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„In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kolosser 2,9) und die Vermessenheit maßstäblichen Fassungsvermögens

4. Februar 2018

Ein Glass randvoll mit Wasser zeigt Fülle an. Jeder weitere Zufluss führt zur Überfülle. Mehr als voll ist eben nicht zu fassen. Aber kann und will ich die Fülle in Glas einfach stehen lassen? So tritt die Versuchung auf, das Wasser aus dem Glas in ein weiteres, größeres Gefäß umzufüllen. Da sieht es dann ganz anders aus, wenn das Wasser in diesem Gefäß nur fingerdick über dem Boden steht. Nach oben ist also noch viel Luft drin. Durch ein weiteres Umfüllen in einen Messbecher wird schließlich genaues Maß genommen – 225 ml. Da wäre doch noch mehr drin gewesen. 450 ml heißt zukünftig die Vorgabe. Dabei war das Glas am Anfang wirklich voll – randvoll!

Wo wir die Güter unseres Lebens quantitativ zu bemessen suchen, erscheinen sie durch unsere „Maßnahmen“ als defizitär. Jeder Maßzahl ist immer eine „Mehr“-Zahl hinzuzufügen. So fehlt nach eigenen Maßstäben unserem Leben immer etwas zum vollkommenen Glück.

Finitum capax infiniti, Endliches vermag das Unendliche zu fassen. Was die lutherische Lehre zur leiblichen Präsenz Christi im Abendmahl geltend macht, lädt uns zur Anteilnahme an der göttlichen Fülle ein. Erfülltes Leben besteht nicht in dem, was ich für mich hinzugewinnen und zahlenwertig fassen kann. An die Stelle der Vereinnahmung tritt die Anteilnahme im Glauben an Christus: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Johannes 7,38)

So vergleicht der griechische Kirchenvater Gregor von Nyssa in seinen Homilien zum Hohenlied (In canticum canticorum) die lebenserfüllende Gottesschau (visio Dei) mit dem Betrachten einer Quelle, die aus der Erde hervorsprudelt:

„Wenn du dich der Quelle genähert hast, staunst du über das unversiegliche Wasser, das unablässig aus ihr hervorsprudelt und fließt. Aber du könntest nicht sagen, du habest alles Wasser gesehen. Denn wie könntest du sehen, was noch im Schoß der Erde verborgen ist? Daher fängst du, wie lange du auch bei der Quelle bleiben magst, immer erst an, das Wasser zu sehen. Ebenso ist es, wenn jemand die unendliche Schönheit Gottes betrachtet. Sie wird stets neu entdeckt und wird immer als etwas Neues und Unbekanntes angesehen im Vergleich mit dem, was der Geist bereits begriffen hat. Und während Gott sich weiter offenbart, staunt der Mensch weiter; und sein Verlangen, mehr zu sehen, hört niemals auf, denn das, worauf er wartet, ist immer großartiger und göttlicher als alles, was er schon gesehen hat.“

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