Posts Tagged ‘Paul Schempp’

„Lass mich gehen, die Morgenröte bricht an“ – Paul Schempps Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose/Genesis 32,23-32)

20. Januar 2017
Lynd Ward - Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Lynd Ward – Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Es ist eine Kunst einen Text aus dem Alten Testament auf Christus hin auszulegen, ohne das Erzählgeschehen in seiner Wörtlichkeit zu übergehen. Paul Schempp hat es in seiner Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose 32,23-32) meistlich verstanden, selbst in diesen Kampf einzudringen, um die göttliche Verheißung in Christus zur Sprache zu bringen. Seine Predigt kann  in jedem Fall mit Gerhard von Rads Predigt über diesen Kampf  mithalten. Hier ein Auszug:

„Die Kraft Jakobs ist es nicht, der Glaube und das Gebet der Christenheit ist es nicht, was uns den Weg freimachen könnte vor Gott, was uns auch nur eine Stunde vor Verderben und Tod schützen könnte, wenn Gott wider uns ist. Und Gott ist wider uns, so gewiß wir Fleisch sind und sterben müssen, so gewiß das heilige Land nicht der Him­mel und das Reich Gottes ist, so gewiß Jakob einmal nur als Leiche hineinkommen wird, so gewiß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben werden, so gewiß der König der Juden, der Auserwählte Gottes, Jesus Christus, am Kreuz sterben mußte. Jakob ist in die Hände des lebendigen Gottes gefallen, und der Schrecken seines Vaters Isaak — so hat Jakob Gott vor Laban genannt — ist über ihn hergefallen. Was ist mit Jakob, daß dieser Gegner nicht fertig wird mit ihm, daß dieser Schrecken ihn nicht umbringt und dieser Fremde sogar bittet: Laß mich gehen, die Morgen­röte bricht an? Gottes eigenes Wort, das er nicht zurücknimmt, Gottes eigener Segen, von dem er nichts abbricht, Gottes eigene Wahl, die ihn nicht gereut. Gottes eigene Treue, die eben göttlich und darum be­ständig und unveränderlich ist. Das ist Jakobs Kraft, das ist der Kern und auch die Grenze von Gottes Zorn, das ist die himmelhoch er­habene Göttlichkeit Gottes, auch wo er Mensch wird, auch wo er die Widerspenstigkeit und Unverbesserlichkeit des Menschen menschlich angreift und sie überfällt wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Löwe und Bär am Wege, auch wo er sich verhüllt und verbirgt in den dunkel­sten Anfechtungen seiner Zeugen, in den schwärzesten Drohungen seiner Boten und darüber hinaus in all dem, was unser aller Dasein täglich und nächtlich bedroht mit den Schatten des Todes und was unsre Wege und Wünsche, auch die reinsten und frömmsten, versperrt und verriegelt und was unser aller Leben zu einem so verzweifelten Kampf um Möglichkeit, um Zukunft und Hoffnung und Frieden macht“

Die vollständige Predigt findet sich hier als pdf.

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„Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft“. Eine Grabrede von Paul Schempp

19. Januar 2017

kleinkind-gestorben

Wie zart und einfühlsam bei dem Tod eines Kleinkindes ohne billigen Trost das Evangelium Jesu Christi unverhofft zugesprochen werden kann, zeigt die folgende Grabrede von Paul Schempp aus dem Jahr 1939, die sich dem Wort aus Matthäus 9,24 stellt:Jesus sprach zu ihnen …: ,Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.‘ Und sie verlachten ihn.

Zwischen tot und lebendig können wir immerhin unterscheiden, und die traurige Gewißheit ist jedenfalls Tatsache geworden: das Mägdlein ist tot. Und weil es so ist, gibt es nur noch die endgültige Trennung: die Versenkung ins Grab, das das irdische Bild des Kindes bis zur Unkenntlichkeit zerstören wird. Im Juni wäre die kleine Ruth zwei Jahre alt geworden, und wer immer Kinder hat oder kennt und gern hat, der weiß, daß an den Kindern dieses Alters immer neue Lebenswunder zu entdecken sind, wie da von der körperlichen Selbständigkeit des Gehens an zu den ersten sprachlichen [129] Leistungen eine Keimzeit geistiger Entfaltung zu beobachten ist, die in ihrer kindlichen Ursprünglichkeit die fröhliche Be­wunderung der Umgebung fast täglich herausfordert. Wir ste­hen alle in tiefer Trauer und mit herzlichem Mitgefühl mit dem Leid der Eltern und Großeltern an diesem Särglein und wissen, daß das Weh nur größer wird, wenn die Erinnernng immer neu das Bild des Kindleins ins Gedächtnis ruft, wie gesund es sich entwickelt hat, wie anmutig es nach dem Äuße­ren, wie regsam und aufgeweckt es nach dem Inneren war, wie lebhaft es zuging beim Spielen. O und dann gibt es ja noch so vielerlei kleine und doch bedeutsame Wesenszüge des besonderen Verhältnisses zum Vater und zur Mutter, zum Bruder und zu den Großeltern, diese und jene einzelne Er­innerung an besondere Umstände und Begebenheiten. Und doch ist alles verdunkelt von den letzten Tagen des Krankseins und des vergeblichen Kampfes gegen den Tod. Wie viele Kin­der haben doch in den letzten Wochen hier die Masern gehabt, und gerade bei diesem einen mußte eine Lungenentzündung mit hohem Fieber dazukommen, die dann auch das Herzlein in Mitleidenschaft zog! Wohl können sich die El­tern mit gutem Gewissen sagen, daß nichts unversucht blieb, um der Krankheit zu begegnen. Aber die unerbittliche Wirk­lichkeit „das Mägdlein ist gestorben“ ist um so schwerer, als noch am letzten Lebenstag eine Besserung deutlich zu erken­nen war.

Es wäre wohl leicht, nun den Eltern zu sagen: „Schickt euch drein. Gott hat das Kindlein genommen und sich gegen ihn wehren und ihn anklagen ist nicht recht; er gibt uns ja doch keine Rechenschaft darüber, warum er die Lebenslose so unbegreiflich verschieden verteilt.“ Aber seht, die bloße Fas­sung und Ergebung ist kein rechter Trost und ist vor allem kein bibli­scher Trost. Es ist gut, wenn man sich fassen und das Verlorene verloren geben kann, aber es ist auch gut, wenn man ungetröstet weinen kann und der Sturzbach des Schmer­zes nun ein­fach über die Seele geht. Wer sich selber eine Ge-[130]rechtigkeit und Güte Gottes ausden­ken wollte, der würde da­bei schon im Gedanken an die riesige Zahl der täglich ster­benden Kinder zuschanden werden. Lieber noch mit dem Schicksal hadern, als sich einer bloß einge­bildeten Allmacht stumpf beugen!

Tot ist das Mägdlein, ein Elternglück zu Ende, die Hoff­nungen zerstört, und keine Teilnahme und keine Tapferkeit hilft darüber hinweg, daß die Stube leer und das Leben, ohne Schuld und Verdienst zu wägen, sein Glück und seine Bitterkeiten verteilt. Nur wer sagen könnte, das Mägdlein sei nicht tot, es schlafe nur, und es sei nicht recht, sich ergeben oder erbittert, tapfer oder verzweifelt mit der Übermacht des To­des abzufinden, nur der könnte wirklich trösten. Aber wer das sagen wollte vor verschlossenem Sarg und offenem Grab, der würde schwerlich Glauben finden, der verdient, nicht ernst genommen zu werden, dem kann man höchstens zubilli­gen, daß er einem frommen Wahn verfallen ist. Wenn damit gesagt sein soll, die Seele des Kindes sei im Himmel, so ist nur die Unbegreiflichkeit des Himmels an die Stelle der Un­begreiflichkeit des irdischen Lebens und Sterbens gesetzt, und der kurze Anfang menschli­chen Daseins ist ein Rätsel, das der Elternschmerz nicht lösen kann.

Aber wir wissen: Jesus hat damals das Wort gesprochen, das in so sichtbarem Widerspruch zur Wirklichkeit stand und Ihm deshalb den Spott der Trauerversammlung eintrug. Der Jesus, der sein Wort dann bestätigt durch den Rückruf des toten Kindes ins Leben. Der Jesus, von dem unser Glaubens­bekenntnis sagt, daß er gestorben und auferstanden sei und lebe und regiere in Ewigkeit; der Jesus, von dem geschrieben steht, daß er dem Tod die Macht genom­men habe. Dieser Je­sus hat von lebendigen Menschen geredet, als er sagte: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“, und hat von einem toten Mädchen geredet, als er sagte: „Das Mägdlein ist nicht ge­storben, sondern es schläft.“ Auf den Namen dieses Jesus habt ihr das Kindlein taufen lassen und damit in den Glauben [131] eingestimmt, daß Er der Herr sei über unser Leben in der sicht­baren und unsichtbaren Welt. Gilt Sein Wort, dann ist sogar diese unsere Weisheit erschüttert, die mit Sicherheit zu wissen meint, wo Tod und wo nur Schlaf festzu­stellen ist. Unsere Augen sehen Tod und Sarg und Grab, Er aber sagt uns: „Es ist nicht der Wille des Vaters, daß eines von diesen Kleinen verloren gehe.“ Er mutet uns zu, die unerbitt­liche Grenzlinie zwischen Leben und Tod nicht da zu sehen wo sie dem menschlichen Auge eben sichtbar ist, sondern in der Tiefe Seiner Verheißung und Seiner Drohung: Tot ist, wer seine Hoffnung auf den Menschen, auf seinen Willen, seine Weis­heit und Zukunftseroberung setzt, wer sich mit dem Herzen an das klammert, was doch keinen Halt bieten kann, wer sein eigener Herr sein will und doch den Tod zum Herrn hat, auch wenn ihm das Glück des Lebens lacht. Lebendig ist, wer Ihn Herr sein läßt und von Ihm Trost und Güte und Selig­keit erwartet mitten in den unberechenbaren Wechselfällen des Lebens. Die Eltern haben mit ihrem Kind ein Stück ihres Lebens verloren. Darum soll das Leid sein Recht haben, und wir andern sollen es mitempfinden. Aber auch über uns wird sich der Sarg schließen, und wir werden dann nicht einmal mit Gewißheit sagen können ob unser längeres Leben für die Ewigkeit mehr Frucht gehabt hat als dieses kurze Leben; wir können dann auch nur Seinem Wort Glauben schenken, das uns sagt, daß, wer an Ihn glaubt, nimmermehr stirbt, und wer sein Leben behalten will, es in Wahrheit verliert. Wir kön­nen es uns nicht selber einreden oder aus eigener Kraft glau­ben, daß das auch von diesem toten Kindlein gilt, was Chri­stus einst so kühn von dem Mädchen in Kapernaum sagte: „Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.“ Aber wir können um den Glauben bitten, daß Gott der Herr Sein Reich weit aufgemacht hat; daß in des Heilands Na­men alle Kinder und auch alle Erwachsenen wie Kindlein zu Ihm kom­men dürfen und wir einmal erfahren, warum der Herr reich und arm macht, den Menschen viel harte Proben schickt und [131] doch hindurchhelfen will zu der Hoffnung, die nicht zuschan­den wird, sondern erfüllt wird, daß uns kein Tod töten kann, sondern Leben und Tod durch Jesus uns zum Besten dienen müssen; daß wir es einmal mit eigenen Augen schauen: Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es hat geschlafen. Amen.

Grabrede zur Bestattung von Ruth, gehalten im Frühjahr 1939 auf dem Friedhof in Iptingen.

Quelle: Paul Schempp, Gottes Wort am Sarge. 30 Grabreden, hg. v. Ernst Bizer, 3.A., München: Chr. Kaiser 1960, 128-132.

Hier die Grabrede als pdf.

„Für uns freut sich der ganze Himmel“ – Paul Schempps Weihnachtspredigt zu Lk 2,1-14 von 1945

11. Januar 2017
Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Eine besonders ansprechende Predigt zu Weihnachten hat Paul Schempp 1945 in der reformierten Gemeinde in Stuttgart gehalten. Er weiß die himmlische Perspektive dem Frieden auf Erden zuzusprechen, wenn er ausführt:

„Da merken wir also: die Freude im Himmel gilt wohl dem Ereignis auf der Erde, der Ge­burt Jesu, aber sie ist darin nun eine wirklich himmlische und göttliche Freude, daß die Engel sich nicht über etwas freuen, das ihnen selber gilt, das ihr eigenes Glück erhöht, son­dern daß sie sich restlos für die Erde freuen, für die Menschen, ganz selbstlos für diese ahnungslose Menschheit, darüber, daß ihr das unendliche, entscheidende, unfaßbare Glück widerfahren ist, in ihrer Heillosigkeit nun einen Heiland zu haben. Seht, das muß man zuerst aus der Weih­nachtsgeschichte merken, daß im Himmel Weihnachten gefeiert worden ist, lang, lang ehe die Menschen sich auch so etwas wie ein fröhliches Weihnachtsfest zurecht gemacht und dann auch recht schön, aber doch auch recht menschlich, gefeiert haben. Für uns freut sich der ganze Himmel, uns gratuliert er sozusagen zu diesem Ereignis und gibt uns die erste Auffor­derung, den Anstoß, wir sollten nun doch auch uns selber freuen über dieses Kind, das dem Volk Israel und (wie dieses Gottesvolk ja von Anfang an durch Gottes Gnade und durch eigene Schuld gerade der Welt gehört) so durch dieses Volk der ganzen Welt als Gottes­geschenk gehört.“

Der vollständige Text der Predigt findet sich hier als pdf.