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Den Cäsaren keinen Weihrauch opfern – Hans Joachim Iwands Widerspruch gegen Otto Dibelius‘ Disqualifizierung des SED-Regimes als Obrigkeit im Sinne von Römer 13

31. Januar 2018

Da gab es innerhalb der EKD 1959/60 einen „Obrigkeitsstreit“, der vom damaligen Ratsvorsitzenden der EKD und (Gesamt-)Berliner Bischof Otto Dibelius initiiert worden war. [Zur historischen Einordnung siehe Martin Greschat, Römer 13 und die DDR. Der Streit um das Verständnis der »Obrigkeit« (1957-1961), ZThK 105 (2008), 63-93.] In seinem Brief „Obrigkeit? Eine Frage an den 60jährigen Landesbischof“ an den Hannoverschen Landesbischof Lilje zu dessen 60. Geburtstag am 20. August 1959 (später auch als Buch veröffentlicht) hatte Dibelius bestritten, dass das SED-Regime in der DDR als Obrigkeit im Sinne von Kapitel 13 des Römerbriefs zu akzeptieren sei. Nach Dibelius‘ Auffassung ist dem totalen Staat gegenüber die christliche Pflicht zum Obrigkeitsgehorsam suspendiert. Im totalitären Staatswesen könne der Christ »nicht mehr die Dienerin Gottes sehen, sondern ein solcher Staat ist für ihn ein säkulares Machtgebilde«. Dass Dibelius den nationalsozialistischen wie den kommunistischen Staat als totale Staaten verstand, hatte seinerzeit den Widerspruch Hans Joachim Iwand in der ZEIT hervorgerufen:

Den Cäsaren keinen Weihrauch opfern

Von Hans Joachim Iwand

Der Brief des Berliner Bischofs D. Dibelius geht souverän an der ernsten und differenzierten theologischen Debatte vorüber, die wir nun schon seit mehr als 20 Jahren um das rechte Ver­ständnis von Röm. XIII führen. Seine Ausführungen wirken als Aufruf zur grundsätzli­chen, weil gewissenmäßig erlaubten, Nichtanerkennung aller Anordnungen, die innerhalb eines „totalen“, aus einer sozialistischen Revolution hervorgegangenen Staatswesens erlassen werden – einschließlich Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Das Wort „Staat“ müßte dabei in Anführungszeichen stehen, denn das neue Gesellschafts­system rechnet auf lange Sicht mit dem Absterben des Staates. Hier hätte D. Dibelius einset­zen müssen, war doch unser Kampf gegen den NS-Staat bereits ein Widerstand gegen die Vergewaltigung des zu ungeheurem Unrecht mißbrauchten Staatswesens.

Wenn D. Dibelius diesen Punkt umgeht, dann wahrscheinlich deshalb, weil es bei ihm wie bei anderen hohen Kirchenführern fast zur Manie geworden ist, den Staat gleichfalls sterben zu lassen oder wenigstens möglichst kurz zu halten (à la W. v. Humboldt). Ich meine aber, das widerspricht den besten protestantischen Traditionen.

An einem entscheidenden Punkte hat D. Dibelius recht. Wir müssen alles daran setzen, um die Anarchie von Gut und Böse in politicis zu überwinden, unter der Recht und Staatlichkeit zugrunde gehen und Macht und Gewalt als leere Ordnungsprinzipien übrigbleiben.

Unrecht hat der Bischof von Berlin aber darin, daß er einem seinen Begriffen von Sittlichkeit nicht entsprechenden Staatswesen die Möglichkeit aberkennt, ein Rechtsstaat zu sein oder zu werden. Er sieht nicht, daß es für alle aus revolutionären Umwälzungen hervorgegangene Staatswesen einen Akt größter innerer und äußerer Anstrengungen bedeutet, das „neue“ Recht – das doch in gewisser Hinsicht das alte in der Substanz aufnimmt – zu setzen und ihm zu innerer Anerkennung zu verhelfen. Diesen Prozeß dürfen die Christen nicht durch Sabotage erschweren, sondern (das ist der Inhalt der Einzelbestimmungen von Röm. XIII) sie sind auf­gerufen, ihn zu fördern, freilich immer in den Grenzen, die uns durch Gottes Gebot gezo­gen sind. Es geht dabei im Grunde um das Verhalten der Christen in der Revolution, das seit 1789 sozusagen zum täglichen Brot unserer theologischen und christlichen Existenz, in Europa gehört, oder mindestens gehören sollte.

Nach der Ansicht von D. Dibelius, bei der die These Fr. J. Stahls von der Revolution als der „Ursünde“ hindurchleuchtet, scheint die Sonne Gottes offensichtlich nur über dem christli­chen Westen, während der Osten in Nacht und Finsternis liegt. So ähnlich hat vor 100 Jahren der tapfere August Vilmar auf Bismarcks „Revolution von oben“ reagiert.

Die Schrift von D. Dibelius ist ein Ende. Sie wird keine Nachfolger unter den Theologen finden. Aber das von ihm aufgeworfene Problem bleibt – man wird ihm dankbar sein, daß er es in den Brennpunkt der Diskussion gerückt hat. Er hätte manches anders gesehen und formuliert, wenn er den Abschiedsbrief, den Graf Helmut Moltke vor seinem Todesgang in Plötzensee schrieb, seinen Überlegungen zugrunde gelegt hätte. Wozu haben wir eigentlich solche Zeugnisse?

Aber noch ein Letztes zu den Konsequenzen, und hier bitte ich beide, die Deutschen diesseits und jenseits der Elbe, um die Erlaubnis zu einem freimütigen Wort. Unter der Hand habe ich manche Zustimmung zu den Thesen des Bischofs gefunden, freilich mit der Einschränkung: Aber so etwas darf man doch nicht öffentlich sagen! Oder, wenn ich an bestimmte Zeitungs­artikel denke: Die Kirche drüben – kann ja nicht anders, sie muß doch der Gewalt weichen. Mit anderen Worten: Sie muß den Cäsaren Weihrauch opfern.

Dazu möchte ich sagen: Genau dies darf sie nicht. Sie hat es oft getan, zum Nachteil der Staa­ten und der Christenheit zugleich. Aber ich glaube, unsere Pfarrer im Osten denken nicht daran, so zu verfahren. Loyalität heißt nicht geistige Subordination. Und der Staat im Osten denkt, wenn er sich recht versteht, auch nicht daran, das zu verlangen. Das ist der Vorteil eines atheistischen Staates.

Da ich an das Absterben des Staates nicht glaube, diese These auch – das bedeutet Röm. XIII – für nicht biblisch halte, muß ich noch etwas sagen: Niemand hat ein Recht, Bischof Dibelius in seiner Stellungnahme zu tadeln, der die Nichtanerkennung des ostdeutschen Staatswesens gerechtfertigt findet. Diese Schrift ist nur der Ausdruck der Verzweiflung über den anarchi­schen Zustand in den das deutsche Volk politisch geraten ist und der notwendigerweise zu einem gefährlichen ethischen Dilemma führt, das Dibelius offen beim Namen genannt hat, allerdings mit falschen Konsequenzen.

Hans J. Iwand, Bonn
Professor für systematische Theologie

DIE ZEIT, Nr. 45 v. 6. November 1959, Seite 3.

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