Posts Tagged ‘Pfarrer’

Pastoraler Restschamanismus und die eigene Bodenhaftung

20. Februar 2017

Als evangelischer Pfarrer genießt man ein besonderes Ansehen bei anderen Menschen, nicht nur bei den Mitgliedern der eigenen Kirchengemeinde. Gerade von katholischen Mitchristen werde ich häufig respektvoll als „Herr Pfarrer“ angesprochen – wider die römisch-katholische Lehre, der zufolge einem evangelischen Pfarrer die sakramental vermittelte „Weihegewalt“ (potestas ordinis) fehlt. Obwohl für Katholiken lehrmäßig betrachtet evangelische Pfarrer nur „laienhaft“ handeln können – womit es keine sakramentale Gnadenvermittlung geben kann –, scheinen diese dennoch mit einer besonderen geistlichen Habitus ausgestattet zu sein.

Selbst bei liberal oder agnostisch gesinnten Mitmenschen, die der christliche Lehre skepti­schen, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstehen, findet man als Pfarrer – zumindest in der persönlichen Begegnung – durchaus Respekt. Eigentlich unlogisch, sollte man meinen. Warum jemandem „amtliche“ Wertschätzung entgegenbringen, dessen Worte und Lehre die eigene Vernunft nicht wirklich gelten lassen will?

Der herausgehobene Status von Pfarrern in der Gesellschaft hängt wesentlich mit der archai­schen Vorstellung einer unsichtbaren Überwelt zusammen. Trotz Aufklärung wird auch im säkularen Europa irdisches Geschehen nicht ausschließlich mit naturwissenschaftlichen Gesetzen bzw. zielführenden Handlungen und freien Willensentscheidungen verrechnet. Andernfalls bliebe man im Leben auf einem unerquicklichen Restbetrag sitzen, der als unveränderliches Schicksal hinzunehmen wäre. Da scheint es – für Skeptiker und Agnostiker uneingestandenermaßen – durchaus Sinn zu machen, irdisches Wohlergehen wie auch Unheil in einen Zusammenhang mit unsichtbaren Kräften und Mächten zu bringen. Auch wenn dieses Wirkungsgefüge nicht empirisch nachgewiesen werden kann, suchen Menschen – vor allem in Krisenfällen und Lebensherausforderungen – den Draht zu einem semantisch unbestimmten „Oben“ (das nicht mit einem neuplatonischen, transzendenten „Jenseits“ zu verwechseln ist). Dabei geht es um mehr als nur religiöse Sinnstiftung bezüglich eines Geschehens und deren menschlichen Bewältigung. Vielmehr soll das unsichtbare Wirkungsgefüge positiv beeinflusst werden.

Und genau da sind wir bei Pfarrern als „Mittelsmännern“. Über 1500 Jahre hat das Institut der Weihe bzw. der Ordination katholischen Priestern sowie evangelischen Pfarrern ein beson­deres Amtscharisma innerhalb der Gesellschaft verliehen. Dieses weitgehend exklusive Charisma erstreckt sich nicht nur einen gemeindlichen Hirtendienst, sondern auch auf einen Vermittlungsdienst zwi­schen dem irdischen Leben und der wirksamen „Überwelt“. So wird von evangelischen Pfarrern erwartet, dass sie durch die Rezitation tradierter Heilsworte, insbeson­dere im Segen, durch rituelle Gesten und Handlungen, sowie durch das Gebet auf diese „Überwelt“ im Sinne ihrer Klienten einwirken.

In dem übersinnlichen Vermittlungsdienst kommen Pfarrer dem Schamanis­mus nahe, freilich mit dem Unterschied, dass pastorale Praktiken – das Gebet eingeschlossen – in aller Regel ekstasefrei sind. Himmelsreisen finden nicht statt. Auch wird man das Erleiden zweier konsistorialer Dienstprüfungen nicht ohne weiteres mit der lebenskritischen, psychopathologi­schen Initiation eines Schamanen gleichsetzen können. Aber dass dem Pfarrer eine professionelle Wirksamkeit über die empirische Wirklichkeit hinaus zuerkannt wird, verbindet ihn mit einem Schamanen. Zugleich verleiht sie ihm einen besonderen Amtsbonus: Wer sich professionell in höheren Gefilden zu bewegen scheint, wird von unbotmäßiger Kritik meist verschont. Schließlich könnte ja solche Kritik „oben“ nicht gut ankommen und damit negativ auf den Kritiker zurückwirken.

Für Pfarrer, die sich ja nicht nur rituell, sondern auch mit eigenen Worten zur Geltung bringen, hat der „amtliche“ Respekt nicht nur eine positive Wirkung. Wer scheinbar über anderer Kritik erhaben praktizieren muss, mag sich mitunter selbst verkennen. Da tut es einem gut, wenn man mit evangelikalen, pietistischen und freikirchlichen Mitchristen geschwisterliche Gemeinschaft pflegt. Dort wo unter der Lehrautorität der Heiligen Schrift Christinnen und Christen im Gehorsam gegenüber ihrem Herrn Jesus Christus einander gleichgestellt sind, zählen persönlicher Glaube und eigene Worttreue. In der Geschwisterschaft der Kinder Gottes spielt man als Pfarrer keine herausgehobene Rolle.

„Weiden ist nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden“ – Martin Luther über das kirchliche Hirtenamt

27. Januar 2017

Was James Rebanks in seinem Buch „The Shepard’s Life“ als Grundregeln seines Schäferberufs benannt hat, lässt sich auch auf das pastorale bzw. bischöfliche Hirtenamt in der Kirche übertragen: „My job is simple: get around the fields and feed and shepherd the different flocks of ewes—dealing with any issues that arise. First rule of shepherding: it’s not about you, it’s about the sheep and the land. Second rule: you can’t win sometimes. Third rule: shut up, and go and do the work.“ Passend dazu hat Martin Luther in seinen Predigtauslegungen zum ersten Petrusbrief von 1523 bezüglich 1.Petrus 5,2 „Weidet die Herde Christi, die euch befohlen ist“ ausgeführt:

„Christus ist der Erzhirte, und er hat unter sich viele Hirten und auch viele Schafe, die hat er seinen Hirten hin und her ausgetan, wie St. Petrus hier schreibt, in vielen Ländern. Was sollen dieselben Hirten tun? Sie sollen die Herde Christi weiden. Das hat der Papst auf sich bezogen und will damit bewähren, daß er Oberherr sei und mit den Schafen umgehen möge, wie er will. Man weiß wohl, was „weiden“ heißt, nämlich daß die Hirten den Schafen Weide geben und Futter vorlegen, auf daß sie fruchtbar werden, dazu daß sie darauf sehen, daß nicht die Wölfe kommen und die Schafe zerreißen. Es heißt nicht „schlachten und würgen“.

Nun sagt St. Petrus nachdrücklich „die Herde Christi“, als sollte er sagen: Denkt nicht, daß die Herde euer ist, ihr seid nur Knechte. … Die Bischöfe sind Knechte Christi, daß sie seine Schafe hüten und ihnen Weide geben. Darum ist „weiden“ nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden, daß sich die Schafe nähren im Evangelium und Gottes Wort. Das ist allein eines Bischofs Amt. …

Ein Prediger muß nicht allein weiden, so, daß er die Schafe unterweist, wie sie rechte Christen sein sollen, sondern auch daneben den Wölfen wehren, daß sie die Schafe nicht angreifen und mit falscher Lehre verfüh­ren und Irrtum einführen, wie denn der Teufel nicht ruht. Nun findet man jetzt viele Leute, die wohl leiden mögen, daß man das Evangelium predige, wenn man nur nicht wider die Wölfe schreit und wider die Prälaten pre-[235]digt. Aber wenn ich schon recht predige und die Schafe wohl weide und lehre, so ist’s dennoch noch nicht genug der Schafe gehütet und sie be­wahrt, daß nicht die Wölfe kommen und sie wieder davon führen. Denn wie ist das ein Bauen, wenn ich Steine auftürme und sehe einem anderen zu, der sie wieder einwirft? Der Wolf kann wohl leiden, daß die Schafe gute Weide haben, er hat sie desto lieber, daß sie feist sind. Aber das kann er nicht leiden, daß die Hunde feindlich bellen. Darum ist es ein großes Ding, wer es zu Herzen nimmt, daß einer recht weide, wie es Gott befoh­len hat. …

Und hier rührt St. Petrus zweierlei Stücke an, die da wohl jemanden möchten abschrecken, dem Volk vorzustehen. Aufs erste findet man et­liche, die da fromm sind und lassen sich auch ungern dazu zwingen, daß sie Prediger sind, denn es ist ein mühsames Amt, daß man überall zusehe, wie die Schafe leben, daß man ihnen helfe und sie aufrichte, da muß man Tag und Nacht aufsehen und wehren, daß nicht die Wölfe einreißen, dazu muß man auch Leib und Leben einsetzen. Darum spricht er: „Ihr sollt’s nicht genötigt tun“. Wahr ist’s, es soll sich niemand selbst unberufen zu dem Amt dringen, aber wenn er berufen und gefordert wird, soll er willig hinangehen und tun, was sein Amt fordert. Denn die es genötigt tun müs­sen und nicht Lust und Liebe dazu haben, die werden’s nicht wohl ausrichten.

Die andern sind noch ärger als diese, die dem Volk vorstehen und darin ihren Gewinn suchen, daß sie ihren Wanst weiden. Diese suchen die Wolle und die Milch von den Schafen, fragen nichts nach der Weide. … Denn wenn der, der da weiden soll, so auf das Gut gerichtet und gewinnsüchtig ist, würde er bald selbst ein Wolf werden. …“

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 5, hrsg. v. Hartmut Günther und Ernst Volk, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983, 234f (WA 12,388-390).

Geduldige Annahme und gekonnte Hingabe – Was man als Pfarrer vom Schäfer James Rebanks lernen kann

26. Januar 2017

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Stanley Hauerwas hatte Anfang November kurz vor der Präsidentschaftswahl in den USA einen lesenswerten Aufsatz veröffentlicht: „Is Democracy Capable of Cultivating a Good Life? What Liberals Should Learn from Shepherds“. Darin bezieht er sich auf James Rebanks’ Buch „The Shepard’s Life. Modern Dispatches from an Ancient Landscape“ (auf Deutsch: „Mein Leben als Schäfer“, C. Bertelsmann 2016). Beim Lesen wird man in der Tat in das Leben eines Schäfers im nordenglischen Lake District mitgenommen. Treffend heißt es in der Verlagsankündigung:

„James Rebanks’ Familie lebt seit Generationen im englischen Hochland, dem Lake District. Die Lebensweise ist seit Jahrhunderten von den Jahreszeiten und Arbeitsabläufen bestimmt. Im Sommer werden die Schafe auf die kahlen Berge getrieben und das Heu geerntet; im Herbst folgen die Handelsmessen, wo die Herden aufgestockt werden, im Winter der Kampf, dass die Schafe am Leben bleiben, und im Frühjahr schließlich die Erleichterung, wenn die Lämmer geboren und die Tiere wieder in die Berge getrieben werden können. James Rebanks erzählt von einer archaischen Landschaft, von der tiefen Verwurzelung an einen Ort. In eindrucksvoll klarer Prosa schildert er den Jahresablauf in der Arbeit eines Hirten, bietet uns einen einzigartigen Einblick in das ländliche Leben. Er schreibt auch von den Menschen, die ihm nahe stehen, Menschen mit großer Beharrlichkeit, obwohl sich die Welt um sie herum vollständig verändert hat.“

Die Aufgabe eines Schäfers beschreibt Rebanks mit knappen Worten: „My job is simple: get around the fields and feed and shepherd the different flocks of ewes—dealing with any issues that arise. First rule of shepherding: it’s not about you, it’s about the sheep and the land. Second rule: you can’t win sometimes. Third rule: shut up, and go and do the work.“ (ein längerer Auszug aus Rebanks Buch findet sich hier)

Ja, das Amt eines Pfarrers bzw. Pastors verweist nicht nur etymologisch auf ein Hirtenamt, wie es in im ersten Brief des Petrus vorbildlich dargestellt ist: „Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.“ (1Petr 5,1-4)

Geduldige Annahme und gekonnte Hingabe – was als pastorale Tugenden benannt werden kann, bedarf einer besonderen Story, in der man sich als Christ in der Gemeinschaft der Heiligen auf die göttliche Verheißung hin wiederfindet. Andernfalls bleibt man ein professioneller „Kirchenbenutzer“, der seinen Job im eigenökonomischen Interesse hoffnungslos absolviert.

Søren Kierkegaard – Die Wahrheit über die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesellschaft

1. August 2016
Bischof Jakob Peter Mynster (1775-1854)

Bischof Jakob Peter Mynster (1775-1854)

Kierkegaards letzte publizistische Unternehmung war seine Abrechnung mit dem organisierten Christentum und insbesondere mit der lutherischen Staatskirche in Dänemark, die er in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Der Augenblick (Øjeblikket) veröffentlichte. Hier seine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Stellung der Pfarrers „Die Wahrheit über die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesellschaft“ aus der siebten Ausgabe vom 30. August 1855:

Wie ein Statistiker, der mit derlei vertraut ist, wenn man ihm die Volksmenge einer großen Stadt nennte, die Verhältniszahl für das müsste angeben können, was eine solche Stadt an öffentlichen Frauenzimmern ver­braucht; wie ein Statistiker, der damit vertraut ist, wenn man ihm die Größe einer Armee nennte, die Verhältniszahl für das bestimmen können müsste, was eine Armee dieser Größe an Ärzten braucht, wenn sie gut versorgt sein soll: so müsste auch ein Statistiker, der sich damit befasste, wenn man die Volksmenge in einem Land nennte, die Verhältniszahl für das be­stimmen können, was ein solches Land an Meineidern (Pfarrern) brauchen wird, wenn es, unter dem Namen Christentum, gegen das Christentum völlig gesichert sein sollte, oder völlig vertrauensvoll darauf, unter dem Schein, das Christentum zu haben — Heidentum leben zu können, sogar beruhigt und raffiniert dadurch, dass es Christentum ist.

Von diesem Blickpunkt aus ist die Wahrheit über die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesellschaft zu sehen, oder welche Bewandtnis es in Wahrheit mit seiner Bedeutung hat.

Das Christentum ruht, als auf seiner Voraussetzung, in dieser Betrachtung des Menschendaseins: dass das Menschengeschlecht ein verlorenes Geschlecht ist, dass jeder Einzelne, der geboren wird, dadurch, dass er geboren ist, dass er solcherart einem Geschlecht angehört, ein Verlorener ist. Das Christentum will daher jeden Einzelnen erlösen, macht aber keinerlei Hehl daraus, dass, wenn damit Ernst gemacht werden soll, dieses Leben unbedingt das Gegenteil dessen wird, wofür ein Mensch Geschmack und Sinn hat, eitel Leiden, Qual, Elend.

Darauf geht der Mensch selbstverständlich nicht ein; unter Millionen ist vielleicht kein einziger, der redlich und ehrlich darauf eingehen würde. Für den »Men­schen«, für das »Menschengeschlecht«, für die »Ge­sellschaft« wird die Aufgabe also, sich mit aller Macht gegen das Christentum zu wehren, das als Todfeind des Menschen betrachtet werden muss.

Doch offen mit dem Christentum zu brechen, »nein«, sagt der Mensch, klug, wie er ist, »nein, das ist nicht klug, das ist sogar unvorsichtig und bringt auf keine Weise hinreichend Sicherheit. Eine so ungeheure Macht, wie das Christentum ist — wenn man gerade ihr gegenüber so ehrlich ist, sich so sehr auf sie einlässt, dass man sie geradeheraus verwirft; riskiert man, dass man dieser Macht am Ende doch in die Finger gerät, als Strafe dafür, dass man sich unklugerweise mit ihr eingelassen hat — denn sie ehrlich verwerfen, heißt in gewisser Weise doch, sich auf sie einlassen.«

Nein, hier gehören ganz andere Mittel hin, hier muss der schlaue Kopf »Mensch« ganz anders auf seinem Posten sein.

Und jetzt fängt die Komödie an. Für eine Volks­menge von der und der Größe wird man, so sagt der Statistiker, eine so und so große Anzahl von Meineidern brauchen. Die werden engagiert. Dass dasjenige, was sie verkünden, dass dasjenige, was ihr Leben aus­drückt, nicht das Christentum des Neuen Testaments ist, sehen sie wohl selber; aber sie sagen: es ist unser Broterwerb, für uns gilt es, die Ohren steifzuhalten, uns nicht anfechten zu lassen.

Das waren die Meineider. Die Gesellschaft hat viel­leicht eine Art Ahnung davon, dass es mit diesem Eid auf das Neue Testament wohl nicht seine richtige Be­wandtnis hat. Doch für uns, denkt die Gesellschaft, ist die Aufgabe natürlich, die Ohren steifzuhalten, so zu tun, als wäre alles in seiner Ordnung. »Wir«, so sagt die Gesellschaft, »wir sind nur Laien, wir ruhen getrost im Vertrauen auf den Pfarrer, der ja durch Eid auf das Neue Testament verpflichtet ist.«

Jetzt ist die Komödie vollkommen; alles ist Christ und christlich, und Pfarrer — und alles drückt das genaue Gegenteil vom Christentum des Neuen Testaments aus. Aber es ist wie unmöglich, das Ende dieses so schlau Verwickelten zu erwischen, es ist wie unmöglich, hinter diesen Schein zu kommen. Wie sollte jemand darauf verfallen, zu bezweifeln, dass das Chri­stentum vorhanden ist, das ist ja genauso unmöglich, wie dass einer darauf verfallen könnte, der Pfarrer sei ein Gewerbetreibender, er ist ja durch Eid dazu ver­pflichtet, dieser Welt zu entsagen, so dass also das Gewerbe, das Geschäft, unter der Bezeichnung Ent­sagung von dieser Welt läuft, ebenso verwirrend, wie wenn einer, der ankommt, Lebwohl sagt, wie sollte jemand darauf verfallen, wenn man das Wort Lebwohl hört, dass da einer ankommt, und wie sollte jemand darauf verfallen — worauf wohl auch keiner verfallen ist oder was, wenn ich es nicht selber gesagt hätte, wohl auch keiner gewusst hätte, von wem ich unter dem Namen »Meineider« spreche, dass es der »Pfarrer« ist, der »Pfarrer«, der ja gerade: Wahrheitszeuge ist.

Das ist die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesell­schaft, die von Geschlecht zu Geschlecht eine »not­wendige« Anzahl von Meineidern verbraucht, um unter dem Namen Christentum gegen das Christentum völlig gesichert zu sein und völlig gesichert, Heidentum leben zu können, vertrauensvoll gemacht, sogar raffi­niert dadurch: dass das Christentum ist.

Natürlich gibt es im ganzen Pfarrerstand keinen einzigen Ehrlichen. Ja, ich weiß schon, dass Leute, die im Übrigen nicht abgeneigt sind, in dem, was ich sage, mit mir einig zu sein, doch meinen, ich müsste Aus­nahmen machen, es gebe doch einzelne. Nein, danke; darauf zu sprechen kommen hieße, in den Quatsch hineinkommen; denn das Ergebnis wäre dann ver­mutlich, dass der ganze Stand und die ganze Gesell­schaft mir in allem, was ich sage, recht gäbe, denn jeder für sich würde natürlich meinen, er sei die Aus­nahme. Es gibt aber, ganz buchstäblich, keine Aus­nahme; es gibt, ganz buchstäblich, keinen einzigen ehrlichen Pfarrer. Die Polizei möge sich nur diesen vermeintlich Ehrlichen, selten und außerordentlich Red­lichen etwas genauer ansehen: und wer sehen will, der wird bald sehen, dass auch der nicht ausgenommen ist; denn es gibt ganz buchstäblich keinen einzigen Ehr­lichen.

Erstens kann er doch wohl nicht so dumm sein, nicht zu sehen, dass die Weise, wie er entlohnt wird, christlich, durchaus unzulässig ist, genau gegen die Anordnung Christi ist; item, dass sein ganzes Dasein als Einheit aus Staatsdiener und Jünger Christi, christlich, durchaus unzulässig ist, genau gegen die Anordnung Christi eine Zweideutigkeit, so dass man (obschon aus einem anderen Grunde als dem, warum es gegen Ver­brecher gebraucht wird, — denn der »Pfarrer« läuft schwerlich weg, davor braucht man keine Angst zu ha­ben) verlangen könnte, dass seine Tracht zweifarbig sei[1]*), um auszudrücken: teils-teils, sowohl-als-auch. — Zwei­tens; dadurch, dass er Mitglied des Standes ist, hat er an der Schuld des ganzen Standes teil; wenn der ganze Stand Verderbtheit ist, kann Ehrlichkeit nur dadurch ausgedrückt werden, dass man es unterlässt, Mitglied dieses Standes zu werden, sonst bewirkt man ja nur – wenn wir das mit seiner Ehrlichkeit einen Augenblick gelten lassen wollen —, dass der Stand dadurch, dass er ihn dabei hat, einen bekommt, auf den er sich berufen kann, was er gerade nicht haben sollte. Es ist, wie wenn die Polizei bei einer Ansammlung den Leuten bedeutet, sich wegzuverfügen: kein guter Bürger bleibt dann stehen; stehenzubleiben ist eben das Zei­chen dafür, dass man Gemeinschaft haben will mit denen, die trotz des Verbotes der Polizei stehenblei­ben. Einen Augenblick aber soll ruhig gelten, dass dieser Mann, der stehenbleibt, ein höchst respektabler, ein guter Bürger ist; wir wollen darüber hinwegsehen, dass er es durch sein Stehenbleiben widerlegt; durch sein Stehenbleiben richtet er in einem anderen Sinne großen Schaden an. Die Ansammlung bekommt jetzt einen, auf den sie sich berufen kann, und das bewirkt vielleicht, dass die Polizei nicht so energisch vorgehen kann, wie nötig wäre, nur weil dieser »gute Bürger« dabei ist. — Drittens; vielleicht ist dieser vermeintlich Ehrliche so weit davon entfernt, eine Ausnahme zu sein, dass er, nur auf eine feinere Weise, sogar schlim­mer ist als andere. Unter Blinden ist bekanntlich der Einäugige König; und das ist ganz schlau ausgedacht: wenn man darauf abzielt, für einen billigen Preis als etwas Außerordentliches zu gelten, sich dann in die Gesellschaft der Mittelmäßigkeit, der Jämmerlichkeit, der Unredlichkeit zu begeben; hier wird, durch den Gegensatz, das eigene bisschen Ehrlichkeit sich brillant ausnehmen, o ja, wenn nicht dieses schlaue Ausnutzen der Beleuchtung eine weitaus tiefere Art von Unehr­lichkeit wäre als die unverhohlene der anderen.

Nein, es gibt ganz buchstäblich keinen einzigen ehrlichen Pfarrer. Und dagegen ist durch die Anwe­senheit des »Pfarrers« die ganze Gesellschaft, christ­lich, eine Niederträchtigkeit, was sie so jedoch nicht wäre, wenn der »Pfarrer« nicht dabei wäre.

Von morgens bis abends drücken diese Tausende oder Millionen der Gesellschaft die Anschauung des Lebens aus, die der des Christentums genau entgegen­gesetzt ist, so sehr entgegengesetzt wie Leben zu Sterben. Das kann man nicht niederträchtig nennen, das ist menschlich. Aber jetzt kommt das Niederträchtige: dass 1000 auf das Neue Testament vereidigte Männer dabei sind, die selber, wie die ganze übrige Gesellschaft, die Anschauung des Lebens ausdrücken, die der des Christentums genau entgegengesetzt ist, aber zugleich der Gesellschaft versichert, dies sei Chri­stentum. Jetzt ist die Gesellschaft eine Niederträch­tigkeit.

Im Sinne des Neuen Testaments Christ sein ist, in aufsteigender Richtung, vom Menschsein ebenso ver­schieden, wie Menschsein, in absteigender Richtung, vom Tiersein verschieden ist. Ein Christ im Sinne des Neuen Testaments ist, obschon er, leidend, mitten in der Wirklichkeit dieses Lebens steht, diesem Leben jedoch durchaus entfremdet, er ist, wie es in der Schrift heißt, auch in den Kollekten (die — blutige Satire! — noch von der Sorte Pfarrer verlesen wird, die wir jetzt haben, und der Sorte Christen, die jetzt lebt) Fremdling und Pilger — man stelle sich nur vor, wie z. B. der verstorbene Bischof Mynster psalmodiert: Wir sind Fremdlinge und Pilger in dieser Welt. Ein Christ im Sinne des Neuen Testaments ist buchstäblich ein Fremdling und Pilger: er fühlt sich fremd, und jeder spürt unwillkürlich, dass er ihm fremd ist.

Lass mich ein Beispiel nehmen. So zu leben, dass man angestrengter arbeitet als ein Zwangsarbeiter, und dadurch erreicht, dass man Geld zusetzt, gar nichts wird, ausgelacht wird u. dgl.: diese Art zu leben muss sich für die Menge der Menschen wie eine Art Ver­rücktheit darstellen, jedenfalls werden die Vielen sich befremdet fühlen, werden befremdet auf eine solche Lebensweise blicken. Die Wahrheit indes ist die, dass eine solche Lebensweise dem Christentum des Neuen Testaments entspricht. Lassen wir jetzt einen, der so lebt, in einer christlichen Gesellschaft leben, wo es eine ganze Mannschaft von durch Eid auf das Neue Testa­ment verpflichteten Lehrern gibt: da kommt die Nie­derträchtigkeit. Diese vereidigten Lehrer, ja gerade angesichts ihrer und ihrer Lebensweise fühlt die Menge sich nicht befremdet, das kennen die Vielen gut, das ist ja ihr Eigenes: es lebe der Profit, Tätigsein im Ge­werbe, das sich durch das eine und das andere bezahlt macht. Aber diese Lehrer, sie sind ja Pfarrer, also müssen sie doch wohl, als auf das Neue Testament vereidigt, wissen, was Christentum ist, also geben sie der Menge die Garantie dafür, dass dieses Profitable u. dgl., dass das wahres Christentum ist. Wenn dann die Menge, solcherart belehrt, gerade angesichts einer sol­chen Lebensweise wie der beschriebenen sich befrem­det fühlt, geneigt ist, sie für Verrücktheit anzusehen (was noch nicht niederträchtig, sondern menschlich ist), so meint jetzt die Menge, christlich, dazu berechtigt zu sein, über ein solches Leben zu urteilen, es sei eine Art Verrücktheit. Das ist niederträchtig, und diese Niederträchtigkeit ist auf die Anwesenheit des —»Pfarrers« zurückzuführen.

Einmal verlief das Gespräch mit dem verstorbenen Bischof Mynster so: ich sagte zu ihm, die Pfarrer könn­ten das Predigen fast genauso gut lassen, all ihr Predi­gen bringe gar keine Wirkung hervor, weil die Ge­meinde in aller Stille im Nacken hinten denke: ja, das ist sein Broterwerb. Darauf antwortete Bischof Mynster erstaunlicherweise: Daran ist etwas. Diese Antwort hatte ich eigentlich nicht erwartet; denn zwar geschah das unter vier Augen, aber Bischof Mynster pflegte, was diesen Punkt betrifft, sonst immer die Vor­sicht selber zu sein. Was mich angeht, so habe ich mich hinsichtlich jener meiner Äußerung nur inso­weit verändert, als mir jetzt deutlich geworden ist, dass der Pfarrer in einem Sinne doch eine ungeheure Wir­kung hervorbringt, dass seine Anwesenheit die ganze Gesellschaft, christlich, in eine Niederträchtigkeit ver­wandelt.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 183-189.

[1] Wie die Tracht der damaligen dänischen Zuchthäusler. (A. d. Ü.)

Søren Kierkegaard – Der Pfarrer beweist nicht nur die Wahrheit des Christentums, er widerlegt sie zugleich

25. Juli 2016

Amtstracht eines lutherischen Geistlichen

Kann ein Pfarrer das Evangelium glaubwürdig bezeugen? Kierkegaard verneint dies mit folgender Begründung: „Der Beweis dafür, dass etwas Wahrheit ist, aus der Bereitschaft, dafür zu leiden, der kann nur von einem geführt werden, der selber bereitwillig dafür leidet. Der Beweis des Pfar­rers: die Wahrheit des Christentums daraus zu beweisen, dass er Geld dafür nimmt, Profit davon hat, davon lebt, mit Familie, regelmäßig befördert, davon lebt — dass andere gelitten haben, ist Widerspruch in sich, ist, christlich, Prellerei.“ Hier Kierkegaards Text „Der Pfarrer beweist nicht nur die Wahrheit, er widerlegt sie zugleich“ aus Øjeblikket (Der Augenblick), Nr. 9 vom 24. September 1855:

Zu geoffenbarter Wahrheit gibt es nur ein Verhalten: zu glauben.

Dass man glaubt, lässt sich nur auf eine Art beweisen: dadurch, dass man bereit ist, für seinen Glauben zu leiden; und der Grad des eigenen Glaubens wird nur durch den Grad der eigenen Bereitschaft bewiesen, für seinen Glauben zu leiden.

Auf die Weise kam das Christentum in die Welt; ihm dienten Zeugen, die bereit waren, unbe­dingt alles für ihren Glauben zu erleiden, und die wirklich auch leiden, die Leben und Blut für den Glauben opfern mussten.

Der Mut ihres Glaubens macht dann seinen Ein­druck auf das Menschengeschlecht, das zu folgendem Schluss veranlasst wird: Was den Menschen dazu be­geistern kann, solcherart alles zu opfern, Leben und Blut zu wagen, das muss doch Wahrheit sein.

Das ist der Beweis, der für die Wahrheit des Chri­stentums geführt worden ist.

Jetzt hingegen ist der Pfarrer so gut, dies zu seinem Gewerbe zu machen (aber Gewerbe ist doch wohl gerade das Gegenteil von Leiden, von Geopfertwerden, worin der Beweis liegt): die Wahrheit des Chri­stentums daraus zu beweisen, dass Menschen gelebt haben, die für das Christentum alles geopfert, die Leben und Blut gewagt haben.

Also Beweis und Widerlegung auf einmal! Der Beweis für die Wahrheit des Christentums daraus, dass man alles dafür gewagt hat, wird ja dadurch widerlegt oder verdächtig gemacht, dass der Pfarrer, der diesen Beweis vorträgt, gerade das Gegenteil tut. Wenn man die Herrli­chen, die Wahrheitszeugen, alles für das Christentum wagen sieht, wird man zu diesem Schluss veranlasst: das Christentum muss Wahrheit sein; wenn man auf den Pfarrer acht gibt, wird man zu diesem Schluss veranlasst: das Christentum ist wohl nicht die Wahrheit, sondern der Profit ist die Wahrheit.

Nein, der Beweis dafür, dass etwas Wahrheit ist, aus der Bereitschaft, dafür zu leiden, der kann nur von einem geführt werden, der selber bereitwillig dafür leidet. Der Beweis des Pfar­rers: die Wahrheit des Christentums daraus zu beweisen, dass er Geld dafür nimmt, Profit davon hat, davon lebt, mit Familie, regelmäßig befördert, davon lebt — dass andere gelitten haben, ist Widerspruch in sich, ist, christlich, Prellerei.

Und deshalb muss der »Pfarrer«, christlich, gehalten werden, wie man, bürgerlich, davon spricht, einen Dieb zu halten. Und wie einem Juden »Hepphepp« nachgerufen wurde, so soll, bis man keinen Pfarrer mehr sieht, dem Pfarrer nachgerufen werden: Haltet den Dieb! Haltet ihn, er stiehlt, was den Herrlichen gehört! Was sie durch ihre edle Uneigennützigkeit verdient hatten, was sie aber, mit Undank belohnt, verfolgt, erschlagen, nicht bekamen, das stiehlt der Pfarrer ihnen dadurch, dass er ihr Leben vereinnahmt, ihre Leiden schildert, die Wahrheit des Christentums aus der Bereitschaft jener Herrlichen beweist, für sie zu leiden. So bestiehlt der Pfarrer die Herrlichen; und so betrügt er den Einfältigen, die Menge der Men­schen, die keine Fähigkeit haben, den Handel des Pfarrers zu durchschauen: dass er die Wahrheit des Christen­tums beweist und sie zugleich widerlegt.

Was Wunder denn, dass das Christentum gar nicht vorhanden ist, dass das Ganze mit der Christenheit Galimathias ist, wenn diejenigen, die Christen sind, es in Vertrauen auf den Beweis des Pfarrers sind, wenn sie annehmen, das Christentum sei Wahrheit, in Ver­trauen auf den Beweis des Pfarrers: dass etwas Wahr­heit ist, weil einer bereitwillig genug ist, davon Profit zu haben und vielleicht sogar, raffinierend, den zusätzlichen Profit nimmt, zu versi­chern, er sei bereit, zu leiden. In Vertrauen auf diesen Beweis die Wahrheit des Christentums anzunehmen, ist ebenso sinnlos, wie sich selbst als einen wohlhabenden Mann anzusehen, weil man viel Geld in den Händen hat, das einem nicht gehört, oder weil man etliches Papier­geld besitzt, aus­gestellt von einer Bank, die keine Valuta besitzt.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 238-240.

Søren Kierkegaard – „Pfarrer — dieser in lange Kleider gehüllte Inbegriff des Nonsens“ (Das Christentum des Neuen Testaments, das Christentum der »Christenheit«)

7. Juli 2016

Kreuz als Steckenpferd des Christentums

Kierkegaards letzte publizistische Unternehmung war seine Abrechnung mit dem organisierten Christentum und insbesondere mit der lutherischen Staatskirche in Dänemark, die er in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Der Augenblick (Øjeblikket) veröffentlichte. Hier der Beitrag „Das Christentum des Neuen Testaments, das Christentum der »Christenheit«“ aus der fünften Ausgabe vom 27. Juli 1855:

Der Gedanke des Christentums war: alles verändern zu wollen.

Das Ergebnis, das Christentum der »Christenheit«, ist: dass alles, unbedingt alles, geblieben ist, wie es war, nur dass alles den Namen »christlich« angenom­men hat — und jetzt (Musikanten, spielt auf!), jetzt leben wir das Heidentum, so fröhlich, so fröhlich, im Kreis, im Kreis, im Kreis herum; oder richtiger: wir leben das Heidentum raffiniert mit Hilfe der Ewigkeit und mit Hilfe dessen, dass ja das ganze christlich ist!

Versuch es, nimm, was Du willst, und Du wirst sehen, es trifft zu, es ist, wie ich sage.

Wenn es das war, was das Christentum wollte: Keuschheit — weg mit den Hurenhäusern. Die Ver­änderung ist die, dass die Hurenhäuser genau so ge­blieben sind wie im Heidentum, die Verhältniszahl der Liederlichkeit ebenfalls, aber es sind »christliche« Hurenhäuser geworden. Ein Hurenwirt ist ein »christ­licher« Hurenwirt, er ist genauso Christ wie wir ande­ren; ihn von den Gnadenmitteln auszuschließen, »nein, Gott behüte«, wird der Pfarrer sagen, »wohin kämen wir, wenn wir erst anfingen, ein einziges zah­lendes Mitglied auszuschließen«. Er stirbt, und je nachdem, wie er bezahlt, bekommt er am Grabe eine ehrenvolle Lobrede. Und nachdem er auf eine, christ­lich, so schäbige, so gemeine Weise sein Geld verdient hat — denn, christlich, dürfte der Pfarrer es lieber ge­stohlen haben —, geht der Pfarrer dann nach Hause, er hat es eilig, er muss in die Kirche, um zu deklamieren oder, wie Bischof Martensen sagt: Zeugnis abzulegen.

Wenn es das war, was das Christentum wollte: Red­lichkeit und Ehrlichkeit, weg mit dem Betrug — die Veränderung, die bewirkt wurde, ist die: der Betrug ist genau so geblieben wie im Heidentum, »ein jeder« (Christ!) »ist Dieb in seinem Gewerbe«; aber der Be­trug hat das Prädikat »christlich« angenommen, er ist »christlicher« Betrug geworden — und der »Pfarrer« erteilt dieser christlichen Gesellschaft seinen Segen, diesem christlichen Staat, wo man betrügt wie im Heidentum und sich dadurch, dass man den »Pfarrer«, also den größten Betrüger, bezahlt, zugleich ertrügt, dass das Christentum ist.

Wenn es das war, was das Christentum wollte: Ernst im Leben und weg mit Ehre und Ruhm der Eitelkeit — alles ist geblieben, wie es war, die Ver­änderung die, dass es das Prädikat »christlich« ange­nommen hat: die Ordensklunker, Titel, Ränge usw. sind christlich — und der Pfarrer (diese unanständigste Zweideutigkeit aller Zweideutigkeiten, dieser lächer­lichste Mischmasch aller Lächerlichkeiten!), er ist närrisch vor Freude, wenn er selber — mit dem »Kreuz« dekoriert wird. Dem Kreuz! Ja, im Christentum der »Christenheit« ist das Kreuz so etwas wie Steckenpferd und Trompete eines Kindes geworden.

Und so in allem. Wenn es im natürlichen Menschen nächst dem Selbsterhaltungstrieb einen starken Trieb gibt, dann den nach der Fortpflanzung der Art, den deshalb auch das Christentum abzukühlen sucht, in­dem es lehrt, besser sei es, nicht zu heiraten, doch wenn schon, dann sei es besser, zu heiraten, als Brunst zu leiden. In der Christenheit aber ist die Fortpflanzung der Art zum Ernst des Lebens wie auch zum Christen­tum geworden; und der Pfarrer — dieser in lange Kleider gehüllte Inbegriff des Nonsens! — der Pfarrer, der Lehrer in Christentum, dem Christentum des Neuen Testaments, hat sogar seine Einkünfte danach bemes­sen bekommen, dass die Menschen für die Fortpflan­zung der Art tätig sind, bekommt für jedes Kind eine bestimmte Summe!

Wie gesagt, versuch es, und in allem wirst Du finden, dass es ist, wie ich sage: die Veränderung im Vergleich zum Heidentum ist die, dass alles unverändert geblie­ben ist, aber das Prädikat: christlich angenommen hat.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 100-102.

Søren Kierkegaard – Christentum hospitalisiert (Die Einschätzung des Arztes)

6. Juli 2016

Krankensaal

Kierkegaards letzte publizistische Unternehmung war seine Abrechnung mit dem organisierten Christentum und insbesondere mit der lutherischen Staatskirche in Dänemark, die er in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Der Augenblick (Øjeblikket) veröffentlichte. Hier der Beitrag „Die Einschätzung des Arztes“ aus der vierten Ausgabe vom 7. Juli 1855:

Dass eine richtige Diagnose (die Einschätzung der Krankheit) mehr als halbgewonnenes Spiel bedeutet, wird jeder Arzt zugeben, und ebenso, dass alle sonstige Tüchtigkeit, alle Fürsorge und Achtsamkeit nichts hilft, wenn nicht richtig diagnostiziert ist.

So auch im Verhältnis zum Religiösen.

Das mit der »Christenheit«, dass wir alle Christen sind, hat man und wird man weiterhin als gültig stehen lassen; und dann hat man bald die eine, bald die andere Seite der Lehre hervorgekehrt und wird es weiterhin tun.

Die Wahrheit aber ist: nicht nur sind wir keine Christen, nein, wir sind nicht einmal Heiden, denen ohne Bedenken die christliche Lehre verkündet werden konnte, sondern wir sind sogar durch einen Sinnentrug, einen ungeheuren Sinnentrug (»Christenheit«, christlicher Staat, christliches Land, eine christliche Welt) daran gehindert, es zu werden.

Und dann will man, dass man den Sinnentrug unan­getastet, unverändert bestehen lässt und dagegen eine neue Darstellung der christlichen Lehre liefert.

Das will man; und in einem gewissen Sinne ist das ganz in seiner Ordnung; eben weil man im Sinnentrug befangen ist (um nicht davon zu reden: wenn man sogar am Sinnentrug interessiert ist), eben deshalb muss man wollen, was die Krankheit nährt — etwas ganz Gewöhnliches, dass dasjenige, wonach den Kranken am meisten gelüstet, eben das ist, was die Krankheit nährt.

2.

Denk Dir ein Krankenhaus. Die Patienten sterben wie Fliegen. Die Methoden werden auf die eine und die andere Weise geändert: hilft nichts. Woran kann es dann liegen? Es liegt am Gebäude, das ganze Gebäude hat Gift in sich; dass die Patienten als an einer Krankheit gestorben verzeichnet werden, der eine an dieser, der andere an jener, ist eigentlich nicht wahr; denn sie sind alle an dem Gift gestorben, das im Gebäude ist.

So im Religiösen. Dass der religiöse Zustand jäm­merlich ist, dass sich die Menschen religiös in einem erbärmlichen Zustand befinden, das steht fest. Einer meint dann, wenn man ein neues Gesangbuch, ein anderer, wenn man eine neue Liturgie, ein dritter, wenn man Gottesdienst mit Musik bekäme usw. usw., würde das helfen.

Vergeblich; denn es liegt am: Gebäude. Das ganze Gerümpel mit einer Staatskirche, wo, geistig gespro­chen, seit unvordenklichen Zeiten nicht gelüftet wor­den ist, die eingesperrte Luft in diesem Gerümpel hat Gift entwickelt. Und deshalb ist das religiöse Leben krank oder ausgestorben, ach, denn eben das, was Weltlichkeit als Gesundheit ansieht, ist, christlich, Krankheit, ebenso wie, umgekehrt, das christlich Gesunde von Weltlichkeit als krankhaft angesehen wird.

Lasst es denn einstürzen, dieses Gerümpel, schafft es weg, schließt all diese Geschäfte und Buden, die einzi­gen, welche die strenge Feiertagsverordnung ausge­nommen hat, macht diese offizielle Zweideutigkeit unmöglich, setzt sie außer Tätigkeit und versorgt sie, all die Quacksalber — denn wenn es sich auch so ver­hält, dass der königlich autorisierte Arzt der rechte Arzt ist und der nicht autorisierte der Quacksalber, dann ist es christlich umgekehrt, eben der königlich autori­sierte Lehrer ist der Quacksalber, ist es, weil königlich autorisiert: und lasst uns Gott wieder in Schlichtheit verehren, statt ihn in Prachtgebäuden zum Narren zu halten, lasst es wieder Ernst werden und mit dem Spiel vorbei sein — denn ein Christentum, verkündet von königlichen Beamten, die vom Staat besoldet und ab­gesichert sind, die gegen die anderen Polizei einsetzen, ein solches Christentum verhält sich zum Christentum des Neuen Testaments ebenso, wie es, an Schwimmen gemessen, ein Spielen ist, wenn man mit Kork oder Blase schwimmt.

Ja, lasst es geschehen; was dem Christentum nottut, ist nicht die erstickende Protektion des Staates, nein, frische Luft tut ihm not, Verfolgung und — die Pro­tektion Gottes; der Staat richtet nur Unheil an, er wehrt die Verfolgung ab, und er ist nicht das Medium, durch das Gottes Protektion sich leiten lässt. Vor allem: erlöst das Christentum vom Staat; mit seiner Protektion liegt er das Christentum tot, wie wenn eine Madame mit ihrem Corpus ihr Kind totliegt, und er lehrt das Christentum die abscheulichsten Unsitten: unter dem Namen Christentum Polizeimacht einzusetzen.

3.

Ein Mensch wird mit jedem Tag magerer, wird ausgezehrt, was kann es sein, er leidet ja doch keine Not. »Nein, gewiss«, sagt der Arzt, »davon kommt es nicht, es kommt gerade von seinem Essen, davon, dass er zur Unzeit isst, dass er isst, ohne Hunger zu haben, Reizmittel benutzt, um ein wenig Esslust hervorzubringen, und auf diese Weise zerstört er seine Verdauung, schwindet dahin, als litte er Not.«

So religiös. Das Verderblichste von allem ist, zu befriedigen, was noch kein Bedürfnis ist, so dass man nicht abwartet, bis das Bedürfnis da ist, sondern ihm zuvorkommt, wohl auch durch Reizmittel versucht, etwas hervorzubringen, was ein Bedürfnis sein soll und was dann befriedigt wird. O es ist empörend! Und doch ist es das, was man auf religiösem Gebiete tut, wodurch man eigentlich die Menschen um das bringt, was die Bedeutung des Lebens ausmacht, und ihnen hilft, das Leben zu vertun.

Denn dafür die ganze Maschinerie mit einer Staats­kirche und 1000 königlichen Beamten, die in der Ge­stalt von Sorge für die Seelen der Menschen ihnen das Höchste im Leben abnarren, dass sie in ihnen ent­stünde, diese Selbstkümmernis, dieses Bedürfnis, das dann wahrlich schon einen Lehrer, einen Pfarrer nach seinem Sinne fände, statt dass jetzt das Bedürfnis – und eben das Entstehen dieses Bedürfnisses im Men­schen ist die höchste Bedeutung des Lebens — gar nicht entsteht, sondern dadurch, dass es befriedigt wird, lange bevor es entstanden ist, am Entstehen ge­hindert wird. Und das soll das Fortsetzen einer Tätig­keit sein, die der Erlöser des Menschengeschlechts voll­führte, dies, dieses Verhunzen des Menschenge­schlechts — und warum? weil nun einmal so und so viele königliche Beamte da sind, die unter dem Namen Sorge für die Seelen mit Familie davon leben müssen!

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 68-71.

Søren Kierkegaards Kritik am Pfarrberuf

14. Juni 2016

Soeren_Kierkegaard

Am 24. Mai 1855 erschien in Kopenhagen die erste Nummer einer Zeitschrift, die von Søren Kierkegaard erdacht, herausgegeben und verfasst wurde – Der Augenblick (Øjeblikket). Es war Kierkegaards letzte publizistische Unternehmung – eine Abrechnung mit dem organisierten Christentum und insbesondere mit der lutherischen Staatskirche in Dänemark. Neun Ausgaben erschienen, bevor Kierkegaard am 2. Oktober einen Schlaganfall erlitt und am 11. November 1855 verstarb. Kierkegaards Augenblick-Texte sind auch heute noch eine Zumutung, gerade für uns Pfarrerinnen und Pfarrer. Hier ein Beitrag aus der dritten Ausgabe vom 27. Juni 1855:

Will der Staat in Wahrheit dem Christentum dienen, so möge er die 1000 Broterwerbe wegnehmen.

Solange in Dänemark 1000 königliche Broterwerbe für Lehrer in Christentum vorhanden sind, ist das Bestmögliche dafür getan, Christentum zu verhindern.

Solange es 1000 königliche Broterwerbe gibt, wird es ständig eine entsprechende Anzahl von Menschen geben, die sich auf diese Weise ihr Brot zu verdienen gedenken.

Unter diesen werden einige wenige sein, die vielleicht doch die Berufung entdeckt haben, Christentum zu verkünden. Aber in eben dem Augenblick, da es für sie recht Ernst damit würde, daß sie, einzig im Vertrauen auf Gott, ein eigenes Risiko übernehmen müßten, um als Lehrer aufzutreten — eben da eröffnet ihnen der Staat die Möglichkeit, ein königliches Amt anzunehmen, wodurch diese wenigen, christlich, verhunzt werden.

Die weitaus größere Anzahl hätte gar keine Berufung, Christentum zu verkünden, sondern betrachtet es simplement als Broterwerb.

Auf diese Weise erreicht es der Staat, das ganze Land mit verdorbenem Christentum anzufüllen, die allergrößte Schwierigkeit dabei, wahres Christentum einzuführen, weitaus größer als völliges Heidentum.

Nimm ein Beispiel. Fiele es dem Staate ein, alle wahre Poesie zu verhindern, er brauchte nur — und Poesie ist doch mit dieser Welt nicht so ungleichartig, wie es Christentum ist — brauchte nur 1000 Broterwerbe für königliche Dichterbeamten einzurichten; dann wird es bald erreicht, wird das Land ständig in dem Grade von verdorbener Poesie überfüllt sein, daß wahre Poesie nahezu eine Unmöglichkeit ist. Die wenigen, die wirklich die Berufung hätten, Dichter zu werden, sie würden in eben dem kritischen Augenblick von der Anstrengung abspringen, die es bedeutet, sich auf eigenes Risiko hinauszuwagen, und hinein in diese Bequemlichkeit: ein königliches Amt; doch jene Anstrengung ist eben die Bedingung dafür, daß es mit ihrer Dichterberufung etwas werden könnte. Die vielen würden darin, Dichter zu sein, nur einen Broterwerb sehen, einen Broterwerb, den man sich dadurch sicherte, daß man die Qualen der Examensvorbereitung aushält.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 65f.

Die Macht des Pfarrers

17. Oktober 2014

Wie Kirche ihre Macht missbraucht

Bernd Deininger, fränkischer Theologe und Psychoanalytiker, hat jüngst ein Buch unter dem Titel Wie die Kirche ihre Macht missbraucht bei S. Fischer veröffentlicht. In der ZEIT vom 25. September findet sich dazu ein Auszug. Über die Machtversuchung von Pfarrern schreibt er Folgendes:

„Man unterstellt einem Pfarrer, dass er mehr über Gott weiß als andere. Als Theologe hat er seine Religion zum Beruf gemacht. Er hat die Bibel nicht nur gelesen, sondern studiert. Diesen Sachverstand auf einem bestimmten Gebiet gesteht man auch einem Automechaniker zu. Aber es gibt einen bedeutenden Unterschied zur Kompetenz eines Pfarrers. Wenn mein Auto nach einer Reparatur in der Werkstatt noch immer nicht fährt, bekomme ich Zweifel am Können des Mechanikers. Die Arbeit eines Pfarrers lässt sich nicht in dieser Weise beurteilen. Religion befasst sich mit dem Unerklärlichen. Man kann Gott nicht sehen, und seine Wege, heißt es, seien unergründlich. Alles, was ein Geistlicher tut, tut er im Namen Gottes, aber es gibt kein messbares Ergebnis seiner Arbeit. An die Kompetenz des Pfarrers muss man glauben. Das gibt ihm eine ganz besondere Art von Macht.“

Kirche geht nicht gegen Teuffel vor

15. Mai 2014

Das ist doch mal eine richtige Schlagzeile, die über dem Artikel von Reinhard Bingener in Sachen Disziplinarverfahren in der heutigen F.A.Z. steht. Und wenn dann auch noch ein nachnamensvettriger Kommunarde (ja, der mit der Wahrheitsfindung) seine Wiederauferstehung von den Toten als Vöhringer Pfarrer feiert, dann kann es ja mit der Endzeit nicht mehr weit sein. Hier der Text in seiner vollen Schönheit:

Kirche geht nicht gegen Teuffel vor

bin. FRANKFURT, 14. Mai. Gegen einen Pfarrer, der einer aus der evangelischen Kirche ausgetretenen Frau das Abendmahl gereicht hat, wird kein Disziplinarverfahren eingeleitet. Pfarrer Fritz Teuffel aus Vöhringen im bayerischen Schwaben hatte bei der Landeskirche in München ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst beantragt, nachdem er das Abendmahl an eine Frau ausgeteilt hatte, die sich durch Austritt der Kirchensteuerzahlungen an die Landeskirche entledigt hatte und das Geld stattdessen direkt ihrer heimatlichen, Kirchengemeinde überweisen wollte. Pfarrer Teuffel begründete seinen Antrag gegen sich selbst damit, er habe durch sein Handeln gegen die Leitlinien der Kirche verstoßen, nach denen Personen mit dem Austritt ihrer Mitgliedschaftsrechte verlustig gehen. Der Landeskirchenrat wies Teuffel am Mittwoch darauf hin, dass der Verlust der Mitgliedschaftsrechte nicht gleichbedeutend damit sei, dass es verboten ist, Ausgetretenen Trauung, Bestattung oder Abendmahl zu gewähren. Der Sprecher der Landeskirche erläuterte, die Kirchenleitung gebe den Pfarrern mit Bedacht nur die „große Linie“ vor, wolle aber keine Einzelfälle regeln. Pfarrer sollten ,,Spielraum“ haben, dabei aber darauf achten, dass Großzügigkeit nicht „ausgenutzt“ werde.
Der Landeskirchenrat verband seine Entscheidung mit Kritik am Verhalten Teuffels, mit einem Antrag gegen sich selbst eine „Dramatik zu inszenieren“, anstatt den „konstruktiven Weg“ einer Eingabe an die Landessynode zugehen. Teuffel erwecke durch die Diskussion den Eindruck, die Kirchenleitung wolle Menschen abweisen, um auf seine eigene, schon vielfach geäußerte Kritik an der Kirchensteuer aufmerksam zu machen. In seinem Antrag gegen sich selbst hatte Teuffel, der einen eigenen Blog betreibt und in Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften für seine Ansichten wirbt, die Kirchensteuer als „aliturgische Vorfinanzierung staatlicher Vollzugsgewalt“ bezeichnet. Die Kirchensteuer stehe nicht im Einklang „mit dem Reich Gottes“, behauptet Teuffel, der in seinen Beiträgen das Modell einer entschiedenen Minderheitenkirche vertritt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 112, Donnerstag, 15. Mai 2014, Seite 4.