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„Die Bibel legt darum so merkwürdiges Gewicht auf die Geschichtlichkeit der von ihr berichte­ten Offenbarung, weil sie unter Offenbarung gerade keine Schöpfung des Menschen versteht“ – Karl Barth über die biblische Geschichte und das historische Urteil

22. Juli 2017

Was Karl Barth  in seiner Prolegomena zur Kirchlichen Dogmatik (KD I/1) in Sache biblische Geschichte und historisches Urteil geschrieben hat, ist für die biblisch-theologische Wahrheitsfrage immer noch relevant:

Die Bibel will, indem sie von Offenbarung berichtet, Geschichte erzählen, d. h. aber sie will nicht berichten über ein allgemein, immer und überall bestehendes oder in Gang befindliches Verhältnis zwischen Gott und Mensch, sondern von einem dort und nur dort, damals und nur damals, zwischen Gott und gewissen ganz bestimmten Menschen sich abspielenden Gesche­hen. Die göttliche Selbstenthüllung, von der sie berichtet, samt der Heiligkeit, die sie Gott bei diesem seinem Tun zuschreibt, sie wird nicht einfach dem Menschen, sondern sie wird diesen und diesen Menschen in ganz bestimmter Situation zuteil. Sie ist je ein ganz besonderes und als solches nicht vergleichbares und nicht wiederholbares Ereignis. Die Bibel als Zeugnis von Gottes Offenbarung hören, heißt unter allen Umständen: durch die Bibel von solcher Ge­schichte hören.

Das Hören solcher Geschichte, wie der, die in der in der Bibel bezeugten Offenbarung Ereig­nis ist, kann selbstverständlich nicht bedeuten: ein solches Geschehen auf Grund eines allgemeinen Begriffs von geschichtlicher Wahrheit für möglich, wahrscheinlich oder auch wirklich halten. Auch Geschichten, die sich zwischen Gott und Menschen ereignet haben, fallen freilich nach ihrer menschlichen Seite, also gerade hinsichtlich der in der Bibel geflis­sentlich betonten Angaben über ihre zeitliche Gestalt, unter diesen allgemeinen Begriff von Geschichte. Sie fallen aber nicht darunter nach ihrer göttlichen Seite. Das „historische Urteil“, das diesen allgemeinen Begriff voraussetzt, kann sich also grundsätzlich nur auf diese zeit­liche Gestalt beziehen. Es kann weder behaupten noch verneinen, daß da und da Gott an den Menschen gehandelt habe. Es müßte ja, um dies zu behaupten oder zu verneinen, seine Vor­aussetzung, jenen allgemeinen Begriff, aufgeben und zum Bekenntnis des Glaubens oder Unglaubens dem biblischen Zeugnis gegenüber werden. Über die besondere Geschichtlichkeit der im biblischen Zeugnis berichteten Geschichte kann es kein wirklich „historisches“ Urteil geben. Das Hören solcher Geschichte wie der, die in der in der Bibel bezeugten Offenbarung Ereignis ist, kann aber auch – und das ist weniger selbstverständlich – nicht abhängig sein von dem „historischen“ Urteil über ihre zeitliche Gestalt. Das Urteil, laut welches eine biblische Geschichte mit Wahrscheinlichkeit als „Geschichte“ im Sinne jenes allgemeinen Begriffs von geschichtlicher Wahrheit zu betrachten wäre, ist nicht notwendig das Urteil des Glaubens gegenüber dem biblischen Zeugnis. Denn dieses Urteil kann gefällt werden, ohne daß jene biblische Geschichte in ihrer Besonderheit, d. h. als Geschichte zwischen Gott und Menschen, verstanden wäre. Wiederum: das Urteil, laut welches eine biblische Geschichte nicht mit Wahrscheinlichkeit als „Geschichte“ im Sinne jenes allgemeinen Begriffs, sondern vielleicht mit Wahrscheinlichkeit im Sinne jenes allgemeinen Begriffs nicht als „Geschichte“ zu be­trachten wäre – dieses Urteil ist nicht notwendig das Urteil des Unglaubens gegenüber dem biblischen Zeugnis; denn ein solches Urteil kann gefällt und jene Geschichte kann dennoch in ihrer Besonderheit, d. h. als Geschichte zwischen Gott und Menschen verstanden werden. Die Frage, die über das Hören oder Nichthören biblischer Geschichte entscheidet, kann nicht sein: die Frage nach ihrer allgemeinen, sie kann nur sein: die Frage nach ihrer besonderen Geschichtlichkeit. […]

Die Bibel legt darum so merkwürdiges Gewicht auf die Geschichtlichkeit der von ihr berichte­ten Offenbarung, weil sie unter Offenbarung gerade keine Schöpfung des Menschen versteht. Sie sagt so nachdrücklich, daß die Offenbarung diesen und diesen Menschen in dieser und dieser Situation zuteil wurde, weil sie sie eben damit beschreibt als ein Menschen Zuteilwer­dendes. Das ist’s, was bei der Anwendung – noch nicht des Begriffs Sage, wohl aber des Begriffs Mythus auf die Bibel übersehen bzw. geleugnet wird. Die in der Bibel bezeugten Offenbarungen wollen nicht sein die naturgemäß besonderen Erscheinungen eines Allgemei­nen, einer Idee, die der Mensch dann gemächlich mit dieser Idee zu vergleichen und in ihrer Besonderheit zu verstehen und zu würdigen in der Lage wäre. […]

Die in der Bibel bezeugte Offenbarung will geschichtliches Ereignis sein, wobei natürlich, wenn wir hier den Begriff der Geschichte zur Erklärung herbeiziehen, nur das das tertium comparationis sein kann, daß es sich in der Offenbarung wie in der Geschichte um ein be­stimmtes, von allen anderen unterschiedenes, also unvergleichliches und unwiederholbares Ereignis handelt. Wollte man das geschichtliche Ereignis mit der Aufklärung etwa selber doch wieder als bloßen Exponenten eines allgemeinen Geschehens, als unter eine Regel fallenden Sonderfall oder als Verwirklichung einer allgemeinen Möglichkeit auffassen, sollte „Ge­schichte“ irgendwie als Rahmen verstanden werden, innerhalb dessen es nun auch so etwas wie Offenbarung gebe, dann müßten wir an dieser Stelle den Begriff der Geschichtlichkeit mit demselben Nachdruck ablehnen wie den des Mythus. „Geschichtlich“ auf „Offenbarung“ bezogen muß vielmehr heißen: Ereignis als Faktum, oberhalb dessen es keine Instanz gibt, von der her es als Faktum und als dieses Faktum einzusehen wäre. So wird Offenbarung nach der Bibel Menschen zuteil, und darum legt die Bibel Nachdruck auf Chronologie, Topogra­phie und gleichzeitige Weltgeschichte, d. h. aber auf die Kontingenz und Einmaligkeit der von ihr berichteten Offenbarungen.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. I/1, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag 41944, 344-348.

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Guitars (not Harps) Made for Heaven

28. November 2016
Guitars Made for Heaven: Teuffel Antonio

Guitar Made for Heaven: Teuffel Antonio

Auch in der neuen Luther-Bibel 2017 findet sich immer noch die Fehlübersetzung bezüglich der himmlischen Saiteninstrumente, wenn es im fünften Kapitel der Offenbarung heißt: „Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.“ (Offb 5,8-10; vgl. 14,2; 15,2) Ja, „Harfe“ heißt Luther-Treue: „Da fielen die vier Thier / vnd die vier vnd zwenzig Eltesten fur das Lamb / vnd hatten ein jglicher Harffen vnd gülden schalen vol Reuchwergs“ (Offb 5,8 Luther-Bibel 1545). Mit Luther sind sich alle einig, auch die Einheitsübersetzung, die Zürcher, selbst die Elberfelder und auch die englischsprachigen wie King James und die NRSV. „Himmel hilf!“ möchte man da rufen: 28 Harfen, die andächtig gezupft werden, wie soll das zusammenklingen, sicherlich nicht besser als das erste deutsche Harfenorchester 1993 mit „Yesterday“.

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Apollon mit Kithara, Fresko, etwa 50 n. Chr., heute im Antiquarium auf dem Palatin in Rom

Man müsste es besser wissen, schließlich heißt das griechische Wort, das fälschlicherweise mit „Harfe“ übersetzt „kithara„, in der lateinischen Vulgata mit „cithara“ wiedergegeben. Im dritten Band des Kleinen Pauly wird dann klargestellt, was sich hinter der Kithara verbirgt:

„Neben der durch Form und Verwendung abgesonderten Lyra wichtigstes griechisches, sowie dann auch etruskisches und römisches Saiteninstrument. Grundbestandteil der Kithara war, wie zahlreiche, etwa von der archaischen Zeit an vorliegende bildliche Darstellungen lehren, ein großer, kastenförmiger Schallkörper aus Holz, der einen ebenen Boden aufwies, vorne flach, hinten ausgebaucht war und sich auch noch in die beiden zunächst einwärts gebogenen, dann parallel nach oben verlaufenden Jocharme fortsetzte. An deren Verbindung, dem außen mit Schraubgriffen versehenen Joch, waren die 7, unten am Schallkörper fest in einen Saitenhalter eingespannten Saiten des Instrumentes durch Wirbel aus Rinderschwarte festgedreht und grob gestimmt; zur Feinstimmung dienten besondere Stimmschlüssel.“ (Sp. 1581)

Kirk-Hammett (Metallica) mit Teuffel Tesla

Kirk Hammett (Metallica) mit Teuffel Tesla

Im Unterschied zur Harfe bzw. zur Lyra, wo die freigestellten Saiten senkrecht in den Resonanzkörper gespannt sind, verlaufen die sieben Saiten der Kithara parallel zur Decke des Schallkörpers. Sie gehört damit zu den Lauteninstrumenten, wie eben die Laute, die Geige oder aber die Gitarre. Und damit sind wir dann beim richtigen Instrument. „Gitarre“ bzw. „Guitar“ verweist etymologisch auf die Kithara. Wenn man dann noch weiß, dass der Kitharistes (κιθαριστής), also der Kithara-Spieler, meistens stehend das Instrument senkrecht vor sich, mit der rechten Hand die Saiten mit einem Plektron aus Metall oder Elfenbein zupfte und mit der linken Hand die Saite dämpfte bzw. verkürzte, sind wir tatsächlich beim Gitarrenspielen.  Bei manchen (späteren) Formen wurde sogar das Instrument mit einem über die Schulter laufenden Tragegurt gehalten.

Sorry, Harfenspielerinnen. Solo mag ich euch gerne zuhören, aber mit dem gemeinschaftlichen Himmelsspiel wird es nichts. Vor dem, der auf dem Thron sitzt, hat Metallica die bessere Karten.

Hier mein Text „Im Himmel gibt es keine Harfen“ als pdf.

Zu guter Letzt bis in alle Ewigkeit – achte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“

21. November 2016
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Das Lamm mit den 144.000 (Offb 14 – Luther-Bibel 1545)

Das wird auf Ewigkeit geschehen mit unseren Verstorbenen und mit uns Lebenden – zu guter Letzt oder schlimmstenfalls? Heute ist ja die letzte Predigt aus unserer achtteiligen Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“ angesagt. In dieser Reihe geht es ja darum, den roten Faden durch Gottes Geschichte mit den Menschen von Anfang bis Ende zu finden. All das, was in der Bibel gesagt ist und erzählt wird, steht in einem Zusammenhang von einem göttlichen Anfang und einem göttlichen Ende, der mit Alpha und Omega signiert ist. So sagt es Christus dem Seher Johannes ganz am Ende der Bibel im Buch der Offenbarung im 22. Kapitel zu: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Vers 13). Eine Zusage, die es in sich hat, die sich sogar hier in unserer Martin-Luther-Kirche in dem runden Glasfenster ganz oben in der Chorwand findet. Die griechischen Christus-Initialen „Chi“ und „Rho“ sind durch Alpha und Omega gerahmt – sein Wahrzeichen steht für und über uns wider hoffnungsloses Unwissen. Bei Gott bleibt weder mein Lebensende noch das Ende der Welt offen. Wie alles ausgeht ist für uns in Jesus Christus vorbestimmt.

Schon unser Lebensanfang in Fleisch und Blut ist kein Zufall, keine Laune der Natur, sondern von Gott selbst ausersehen. Ebenso führt unser Lebensende bei Gott in kein Nichts. Der Gott lässt unser Todesschicksal nicht offen, sondern bestimmt schlussendlich, was mit uns im Tod zu geschehen hat. Für das A und O unseres Menschseins finden wir in der Bibel den roten Faden, der sich durch den Gottesbund mit Israel sowie durch den neuen Bund in Jesus Christus zieht. Für den „bündigen“ Glaubensweg, der auch uns in die Gegenwart Gottes führt, begegnet uns in den Geschichten der Bibel eine ganze Wolke von Zeugen (Hebräer 12,1).

Ja, wir können uns manche Dinge nach den Tod vorstellen, gar ein seelisches Weiterleben an einem anderen Ort, aber unsere menschlichen Vorstellungen von einem Weiterleben „danach“ kennt kein letztes Lebensziel. „Fortsetzung folgt“ heißt es stattdessen. Ein x-beliebiges Leben irgendwann angefangen verliert sich irgendwo in der Ewigkeit. Dass wir überhaupt leben, verdankt sich dem Wunder unserer eigenen Geburt. Unser Leben ist nicht von Anfang an selbstverständlich. Das Recht zu leben hat niemand vor seiner eigenen Zeugung und Geburt gehabt. Wenn wir uns wundern, warum ausgerechnet wir geboren wurden, dürfen wir uns auch über die göttliche Schöpfung von Himmel und Erde mit der Erschaffung des Menschen Adam („Erdling“) wundern.

Zwischen dem göttlichen Wunder unserer Erschaffung und dem göttlichen Ziel unseres Lebens erstreckt sich unser irdisches Leben, das mitunter angefochten wird. Ereignisse, Einsichten, Erfahrungen, die über unseren Glauben hinausgehen, wollen uns unserer göttlichen Bestimmung irre machen – das kann ich nicht länger glauben, dem kann ich nicht länger glauben. Dass wir hier keinen Schlussstrich unter unseren christlichen Glauben ziehen, dazu hilft uns das letzte biblische Buch, die Offenbarung.

Johannes, ein frühchristlicher Prophet, ist wohl von römischen Behörden auf die Kykladen-Insel Patmos verbannt worden. Der Kaiserkult im Osten des römischen Reiches scheint die christlichen Gemeinden in Kleinasien zu bedrängen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen, um die Verehrung des Kaisers als „Herr und Gott“ als das Imperium einende Ideologie allgemein durchzusetzen. Wo sich Christen der Teilnahme an diesem Kult verweigern, stehen Zwangsmaßnahmen und Verfolgung an. Was für Lebensaussichten für Christen, die als steuerpflichtige Bürger unter staatlicher Herrschaft in Frieden leben wollen. So sind sie doch von den Aposteln ermahnt worden: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.“ (1Petrus 2,13f)

Wie soll das für Christen gehen – einer staatlichen Obrigkeit gehorchen, die zugleich einem den Glauben an Jesus Christus als den einen Herren nehmen will? Die waffengestählte Macht des römischen Reiches scheint stärker und damit wirksamer als Gottes Wort zu sein. Wer an seinem Glauben festhalten will, sieht sein Leben bedroht. Wider tödliche Lebensaussichten wird Johannes vom Gottesgeist ergriffen und dem Irdischen entrückt. Eine Tür im Himmel tut sich ihm auf zur Gottesschau: „Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer. Und der da saß, war anzusehen wie der Stein Jaspis und der Sarder; und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Thron waren vierundzwanzig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen.“ (Offenbarung 4,2-4)

Ja, im Himmel, von Gottes Gegenwart aus betrachtet, sieht die Zukunft ganz anders aus, als Menschen sie befürchten müssen: Was auch immer auf Erden geschieht, entgeht nicht Gottes überirdischer Macht. Beweis dafür ist Jesus Christus, der Gottessohn. Als Gottes Lamm selbst aufgeopfert und doch lebendig hält er vor dem Gottesthron die Schlüssel der menschlichen Schicksals. Seine Zusage gilt über alle Zeiten hinweg: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,17f) Alle Lebensmacht ist und bleibt bei dem dreieinigen Gott. So können wir in das himmlische Gotteslob einstimmen: „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4,11).

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Matthias Gerung – Engel halten die vier Winde / Die Versiegelung der 144000, Offb 7,1-8 (aus der Ottheinrich-Bibel, 1530-32)

Im Himmel wird es für Johannes sichtbar: Die Menschen, die trotz eigener Zweifel, trotz eigener Schuld, trotz eigenem Leiden, trotz Bedrückung und Verfolgung bei ihrem Glauben an Jesus Christus geblieben sind, diese Menschen finden sich bei Gott wieder. So heißt es im siebten Kapitel der Offenbarung:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (7,9-17)

Himmlische Aussichten für irdisches Leben nach dem Tod: Aus großer Trübsal kommend finden Menschen die große Heilung bei ihrem Gott, sind zu ihm heimgegangen: „Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! […] Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Ja im Himmel nach dem Tod mögen die Dinge bei Gott für uns ganz anders aussehen, als jetzt auf der Erde. Aber das wäre das große Missverständnis, wenn der Himmel sich nur als Hintertüre der irdischen Schöpfung auftäte, gleichsam als Notausgang für das menschliche Leben auf der Erde. Schließlich sieht Johannes im Himmel, wie das Gotteslamm, also Jesus Christus selbst, die Versiegelung der irdischen Zukunft löst: Durch sieben Siegel hindurch, mittels sieben Posaunen und aus sieben Schalen bricht göttliche Macht in die Welt ein, ringt die gottwidrigen Kräfte und die gottlose Herrschaft auf der Erde nieder. Erschütternd für Menschen, die Gott nicht wahrhaben wollen, erniedrigend für Herrscher und Despoten, erlösend für Geknechtete und Gequälte.

Und dann ganz zum Schluss, nachdem Weltreiche, Weltherrschaften, Ideologien, Teufel und Tod vernichtet worden sind und das Weltgericht mit der ewigen Verdammnis vollzogen worden ist, wird die himmlische Vision neu geerdet:

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Das neue Jerusalem (Luther-Bibel 1545)

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“ (Offenbarung 21,1-8)

So finden Himmel und Erde zueinander. Menschen, die mit ihrem Christusglauben Gott treu gewesen sind, werden von ihrem Schöpfer tröstlich berührt. Was verloren gegangen ist, richtet der Gott im Pascha-Mysterium seines Sohnes Jesus Christus wieder auf. Leiden und Schmerzen des Gottesvolkes wirken nicht länger nach. So findet das Drama des Menschen mit seinem Gott, das im Garten Eden seinen Anfang nahm, sein Ende. In der himmlischen Gnadengegenwart Gottes ist das Gottfremde eines eigenmächtigen Selbstanspruches „Sein wie Gott“ (1Mose 3,5) überwunden. Kein Tod reißt mehr die Lebensverbindungen auseinander. Gottes Erwählung führt zum Ziel, die Seinen gehen in Christus nicht verloren. Das Lied des Lammes erklingt aus unserem Mund:

Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.
Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen
und anbeten vor dir,
denn deine Urteile sind offenbar geworden.

(Offenbarung 15,3-4)

Hier die Predigt als pdf.

Lesslie Newbigin – Warum wir Christen am Ende die göttliche Apokalypse erwarten

19. November 2016
Lesslie Newbigin (1909-1998)

Lesslie Newbigin (1909-1998)

Am Ende seines kleinen Büchleins „A Walk through the Bible“, das postum 1999 erschienen ist, schreibt Lesslie Newbigin, wie im Buch der Offenbarung die göttliche Zukunftsansage sowohl die menschliche Geschichte wie auch das individuelle, vergängliche Leben durch Jesus Christus in die Gottesgegenwart einholt. „That is the vision with which the Bible ends, and it is a vision that enables us to see the whole human story and each of our lives within that story as meaningful, and which therefore invites us through Jesus Christ to become responsible actors in history, not to seek to run away from the responsibilities and the agonies of human life in its public dimension. Each of us must be ready to take our share in all the struggles and the anguish of human history and yet with the confidence that what is committed to Christ will in the end find its place in his final kingdom. Hier der ganze Text:

HISTORY AND OUR STORY

The Bible gives us the whole story of creation and of the human race and therefore enables us to understand our own lives as part of that story. But every human attempt to see the story as a whole runs into an insuperable difficulty. If the meaning of my life is its contribution to some historical project of civilization which in the end will lead to a perfect society in the future, then from my point of view the problem is that I shall not be there to share in it. I shall be dead before it arrives. And that means that I am essentially expendable. I am not part of God’s ultimate purpose. The logic of this has been developed with terrible precision in some of the movements of the twentieth century in which millions of men and women have been sacrificed for the sake of some ideology, some vision of a perfect society in the future.

If I cannot accept this, if I cannot believe that my human life and the lives of those whom I know and love are simply raw material like the shavings left an a workshop floor after the job is done, then the alternative seems to be that I seek for meaning in personal fulfilment. And that inevitably takes me away in the end from total involvement in the human project of civilization. It means that I am led to put my hope in some personal future for myself which must necessarily be beyond this world because I shall not be present when this world comes to its goal. And so there is a kind of spirituality that leads us away from our active involvement in the business of this world. […]

So the alternatives seem to be either finding meaning for history as a whole at the cost of no meaning for my personal life; or else finding meaning for my personal life at the cost of no meaning for the story as a whole. To discover the third option – which I believe to be the answer – we have to recognize that the core of the problem is death. It is death that removes me from the story before it reaches its end. And death, as the Bible tells us, is the wages of sin. We die because nothing that we have done or been is good enough for God’s perfect kingdom. I know that before my obituary is written. We are not fit for God’s eternal kingdom. What the gospel does is to show us that Jesus’ life from a purely earthly point of view ended in failure – and yet, because he committed himself in total obedience and love to his father, he was raised by the father to glory as the first fruits of a new creation.

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Himmlisches Jerusalem (aus der Apokalypse von St. Sever, 11. Jahrhundert)

So in so far as I commit all that I do, imperfect as it is, to God in Jesus Christ, knowing that much of it is utterly unfit to survive and yet trusting that what has been committed in faith will find its place in God’s final kingdom, that gives me something to look forward to in which both my hopes for the world and my hopes for myself are brought together. The book of Revelation offers us the vision of a city which is on the one hand the perfection of all human striving towards beauty, civilization and good order, and on the other hand is the place where every tear is dried and where every one of us knows God face to face, and knows that we are his and he is ours. That is the vision with which the Bible ends, and it is a vision that enables us to see the whole human story and each of our lives within that story as meaningful, and which therefore invites us through Jesus Christ to become responsible actors in history, not to seek to run away from the responsibilities and the agonies of human life in its public dimension. Each of us must be ready to take our share in all the struggles and the anguish of human history and yet with the confidence that what is committed to Christ will in the end find its place in his final kingdom.

That means that as I look forward I don’t see just an empty void, I don’t just see my own death, I don’t just see some future utopia in which I shall have no share. The horizon to which I look forward is that day when Jesus shall come, and his holy city will come down as a bride from heaven adorned for her husband.

Kornelis Heiko Miskotte – Das Geheimnis der Geschichte

26. Januar 2012

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Im Deutschen Pfarrerblatt 1/2012 findet sich von Reiner Strunk eine Rezension zu Miskottes Buch „Das Geheimnis der Geschichte“, die zum Lesen einlädt: Kornelis Heiko Miskotte Das Geheimnis der Geschichte Der »totale Staat« im Lichte der Offenbarung des Johannes Verlag Hartmut Spenner 2011 (ISBN 978-3-89991-120-6)

Vergangenes muss nicht überholt sein. Auch nicht vergangene Theologie. Sie kann sich im Gegenteil in überraschender Frische und prickelnder Aktualität präsentieren, wenn sie, richtig ausgewählt und vergegenwärtigt, angeboten wird. Dieses Kunststück ist Heinrich Braunschweiger mit seiner Übersetzung einer Vortragsreihe des holländischen Theologen K.H. Miskotte glänzend gelungen. Die Vorträge erfolgten nicht an der Universität, sondern in einer Amsterdamer Kirche; und nicht (nur) fürs akademische Publikum, sondern für jedermann, namentlich für alle, die in den dramatischen politischen Vorgängen des Winters 1943/44 nach Orientierung suchten. Was Miskotte vorträgt, bildet einen großen biblischen und systematischen Zusammenhang anhand einer Auslegung der Johannes-Apokalypse. Und löst auf keiner Seite auch nur Spuren von Langeweile aus. Man findet sich unversehens mitten in den späten Jahren von Krieg und Naziterror wieder, ohne dass dies vordergründig und plakativ angezeigt würde. Und auch mitten in der geistigen Landschaft der Apokalypse und im Milieu bedrängter Christengemeinden in der kaiserlichen Verfolgungszeit. Aber Miskotte schürt nicht die Ängste durch eine Aufzählung und Betonung der Gefahren. Er begreift die Offenbarung von ihrer inhaltlichen Mitte her als ein mächtiges Trostbuch und möchte eben diesen Trost lebendig und wirksam werden lassen bei trostbedürftigen Menschen. Nicht die Schrecken der Apokalypse stehen deshalb im Zentrum, sondern der gekreuzigte und erhöhte Christus, der im Regimente sitzt. Das ist theologisch Karl Barth pur, und zwar Barth in den Herausforderungen des Dritten Reiches. Aber nun doch wieder anders als Barth: wendiger in den Assoziationen, näher auch bei den Hörerinnen und Hörern, seelsorgerlicher in seiner Auslegung, poetischer in der Sprache.

Kornels Miskotte

Kornelis Heiko Miskotte (1894-1976)

Auslegungen der Offenbarung gibt es viele, wissenschaftliche und populäre. Ich kenne keine sonst, die so zupackend und behutsam zugleich, so zeitnah und überzeitlich zugleich ausfiele wie die von Miskotte. Vermutlich ergibt sich das aus einem Prinzip seiner Auslegung. Man könnte es, in Anlehnung an Bonhoeffers bekannte hermeneutische Formel, eine »nicht-apokalyptische Interpretation apokalyptischer Texte« nennen. Denn Miskotte verwahrt sich davor, die Offenbarung als Geheimdokument zur Ankündigung schlimmer Ereignisse in naher Zukunft, mithin apokalyptisch zu lesen. Seine Absicht ist vielmehr, bei den großen Schreckensbildern z.B. vom Drachen oder vom Tier aus dem Abgrund »einer unmittelbaren Anwendung die Grundlage« zu entziehen (203). Er möchte also aus einer theologischen Lektüre der Offenbarung keine zeitgeschichtlich-politische Kaffeesatzleserei werden lassen. Das entspräche weder seinem eigenen theologischen Profil noch dem Charakter des letzten biblischen Buches. Solche Reserve gegenüber apokalyptischen Phantasien hindert Miskotte aber keineswegs daran, eine geistliche, christologisch zentrierte und gleichwohl politisch relevante Auslegung der Apokalypse zu betreiben. Das gelingt ihm durch konsequente Wahrnehmung der im Text erscheinenden Bilder und Szenen im Sinne plastischer Symbolgestalten und poetischer Figurierungen einer christlichen Wirklichkeitsdeutung. So kann etwa zu Offenbarung 13 die Szene vom Tier aus dem Abgrund in der Weise gedeutet werden, dass der Terror des Römerreichs unter Domitian ebenso ins Blickfeld kommt wie der Naziterror und beliebige politische Gewaltsysteme danach. Strukturen des Politischen, nicht bloß eine ihrer Ausformungen stehen hier zur Diskussion. Darum ist das Tier in Offenbarung 13 generell (und dann auch immer wieder geschichtlich speziell) »die völlig entartete Staatsmacht in ihrer unmenschlichsten Erscheinung … Es ist der Staat, der die Lügen, die kolossalen Lügen als die beste Propaganda entdeckt hat, als die wahre Bezauberung des Lumpengesindels, das übrigens schon lange verlernt hat, irgendetwas zu glauben« (206f). Veraltet? Überholt? Wohl kaum – weder diese eine Textpassage noch der gesamte Vortragszyklus zur Offenbarung. Es ist Braunschweiger zu danken, dass er diese Kostbarkeit dem Vergessen entrissen hat. Und es ist vielen zu wünschen und zu raten, dass sie auf Miskotte zurückgreifen, wenn sie Texte der Apokalypse verstehen wollen.

Deutsches Pfarrerblatt 1/2012, S. 49.

Lob der Apokalypse

1. Oktober 2011

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In der Oktoberausgabe der Zeitschrift Zeitzeichen ist ein Text von mir unter dem Titel „Lob der Apokalypse“ erschienen, der auf 9/11 Bezug nimmt. Für Abonnenten ist der Text frei zugänglich (8-stellige Kundennummer eingeben). Die ausführlichere Fassung findet sich hier:

„Die Welt geht unter!“ Der toderschrockene Ausruf eines Auszubildenden am Nachmittag des 11. Septembers 2001 im Großraumbüro eines Autozulieferers in Gerlingen ist längst verhallt. Der zehnte Jahrestag steht dafür, dass der doppelte Flugzeugeinsturz in die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers eben kein Weltuntergang gewesen ist. Da mögen bewegte Bilder in Fernsehen und Internet die eigenen Augen immer wieder aufs Neue überwältigen. Und doch waren die flugzeugspitzen Terroreinschläge in New York und Washington kein apokalyptisches Wetterleuchten. Wer mit dem Schrecken davongekommen ist, hat damit noch keine Offenbarung erfahren. Was die katastrophalen Ereignisse jenes Tages auf Dauer zu offenbaren wussten, hatte der Prediger Salomo schon längst abgeklärt: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ Die ganze Geschichte macht eben keinen Sinn; daran kann man sich mit dem 11. September 2001 ein Beispiel nehmen.

Wenn zum Einsturz gebrachte Monumentalbauten nichts Neues enthüllen können, dann gilt es die weltängstliche Rede vom Apokalyptischen zu hinterfragen. Schließlich weist sich das biblische Buch, das der Apokalyptik ihren Namen gegeben hat, im Vorwort als „Offenbarung Jesu Christ“ aus. In all dem was da unter angelischen Posaunenklängen bildgewaltig ankündigt wird, hält derjenige durch, der sich selbst als „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ bezeichnet. Diese wahrlich katastrophale Christusapokalypse hat wenig mit Herz-Jesu-Frömmigkeit oder einer Nazarener-Idylle gemein; die göttliche Dramaturgie lässt religiöse Innerlichkeit kaum zu Wort kommen. Und dennoch präsentiert das Buch der Offenbarung mehr als nur endzeitliche Schreckensszenarien, denen es im letzten Augenblick zu entkommen gilt. Das Christusheil liegt nicht etwa in einem hollywoodesken Noch-einmal-knapp-Davongekommensein. Wo menschliches Leben mit Alpha und Omega, dem blutschriftigen Kreuzesalphabet signiert worden ist, führt die globale Katastrophe in die finale Gottesgegenwart: „Siehe da, die Hütte des Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, der Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und der Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ In diesem Sinne steht die Apokalypse eben nicht für einen menschenmöglichen Weltuntergang, sondern führt in den gottgewollten „neuen Himmel und die neue Erde“ ein.

Das Buch der Offenbarung arbeitet in visionärer Weise Weltgeschehen auf und setzt christustreues Leben in eine unvergängliche Beziehung zum dreieinen Gott. Wer sich auf eine „realistische Lektüre“ (Hans Frei) der Apokalypse einlässt, den nimmt diese Enthüllungsgeschichte mit und stellt ihn schon jetzt vor den „Thron des Gottes und des Lammes“. Dieser tröstliche Mitnahmeeffekt wird jedoch dort verwirkt, wo die gottgegebene Endzeitschau als phantastisches Kopfkino verklärt wird. Da scheint dann das Buch der Offenbarung durch einen Seher Johannes autorisiert zu sein, dessen begnadete – oder muss man sagen – schreckliche Vorstellungsgabe ein bildgewaltiges Endzeitdrama ersonnen hat. In diesem Sinne steht dann Apokalypse für das literarische oder auch cineastische Genre einer Weltuntergangserzählung. Und ab und an mag dann doch ein Katastrophengeschehen wie an jenem 11. September zur Reminiszenz eines mythologischen Weltenbrandes zu werden. Wo die Apokalypse nur menschliche Fiktion sein darf, kann man von ihr für die Zukunft nichts Wirkliches erwarten.

Aber warum sollte man ausgerechnet das biblische Buch der Offenbarung realistisch lesen? In seiner 9/11-Erzählung „Spielarten religiöser Erfahrung“ lässt John Updike einen alternden Rechtsanwalt namens Dan Kellog im Anblick des einstürzenden Südturmes des World Trade Centers den Verlust seines Vorsehungsglaubens aussprechen: „Es gibt keinen Gott (…) Gott hatte mit keiner Hand eingegriffen, weil es keine gab. Gott hatte keine Hände, keine Augen, kein Herz, nichts.“ Das scheinbar übermenschlich Unvorhersehbare verschließt den Zugang zur göttlichen Weltdirektion – zumindest vorübergehend, bis die eigene Gottesgewohnheit den Rechtsanwalt doch wieder in seiner altrüchigen Kirche in Cincinnati einholt. Religiöser Vorsehungsglaube kann nur das zulassen, was die eigene Weltanschauung auf Dauer aushalten kann.

Ohne apokalyptische Zeitansage muss man irgendwann wieder zur Tagesordnung zurückkehren und verlorengegangenes Leben monumental versorgen. Das National September 11 Memorial auf dem Ground Zero in New York zeigt sich unter dem Titel „Reflecting Absence“ als leerstellige Gedenkstätte, die mit ihren zweistufigen Wasserkaskaden das Totengedächtnis scheinbar im Fluss hält. Da mag dieser Ort ein ästhetisch anspruchsvolles Namensdenkmal für die Opfer der Anschläge von 1993 und 2001 sein; und doch lässt die Gedächtnisarchitektur verlorengegangenes und gegenwärtiges Leben nicht wirklich zueinander finden: Tote und Überlebende haben sich nichts zu sagen – es bleibt bei Selbstgesprächen. Da eigenes Totengedenken für Verstorbene nichts zu bewirken vermag, können Opferdenkmale nur als „Identitätsstiftungen der Überlebenden“ (Reinhart Koselleck) fungieren.

Das kollektive Namensgedächtnis auf dem Ground Zero zerfließt hoffnungslos in die Vergangenheit. Selbst dort, wo Opfernamen auf bronzenen Brüstungen auf den Wasserfluss hin transparent werden, setzt die Zeit das allgemeine Vergessen durch: Wenn Nachgeborene mit Namen längst Verstorbener nichts mehr zu verbinden wissen, triumphiert die anonyme Opferstatistik über das selektive Namensgedächtnis. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ Auf Dauer kann menschliche Gedächtniskultur nur pathetische Gleichgültigkeit zelebrieren und muss damit ungewollt die „Offenbarung kosmischen Leerguts“ (Updike) huldigen.

Der „apokalyptische Blick“ (Johann Baptist Metz) vermag sich nicht mit einem monumentalen Totengedächtnis abzufinden, bei dem gewaltsam hintergangenes Leben versteinert bleiben muss. Er unterscheidet sich von einer politischen Utopie, die nur für Nachgeborene etwas in Aussicht zu stellen vermag. Im Pascha-Mysterium des Lammes wird vielmehr leibliches Leben mit seiner unheilvollen Vergangenheit eingeholt und auf die erlösende Gottespräsenz ausgerichtet: „Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!“ So verweigert sich das Gotteslob der Erlösten einer religiösen Metaphysik, wo leibloses Seelenheil in zeitlosem Gottdenken beschworen wird. Apokalyptisches Leidensgedächtnis kann abgrundtiefe Katastrophen aufnehmen, wo jeder selbstsichere Glaube an göttliche Vorsehung im Fatalismus enden muss. Im „Leiden an dem Gott“ (Metz) verliert sich nicht die Hoffnung. Was dabei als Christusheil gesichtet wird, ist weder billiger noch billigender Trost; am Weltgericht scheint kein Weg vorbeizuführen. Aber gerade dazu muss der Tod die Toten herausrücken.

Am Ende des Buches der Offenbarung richtet sich die Heilsgemeinschaft metropolitan („mutterstädtisch“) auf. Der göttliche Thron findet sich im neuen Jerusalem, das nicht länger im Himmel zurückgehalten ist. Da kann dann das 9/11-Memorial in New York mit seinen Wasserläufen und dem Eichenhain ganz neu in den Blick genommen werden – als invertiertes Abbild der apokalyptischen Heilsvision. Wo der „Thron des Gottes und des Lammes“ die abwesenheitsbezeichnende Leerstelle auf dem Ground Zero einnimmt, kehrt sich das Opfergedächtnis der zukünftigen Hoffnung zu. Es scheint sich das zu bewahrheiten, was Johannes zu guter Letzt geschaut hatte: „Und er zeigte mir den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, und er entspringt dem Thron des Gottes und des Lammes. In der Mitte zwischen der Straße und dem Fluss, nach beiden Seiten hin, sind Bäume des Lebens, die zwölfmal Frucht tragen. Jeden Monat spenden sie ihre Früchte, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und nichts Verfluchtes wird mehr sein.

Predigt zum Gedenkgottesdienst aus Anlass der Terroranschläge vom 11. September 2001 (Jesaja 29,17-24)

3. September 2011

Ich weiß noch, dass ich am Nachmittag dieses Dienstags im Aufgang zu meiner Wohnung in Wasserburg am Inn stand, als Martin, mein Nachbar, aus seiner Wohnungstür kam und aufgeregt von den Fernsehbildern erzählte. Da stand ich dann unversehens in seinem Wohnzimmer und blickte selbst in den Bildschirm. Zwei Tage später feierten wir in der evangelischen Christuskirche abends den ersten Gedenkgottesdienst für die Opfer der Terroranschläge. Dabei stellte sich heraus, dass der Bruder einer Gemeindemitarbeiterin auf dem Heimflug von Deutschland in die USA mit seiner Familie in einem der abgestürzten Flugzeuge ums Leben gekommen war. Kurze Zeit darauf erzählte mir die Grafikdesignerin, die für unsere Firma tätig war, sichtlich erschüttert, wie sie bei einem Besuch in New York die brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Ereignisse des 11. September 2001 kamen dem eigenen Leben nahe, selbst in einer malerischen Kleinstadt in Oberbayern.

„Die Welt geht unter!“ Das war der todeserschrockene Ausruf eines kaufmännischen Auszubildenden am Nachmittag des 11. Septembers 2001 im Großraumbüro der Firma Bosch in Gerlingen. Der Ruf ist längst verhallt. Auf den Tag sind es zehn Jahre her, dass die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers durch zwei Verkehrsflugzeuge zum Einsturz gebracht worden sind. Da mögen bewegte Bilder in Fernsehen und im Internet die eigenen Augen immer wieder aufs Neue überwältigen. Und doch waren die flugzeugspitzen Terroreinschläge in New York und Washington kein Weltuntergang. Die Menschheit hat überlebt, auch wenn es weitere Terroranschläge gegeben hat und gegenwärtig in Afghanistan und Irak nicht wirklich Friede herrscht.

Kein Weltuntergang hat sich eingestellt, aber die Furcht vor einem endlosen Kreislauf des Tötens und der Vergeltung lässt uns nicht so leicht los. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ (Pred 1,9) Schrecken und Gewalt führen in dieser Welt zu nichts und müssen sich scheinbar endlos wiederholen.

Wider alle Resignation stellt der Prophet Jesaja eine göttliche Verheißung in den Raum: Noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. (Jes 29,17-24)

Der Prophet intoniert den Sieg des Gerechtigkeit inmitten des irdischen Jammertales: Noch eine kleine Weile, dann wird es ein Ende haben mit gewalttätigen Unheilstiftern und Attentätern. Noch eine kleine Weil, dann finden Taubheit und Finsternis ihr Ende. Noch eine kleine Weile, dann werden die Elenden Lebensfreude finden; ja, die Ärmsten werden fröhlich sein, Geistesirre werden zu Verstand gebracht, und Murrende werden aufgeklärt. Nur noch eine kleine Weile, dann werden die Werke Seiner Hände wahr werden.

Kaum zu glauben – wie soll das hier auf Erden schlussendlich gutgehen mit dem Leben der Menschen? Zu vieles scheint aus dem Ruder zu laufen, Hypotheken der Vergangenheit lasten auf der Zukunft, die große Umkehr zum Leben zeigt sich nicht. Auswege aus der Krise werden vielfach beschworen, aber nirgendswo angezeigt. Das (letzte) Wort des Predigers steht im Weg: „Das Geschick der Menschen gleicht dem Geschick der Tiere, es trifft sie dasselbe Geschick. Jene müssen sterben wie diese, beide haben denselben Lebensgeist, und nichts hat der Mensch dem Tier voraus, denn nichtig und flüchtig sind sie alle. Alle gehen an ein und denselben Ort, aus dem Staub sind alle entstanden, und alle kehren zurück zum Staub.“ (Pred 3,19f ZB)

Heute wird in New York die Nationale Gedenkstätte für die Opfer des 11. Septembers (National 9/11 Memorial) feierlich eröffnet werden. Wo vormals auf dem Ground Zero die beiden eingestürzten Türme standen, sind nun zwei quadratische Ausschachtungen gesetzt, an deren Rändern Wasser in zweistufigen Kaskaden in die Tiefe stürzt. Der Titel dieses Monuments heißt „Reflektierende Abwesenheit (Reflecting Absence)“. Im Wasserfluss wird das Fehlen der Gebäude und der verstorbenen Menschen reflektiert. Die quadratischen Becken sind umbrüstet und können von den Besuchern abgegangen werden. Auf den Brüstungen finden sich die Namen der Opfer in Bronzeplatten eingraviert, sortiert nach dem Unglücksort – fast 3000 Namen sind da versammelt.

Ja, das scheint angesagt zu sein: Auch zehn Jahre danach den Toten zu gedenken und ihre Namen nicht zu vergessen. Und doch hat solch ein naheliegendes, berührendes Totengedächtnis auf Dauer keine wirkliche Zukunft. Wo nur noch Namen und Erinnerungen bestehen, kann verlorengegangenes und gegenwärtiges Leben nicht wirklich zueinander finden: Tote und Überlebende haben sich nichts zu sagen – es bleibt bei Selbstgesprächen. Spätestens dann, wenn Nachgeborene mit Namen längst Verstorbener nichts mehr zu verbinden wissen, triumphiert die anonyme Opferstatistik über das selektive Namensgedächtnis. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ (Pred 1,9) Schlussendlich macht sich unter uns Menschen das große Vergessen breit, das den Verstorbenen keine Zukunft geben kann. Und selbst wenn in nicht allzu ferner Zukunft alles besser würde mit uns auf Erden, hätten die Verstorbenen davon keinen Gewinn mehr.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“ (Jes 29,17) Im Buch der Offenbarung findet sich ein himmlisches Gotteslob, das die Prophetie des Jesaja aufnimmt: „Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!“ (Offb 7,10) Der „apokalyptische Blick“ (Johann Baptist Metz) des Seher Johannes lässt zu Tode gekommene Menschen noch einmal im Himmel gegenwärtig werden, „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen“ (Offb 7,9) Da, wo das Lamm gegenwärtig ist, wo sein Geheimnis des Sterbens und der Auferstehung wirklich ist, bleibt gewaltsam hintergangenes Leben nicht länger vernichtet. In der Gegenwart des Gottes und seines Lammes ist die unheilvolle Vergangenheit eingeholt und überwunden. Dem Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus entgeht nichts. Er kommt dem Schreckensgeschehen hinterher, mehr noch – Christus hat es in seinem Leiden und Sterben eingeholt. Nicht die Toten des 11. Septembers, sondern Tod und Zerstörung sind in SEINER Gegenwart vernichtet.

Am Ende des Buches der Offenbarung richtet sich die endzeitliche Heilsgemeinschaft metropolitan („mutterstädtisch“) auf. Der göttliche Thron findet sich im neuen Jerusalem, das nicht länger im Himmel zurückgehalten ist. Da kann dann das 9/11-Memorial in New York mit seinen Wasserläufen und dem Eichenhain ganz neu in den Blick genommen werden – als Abbild einer grandiosen Heilsvision. Wo der „Thron des Gottes und des Lammes“ die Leerstelle auf dem Ground Zero einnimmt, kehrt sich das Opfergedächtnis der zukünftigen Hoffnung zu. Es scheint sich das zu bewahrheiten, was Johannes zu guter Letzt geschaut hatte: „Und er zeigte mir den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, und er entspringt dem Thron des Gottes und des Lammes. In der Mitte zwischen der Straße und dem Fluss, nach beiden Seiten hin, sind Bäume des Lebens, die zwölfmal Frucht tragen. Jeden Monat spenden sie ihre Früchte, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und nichts Verfluchtes wird mehr sein.“ (Offb 22,3-4).Amen.

Hier die Predigt als pdf.