Posts Tagged ‘Ostern’

In Christus wird der Tod durchschaut – Vom Glauben als Linse

28. April 2017

Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergäng­liches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2Timotheus 1,10)

„Ich werde sterben.“ Da fällt dieser todesschwere Satz. Am Ende des eigenen Lebens hat der Verstorbene ihn sich selbst abgerungen. Wo eigene Lebens­energie mit Krankheitsgeduld zusammenwirken, vermag man dem Tod nicht einfach Glauben schenken. „Ja glaubst du, ich sterbe …“ Im Leben nimmt man so vieles zur Kennt­nis, aber wer kann und will sich in den eigenen Tod hineinbegeben. Wir möchten dem Tod keinen Glauben schenken, obwohl seine Wahrheit schlussendlich auf uns selbst zutrifft.

Zu Lebzeiten den Tod durchschauen – das ist für uns Karfreitags- und Osterbotschaft zugleich. Wer den Tod durchschaut, muss nicht um sein eigenes Leben fürch­ten. Einmal durchschaut vermag der Tod auf unsere eigene Seele keinen Angstschatten zu werfen. Doch dazu bedarf es einer besonderen Linse – nämlich der wörtliche Glaube, der tief blicken lässt.

Am Karfreitag fokussiert diese Linse unseren Blick auf das Kreuz von Golgatha. Dort sind wir in Jesu Tod hineingenommen, werden dabei selbst als Sünder entlarvt. Um unseretwillen ist sein Leben am Kreuz entstellt. Der Gottessohn hat sich für uns hingegeben – tödliche Wahrheit, die uns leben lässt.

Dann der Ostermorgen, der Blick in das leere Grab. Der Leichnam Jesu scheint verschwunden, aber das ist nicht die Wahrheit. Der Tote, dieser eine Tote ist vom Tod auferstanden – wider den Tod. Das Dunkel des Grabes hat sich gelichtet. In Christus wird der Tod auf das ewige Leben beim dreieinigen Gott durchschaut.

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Seven Stanzas at Easter – John Updike über die leibliche Auferstehung Christi

17. April 2017

Was John Updike (1932-2009) als junger Harvardabsolvent 1960 beim „Religious Arts Festival“ seiner Lutheran Church in Marblehead, Mass. als Beitrag eingereicht hatte, gewann damals 100 $ für „Best of Show“ und ist immer noch eine antireligionistische Provokation:

Seven Stanzas at Easter

Make no mistake: if He rose at all
it was as His body;
if the cells’ dissolution did not reverse, the molecules reknit, the amino acids rekindle,
the Church will fall.

It was not as the flowers,
each soft spring recurrent;
it was not as His Spirit in the mouths and fuddled eyes of the eleven apostles;
it was as His flesh: ours.

The same hinged thumbs and toes,
the same valved heart
that—pierced—died, withered, paused, and then regathered out of enduring Might
new strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
analogy, sidestepping, transcendence,
making of the event a parable, a sign painted in the faded credulity of earlier ages:
let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mâché,
not a stone in a story,
but the vast rock of materiality that in the slow grinding of time will eclipse for each day of us
the wide light of day.

And if we will have an angel at the tomb,
make it a real angel,
weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair, opaque in the dawn of light, robed in real linen
spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
for our own convenience, our own sense of beauty,
lest, awakened in one unthinkable hour, we are embarrassed by the miracle,
and crushed by remonstrance.

(John Updike, Telephone Poles and Other Poems, 1963)

Hier eine Übersetzung:

Sieben Strophen an Ostern

Täuscht euch nicht: Wenn Er überhaupt aufer­stand,
dann als Sein Leib;
wenn nicht der Zelltod sich umkehrte, Moleküle sich neu verbanden, Aminosäuren neu erglühten,
wird die Kirche fallen.

Es war nicht wie die Blumen,
die wiederkehren in jedem milden Frühling,
es war nicht als Sein Geist in den Mündern und benebelten Augen der elf Apostel;
Es war als Sein Fleisch: unseres.

Die selben gelenkigen Finger und Zehen,
das selbe Herz mit seinen Klappen,
das – durchstoßen – starb, welkte, still stand, und dann sich wieder sammelte aus durchhaltender Macht,
um neue Kraft zu umfassen.

Lasst uns nicht Gott spotten mit Metapher,
Analogie, Ausweichen, Transzendenz,
das Ereignis zur Parabel machen, ein Zeichen gemalt in die verblasste Leichtgläubigkeit früherer Zeiten:
Gehen wir durch die Tür.

Der Stein ist weggerollt, nicht Pappmache,
kein Stein in einer Geschichte,
sondern der Riesenfels der Stofflichkeit, der im langsamen Mahlen der Zeit uns allen auslöschen wird
das helle Tageslicht.

Und wenn wir einen Engel am Grabe haben,
macht ihn zu einem richtigen Engel,
gewichtig mit Max Plancks Quanten, lebendig mit Haar, opak im Dämmerlicht, gehüllt in echtes Linnen
gesponnen auf einem bestimmten Webstuhl.

Machen wir es nicht weniger ungeheuerlich,
für unsere eigene Annehmlichkeit, unserem eigenen Sinn für das Schöne,
damit wir, geweckt in einer undenkbaren Stunde, nicht peinlich berührt sind durch das Wunder,
und erdrückt von der Gegenvorstellung.

Zur Entstehungsgeschichte des Ostergedichts siehe den Artikel von Kathrin Kastilahn, The Story behind Seven Stanzas.

Fadenscheiniger Osterglaube in Miao Xiaochuns „Zero Degree Doubt“ und Caravaggios „Der ungläubige Thomas“

9. März 2017

Miao Xiaochun – Zero Degree Doubt (2013) © Miao Xiaochun

Das könnte doch für Ostern eine Predigt mit Bezug auf Johannes 20,24-29 wert sein – das Bild des chinesischen Medienkünstlers Miao Xiaochun mit dem Titel „Zero Degree Doubt“ von 2013. Dieses Bild (Acryl auf Leinen, 150 x 150 cm) wird auf der Kunstausstellung „Luther und die Avantgarde„. Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel vom 19. Mai bis 17. September 2017 in Deutschland zu sehen sein.

Caravaggio – Der ungläubige Thomas

Die Vorlage dazu ist ja ganz offensichtlich Caravaggios Meisterwerk „Der ungläubige Thomas“ (1601/02, Schloss Sanssouci Bildergalerie, Berlin). Da wird hinter 3-D-simulierenden Gitternetzlinien die fingerfertige Berührung in eine Transparenz aufgelöst, die Leiblichkeit und Leben des Auferstandenen nicht länger begreifen können – ein fadenscheiniger Osterglaube also.

Hans Jochim Iwand – „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Osterpredigt über Johannes 14,19)

15. Juni 2016

Osterbotschaft

Was für ein Vermächtnis. Die letzte Predigt Hans Joachim Iwands war seine Osterpredigt am 17. April 1960 in Bonn. Vierzehn Tage später, am 2. Mai 1960 ist er verstorben. Bei Iwand kommt eindringlich zur Sprache, dass für Christen keine menschliche Ideologie eines autogenen Lebens („Das Leben siegt über den Tod“), sondern allein Gottes Handeln in Jesus Christus als Osterbotschaft zählt:

„Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ (Osterpredigt über Johannes 14,19)

Von Hans Joachim Iwand

Johannes 14,19: Es ist noch um ein kleines, so wird mich die Welt nicht mehr sehen; ihr aber sollt mich sehen; denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

In diesen beiden schlichten Sätzen hängt die ganze Oster­botschaft. «Ich lebe», das ist die Wahrheit von Ostern. Es ist die Wahrheit Jesu Christi, die Ostern ihre Bestätigung, ihre Erfüllung erfuhr. Um dieser Wahrheit willen sind wir hier zusammen, sind Menschen aller möglichen Rassen und Denkformen heute in ihren Kirchen und Versammlungen zusammen und werden singen: Christ ist erstanden. Oder sie werden rufen, wie es in den Kirchen der orthodoxen Christenheit in Rußland in der Osternacht geschieht: «Christus woskresje», Christus ist auferstanden, und das Volk wird antworten: «Woistinu woskresje», Er ist wahrhaftig auferstanden. Wir wissen alle, wer dieser Er und wer dieses Ich ist, von dem dabei die Rede ist. Das ist der Mensch Jesus von Nazareth: Man muß es hart und deutlich unterstreichen, daß Jesus ein Mensch war von Fleisch und Blut. Ja, man muß mehr sagen: Er war ein Sohn des Volkes Israel, er war ein jüdischer Mensch. Dort ist er geboren und in Jerusalem ist er verurteilt und gekreuzigt. Und diese seine Geschichte ist dann die Ausgangsstelle geworden für das helle Licht, das über die ganze Welt in Ost und West erstrahlte. Dieses Licht ergreifen wir, wenden uns ihm zu, es leuchtet auch uns heute, wenn wir glauben, was wir hören, und hören, was wir glauben: Sein Wort «Ich lebe».

Gewiß, es sind zwei Sätze, die uns gesagt werden: «Ich lebe» heißt der eine, und «Ihr sollt auch leben» der andere. Wir können den ersten Satz nicht für sich sagen, ihn allein stehen lassen und den zweiten verschlucken. Wir können nicht interessiert hinhören, wenn von Jesus die Rede ist, aber wegschauen, abschalten, wenn es dann um uns geht. Es geht nie um Jesus, ohne daß es zugleich um [305] uns geht. Das ist das Wunderbare und Besondere an der Geschichte dieses Jesus von Nazareth, daß sie immer auch uns einschließt, uns sterbliche, uns sündhafte Menschen. Sie ist immer zugleich unsere Geschichte. Immer sind wir dabei. Bei seinem Sterben sind wir da­bei und bei seinem Auferstehen. Das ist zwar ein Geheimnis der Gnade Gottes und schwer zu verstehen, aber wir haben ja an un­serer Taufe das Zeichen dafür, daß wir, dabei sind. Daß wir mithineingezogen sind in diesem Prozeß von Tod und Auferstehung, Gericht und Gnade, der über Jesus von Nazareth ergangen, ist. Und darum spricht er hier so zu seinen Jüngern: Ihr werdet auch leben! Mein Leben ist der Durchbruch nach vorn, er ist der Durchbruch durch den Sperrkreis des Todes, der euch alle bannt. «Ich geh‘ voran, ich brech die Bahn, bin alles in dem Streite.»

Wenn es so um uns steht, dann werden wir allerdings verstehen, daß zuerst und entscheidend von Jesus — und nicht von uns — die Rede sein muß. Denn wenn von uns die Rede ist, von unserem Le­ben und Sterben, von unserer Schuld und unserer Hoffnung, dann ist damit noch lange nicht von ihm, von Jesus, dem Sohn Gottes, dem ersten und letzten Menschen die Rede. Was wir von uns aus als Leben kennen und nennen, das ist gewiß nicht das Nämliche, was die Bibel Leben nennt, wenn sie von Jesus redet. «In Ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen», — das können wir doch nicht von uns sagen. Freilich, die Zeit ist noch nicht lange dahin, da gab es bei uns Menschen, die das Leben, den Sinn und die Rechtferti­gung ihres Daseins in dem Leben und Wir­ken eines sogenannten Führers suchten, aber das war doch eine ganz schreckliche, eine ganz furchtbare Gottlosigkeit. Etwas davon mag in allen Menschen stecken. Wir sehen uns in unseren Lebensnöten immer nach starken und imponierenden Menschen um. Aber wenn man uns auf Herz und Nieren fragen würde: Meint ihr, daß ein Mensch das Leben in sich hat, das Leben, das kein Tod überwältigt, das ewige Leben, das im Gegenteil den Tod überwältigt, dann müß­ten wir wohl doch bekennen: Nein, jeder von uns lebt sich selber und jeder von uns stirbt sich selber. Das ist ja das Schlimme, daß unser Leben von Natur aus ichbezogen ist, daß wir alle in uns wie in einem Gefängnis sitzen und jeder von uns sein Leben für sich [306] selber lebt. Dabei ist das eben kein wirkliches Leben. Es ist ein Le­ben, das den Tod im Topf hat, wie man sagt.

Das aber sollten wir heute begreifen und verstehen lernen, daß das bei Jesus ganz anders ist. Sein Leben schließt unser Leben ein. Jesus steht nicht neben uns wie ein Freund, ein Bruder, eine Braut, ein Lehrer neben uns steht, sondern Jesus steht für uns. Er steht im Tode wie im Leben für uns. In diesem einen Menschen ist aller Menschen Leben beschlossen. Und während bei uns das Leben in den Tod eingetaucht ist und dahinein verwandelt und verändert wird, ist bei ihm unser Tod in das Leben einbezogen und in die neue Geburt eines neuen Wesens und Wandels verändert. Das meint Jesus, wenn er sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Das meint er, wenn er hier zu seinen Jüngern in seiner Abschiedsstunde sagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben! Man wird das sehr deutlich machen müssen, was Jesus damit tut. In anderen Ostergeschichten begegnet uns dieses Wort erst nach dem Tode Jesu; erst im Garten des Joseph von Arimathia, wo sie den toten Jesus hingelegt hatten, und als ihn die Frauen suchen gingen, hören die Frauen: Er ist auferstanden. Er lebt. Das kann man vielleicht noch gerade be­greifen. Da denken wir uns das mit dem Leben Jesu so ähnlich, wie wir uns das Sterben und Leben bei uns Menschen denken, vielleicht bei solchen, die wir sehr lieben und an deren Tod wir nicht zu glau­ben vermögen. Aber das ist alles kein Osterglaube. Das ist nicht der Osterglaube, den Jesus mit diesem Wort den Seinen abverlangt. Er verlangt hier einen Glauben, der dem Sterben vorangeht. Ich lebe, — das heißt soviel: wenn ich auch jetzt sterbe, wenn eure Augen von meinem Leben nichts, aber auch gar nichts mehr sehen werden, wenn die anderen triumphieren werden, daß sie jetzt, end­lich, mit mir fertig sind, daß die Woge, die ich zum Wallen ge­bracht habe, beruhigt, die Bewegung, die durch mich über euch ge­kommen ist, zu Ende ist, daß dieses Feuer, das ich angezündet habe, erloschen ist, — wenn sie sagen werden: Sehet, da liegt er. Der, der den Tempel abreißen, der aus der Räuberhöhle ein Bethaus ma­chen wollte, der die Armen im Geist tröstete und sein Wehe aus­rief über die Reichen und Satten, da liegt er! Der Bund von Herodes, dem schlauen Fuchs, und Kaiphas, dem rechtmäßigen Hohenprie-[307]ster, der diesen einen opferte, um das Volk zu retten, dieser Bund von Staat und Kirche hat doch gesiegt. Da liegt er. Er ist gerichtet, und der Himmel hat sich nicht aufgetan, und er ist nicht vom Kreuz herab gestiegen — das hätte er doch gekonnt, wenn er Gottes Sohn war — und dann haben sie ihn abgenommen, wie man tote Men­schen abnimmt von ihrem Marterpfahl, und die Bewegung um Je­sus, die so groß anfing, ist jämmerlich zu Ende gegangen.

Dagegen sagt Jesus seinen Jüngern: Wenn das geschehen wird, dann gerade, dann sollt ihr euch an das halten, was ich euch jetzt sage: Ich lebe. Wenn ihr sehen werdet, wie sie triumphieren, alle, die von einem lebendigen Gott nichts wissen wollen und seinen Tempel zum Mausoleum machen, dann haltet euch an mein Wort: Ich lebe! Ich lebe und regiere in Ewigkeit. Ich regiere auch dort, wo es so aussieht, als ob Herodes und Kaiphas regierten. Nein, das Leben war noch nie auf der Seite dieser seltsamen Richter und Kirchenfürsten, dieser Soldaten und Spötter, dieser Massen und dieser Skeptiker. Das Leben war und ist und wird sein ganz auf der Seite derer, die den Sohn im Vater und den Vater im Sohn finden, wo der Vater für den Sohn eintritt und der Sohn dem Va­ter gehorsam ist. Dort ist das Leben. Auch wo Jesus im Tode ist, da ist das Leben bei ihm. Es sinkt unter, wie eine Taucherglocke untersinkt, aber sie geht nicht unter. Der Tod Jesu ist das Letzte, was Menschen gegen Gott zu tun vermochten, aber: Ich lebe! Und seine Auferstehung ist das Zeichen, der Beweis, daß auch der Tod dieses Leben nicht brechen kann. Denn es ist Gottes eigenes Werk, es ist sein eigenes Leben.

Weihnachten und Ostern gehören untrennbar zusammen. Weih­nachten feiern wir das Wunder der Geburt dieses Lebens, feiern wir die Tatsache, daß das Leben Gottes mitten unter uns in diese Todeswelt getreten ist — und das in der Gestalt dieses einen Men­schen. Ostern ist der Zusammenstoß der Welt Gottes, aus der die­ser Mensch kommt und lebt, mit unserer Welt und mit den Kräf­ten, aus denen wir hier leben und denen wir unterworfen sind. Ostern ist die Entscheidung darüber, ob wir wirklich recht haben, wenn wir Weihnachten singen: Das ew’ge Licht geht da hinein und gibt der Welt einen neuen Schein. Ostern erinnert uns daran, daß [308] es einmal so aussah, als ob dieser Schein erloschen wäre. Als ob auch dieser eine, an dem unser Glaube hängt, nur ein großer Mensch wäre, wie die anderen Großen, deren Namen wir feiern. Aber in Wahrheit leben sie doch alle im Totenreich und ihre Namensfeiern sind Gedächtnisfeiern. Sie wirken noch. Darum bekennen wir uns zu ihnen. Sie sind noch eine geistige Kraft, die uns treibt und hoch­reißt. Darum sind wir ihnen verpflichtet, aber nicht anders, als das Menschengeschlecht seinen Ahnen verpflichtet ist. Nicht wahr, mit­ten durch alle diese Meinungen und leeren Hoffnungen, mit denen wir uns hier in dieser Todeswelt trösten und uns von Jahrhundert zu Jahrhundert weiterschleppen, macht Ostern einen Strich: Hier ist die ganze Hoffnung unseres Lebens in Ihm offenbar geworden — aber auch die ganze Hoffnungslosigkeit ohne ihn, Licht und Schatten sind ganz und endgültig auseinandergetreten. Ich lebe — das heißt im Munde Jesu: Ihr seid die Toten von dem Punkte her gesehen, den ich einnehme. Fragen wir hier aber weiter, was denn das für ein. Punkt ist, von dem aus unser aller Leben wie ein Tod erscheint, wie ein Nichts, wie ein Schatten, dann antwortet uns Je­sus mit allem, was er selbst ist: Dieser Punkt heißt Gott. Wer Gott verliert oder verloren hat, wer nicht mehr von ihm her lebt und auf ihn hin, der kann nicht mehr vom Leben sprechen. Was wirk­lich Leben ist, weiß der nicht mehr. Er weiß es so wenig wie ein Mensch, der von einem schönen, herrlichen Bild einen verdorbenen, entstellten Abdruck hat. Und das ist ja wohl auch so bei uns allen, je mehr wir uns an dieses Leben ohne Gott gewöhnen, je mehr wir uns daran klammern, je inhaltsleerer unser Glauben, Lieben, Hof­fen wird, desto mehr schmecken wir den Tod im Leben. Wir schmecken das Nichtige heraus. Das Leben wird uns zu einer Speise, die uns nicht mehr schmeckt, um nicht mehr zu sagen.

Wir haben am Anfang unserer Predigt gesagt, die Osterbotschaft schwinge in diesen beiden Sätzen: In dem Satz, der von Jesus allein gilt, «Ich lebe!». Er ist die Auferstehung und das Leben. Das ist das eine. Das Präsentische. So redet man, wenn man von der schlecht­hinnigen Gegenwart des Lebens in Jesus redet. In ihm ist Gott ge­genwärtig. Daneben aber steht der andere Satz: «Auch ihr werdet leben.» Ihr — das sind wir, das ist jeder von uns in seiner ein-[309]samsten Todesgebundenheit. Mit unseren fleischlichen Augen sehen wir den Tod in seiner Gültigkeit für alle. Da ist die Geschichte nichts als ein großes Totenfeld, zumal die der letzten 50 Jahre in Europa. Und wer weiß, was noch alles vor uns steht! Aber die Augen des Glaubens sehen etwas anderes: die Verheißung, mit dem Finger Gottes mir ins Herz geschrie­ben: Ihr sollt auch leben. Diese Schule des Glaubens fängt bei mir selber an, bei meinem Tod und bei dem Tode, wo er mich trifft und mich zum Feind und Gegner Gottes machen möchte und vielleicht schon gemacht hat. Hier ist mit dem, was wir fühlen und greifen, nichts getan. Hier muß mit den Augen des Glaubens gesehen und mit der Vernunft des Glaubens geurteilt werden. Ihr werdet leben. Was als Wahrheit in Jesus vor uns steht, in dem Hirten seiner Schafe, den Gott schon herausgeführt hat aus dem Totenreich, dasselbe ist bei uns allen noch im Gange, es ist bei uns noch im Geschehen. Teilweise liegt unser Leben noch in der Todes­nacht, aber es hat eine Mitte bekommen, wo es hell ist. Es ist hin­eingekommen in die Kraft der Verheißung Gottes, die Leben, ewi­ges Leben verheißt. Und wenn wir irre werden wollen an ihr, weil der Tod so stark ist in uns und das Leben so schwach, weil der Tod der Sünde Sold ist und wir abendländischen Nihilisten in die­ser Sache einiges geleistet haben und noch leisten, dann steht diese Verheißung vor uns als Gegenwart, als erfüllt in Jesus, dem leben­digen Herrn. Das ist Ostern! In ihm ist sie ein für allemal Ereignis geworden. Das Leben, zu dem wir berufen sind, ist vor uns in ihm erschienen. Suchen wir es nicht in uns, sondern in ihm. Aller Glau­be, der Leben in uns sucht, ist Scheinglaube und findet am Ende nur den Tod. Der Glaube aber, der sich an den Osterfürsten hält und weiß, daß Jesus nicht mehr stirbt, der wird auch durch den eigenen Tod hindurchreißen, wie Jesus hindurchgebrochen ist. Das sei unser letztes Wort an diesem Ostertage: In Jesus ist Gottes Le­ben gegenwärtig, für uns ist es noch zukünftig. Aber seien wir des­sen gewiß, daß auch für uns der Tod um Jesu Willen dahinten liegt und wir — wenn auch noch durch so mancherlei Dunkel — dem Leben entgegengehen. Das bedeutet: Wiedergeborensein zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Gehalten in Bonn am 17. April 1960 (Ostersonntag).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 304-309.

Hier Iwands Predigt als pdf zum Herunterladen.

Eberhard Jüngel – Ostern oder die Freiheit zum Lachen

26. März 2016

Jüngel

Nachdem Eberhard Jüngel nicht länger publizieren kann, ein Ostertext von ihm aus dem Zeitungsarchiv der Berliner Zeitung von 2001:

„Die österliche Verheißung ewigen Lebens besagt, dass das menschliche Ich nicht an der isolierenden Kraft des Todes zu Grunde gehen muss, sondern Gott als die Macht der Liebe erfahren kann, die selbst da, wo alle irdischen Beziehungen abbrechen und mit ihnen auch das gelebte Leben endet, neue Verhältnisse, ewige Lebensbeziehungen schafft. Nur die Liebe vermag das. Nur der Gott, der die Liebe ist, ist so stark, dass er mitten im Tod neue Lebensbe­ziehungen etablieren kann.“

Der vollständige Text findet sich hier als pdf: Ostern oder die Freiheit zum Lachen. Eine Betrachtung zum Glauben und über die Auferstehung des Herrn

Gebet zu Ostern mit Frühlingsbeginn

22. März 2016

Pflaumenbaum blüht

Himmlischer Vater,
Du hast Deinen Sohn Jesus Christus von den Toten auferweckt,
deine Schöpfung atmet auf.
Deine Ostersonne zieht Grün aus dürren Ästen,
wirft zarte Blüten auf Wiesen und in Gärten.
Wir danken dir und bitten dich:
Sende deinen Geist in unsere Herzen,
befreie uns von Schwermut und Schwergängigkeit,
auf dass wir uns als deine Kinder
an der Schöpfung neu freuen
durch Jesus Christus.
Amen.

Im Raum des Glaubens. Predigt zu Johannes 20,19-29 (Ungläubiger Thomas und die Glaubenszweifel)

7. April 2015
Thomas

Caravaggio – Der ungläubige Thomas (Ausschnitt)

24Thomas aber, einer der Zwölf, der auch Didymus genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte zu ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben. 26Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war mit ihnen. Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! 27Dann sagt er zu Thomas: Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29Jesus sagt zu ihm: Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben!

„Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ – was gemeinsam im apostolischen Glaubensbekenntnis ausgesprochen wird, ruft bei getauften Christen mitunter Zweifel hervor: Jesus von den Toten auferstanden – Leben in einen toten Körper zurückgekehrt? Der Zweifel hat seine eigene Stimme: „Ich würde ja gerne, aber ich kann es nicht, ich kann das einfach nicht glauben – nicht mehr glauben, beim besten Willen nicht länger glauben …“

Sand Hände

Wo sich Zweifel breit macht, entgleitet einem der eigene Glaube, gleichsam wie eine Hand voll Sand: Was du einst kinderleicht begriffen und in deiner Faust umschlossen hast, das entrinnt dir mit der Zeit unaufhaltsam – Körnchen für Körnchen unbemerkt. Und irgendwann steht man in Sachen Glauben mit leeren Händen da. Wo kein Körnchen Glaubenswahrheit mehr in der eigenen Hand zurückbleibt, hat auch der Zweifel sein Ende gefunden. In der leeren Hand lässt sich nichts bezweifeln.

Was gilt dann stattdessen – unzweifelhaft? Für abgeklärte Alltagsrealisten heißt es: „Nur das, was ich selbst mit eigenen Augen sehen kann, darauf kann und will ich mich einlassen. Alles andere kann ich mir nicht vorstellen.“ Wo nur Offensichtliches zu gelten hat, kann man sich nicht länger auf Glaubensdinge verlassen. Schließlich wird ja im Brief an die Hebräer der Glaube wie folgt vorgestellt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1)

So geht der Zweifel mit Dauer zu Lasten eigener Lebenszuversicht: Nichts tritt mir gegenüber, woran ich mich über meinen Tod hinaus festhalten oder worauf ich mich verlassen kann. Das Sichtbare, Nachprüfbare, Offensichtliche birgt keine Verheißung. So muss der Realist mit leeren Glaubenshänden bekennen: „Es ist wie es ist mit dem Tod zu Ende. Wir haben mit tödlicher Gewissheit zu leben.“ Die Sicherheiten, die uns das Offensichtliche anzubieten hat, nehmen uns jegliche Zuversicht über den Tod hinaus.

Im Evangelium wird dem Glaubenszweifel Raum gegeben. Thomas, einer der Zwölf, hat von den anderen Jüngern gehört, dass Jesus von den Toten auferstanden sei: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Thomas kann das für sich nicht gelten lassen: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben.

Glaubenszweifel lassen sich nicht durch scheinfromme Ermahnungen niederbügeln: „Das hast du als Jünger Jesu oder als Christin zu glauben, wenn wir, wenn die Kirche dir das so sagt!“ Als gäbe es für uns eine höhere menschliche Autorität mit eigener Unfehlbarkeit, die uns vorschreiben könnte, was wir zu glauben hätten. Glaubenswahrheiten sind Vertrauenssache; die können nicht einfach in den eigenen Kopf gezwungen werden.

Der auferstandene Jesus selbst sucht die Begegnung mit Thomas, kommt ihm mit dessen Zweifeln entgegen: „Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Thomas Antwort „Mein Herr und mein Gott!“, erschrockene Anerkennung, kein Zweifel mehr, sondern eigenes Ergriffensein – außer Frage, dass ihm Jesus gegenübertritt.

nolde ungläubiger thomas

Emil Nolde – Der ungläubige Thomas (Ausschnitt, 1911/12)

So lässt sich Jesus von menschlichen Zweifeln berühren. Er sucht unseren eigenen Glauben, will unser Vertrauen, inniges Gottvertrauen: „Mein Herr und mein Gott!“ Glaube ist keine Kopfgeburt, kein Geäst lebensdürrer Lehren, auch kein Irrgarten sonderlicher Gedanken, sondern Gottesnähe. Dass ich mich mit meinem Leben auf Jesus Christus beziehen kann, das ist mein Glaube, meine Hoffnung, …

In der Begegnung mit Jesus sind Thomas die Zweifel genommen, schon bevor es zur leiblichen Berührung kommt. Da mögen Skeptiker und Zweifler einwenden: „Wenn das mir passiert wäre, wenn sich der auferstandene Christus mir so gezeigt hätte, dann könnte ich ja auch glauben ….“ Jesu Schlusswort nimmt genau das auf; er spricht Thomas an: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben!

Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen“ (2Korinther 5,7) schreibt der Apostel Paulus. Aber wie soll man zu diesem Glauben kommen, wie soll ich Vertrauen im leeren Raum finden? Im Evangelium sind die Jünger acht Tage nach Ostern in einem Raum versammelt, hinter verschlossenen Türen. Wo Jesus den Jüngern gegenübertritt, handelt es sich um einen besonderen Raum mit einer besonderen Gemeinschaft.

Um Christus zu vertrauen bedarf es eines besonderen Raumes, eines Glaubensraumes. Dort gelten nicht einfach naturwissenschaftliche Gesetze, vielmehr geht es um göttliche Beziehung. Menschen sind eingeladen mit ihren Zweifeln in den Glaubensraum einzutreten, sich auf die Begegnung mit Jesus einzulassen.

Stell dir vor, er tritt Dir gegenüber, in den Handflächen, an den Füßen, an seiner rechten Seite Wundmale, er hält dir seine Wunden hin und schaut dich innig an. Das kannst du dir vorstellen – keine Ausrede, du bist jetzt nicht im Alltagsraum, sondern im Glaubensraum, stehst dort nicht alleine da, unzählige Christen mit dir, auch Menschen, die vor dir gelebt habt, eine ganze „Wolke von Zeugen“ (Hebräer 12,1). Im Raum des Glaubens tritt uns der auferstandene Christus entgegen: „Friede sei mit euch!

theater

„Was soll das Theater?“ mag der Zweifler einwenden. Ja, nimm es erst einmal als Theater an. Lass das Geschehen für dich als Schauspiel gelten. Es will dir zugute kommen. Im Schauspiel auf der Bühne geschehen mitunter ja auch Dinge, die draußen im Alltag unwirklich erscheinen. Lass dich wie bei einem Schauspiel auf das Geschehen ein. Ein Skeptiker würde ja auch nicht im Theater die ganze Zeit die Arme verschränkt halten und immerfort murmeln: „Unwahr, gibt’s nicht, kann nicht sein.“ Damit hätte er sich ja selbst um das Schauspiel gebracht.

Lass dich wie bei einem Schauspiel auf das Ostergeschehen ein, offenen Auges, offenen Ohres, offenen Herzens; lass dich hineinnehmen in den Raum des Glaubens. Ja, eigenes Verstehen ist durchaus gefragt: Was soll das, warum wurde Jesus getötet, wie ist er auferstanden, was ist uns damit zugesagt? Es gibt den Text zum Nachlesen, die Evangelien und auch die Vorgeschichte im Alten Testament. Im Zusammenhang eines Dramas lassen sich Geschehnisse verständlich erklären.

Im Raum des Glaubens gibt es keine isolierten Glaubenswahrheiten, Körnchen Wahrheiten, die mit der Zeit unseren Händen sandweise entrinnen, sondern es geht um das Drama unseres Lebens, größer, tiefer, weiter als alles Menschenmögliche: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ (Johannes 3,16) Im Raum des Glaubens lassen wir uns auf das göttliche Drama ein – mit offenen Händen, die von göttlicher Liebe berührt werden. Wir bleiben nicht nur Zuschauer, sondern treten als Mitwirkende auf – Mitleidende, Mitfeiernde, Zweifelnde, Betende, Singende, Zeugen und Bekenner – im Chor mit anderen Christinnen und Christen. Im Evangelium finden sich verschiedene Rollen, in denen wir selbst zur Sprache kommen, die uns alle bei dem Jesusgeschehen halten.

Als Gemeinschaft der Gläubigen machen wir uns mit dem großen Gottesgeschehen vertraut, um selbst Vertrauen in dieses Geschehen zu haben: „Wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrn, vom Tod auferweckt hat.“ (Römer 4,25) Immer wieder neu heißt es, in den Raum des Glaubens einzutreten, mich mit meinem eigenen Leben – auch mit meinen Zweifeln – in das Ostergeschehen einweben und einflechten lassen.

Aus der Vertrautheit mit dem Ostergeschehen wächst mein Jesusvertrauen. Verschränkte Arme lösen sich, ungläubige Blicke wandeln sich: Ich erkenne mich selbst auf der Bühne des Glaubens wieder. Die Geschichte ist für mich geschehen – wider allen Zweifel:

Tage nach Ostern waren die Jünger wieder beieinander. Diesmal war ich mit dabei. Wieder waren die Türen verschlossen. Da kam Jesus noch einmal zu uns. Er trat in unsere Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“ Dann sagt er zu mir: „Nimm deinen Finger und untersuche meine Hände. Strecke deine Hand aus und lege sie in die Wunde an meiner Seite. Du sollst nicht länger ungläubig sein, sondern zum Glauben kommen!“ Ich antworte ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ Da sagt Jesus zu mir: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Hier die Predigt als pdf.

Frohe Ostern? Morgenröte ohne Karfreitag

2. April 2015

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Was soll man sich in der Karwoche wünschen? Ich tue mir schwer mit „frohe Ostern“, denn damit wird ja offensichtlich der Karfreitag übergangen. Im Deutschen (und Englischen) ist Ostern („Morgenröte“) semantisch von Karfreitag geschieden, im Unterschied zu vielen anderen Sprachen. Dort werden Wortableitungen vom aramäischen pas-cha (angelehnt an das hebräische Wort pessach) verwendet. Im Pas-cha-Fest kommt die Einheit von Leiden und Kreuzestod Christi, seine Auferstehung von den Toten und seiner Erhöhung zur Sprache. Beim deutschen Osterverständnis hingegen bleibt der Kreuzestod Christi außen vor.

Triduum Sacrum („heilige drei Tage“), das wäre die korrekte liturgische Bezeichnung für das Fest, das wir beginnend mit dem Abendmahl an Gründonnerstag bis zum Ostermorgen feiern. „Ich wünsche Dir heilige drei Tage bzw. ein gesegnetes Pas-cha-Fest.“ Für Christen jedenfalls wäre dieser Wunsch zuträglicher als ein frohes Morgenrötefest.

Eberhard Jüngel – Vom Ernst des Lebens

30. März 2013

Die Neue Zürcher Zeitung scheut sich nicht, kirchenjahresgemäß auch Theologisches zu zeitigen. Hier der aktuelle Gastbeitrag von Eberhard Jüngel passend zu Karfreitag und Ostern: Vom Ernst des Lebens. Leserisch ein Genuss.

Christoph Blumhardts Antwort auf Harpprechts Frage „Wer glaubt schon an Auferstehung“

4. April 2012

Christoph Blumhardt

In der heutigen Ausgabe der ZEIT fühlt Klaus Harpprecht der Kirche auf den Zahn der Zeit, oder soll man sagen, den Zahn der Ewigkeit: „Wer glaubt schon an Auferstehung?“ und spricht bei Beerdigungspredigten von „amtlicher Heuchelei“. Da empfiehlt es sich Christoph Blumhardt zu Wort kommen lassen mit seiner Osterpredigt über Markus 16,1-8, gehalten am 12. April 1914 in Bad Boll:

Wenn uns heute verkündigt würde, dieser oder jener sei auferstanden von den Toten — ich glaube, es würde uns auch ein Zittern und Entsetzen ankommen, denn die Verkündigung: »Jesus ist auferstanden!« ist das Größte, was man überhaupt verkündigen kann. Es ist der Gipfel des Evangeliums, die Höhe alles dessen, was Jesus im Erdenleben gewesen war, und diese Verkündigung oder diese Tatsache, die verkündigt wurde: »Jesus ist auferstanden«, ist mit einemmal eine Tatsache geworden, die sich der ganzen Weltgeschichte entgegensetzt. Der ganze Lauf der Welt ist immer nur sterben, und die Erde ist ein großmächtiges Grab, in welchem nicht nur Menschen, sondern auch alle früheren Kreaturen begraben liegen und zu den Toten gehören. Und nun auf einmal in diesen Lauf der Welt, an den wir uns leider im Christen­tum auch gewöhnt haben, als ob gar nichts anderes mehr möglich wäre, als nur das Grab alles Lebendigen, kommt die Verkündigung: »Da ist einer auferstanden, der ist gestorben und lebt wieder.« Ja, da kann einen Furcht und Zittern ankommen oder auch Unglauben; und ich weiß nicht, ob es viele Menschen heute gibt, in deren Herzen die Verkündigung: »Er ist wahrhaftig auferstanden« wirklich lebendig wird. Wir hören es so mit christlichen Ohren, und das sind oft die taubsten in der ganzen Welt. Wir nehmen es hin als eine alte Sage und haben kein rechtes Empfinden dabei. Und doch muß ich es wiederholen: Alles krönt sich, alles, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, alle seine Worte, alle seine Taten krönen sich in dem einen: »Er ist auferstanden! Er unterliegt nicht dem Lauf der Welt, er unterliegt nicht den bösen Taten der Menschen, er unterliegt nicht der Sünde und noch viel weniger dem Tode — er ist der Lebendige heute, gestern und in alle Ewigkeit!«

Das will empfunden sein wie mit Schrecken, damit man auch in sein Glaubensleben wie etwas Revolutionäres bekommt gegen den Lauf der Welt, gegen den Lauf unseres Schicksals, gegen den Lauf dessen, was die Sünde und was der Tod vollbringt. Es ist eine ungeheure Verkün­digung auch deswegen, weil mit dem, daß Jesus wieder lebt, die Taten der Sünde, die Taten der verbrecherischen Art der Menschen aufgelöst werden. Was sind jetzt all die Greueltaten, die man an Jesus vollbracht hat? Was ist jetzt alle Rohheit? Sie kann nicht bestehen, sie wird aufgelöst in dem Lebendigen. Nichts ist es gewesen, nichts ist die Qual gewesen, nichts ist das Kreuz gewesen, nichts sind all die Tränen derer, die um ihn geweint haben — alles ist erlöst und frei. Er ist wieder da, wir haben ihn und haben ihn in alle Ewigkeit.

So kommt eine neue Geschichte in den Lauf der Weltgeschichte hinein, freilich nur wie eine Andeutung, denn das müssen wir ja sagen — mit Schmerzen sage ich es —: Es bleibt bei Jesus allein. Und das macht es auch schwierig bis auf den heutigen Tag. Die Menschen sagen: »Einmal ist keinmal.« Aber hier ist es doch anders. Einmal ist ein Anfang, und dieser Anfang setzt sich fort. Es gibt nun eine Geschichte der Auferstehung. Denn so ein ganz großer Gegensatz ist es doch nicht. Wir leben zwar in einer sterbenden Todeswelt, und doch ist auch unser irdisches Leben immer auf Auferstehung gegründet. Wir müssen alle Jahre wieder ein Auferstehen erleben auf unsern Feldern, auf unsern Wiesen; immer wieder muß etwas auferstehen. Es muß oft auch Altes wieder auferstehen, und unsre heutige Zeit ist mir oft ein Zeichen, daß wir nahe sind der Endgeschichte, der Auferstehung, da so vieles wieder ans Licht gebracht wird, was vor alter Zeit begraben worden ist. Wie vieles tut sich heute auf! Es muß alles heraus, wie wenn der liebe Gott sagen wollte: »Seid getrost! Auch was gestorben ist, muß wieder an den Tag, es muß euch auch dienen. Die Erde soll nicht ein verschlossenes Grab sein, es soll nicht ein großer Stein auf ihren Gräbern liegen, sondern es sollen die Steine weggeräumt werden, es soll das alte Leben hervorkommen, denn Jesus Christus ist auferstanden nicht bloß für euch, sondern auch für die, die in der alten Zeit gelebt haben, und die sollen wieder zum Leben kommen.«

So liegt in der Verkündigung: »Er ist auferstanden!« eine große Hoffnung; in dieser Verkündigung können wir zusammenfassen alles, was wir wünschen und hoffen für unsre arme Erde. Wir können hoffen, daß auch die schrecklichsten Taten der Menschen, die ja auch ein Jesusmord sind, in Kriegen und Blutvergießen, — wir können hoffen, daß alle diese schauderhaften Taten ausgelöscht werden und es einmal heißt: Jetzt fängt die Geschichte der Auferstehung an, jetzt dürfen die alten Geschlechter wieder leben, die gemordeten und getöteten, die übel behandelten Menschen, sie dürfen wieder da sein, denn mit dem, daß Jesus lebt, ist ein Licht hineingekommen in alle Gräber. Und wenn es auch nur erst ein Hoffnungslicht ist — diese Hoffnung wird uns nicht zuschanden werden lassen. Eine Geschichte ist jetzt. Es ist eine Tat, aber eine Tat, die immer wieder neues Leben erzeugt bis auf den heutigen Tag.

Und wenn wir rechtes Ostern miteinander feiern wollen, dann müssen wir den lieben Gott bitten: Laß uns allen in unser irdisches Leben ein Auferstehen kommen. Wie heute die Bäume anfangen, grün zu werden, die Wiesen wieder grün werden, die Saaten schön stehen — ach, laß auch bei uns Menschen einen Frühling kommen, daß etwas Lebendiges in uns werde! Denn wir sind oft so müde und so matt; unser Leben schleicht dahin, wir werden immer älter und schwächer, schließlich liegen wir alle im Grab — und was ist es nun, was wir gearbeitet haben? Man ist oft wie gestorben und möchte fragen: Ach, Herr Gott, wie soll es doch weitergehen? Alles stirbt ab, und das Schönste, das wir miteinander erlebt haben — was haben wir nicht schon Schönes erlebt! — alles geht vorüber und droht, in die langweilige Sterberei zu kommen, da auf einmal alles aus ist. Und wenn wir unsre Lieben ins Grab legen —ja, wir wissen ja, wir behalten ein Andenken an sie, aber wie lange? Es ist merkwürdig, wie schnell alles vergessen wird. Auch wenn schreckliche Dinge geschehen in Erdbeben und in allen möglichen Unglücksfällen auch unter den Werken der Menschen, wenn so viel Herzbewegendes geschieht — im Augenblick ist eine Aufregung in uns, dann deckt sich die Decke wieder über alles, und in ganz kurzer Zeit ist alles vergessen.

So ist es eine Welt des Todes bis auf den heutigen Tag. Das müssen wir auch in bezug auf unser Christentum sagen. Es ist ja auch alt geworden. Was sind die Religionen ein alter Rock voller Löcher und Staub der Jahrhunderte! Was soll es werden? Wir wären hoffnungslos, wenn es nicht heißen würde: »Einer wenigstens, einer ist der Anfang, einer ist wahrhaftig auferstanden!« So wird auch unser christlicher Glaube nicht ewig tot bleiben, er wird nicht ewig im Schatten der Sünde stehen und nicht ewig an der Sünde teilnehmen, die auf Erden ist. Es werden Leute erstehen, die sind frei von einem toten Glauben, die sind frei von allem unchristlichen und bösen Wesen; sie sind auferstanden und dürfen deswegen auch ein Salz auf der Erde werden und ein Licht der Welt. Aber nötig haben wir es — und es soll unsre Osterfeier sein —, daß wir fest im Glauben stehn, daß die Geschichte der Auferstehung noch an die Menschen kommt. Ich möchte, daß in jedes Haus und in jedes Herz das Licht der wirklichen Auferstehung komme, daß wir wirklich gut leben können und überwinden können das Böse, daß es in uns eine Gottesmacht gebe, die in der Auferstehung sich kundgegeben hat.

Und wir können nun ja sagen: Es ist nicht bloß die Verkündigung vor 1900 Jahren: »Er ist wahrhaftig auferstanden!«, was uns heute berührt. Was wären wir doch auch in unserm geistlichen Leben und in unserm religiösen Leben, wenn es nicht immer wieder Auferstehungsstunden gegeben hätte! Gott ist der, der sich immer wieder beweist. Es ist gar nicht so, als ob wir nichts von Gott erführen und nichts wüßten, wie manche Leute sagen, es sei eine Torheit, an Gott zu glauben. Nein, wahrlich, es ist eine große Weisheit, denn wie unendlich viel ist geschehen, daß wir Menschen uns doch erhalten sollten und neues Leben hervorgehe aus den menschlichen Kreisen heraus. Und da muß alle Welt mithelfen, auch die Welt, die von Gott fern ist; sie muß mithelfen, sie muß sich regen und bewegen. Es gibt immer wieder lebendige Zeiten nach toten Zeiten; immer wieder kommt neues Leben heraus aus der Geschichte der Menschen, ob sie glauben oder nicht. Ihr müsset mittun. Du böse Welt — trotz aller deiner Sünde, du mußt mittun, daß es vorwärts gehe in der Geschichte der Auferstehung der Menschen in Jesus Christus, dem Anfang, und der auch das Ende schaffen wird. Das Ende unseres Glaubens, das Ende des Evangeliums muß Aufer­stehung sein. Das ewige Gepredige muß einmal aufhören; es muß einmal tatsächlich wahr werden, was wahr ist; es muß offenbar werden und in die Welt hineinkommen: Er ist wahrhaftig auferstanden und wir sind wahrhaftig in einer Geschichte des Lebens, und das Leben hört nicht auf, bis es die Krone hat in einer großen Auferstehung, da alles wieder an den Tag kommt, was Gott je geschaffen hat und namentlich auch in Menschen den Menschen gegeben hat. Es soll nicht im Grabe bleiben, es soll herauskommen, und die Zweifel sollen überwunden werden durch die Tatsache der Auferstehung Jesu Christi. Man denkt heutzutage zuviel herum, man denkt an eine Verbesserung des Christen­tums, und eine ganze Menge Leute meinen, mit ein bißchen anderer Lehre werde irgendein Fortschritt erzielt werden. Solchen Kindereien wollen wir uns nicht hingeben. Mit ein bißchen anderen Gedanken werden die Menschen nicht anders, nein! Es bleibt alles beim alten! — bis die Stunde der Auferstehung kommt, bis das wahrhaftig letzte Ostern kommt, da Tausende und aber Tausende vor unseren Augen neue, auferstandene Menschen werden, die nichts mehr kann unter­drücken und nichts mehr kann töten.

Das ist unser Osterfest. Es ist zum Teil nur ein Hoffnungsfest, aber diese Hoffnung hätte keine Wahrheit, wenn sie sich nicht gründen würde auf die große Tatsache: »Er ist wahrhaftig auferstanden.« Lasset das in unsre Häuser, in unsre Gesellschaft, in unsre Herzen dringen! Lasset es doch hineindringen als ein starkes Werk Gottes, ein Werk Gottes, ohne welches wir uns Gott gar nicht vorstellen könnten. Wäre Gott nicht ein Gott, der die Toten auferweckt, wäre Gott ein Gott, der die Geschichte der Menschen hinnehmen muß, wie sie ist, da nichts in ein neues Leben gerückt werden kann, dann würden wir umsonst an Gott glauben, dann hörten wir lieber heute auf! Aber er ist ein Gott, der Neues schafft. Wie er geschaffen hat, so schafft er Neues, und mitten in die Entwicklung zum Sterben hinein kommt der große Gott mit der noch stärkeren Entwicklung zum Leben hin.

Das ist Ostern für uns, und bei dem wollen wir bleiben, und Gottes Geist mache es uns heute recht lebendig, daß wir voll Freude werden über der Verkündigung: »Er — wenigstens er, Jesus Christus — ist auferstanden von den Toten! «

Aus: Christoph Blumhardt: Predigten und Andachten aus den Jahren 1907-1917 (Auswahl aus seinen Predigten, Andachten und Schriften, hg. v. R. Lejeune, Band 4), Erlenbach-Zürich 1932, S. 348-353.