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„Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt“ – Von der liberalprotestantischen correctness in Sachen Seelenheil

6. Februar 2017
Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitaler (1530)

Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitalter (1530 – Alte Pinakothek München)

Aufschlussreich ist, was der Historiker Volker Reinhardt im Epilog seines lesenswerten Buchs „Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation“ (CH Beck 2016) in Sachen reformatorische Gegenwartsbedeutung zu schreiben weiß:

„Ist die Vergangenheit, wie sie in diesem Buch geschildert wurde, ebenfalls tot und begraben? Verlautbarungen namhafter Vertreterinnen und Vertreter beider Kirchen legen diese Annahme nahe. Auf der lutherischen Seite ist von dem Prinzip der Rechtfertigung allein durch die Gnade Gottes, sola gratia, der Prädestinationslehre des Kirchengründers, keine Rede mehr. Für heutige Christen ist die Vorstellung, dass der Mensch vor seiner Geburt von Gott zu Heil oder Verdammnis vorherbestimmt sei, unerträglich und gegen jede correctness, also wird diese sperrige Seite ausgeblendet, ja geradezu ins Gegenteil verkehrt: Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt. Die verschiedenen Demokratisierungswellen des 20. und 21. Jahrhunderts haben das Jenseits erreicht und gleich gemacht. Solche Positionen wären selbst einem Erasmus viel zu weit gegangen. Was Luther von diesem lieben, allzu lieben Gott hielt, der nach dem Vorbild eines gütigen menschlichen Erziehers gedacht war, hat er in seiner Kontroverse mit dem großen Humanisten festgehalten: Eine solche süßliche Vermenschlichung entsprang der superbia, der Selbstüberschätzung des Menschen, der es nicht erträgt, sich selbst zu sehen, wie er ist, nämlich eitel und sündhaft. Zusammen mit der Prädestination scheint Luthers Skepsis gegenüber dem Menschen heute beigelegt zu sein. Sein tiefer anthropologischer Pessimismus ist vom heutigen Luthertum, jedenfalls dem europäischen, in sozialpolitischen Aktionismus, in das Streben nach mehr Gerechtigkeit im Diesseits, umgeschlagen. So achtbar diese Bestrebungen auch sind, mit dem historischen Luther haben sie nichts zu tun. Kurfürst Friedrich der Weise fühlte und dachte sozialer als sein Wittenberger Professor.

Auf diese Weise hat sich das heutige Luthertum, ohne es zu wollen (und vielleicht sogar oft, ohne es zu wissen), katholischen Vorstellungen von der Kooperation des Menschen mit der göttlichen Gnade und sogar der Werkgerechtigkeit stillschweigend angenähert. Selbst in Sachen der letzten Dinge scheinen sich die beiden Konfessionen nicht mehr fern zu stehen. Die Hölle stört, darin stimmen Theologinnen und Theologen beider Seiten überein. Ewige Feuerqualen für Missetäter vertragen sich nicht mit den Maßstäben des liberalen Rechtsstaats. Andererseits sollten Menschheitsverbrecher wie Hitler und Stalin auch nicht auf Wolke sieben schweben. Also denkt man sich das Jenseits der Bösen als das große Nichts, das für asiatische Erlösungslehren das größte Glück ist.“

Mensch Adam, zeig Dich. Wer sich vor dem Gott zu verstecken sucht, verliert sein Leben

14. Februar 2016

Cranach ParadiesAusschnitt aus Lucas Cranach d.Ä., Adam und Eva im Garten Eden, 1530

Und sie hörten die Schritte des HERRN, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelte. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem HERRN, Gott, unter den Bäumen des Gartens. Aber der HERR, Gott, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Da sprach er: Ich habe deine Schritte im Garten gehört. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.“ (1Mose 3,8-10 Zürcher)

Nachdem der Mensch (hebräisch „Adam“ =  „Erdling“) vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, sind ihm die Augen über die eigene Nacktheit aufgegangen. Fortan hält er sich nicht nur gegenüber dem kritischen Blick seiner Mitmenschen feigenblättlich bedeckt, sondern sucht sich vor dem göttlichen Angesicht zu verstecken. Aber wie soll man im eigenen Lebensversteck auf Dauer sich selbst überleben? Wer sich vor seinem Schöpfer im Verborgenen halten will und nicht als Sünder zu sich stehen kann, wird schlussendlich eingeerdet werden. Zu Beginn der Fastenzeit gilt daher der Bußruf: „Auf, zeig dich, tritt hervor!“ Nackt und bloß und doch unverschämt vor dem HERR Gott dastehen kehrt uns dem Evangelium Jesu Christi zu:

Ich steh vor dir in Leere, arm und bang,
fremd ist dein Name, spurlos deine Wege.
Du bist mein Gott, Menschengedenken lang –
Tod ist mein Los, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der meine Zukunft hält?
Ich glaube, Herr, was stehst du mir entgegen?

Mein Alltag wird von Zweifeln übermannt,
mein Unvermögen hält mich eingefangen.
Steht denn mein Name noch in deiner Hand,
hält dein Erbarmen leise mich umfangen?
Darf ich lebendig sein in deinem Land,
darf ich dich einmal sehn mit neuen Augen?

Sprich du das Wort, das mich mit Trost umgibt,
das mich befreit und nimmt in deinen Frieden.
Öffne die Welt, die ohne Ende ist,
verschwende menschenfreundlich deine Liebe.
Sei heute du mein Brot, so wahr du lebst –
Du bist doch selbst die Seele meines Betens.

Huub Osterhuis, „Ik sta voor U“ (1969) in der Übersetzung von Alex Stock. Vergleiche Lothar Zenettis Fassung „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ (GL 422 / EG 382).