du frei auch in der größten Angst und Not sagen: „Wenn ich auch lange leide, was ist das denn im Vergleich mit einem solchen Schatz, den mir mein Gott zu eigen gegeben hat, damit ich ewig mit ihm leben soll!“ Siehe, so würde das Leiden süß und leicht werden und nicht mehr ein ewiges Leiden sein, sondern nur etwas Geringfügiges, das eine kleine Zeit währt und bald wieder vergeht, wie Paulus und Petrus, auch Christus selbst im Evangelium sagen (vgl. 2. Kor. 4,17; 1. Petr. 1,6; Joh. 16,16 ff.). Sie sehen nämlich das große, überschwengliche Geschenk an, daß Christus mit seinem Leiden und Verdienst ganz und gar unser geworden ist. Nun ist das Leiden Christi so mächtig und stark, daß es Himmel und Erde füllt und die Gewalt und Macht des Teufels und der Hölle, des Todes und der Sünde zerreißt. Wenn du nun einen solchen Schatz gegen deine Anfechtung und Leiden hältst, wird es dir gegenüber solchem Gut als ein geringer Schaden vorkommen, wenn du ein wenig von deinem Besitz, der Ehre, Gesundheit, ja [31] dein Weib und Kind, deinen eigenen Leib und dein Leben verlierst. Willst du aber einen sol­chen großen Schatz nicht achten und nichts darum leiden, wohlan, so fahre nur immer hin und laß es: Wer nicht glaubt, dem wird auch nichts von solchen unaussprechlichen Gütern und Gaben zuteil.

Weiter soll sich ein jeder Christ so verhalten und gewiß sein, daß solches Leiden ihm zum Besten dienen wird. Denn auch Christus will uns um seines Wortes willen nicht nur solches Lei­den tragen helfen, sondern es auch zum Besten kehren und wenden. Dadurch nun soll es uns wiederum lieblicher und leichter werden, solches Kreuz zu tragen, indem unser lieber Gott uns soviel Gewürz und Labwasser in unsere Herzen geben will, daß wir alle unsere Anfechtung und unser Kreuz tragen können. So sagt auch der Apostel Paulus 1. Kor. 10,13: „Gott ist getreu und läßt uns nicht mehr anfechten, als wir er­tragen können. Ja, er schafft auch mit derAnfechtung ein Her­auskommen, so daß wir es ertragen können.“ Das ist aber wahr: Wenn das Leiden und die Anfechtungen am größten sind, dann bedrängen und be­drük-ken sie uns derartig, daß man denkt, man kann nicht mehr, man müsse untergehen. Aber wenn du dann an Christus denken kannst, wird der treue Gott kommen und dir helfen, wie er von Anbeginn der Welt an den Seinen geholfen hat. Denn es ist ja ebenderselbe Gott, der im­mer gewesen ist. So ist es eben auch ein und dieselbe Ursache, um derentwegen wir leiden und um derentwegen alle Heiligen von Anbeginn an gelitten haben. Die ganze Welt muß uns ja das Zeugnis geben, daß wir nicht um öffentlicher Schande und Laster willen leiden, wegen Ehe­bruch, Hurerei, Mord usw. Son­dern darum leiden wir, weil wir bei dem Wort Gottes blei­ben, dasselbe predigen, hören, lernen und verbreiten. Solange das nun die Ursache unseres Leidens ist, so laß es nur immer ge­schehen. Wir haben dieselben Verheißungen und Ursachen zu lei­den, die alle Heiligen immer und immer gehabt haben. So können wir uns nun wohl auch der­selben Verheißungen trö­sten und uns an sie in unserem Leiden und unserer Trübsal halten, wie es denn (jetzt auch) sehr nötig ist.

Darum sollen wir uns nun so in unserem Leiden verhalten, daß wir zuerst und am allermeisten auf die Verheißungen sehen, nach denen unser Kreuz und unsere Anfechtung uns zum Besten gewendet werden sollen, dahin, wohin wir es nie­mals hätten wünschen noch denken können. Und das ist es eben, was den Unterschied zwischen den Leiden und Anfech­tungen der Chri­sten und denen aller anderen Menschen aus­macht. Denn andere Leute haben auch ihre An­fechtungen, ihr Kreuz und Unglück, obwohl sie eine Zeitlang im Rosengarten sitzen und ihr Glück [32] und Gut ganz nach ihrem Willen ge­brauchen. Wenn sie aber in Anfechtung und Leiden kommen, so können sie sich nicht trösten; denn sie haben die gewaltigen Verheißun­gen und die Zuversicht zu Gott nicht, die die Christen haben. Sie können sich nicht damit trö­sten, daß ihnen Gott die Anfechtung tragen helfen will und noch viel weniger können sie sich vor ihm dessen versichert wissen, daß ihnen solche An­fechtung und Leiden zum Besten gera­ten soll. So geschieht es denn, wie wir sehen, daß sie auch in geringen Anfechtungen nicht bestehen können; wenn sie aber große, starke Anfechtun­gen überfallen, verzweifeln sie ganz, bringen sich selbst um oder wollen sonst aus der Haut fahren, weil ihnen die ganze Welt zu eng wird. Derart können sie kein Maß halten weder im Glück noch im Unglück: Geht es ihnen wohl, so sind sie die frevelhaftesten, trotzigsten und hochmütigsten Leute, die man finden kann. Geht es ihnen übel, so sind sie gänzlich zerschla­gen und verzagt, mehr als eine Frau. Wie man es ja sieht: Die jetzt so aufbegehren, pochen und trotzen, waren während des Bau­ernaufruhrs so verzagt, daß sie nicht wußten, wo sie blei­ben sollten. Es muß so gehen, wenn man die Verheißungen und Gottes Wort nicht hat. Aber die Christen haben auch im höch­sten Leiden und Unglück ihren Trost.

Damit man aber solches desto besser verstehen kann, will ich ein Beispiel erzählen, in dem ihr deutlich die Leiden der Chri­sten abgemalt und entworfen sehen könnt. Ihr wißt wohl alle, wie man Christophorus hin und wieder malt. Ihr sollt aber nicht denken, daß je ein Mann gewesen ist, der so geheißen oder das wirklich getan hat, was man von Christophorus erzählt. Wer viel­mehr diese Legende oder Fabel aufgeschrieben hat, der ist ohne Zweifel ein feiner und ver­nünftiger Mann gewesen. Er hat dem einfältigen Volk ein solches Bild vormalen wollen, damit sie ein Beispiel und Ebenbild des christlichen Lebens hätten, wie dasselbe eingerichtet und geordnet sein soll; und er hat es deutlich getroffen und abgemalt. Ein Christ ist nämlich wie ein großer Riese, hat große, starke Beine und Arme, ganz so wie man denn den Christo­phorus malt. Er trägt auch eine solche Last, welche die ganze Welt nicht, kein Kaiser, König noch Fürst, tragen könnte. Daher heißt auch ein jeder Christ Christophorus, das ist ein Chri­stusträger, weil er den Glauben annimmt.

Wie geht es aber damit zu? Wenn man den Glauben an­nimmt, so denkt keiner, daß es eine schwierige Sache darum sei. Christus scheint einem ein kleines Kindlein zu sein, das hübsch und wohlgestaltet ist und leicht zu tragen, wie es dem Christophorus geschah. Das Evangeli­um läßt sich nämlich zuerst [33] so ansehen, als sei es eine feine, liebliche, freund­liche und kindliche Lehre. So erlebten wir es auch selbst am An­fang (mit der reformatorischen Verkün­digung). Als sie begann, kam jedermann zum Evangelium und wollte auch evangelisch sein. Da war ein solches Verlangen und ein Durst danach, daß kein Backofen so hitzig ist, wie es die Leute damals waren. Aber wie ging es weiter? Es ging eben zu wie mit dem Christo­pho­rus. Der erfuhr nicht eher, wie schwer das Kindlein ist, bis er in das Wasser kam, dorthin wo es am tiefsten ist.

Genauso ging es mit dem Evangelium: Als es sich ausbreitete, kamen die Wellen daher. Papst, Bischöfe, Fürsten und deren tobende Gefolgschaft widersetzten sich. Da fühlte man zum erstenmal, wie das Kindlein so schwer zu tragen ist. Denn das Wasser kommt dem guten Christophorus ja so nahe, daß er fast dadurch ertrinkt. Wie ihr seht, geht es jetzt auch so zu. Auf seiten jener, die dem Wort entgegenstehen, ist soviel an Praktiken, Erfindungen, Trug und List, alles mit dem Ziel, daß sie uns im Wasser ersäufen möchten. Da ist solches Drohen und Schrecken, daß wir uns zu Tode fürchten müßten, wenn wir dem nicht einen anderen Trost entgegenzusetzen hätten. Wohlan, wer den Christus, das liebe Kindlein, auf sich geladen hat, der muß ihn entweder ganz hinüber durch das Wasser hin­durchtragen oder ertrinken. Da gibt es kein Mittelding. Ertrinken ist nicht gut; darum wollen wir mit dem Christus durch das Wasser hindurch, wenn es gleich noch einmal so aussehen möchte, als müßten wir darin ertrinken. Wir haben ja die Verhei­ßung: Wer Christus hat, sich auf ihn verläßt und glaubt, der kann frei mit David sagen, Ps. 27,3: „Ob sich auch ein Heer ge­gen mich legt, soll mein Herz sich doch nicht fürchten. Ob sich auch Streit gegen mich erhebt, will ich mich darauf verlas­sen.“ Laß sie (gegen uns) aufbegehren und pochen, drohen und schrecken, wie sie wollen, wäre das Wasser auch noch so tief, so wollen wir dennoch mit Christus hindurch.

Auf die gleiche Weise geht es in allen anderen Stücken zu: Wenn es beginnt, so will es zu schwer werden, es sei Sünde, Teufel, Tod oder Hölle oder auch unser eigenes Gewissen. Was soll man aber dagegen tun? Wo sollen wir hinlaufen und wie uns schützen? Es läßt sich von uns aus nicht anders ansehen, als wolle es ganz und gar zu Boden gehen und fallen. Aber auf der Seite drüben (nämlich der Gegner des Evangeliums) sind sie sicher und stolz, meinen, sie haben es schon geschafft. Ich sehe es auch wohl, daß der liebe Christophorus sinkt. Dennoch kommt er heraus; denn er hat einen Baum, an dem hält er sich fest; Dieser Baum ist die Ver­heißung, daß Christus mit unserem Leiden etwas Besonderes tun will. „In der Welt“, spricht er (Joh. 16,33), „werdet ihr Zwang und Trübsal haben, aber in mir werdet ihr Frieden ha­ben.“ Ebenso Paulus (1. Kor. 10,13): „Wir haben einen treuen Gott, der uns aus der Anfech­tung hilft, daß wir es [34] ertragen können.“ Diese Sprüche sind Stäbe, ja Bäume, an denen man sich festhalten kann und das Wasser brausen und rauschen läßt, wie es will.

Demnach haben sie uns mit dem Christophorus ein Beispiel und Bild vormalen wollen, um uns in unserem Leiden zu stärken und uns zu lehren, daß das Verzagen und der Schrecken nicht so groß sind wie der Trost und die Verheißung. Wir sollen also wissen, daß wir in die­sem Leben keine Ruhe haben werden, wenn wir Christus tragen, sondern in der Anfech­tung unsere Augen von dem gegenwärtigen Leiden weg zu dem Trost und der Verheißung hinwen­den sollen. Dann werden wir erfahren, daß es wahr ist, was Christus sagt: „In mir wer­det ihr Frieden haben.“ Das ist nämlich der Christen Kunst, die wir alle zu ler­nen haben, daß wir auf das Wort sehen und alle vorhandenen und beschwerenden Nöte und Leiden weit aus den Augen tun. Das Fleisch aber kann solche Kunst überhaupt nicht, es sieht nicht weiter als auf das gegenwärtige Leiden. Das ist ja auch eine Wesensart des Teufels, daß er das Wort weit aus den Augen rückt, so daß man nun nicht mehr sieht als nur die Not, welche vorhanden ist. So tut er ja jetzt auch mit uns und wollte gern, daß wir das Wort ganz verleugneten und ver­gäßen und allein auf die Gefahr blickten, die uns vom Papst und den Tür­ken am Hals hängt. Wenn ihm das Spiel gelänge, so ersäufte er uns in der Not, weil wir nichts als solches Sausen und Brau­sen sehen. Aber das soll nicht sein. Denn es geht so zu: Will einer ein Christ sein und sich nur nach dem richten, was er sieht, hört und fühlt, verliert er Christus bald. Nur das Lei­den und Kreuz, sosehr du immer kannst, aus dem Herzen und dem Sinn geschlagen! Sonst, wenn man es zu lange bedenkt, wird das Übel ärger. Bist du in Anfechtung und Leiden, so sprich: „Dies Kreuz habe ich mir ja nicht selbst erwählt und zugerichtet. Es ist die Schuld des lieben Wortes Gottes, daß ich solches leide und daß ich doch auch Christus habe und leh­re. So laß es in Gottes Namen immer gehen! Ich will es den walten und aus­fechten lassen, der mir solches Leiden längst vorhergesagt, und mir seine göttliche, gnädige Hilfe verheißen hat.“

Wenn du dich derart in die Schrift hineinbegibst, so wirst du Trost fühlen, und deine ganze Sache, die du sonst mit keinem Entschluß, auf keine Art und Weise steuern kannst wird besser werden. Ein Kaufmann kann es sich doch so einrichten, daß er, um Geld und Gut zu gewin­nen, von Haus und Hof, Frau und Kind fortzieht und – um des schnöden Gewinnes willen – Leib und Leben wagt, und doch hat er keine sichere Verheißung oder Zusage, daß er gesund wieder zu Frau und Kind heimkommen wird. Dennoch ist er so tollkühn und verwegen und wagt sich frei hinaus in solche Gefahr ohne alle Verheißung. Kann ein Kaufmann nun solches um Geldes und Gutes willen tun: Pfui uns, daß wir ein [35] geringes Kreuz nicht tragen und dennoch Christen sein wollen. Und wir haben noch dazu den Baum in unseren Fäusten, an dem wir uns gegen die Wellen festhalten können, nämlich das Wort und die starken, feinen Verheißun­gen, daß wir niemals von den Wasserwogen ersäuft werden sollen.

Ebenso tut auch ein Reiter: Der begibt sich in den Krieg, wo so viele Hellebarden und Büch­sen auf ihn gerichtet sind. Er hat auch keine Verheißung, deren er sich trösten könnte, als nur seinen tollen Sinn. Dennoch geht er hinein, wo doch dieses ganze Leben nichts anderes ist als ein hartes Leben und Lei­den. Ebenso tun auch die Papisten: Die lassen es sich keine Mühe noch Arbeit gereuen, nur damit sie ihren Greuel und ihre Abgötterei wieder aufrichten. Wie­viel Pläne haben sie nur seit der Zeit, als das Evangelium seinen Lauf begonnen hat, gefaßt und tun es wieder und wieder noch heutigen Tages, fassen einen Plan nach dem anderen. Die­se alle sind nicht aufgegan­gen und zu Asche geworden, auch jetzt. Dennoch bilden sie sich ein und sind sich dessen so sicher, daß sie es hinaus­posaunen und das Wort Gottes unterdrücken; so ergehen sie sich in ihrer bloßen Tollkühnheit.

Können nun Kaufleute, Reiter, Papisten und solche Gesellen einen solchen Mut schöpfen, daß sie sich solche Gefahren, Mühen und Arbeit aufladen und sie erleiden, sollten wir uns ja mit Recht schämen, daß wir uns gegen Leiden und Kreuz sperren. Wir wissen doch erstens, daß es Gott so verordnet hat, daß wir leiden sollen und daß es nicht anders sein kann. Zum anderen kennen wir unsere Verheißung und Zusage auch. Obgleich wir nicht so gute Christen sind, wie. wir es wohl sein sollten, und zaghaft und schwach sowohl im Leben wie im Glauben sind, will Gott dennoch sein Wort verteidigen, nur darum, weil es sein Wort ist. Deshalb kön­nen wir also mit Recht trotzen und sagen: Wenn gleich 10 Päpste oder tür­kische Kaiser da wären, so will ich sehen, ob sie alle zusam­men den Mann, der da Christus heißt, schlagen werden. Das können sie wohl tun, daß sie ein Spiel zurüsten, das nach ihrem Kopf gespielt wird, aber dem Wort Gottes werden sie keinen Abbruch tun; dieses soll und wird geschehen, obgleich wir schwach im Glauben sind.

Das ist nun die rechte Kunst, daß wir derart im Leiden und Kreuz auf das Wort und die tröst­liche Zusage sehen und ihm Glauben schenken. Er spricht ja: „In mir werdet ihr Frieden haben, aber in der Welt Trübsale“ (Joh. 16,33), als wollte er sagen: Gefahr und Schrecken werden euch gewiß unter die Augen kommen, wenn ihr euch meines Wortes annehmen wer­det. Laßt sie nur kommen, solches wird euch um meinetwillen begegnen und widerfahren. So seid nun getrost! [36] Ich will euch nicht verlassen, ich will bei euch sein und euch helfen. Es sei nun die Anfechtung so groß, wie sie immer wolle, sie wird dir gering und leicht werden, wenn du für dich solche Gedanken aus dem Wort Gottes schöpfen kannst. Darum soll sich auch ein jeder Christ so zurüsten, daß er sich in der Anfechtung mit den feinen tröstlichen Zusagen schützen und bewahren kann, die. uns Christus, unser lieber Herr, hinterlassen hat wenn wir um seines Wortes willen leiden. Tut man es aber nicht und läßt die tröstlichen Sprü­che fahren, wenn das Kreuz kommt, so wird es uns genauso gehen wie der Eva im Para­dies. Die hatte Got­tes Gebot. Mit diesem sollte sie des Teufels Eingebung und An­reiz zu­rückschla­gen. Aber was tat sie? Sie läßt das Wort fahren und bekümmert sich um die Gedan­ken, was es für ein feiner Apfel. sei, es wäre an dem geringen Ding nicht viel gelegen. So ging sie ihren Weg dahin, und wenn man das Wort fahrenläßt, kann es nicht anders zugehen. Wenn wir aber bei dem Wort bleiben und uns daran halten, werden wir gewiß erfahren, daß wir fein heraus­kommen und siegen werden. Siehe, diese zwei Stücke lehren wir, wenn wir von dem Leiden und Kreuz predigen. Und wer uns die Schuld gibt, als lehrten wir gar nichts vom Kreuz, der tut uns Unrecht. Das tun wir aber allerdings nicht, daß wir unser Leiden zum Ver­dienst gegen­über Gott machen. Nein, weit, weit hinweg damit! Dasselbe hat Christus allein getan und sonst niemand. Dem soll auch allein die Ehre gebühren.

Drittens wollen wir auch sehen, warum unser Herrgott uns solches Leiden zuschickt. Dieses nun ist hier die Ursache: Er will uns seinem lieben Sohn in der Weise gieichförmig machen, daß wir ihm hier im Leiden und dort in jenem Leben in der Ehre und Herrlichkeit gleich wer­den, gemäß seinem Wort: „Mußte nicht Christus leiden und so zur Herrlichkeit ein­gehen?“ (Luk. 24,26.) Dieses aber kann Gott mit uns nur durch Leiden und Anfechtungen erreichen, die er uns durch den Teu­fel und böse Leute zuschickt.

Die andere Ursache ist die: Auch wenn Gott uns nicht angrei­fen und plagen wollte, will es doch der Teufel tun. Er kann Got­tes Wort nicht ertragen; er ist ja überhaupt von Natur aus so boshaft und giftig, daß er nichts Gutes leiden kann. Es ist ihm leid, daß ein Apfel auf einem Baum wächst; es tut ihm weh und verdrießt ihn, daß du einen gesunden Finger hast. Wenn er es tun könnte, so zerrisse er alles, was da ist, und würfe es durch­einander. Aber keinem Ding ist er so feind wie dem lieben Wort, und das darum: Er kann sich hinter jedem Geschöpf ver­bergen, nur das Wort deckt ihn auf, daß er sich nicht verbergen kann, [37] und zeigt jeder­mann, wie schwarz er ist. Da wehrt und sperrt er sich und bindet die Fürsten und Bischöfe aneinan­der und meint sich dadurch wieder zu verstecken. Aber es hilft nichts: das Wort zieht ihn dennoch ans Licht. Darum ruht er auch nicht, und weil ihn das Evangelium nicht leiden will, will er es auch wiederum nicht leiden. Da hebt es sich denn auf. Und wenn uns unser lieber Gott nicht durch seine Engel schützte und wir des Teufels List, Anschläge und Trug sehen könnten, müßte ein jeder allein von dem Anblick sterben, so viele Ge­schütze und Büchsen hat der Teufel auf uns gerichtet. Aber Gott wehrt ihnen, daß sie nicht treffen.

So kommen die zwei Helden zusammen. Ein jeder tut, so­viel ihm möglich ist. Der Teufel braut immer ein Unglück über das andere zusammen; denn er ist ein mächtiger, boshafter und unruhiger Geist. So ist es denn Zeit, daß die Ehre un­seres lieben Gottes auch hervorbricht. Denn das Wort, das wir ins Feld führen, ist ja ein schwaches, elendes Wort, und wir, die es haben und treiben, sind auch schwache und elende Menschen und tragen den Schatz in irde­nen Gefäßen, wie Paulus sagt (2. Kor. 4,7), die man leicht zerschlagen und zer­brechen kann. Darum läßt sich der böse Geist durch keine Mühe verdrießen und schlägt getrost danach, ver­sucht, ob er das Töpflein zerschlagen könnte. Es steht ihm ja so unter der Nase, daß er es nicht ertragen kann. Da heißt es erst recht, das kleine Fünklein mit Wasser und Feuer zu löschen und zu dämpfen. Da sieht unser Herrgott eine Weile zu und steckt uns zwischen Tür und Angel, damit wir aus unserer eigenen Erfahrung lernen, daß das kleine, schwache, elende Wort stär­ker ist als der Teufel und die Pforten der Hölle. Das Schloß sollen sie ruhig stürmen, der Teufel mit seinem Anhang. Aber laß sie nur stürmen, sie sollen dabei etwas finden, was ihnen den Schweiß heraustreiben soll, und es dennoch nicht gewin­nen; denn das Wort ist ein Fels, wie Christus es nennt, der nicht zu erstürmen ist. So laßt uns erleiden, was auf uns zu­kommt! So können wir erfahren, daß uns Gott beistehen, uns gegen diesen Feind und allen seinen Anhang schützen und schirmen will.

Zum dritten ist es auch sehr notwendig, daß wir nicht nur deshalb leiden, damit Gott seine Eh­re, Macht und Stärke gegen den Teufel beweise, sondern auch darum, weil uns der vortreff­liche Schatz, den wir haben, wenn er ohne Not und Leiden bleibt, nur schnarchend und sicher macht. Wir sehen es ja, und es ist leider allzusehr verbreitet, daß jetzt viele das heilige Evan­gelium so mißbrauchen, daß es eine Sünde und Schande ist, nämlich derart, als wären sie durch das Evangelium von allem so befreit, als ob sie nichts mehr tun, geben oder leiden sollten. Solcher Bosheit kann unser Gott nur durch das Kreuz steuern. Er muß [38] uns also üben und antreiben, daß der Leiden mehr werden und die Anfechtungen zunehmen und stär­ker werden und wir so den Heiland in uns bringen. Sowenig wir also des Essens und Trinkens entbehren können, sowenig können wir derAnfechtung und des Leidens entbehren. Darum müssen wir notwendig vom Teufel durch Verfolgung oder sonst einen heim­lichen Pfahl, der uns durch das Herz dringt, geplagt werden, wie Paulus auch klagt (2. Kor. 12,7). Weil es aber nun besser ist, daß man ein Kreuz hat, als daß man ohne Kreuz ist, soll sich nie­mand davor entsetzen oder erschrecken. Du hast ja eine gute, starke Verheißung, deren du dich trösten kannst, und das Evan­gelium kann auch nicht anders ans Licht kommen als durch und im Leiden und Kreuz.

Zum letzten: Der Christen Leiden ist deshalb edler und köst­licher als aller anderen Menschen Leiden, weil Christus sie in das Leiden gesteckt hat und so auch alle Leiden seiner Chri­sten geheiligt hat. Sind wir denn nicht arme, tolle Leute? Wir sind nach Rom, Trier und an andere Orte gelaufen, um die Heiligtümer aufzusuchen. Warum lassen wir uns nicht auch das Kreuz und das Leiden lieb sein, welches Christus viel näher gewesen ist und ihn näher berührt hat als irgendein Kleid am Leibe? Es hat ihm nicht allein den Leib, sondern das Herz be­rührt. So ist nun durch das Leiden Christi auch das Leiden aller seiner Heiligen ganz zum Heiligtum geworden; denn es ist mit dem Leiden Christi verbunden. Deswegen sollen wir alles Leiden nicht anders annehmen denn als Heiligtum; denn es ist wahrhaftig ein Heiligtum.

Weil wir aber jetzt wissen, daß es Gott so wohlgefällt, daß wir leiden sollen und Gottes Ehre sich in unserem Leiden erweist und sichtbar wird, und zwar besser als in irgend etwas an­de­rem, und weil wir solche Leute sind, die ohne Leiden im Wort und Glauben nicht bestehen können, und dennoch daneben die edle, teure Verheißung haben, daß unser Kreuz, wenn es uns von Gott zugeschickt ist, nichts Schlechtes, sondern ein durch und durch köstliches und edles Heiligtum ist, warum wollen wir uns dann weigern zu leiden? Wer nicht leiden will, der fahre hin und sei ein Junker. Wir predigen solches nur den Willigen, die wirklich Christen sein wollen. Die anderen werden es doch nicht fertigbringen (bereitwillig zu leiden). Haben wir doch so­viel Trost und Verheißung, daß Gott uns nicht im Leiden steckenlassen, sondern heraushelfen will, wenn auch alle Men­schen daran verzweifelten! Darum, obgleich es weh tut: Wohl­an, du mußt doch irgend etwas leiden; es kann ja nicht immer gleich zugehen! Es ist ebenso gut, ja tausendmal besser, um unseres Christus willen zu leiden, der uns Trost und Hilfe im Leiden zugesagt hat, als um des Teufels willen zu leiden und ohne Trost und Hilfe zu verzagen und zu verderben. [39]

Siehe, auf diese Weise lehren wir vom Kreuz, und ihr sollt euch auch daran gewöhnen, daß ihr fleißig das Leiden Christi von allen anderen Leiden unterscheidet. Jenes ist ein himm­lisches, unseres ein irdisches Leiden. Sein Leiden tut alles, un­seres tut nichts, als daß wir Christus gleichförmig werden. Das Leiden Christi ist also ein Herrenleiden, unseres ein Knechts­leiden. Diejenigen, die anders davon lehren, die wissen weder, was Christi Leiden noch was unser Leiden ist. Was ist die Ursache dafür? Die Vernunft kann nicht anders. Sie möchte gern mit ihrem Leiden wie mit allen anderen Werken hofieren, damit sie etwas verdient. Das sei für dieses Mal genug von dem Beispiel der Passion und von unserem Leiden geredet. Gott gebe, daß wir es recht fassen und lernen. Amen.

Gehalten am Karsamstag, 16. April 1530 auf der Veste Coburg.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, hg. v. Horst Beintker, Helmar Junghans und Hubert Kirchner, Band 1: Die Botschaft des Kreuzes, bearbeitet von Horst Beintker, Berlin 1981, 198-210 (WA 32,28-39).

Hier die Predigt als pdf.

„Ihr habt mit euch den wahren Gott“ – Martin Luther über Weihnachten

14. November 2016
Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Woher kommen die Weihnachtsgeschenke? Für Martin Luther ist es klar – vom Christkind. Aber weshalb gibt es an Weihnachten überhaupt Geschenke? Auch da weiß Luther die Antwort: Weil die Geburt des Gottessohnes im Stall zu Bethlehem das größte Geschenk für die Menschheit ist, ein bleibendes Geschenk, an dem die Kinder durch die Bescherung an Heilig Abend selbst sichtbar Anteil gewinnen sollen.

In seinem Weihnachtslied „Vom Himmel kam der Engel Schar“ von 1543 lässt Luther besingen, was diese Geburt ausmacht: „Des sollt ihr alle fröhlich sein, / dass Gott mit euch ist worden ein. / Er ist geborn euer Fleisch und Blut, / euer Bruder ist das ewig Gut.“ (EG 25,3) Gott wurde wirklich Mensch, „in Windel gewickelt und in einer Krippe“ liegend (Lukas 2,12). Nicht in seiner unermesslichen und unvorstellbaren Größe, sondern in der allermenschlichsten Nähe seines Sohnes Jesus Christus findet sich unser Gottvertrauen: „Was kann euch tun die Sünd und Tod? / Ihr habt mit euch den wahren Gott; / lasst zürnen Teufel und die Höll, / Gotts Sohn ist worden euer Gesell.“ (EG 25,4) Gottes Sohn gesellt sich in Fleisch und Blut zu uns, nimmt unsere Sünde und Gottverlassenheit auf sich und schenkt uns ewiges Leben beim himmlischen Vater.

Wer über die tödliche Beschränkung seines Lebens hinausglauben will, hat sich mit Luther an die Krippe zu Bethlehem zu halten: „Lass weg alle Philosophie und das göttliche Gesetz und tu dich mit Gewalt zur Krippe und zum Schoß der Mutter und ergreife jenes Kind und den Sohn der Jungfrau und siehe hin, wie er geboren wird, an der Mutter Brust trinkt, wie er wächst, unter den Menschen weilt, wie er lehrt, stirbt, aufersteht; sieh ihn aufgenommen über alle Himmel und sieh ihn im Besitz der Allgewalt, so kannst du alle Schrecken zerschlagen, wie die Wolken von der Sonne vertrieben werden, so kannst du alle Irrtümer vermeiden. Dieses Anschauen des Gottessohnes in Niedrigkeit behält dich auf dem richtigen Weg, so dass, wo Christus hingeht, du folgen kannst.“[1]

Wenn wir zum anstehenden Reformationsjubiläum Martin Luther als Neuentdecker des wahren christlichen Glaubens gedenken, ist damit kein selbstbewusster oder eigensinniger Glaube gemeint. Menschlicher Glaube, der bei sich selbst bleibt, ist auch nur ein Götze. Er birgt für unser Leben keine wirkliche Hoffnung. Der wahre Glaube gilt dem menschgewordenen Gotteswort, von dem es heißt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14)

[1] D. Martin Luther Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, hg. v. Hermann Kleinknecht, Göttingen 1980, 38.

Hier der Text als  pdf.

„Die hohen, unverständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen“ – Martin Luthers Anti-Hermeneutik in seiner Höllenfahrtspredigt

3. November 2016
Höllenfahrt Christi. (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert - Lindenau-Museum Altenburg)

Höllenfahrt Christi (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert – Lindenau-Museum Altenburg)

„Hermeneutik ist die Kunst, aus einem Text herauszukriegen, was nicht drinsteht.“ Odo Marquards bekanntes Diktum verweist auf die platonische Grundlage jeglicher Hermeneutik: Das konkrete Erzählgeschehen wird auf allgemein Gedachtes ideell hintergangen. Nur so kann es der „aufgeklärten“ Vernunft zugemutet werden. Luthers Predigt zur Höllenfahrt und Auferstehung Christi vom 17. April 1533 ist eine radikale Absage an jegliche theologische Hermeneutik. Nur im leiblichen Erzählgeschehen kann die Wirklichkeit des göttlichen Heilshandeln zugesagt werden:

„Dass ich das mit dem Munde ausreden oder mit den Sinnen begreifen sollte, wie es bei Christus in dem Dasein zu­geht, das gar weit über und außer diesem Leben ist, — das werde ich wohl bleiben lassen müssen. Kann ich doch schon das nicht al­les erfassen, was zu diesem Leben, zu Christi Erdendasein, gehört — z. B. wie es dem Herrn Christus im Garten Gethsemane zu Sinn und Mute war, als er reichlich Blut schwitzte —, sondern muss es beim Wort und Glauben bewenden lassen. Ebenso ist es noch viel weniger mit Worten oder Gedanken zu fassen, wie er zur Hölle ge­fahren ist. Viel­mehr weil wir uns ja unsere Gedanken und Vor­stellungsbilder von dem machen müssen, was uns in Worten vorge­tragen wird, und weil wir nichts ohne Bilder denken und verstehen kön­nen, so ist es fein und recht, dass man’s ganz wörtlich auffaßt, so wie man’s malt: daß Christus mit der Fahne hinunterfährt und die Höllenpforten zerbricht und zerstört; die hohen, unver­ständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen. Denn eine solch bildhafte Darstellung zeigt in feiner Weise die Kraft und den Nutzen dieses Artikels, weswegen es geschehen ist und gepredigt und geglaubt wird; nämlich: wie Christus der Hölle Gewalt zerstört und dem Teufel alle seine Macht genommen hat. Wenn ich das habe, so habe ich den rechten Kern und Sinn davon, und soll nicht weiter fragen und klügeln, wie es zugegangen oder möglich sei, geradeso, wie auch bei andern Artikeln des Glaubens­bekenntnisses solches Klügeln und Meistern der Vernunft verboten ist und auch nichts errei­chen kann.“

Hier Luthers Predigt als pdf.

Lob der Historien – Martin Luthers Vorrede zu Historia Galeatii Capellae (1538)

3. November 2016

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In Luthers Vorrede zu Historia Galeatii Capellae skizziert dieser den Nutzen der Geschichtsschreibung, wobei er dem rhetorischen Geschichtenkonzept (an Stelle einer idealistischen Geschichtsidee) folgt. So schreibt er unter anderem:

„Die Historien sind nichts anderes als Anzeigung, Gedächtnis und Hinweis göttli­cher Werke und Urteile, wie er die Welt, besonders die Menschen, erhält, regiert, hindert, fördert, straft und ehrt, je nachdem ein jeder verdient, Böses oder Gutes. Und wenn es auch viele sind, die Gott nicht erkennen noch achten, so müssen sie doch an den Exempeln und Historien stutzig werden und befürchten, daß es ihnen nicht auch so gehe wie dem und dem, wie sie durch die Historien vor Augen gerückt werden. Dadurch werden sie stärker bewegt, als wenn man sie nur mit bloßen Worten des Rechts oder der Lehre abhält und ihnen damit wehrt. So lesen wir denn nicht allein in der heiligen Schrift, sondern auch in den heidnischen Büchern, wie sie der Vorfahren Exempel, Worte und Werke anführen und vor Augen halten, wo sie etwas beim Volk durchsetzen wollen oder wenn sie vorhaben zu lehren, zu ermahnen, zu warnen, abzuschrecken. Darum sind auch die Historienschreiber die allernützlichsten Leute und besten Lehrer, so daß man sie niemals genug ehren, loben oder ihnen Dank sagen kann.“

Die komplette Vorrede findet sich hier als pdf.

Martin Luther „Wer voll wie ein Schwein und täglich ein Trunkenbold ist, der wird weder zum Beten noch zu anderen christlichen Dingen nützlich sein“ – Ermahnung zu Nüchternheit und Mäßigung

30. Oktober 2016
Völlerei (aus Hieronymus Boschs Gemälde

Völlerei (aus Hieronymus Boschs Gemälde „Die Sieben Todsünden“)

Da redet Martin Luther dem Volk nicht nach dem Mund, wenn er in seiner Predigt über 1. Petrus 4,8 ff am 18. Mai 1539 (Exaudi) mit deftigen Worten zu Nüchternheit und Mäßigung aufruft:

„Die Christen müssen, damit ihr Herz stets zu Gott hin gerich­tet sein kann, in zweifacher Hinsicht zugerüstet werden: im Festhalten an seinem Wort und mit anhaltendem Seufzen ein ewiges „Vaterunser“ beten können. Dies lehren ihn zwar schon Anfechtung und Not, womit er fortwährend von Teufel, Welt und Fleisch bedrängt wird. Trotzdem muß er, weil der Feind keinen Augenblick schläft noch ruht, ohne zu wanken an der Spitze stehen, wachen und aufmerksam sein.

Dazu gehört nun, wie Petrus hier sagt, daß ein Christ ein Mensch sei, der auch im Essen und Trinken seinen Leib an­gemessen versorge und nüchtern halte, ihn also nicht mit unmäßigem Fressen und anderem Überflüssigem belade und zu Schaden kommen lasse. Das bewirkt, daß er tüchtig, klug und fähig zum Beten wird. Denn wer nicht danach strebt, daß er nüchtern und mäßig seinen Dienst oder sein Amt ausübt, son­dern voll wie ein Schwein und täglich ein Trunkenbold ist, der wird weder zum Beten noch zu anderen christlichen Dingen nützlich sein, ja, er taugt dann überhaupt zu keiner Sache. Hier täte uns zuchtlosen Deutschen wohl eine besondere Predigt und Ermahnung gegen unser Schlemmen, Fressen und Saufen not. Aber woher wollten wir denn die Predigt nehmen, die so kraftvoll und mächtig wäre, um unserem schändlichen, schwei­nischen Leben und Saufteufel zu wehren? Leider ist doch ge­genwärtig alles restlos durch einen Wolkenbruch und eine Sintflut dieser Art eingestürzt und überschwemmt. Und jeden Tag dringt es mehr und mehr in alle Stände ein, in die höchsten und in die niedrigsten, so daß das ganze Predigen und Ermahnen viel zu schwach ist — fast gar nicht der Rede wert. Es ist offen­sichtlich umsonst und wird nicht gehört, sondern wird ver­achtet und verlacht. Daß am Ende der Weltzeit so etwas herr­schen würde, das hatten die Apostel und Christus ja schon vor­ausgesagt. Deshalb hat er die Christen dazu aufgefordert, sich davor zu hüten, ihre Herzen nicht mit Fressen und Saufen und den Sorgen dieses Lebens zu beschweren, damit sie der Jüngste Tag nicht schnell und plötzlich — wie ein Fallstrick — überrasche.

Gerechterweise sollten besonders wir Deutschen, weil Gott uns in jüngster Zeit aus großen Gnaden das Licht des Evan­geliums so reichlich geschenkt hat, uns — ihm zu Ehren und Dank — in diesem Teil bessern, damit wir nicht über die anderen Sünden hinaus auch noch durch dieses Laster Gottes Zorn und Strafe auf uns häufen. Denn das ist gewiß, daß aus einem wüsten Lebenswandel nichts anderes folgen kann als falsche Sicherheit und Gottesverachtung, ja, daß die Menschen, die sich wie die Schweine in ständiger Fresserei ergehen, gleich­sam tot und begraben sind und keine Furcht vor Gott haben, noch sich um göttliche Dinge kümmern können.

Und wenn überhaupt nichts helfen will, so sollte uns wenig­stens die Schande berühren, die uns dazu in anderen Ländern anhaftet. Gerade der bewußten Angelegenheit wegen haben andere Nationen — besonders Italien — eine große Überheblich­keit und Feindseligkeit gegen uns. Sie nennen uns die „vollen Deutschen“. Denn daß sie mehr taugen, findet sich bei jenen, weil sie nicht derartig trunkene, volle Leute sind.“

Hier Luthers vollständige Predigt als pdf.

„Darum sollt ihr Herren Juden nicht dulden, sondern vertreiben“ – Martin Luthers erschreckende Kanzelvermahnung „Wider die Juden“ vom 15. Februar 1546

29. Oktober 2016
Fotocollage zur Ausstellung

Fotocollage zur Ausstellung „Ertragen können wir sie nicht“ – Martin Luther und die Juden (17. Januar bis 22. März 2016
in Magdeburg)

Drei Tage vor seinem Tod, am 15. Februar 1546 predigte Martin Luther in seiner Geburtsstadt Eisleben über Jesu Jubel- und Heilandsruf (Matthäus 11,25-30). Er beschließt die Predigt mit den Worten „viel mehr wäre von diesem Evangelium zu sagen. Aber ich bin zu schwach, wir wollen’s hierbei bleiben lassen.“ Doch dann fährt er mit einer erschreckenden Kanzelvermahnung fort, die die Grafen von Mansfeld  als Landesherren dazu auffordert, Juden aus ihrem Territorium zu vertreiben. Graf Albrecht von Mansfeld ist dieser Forderung nachgekommen und vertrieb die Juden 1547 aus Eisleben. Professor Matthias Morgenstern hat dankenswerterweise diese „Vermahnung“ in heutiges Deutsch übertragen, so dass man Luthers widerlichen Worten nicht auskommt. Außerdem hat Morgenstern Luthers Schrift „Von Juden und ihren Lügen“ neu herausgegeben und kommentiert. Hier Luthers Kanzelvermahnung „Wider die Juden“:

Nachdem ich nun eine Zeitlang hier gewesen bin und euch gepredigt habe und nun auch heim muss und euch vielleicht nicht mehr predigen möchte, will ich euch hiermit gesegnet und gebeten haben, fleißig bei dem Wort zu bleiben, das euch eure Prediger und Pfarrherren von der Gnade Gottes getreulich lehren. Und ihr sollt auch gewöhnt sein zu beten, dass Gott euch vor allen Weisen und Klüglingen behüten wolle, die die Lehre des Evangeliums verachten; denn sie haben oft großen Schaden angerichtet und können dies weiterhin tun.

Zudem habt ihr auch noch die Juden im Lande, die großen Schaden anrichten. Nun wollen wir christlich mit ihnen umgehen und bieten ihnen zunächst den christlichen Glauben an, damit sie den Messias annehmen, der doch ihr Vetter ist. Er ist aus ihrem Fleisch und Blut geboren und ein rechter Same Abrahams, wessen sich [die Juden ebenfalls] rühmen. Obwohl ich Sorge habe, dass das jüdische Blut inzwischen wässerig und wild geworden ist, sollt ihr ihnen zunächst anbieten, dass sie sich zum Messias bekehren wollen und sich taufen lassen, damit man sehen kann, dass es ihnen ernst sei. Wo sie das nicht tun, wollen wir sie nicht dulden. Denn Christus gebietet uns, dass wir uns taufen lassen und an ihn glauben sollen. Obwohl wir nun nicht so stark glauben können, wie wir sollten, hat Gott dennoch Geduld mit uns.

Nun verhält es sich mit den Juden so, dass sie unseren Herrn Jesus Christus täglich nur lästern und schänden. Weil sie das tun und wir wissen es, sollen wir es nicht dulden. Denn wenn ich den bei mir dulde, der meinen Herrn Christus schändet, lästert und verflucht, dann nehme ich Anteil an fremden Sünden, obwohl ich doch genügend eigene Sünden habe. Darum sollt ihr Herren sie nicht dulden, sondern vertreiben. Wenn sie sich aber bekehren, ihren Wucher lassen und Christus annehmen, wollen wir sie gern wie unsere Brüder halten.

Anders wird nicht daraus, denn sie treiben es doch zu arg. Sie sind öffentlich unsere Feinde, sie hören nicht auf, unseren Herrn Christus zu verlästern, nennen die Jungfrau Maria eine Hure und Christus ein Hurenkind. Uns nennen sie Wechselbälge und Mahlkälber, und wenn sie uns alle töten könnten, täten sie es gern.

Und sie tun es auch oft, besonders diejenigen, die sich als Ärzte ausgeben, obgleich sie manchmal auch helfen. Denn der Teufel hilft es doch zuletzt versiegeln. So kennen sie auch die Arznei, die man im Welschland kennt: wenn man einem anderen Menschen ein Gift einflößt, von dem er in einer Stunde, in einem Monat, in einem Jahr, ja in zehn oder zwanzig Jahren sterben muss. Diese Kunst können sie.

Darum lasst euch nicht beirren von denen, die bei euch nichts anderes tun, als dass sie unseren lieben Herrn Jesus Christus gräulich verlästern und uns nach Leib, Leben, Ehre und Gut trachten. Noch wollen wir die christliche Liebe an ihnen üben und für sie bitten, dass sie sich bekehren, den Herrn annehmen, den sie eigentlich vor uns hätten ehren sollen. Wer das nicht tun will, da ziehe es nicht in Zweifel, dass der ein entarteter Jude ist, der nicht davon ablassen wird, Christus zu verlästern, dich auszusaugen und dich zu töten, wo er nur kann.

Darum bitte ich, dass ihr keinen Anteil nehmt an fremder Sünde. Ihr habt genug daran, Gott zu bitten, dass er euch gnädig sei und euer Regiment erhalte, wie ich noch täglich bete und mich unter dem Schirm des Sohnes Gottes berge. Den halte und ehre ich als meinen Herrn, zu dem muss ich laufen und fliehen, wenn mich der Teufel, die Sünde oder ein anderes Unglück anficht. Denn er ist mein Schirm, so weit Himmel und Erde sind, und meine Gluckhenne, unter die ich vor Gottes Zorn krieche. Darum kann ich nicht den verstockten Lästerern und Schändern dieses lieben Heilands keine Gemeinschaft oder Geduld haben.

Das habe ich euch als Landeskind zur Warnung sagen wollen, damit ihr keinen Anteil nehmt an fremder Sünde. Denn ich meine es ja gut und treulich mit uns beiden, mit dem Landesherrn und den Untertanen. Wollen sich die Juden zu uns bekehren und mit ihrer Lästerung und was sie uns sonst getan haben aufhören, so wollen wir es ihnen gern vergeben. Wo aber nicht, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden und nicht leiden.

Quelle: Weimarer Ausgabe Martin Luthers (WA) 51, Seiten 195-196.

In Ergänzung dazu Luthers Brief aus Eisleben an seine Frau vom 1. Februar 1546, in dem er ihr seine Kanzelvermahnung angekündigt hat – zärtliche Sprache, die  in einen gnadenlosen Antisemitismus entgleitet:

„Meiner herzlieben Hausfrau, Katherin Lutherin, Dokto­rin, Zülsdorferin, Saumarkterin, und was sie mehr sein kann.

Gnad und Friede in Christo und meine alte, arme Liebe und, wie E.G. weiß, unkräftige, zuvor! Liebe Käthe! Ich bin wahrlich schwach gewesen auf dem Weg hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen. Denn wir mußten durch ein Dorf hart vor Eisleben, darinnen viel Juden wohnen; vielleicht haben sie mich so hart angeblasen. So sind hier in der Stadt Eisleben jetzt diese Stund über fünfzig Juden wohnhaft. Und wahr ist’s: Da ich an dem Dorf vorbei­fuhr, ging mir ein solcher kalter Wind hinten zum Wagen hinein auf meinen Kopf durch’n Barett, als wollt mir’s das Hirn zu Eis machen. Solches mag mir zum Schwindel etwas geholfen haben. Aber jetzt bin ich, Gott Lob, wohl­auf, nur daß die schönen Frauen mich so hart anfechten, daß ich weder Sorge noch Furcht habe vor aller Un­keuschheit.

Wenn die Hauptsachen geschlichtet wären, so muß ich mich dranlegen, die Juden zu vertreiben; Graf Albrecht ist ihnen feind und hat sie schon preisgegeben. Aber noch tut ihnen niemand etwas. Will’s Gott, ich will auf der Kanzel Graf Albrecht helfen und sie auch preisgeben.

Ich trinke Naumburgisch Bier, fast des Geschmacks, den Du am Mansfelder mir einst gelobt hast. Es gefällt mir gut, macht mir des Morgens wohl drei Stuhlgänge in drei Stunden. Deine Söhnchen sind gen Mansfeld gefahren vorgestern, weil sie Hans von Jena4 so demütiglich gebe­ten hatte; weiß nicht, was sie da machen. Wenn’s kalt wäre, könnten sie helfen frieren; da es nun warm ist, könnten sie wohl anderes tun oder leiden, wie es ihnen gefällt. Hiermit Gott befohlen samt allem Hause, und grüße alle Tischgesellen. Vigilia purificationis [Am Tage vor Mariä Reinigung] 1546.

M. Luther, Dein altes Liebchen.“

Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 6: Briefe, Frankfurt a. Main, 21983, 267f.

Hier die Texte als pdf.

Martin Luther – Der Grundgedanke des Briefes des Hl. Paulus an die Galater

27. Oktober 2016

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Für Martin Luther ist der Galaterbrief ist neben dem Römerbrief der Schlüsselbrief zur evangelischen Rechtfertigungslehre. Seine Vorlesungen über diesen Brief von 1531 (auf Latein) wurden 1535 von Georg Rörer als Kommentar veröffentlicht. Dieser Kommentar ist einer der anspruchvollsten theologischen Schriften Luthers. Eingangs findet sich eine Zusammenfassung zur Glaubensgerechtigkeit, in der es unter anderem heißt:

„Die Gerechtigkeit des Glaubens, die Gott durch Christus ohne unsere Werke zu­rechnet, ist nicht von der Art des Weltreiches, noch der frommen Zeremoni­en, noch des göttlichen Gesetzes und spielt nicht in unserem Werkbereich, sondern ist völlig verschieden davon, d. h. sie ist völlig passiv. Im Gegensatz dazu sind die oben genannten Gerechtigkeits­arten alle aktiv. Wenn es um die Gerechtigkeit Christi geht, haben wir also nichts zu wirken, da bringen wir nichts vor Gott, sondern sind lediglich die Empfangenden und erleiden einen anderen, der in uns wirkt, nämlich Gott. Daher bezeichnet man diese Glaubens- oder christ­liche Gerechtigkeit gern als passive Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit ist im Geheimnis verborgen und wird von der Welt nicht erkannt, ja die Christen selbst halten sie für nicht genügend fest und schwer genug begreifen sie diese Gerechtigkeit in den Anfechtungen. Daher ist diese Gerechtigkeit immer neu einzuprägen und durch ständigen Gebrauch ein­zu­üben. Und wer die in den Bedrängnissen und Schrecken des Gewissens nicht festhält oder begreift, kann nicht bestehen. Es gibt nämlich keinen so festen und sicheren Trost der Gewis­sen als diese passive Gerechtigkeit.“

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, herausgegeben und übersetzt von Hermann Kleinknecht, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1980, Seite 21.

Der vollständige Text „Der Grundgedanke des Briefes des Hl. Paulus an die Galater“ findet sich hier als pdf.