Posts Tagged ‘Rechtfertigungslehre’

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

Martin Luther – Der Grundgedanke des Briefes des Hl. Paulus an die Galater

27. Oktober 2016

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Für Martin Luther ist der Galaterbrief ist neben dem Römerbrief der Schlüsselbrief zur evangelischen Rechtfertigungslehre. Seine Vorlesungen über diesen Brief von 1531 (auf Latein) wurden 1535 von Georg Rörer als Kommentar veröffentlicht. Dieser Kommentar ist einer der anspruchvollsten theologischen Schriften Luthers. Eingangs findet sich eine Zusammenfassung zur Glaubensgerechtigkeit, in der es unter anderem heißt:

„Die Gerechtigkeit des Glaubens, die Gott durch Christus ohne unsere Werke zu­rechnet, ist nicht von der Art des Weltreiches, noch der frommen Zeremoni­en, noch des göttlichen Gesetzes und spielt nicht in unserem Werkbereich, sondern ist völlig verschieden davon, d. h. sie ist völlig passiv. Im Gegensatz dazu sind die oben genannten Gerechtigkeits­arten alle aktiv. Wenn es um die Gerechtigkeit Christi geht, haben wir also nichts zu wirken, da bringen wir nichts vor Gott, sondern sind lediglich die Empfangenden und erleiden einen anderen, der in uns wirkt, nämlich Gott. Daher bezeichnet man diese Glaubens- oder christ­liche Gerechtigkeit gern als passive Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit ist im Geheimnis verborgen und wird von der Welt nicht erkannt, ja die Christen selbst halten sie für nicht genügend fest und schwer genug begreifen sie diese Gerechtigkeit in den Anfechtungen. Daher ist diese Gerechtigkeit immer neu einzuprägen und durch ständigen Gebrauch ein­zu­üben. Und wer die in den Bedrängnissen und Schrecken des Gewissens nicht festhält oder begreift, kann nicht bestehen. Es gibt nämlich keinen so festen und sicheren Trost der Gewis­sen als diese passive Gerechtigkeit.“

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, herausgegeben und übersetzt von Hermann Kleinknecht, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1980, Seite 21.

Der vollständige Text „Der Grundgedanke des Briefes des Hl. Paulus an die Galater“ findet sich hier als pdf.

Hans Joachim Iwands – „Wir müssen uns ganz und gar Gott überlassen“ (Predigt über Römer 8,33-39)

14. Oktober 2016
Michelangelo Jüngstes Gericht, 1534-1541 Rom, Città del Vaticano, Sixtinische Kapelle (Ausschnitt)

Michelangelo – Jüngstes Gericht, 1534-1541, Rom, Città del Vaticano, Sixtinische Kapelle (Ausschnitt)

Hans Joachim Iwand hatte 1955 auf seiner Reise in die Slowakei eine meisterliche Predigt zum göttliches Rechtfertigungsgeschehen gehalten:

Predigt über Römer 8,33-39

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der ge­storben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert? wie geschrieben steht: «Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.» Aber in dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Ge­walten, weder Gegenwär­tiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn.

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Nicht wahr, wir wissen ganz genau, da sind genug Kräfte und Mächte auf Erden und nicht nur auf Erden, die das wollen. Sie verschaffen sich Gehör bei uns, sie haben besondere Mittel und Wege, um in unser Herz vorzudringen, um unser Ohr zu erreichen, um unser Gewis­sen zu erschüttern. Immer, wenn wir genau hinhören und einmal ein wenig stille sind in der Unrast unseres Lebens, dann sehen wir, daß wir umge­ben sind von solchen Anklagen, gerade wir, die Er­wählten Gottes. «Die Christen mußten erlöster aussehen», sagen die einen und werfen uns vor, daß wir auch so schwache, armselige Menschen sind, die allzuoft unter dem Unglück dieser Welt, unter dem vielerlei Leid und Kreuz zu tragen haben und zu zerbrechen scheinen. Der Christus Gottes, so haben sie immer schon gemeint, diese Stimmen, müßte mit ganz anderer Macht und Kraft über die Erde gehen, er müßte herabsteigen vorn Kreuz und er müßte hin­gehen und all das Unrecht und Leid aufhe­ben und zunichte machen. Oder da sind andere Stimmen, die uns sagen, es bestehe doch nun 2000 Jahre lang die christliche Kirche, die die christliche Botschaft verkündige auf Erden. Aber wie sieht die Christenheit und die Welt aus, die Christenheit ist zerrissen in viele Kir­chen und Ge-[258]meinschaften, sie hat die Welt erschüttert in Glaubenskämpfen, und es ist ihr nicht gelungen in dieser ganzen langen Zeit das Morden unter den Menschen abzu­schaf­fen, die Bosheit zu bändigen. Hätte sie das nicht tun sollen? Und dann sind andere Stimmen wieder da, Stimmen, die uns noch viel näher sind und viel bekannter, Stimmen, die aus unse­rem eigensten Innern kommen und uns er­innern an unser eigenes Leben, die uns dieses Leben selbst vor Augen halten und uns irre machen möchten an Gottes Gnade und Barm­herzigkeit. Manchmal werden diese Stimmen so stark, daß man nur noch sie hört, so wie es vielleicht dem ersten Menschen erging im Paradiese, als er Gottes Gebot übertreten hatte; und dann beim Abendwind, als er durch die Blätter fuhr, meinte, Gottes Stimme zu hören und sich fürchtete; und die ganze Schöpfung vor ihm ver­sank mit aller ihrer Herrlichkeit; und sich ausgeschlossen sah von all dem Schönen und Reichen, das Gott bereitet hatte, und nichts sah, als einen Engel mit dem flammenden Schwert. Und dann sind an­dere Stimmen wieder da, Stimmen der Menschen, die uns nahe ste­hen und die wir lieb haben. Die doch auf einmal, durch irgendeine Schuld von uns, uns ganz fern gerückt sind. Und wir erreichen sie nicht mehr. Und wir dünken uns, wir hätten sie verloren, wie der verlorene Sohn seinen Vater verloren hatte, als er nicht mehr glau­ben konnte, daß er wirklich sein Vater ist. Es gibt Tage und Jahre, in denen können Menschen leben; als wenn es solche Anklagen für sie nicht gäbe. Aber dann, in einer besonderen Epoche ihres Lebens sind diese Stimmen wieder da, und es ist so, daß sie zu den Bergen sagen möchten, fallet über uns, und zu den Hügeln, decket uns. Das sind dann die Stunden, die uns als die letzten Stunden des Lebens erscheinen möchten, als wenn alle Lichter erlöschen und alle Sonnen ihren Schein verlieren und die große Nacht heraufzieht, die alles Licht begräbt. Der Apostel, der dieses hier an die Gemeinden zu Rom schreibt, hat das wohl gekannt und wußte sich selbst immer von solchen Stimmen umgeben, von draußen und drinnen, von Stim­men der unsichtbaren Mächte und Kräfte um ihn her, die den Menschen bedrohen und ihm den Himmel verschließen. Und dar­um setzt er dieses Wort hierher an eine besonders hervorgehobene Stelle seines bedeutenden Römerbriefes, um uns zu sagen, wie man [259] aus solcher Bedrängnis frei wird: Man wird nicht dadurch frei, daß man den Stimmen widerspricht, man wird nicht dadurch frei, daß man versucht, mit dem Kläger zu rechten und sich zu entschuldigen. Denn es ist keiner so rein von allen, die je auf Erden geboren wur­den, als daß er nicht zusammensinken müßte vor all den vielen Klagen und Anklagen, und es gibt keine Ausflucht, die uns schüt­zen könnte, wenn sie sich erheben. Wir machen ja immer wieder den Fehler. Wir machen ihn im Streit mit den Menschen und im Streit mit uns selbst, wir suchen immer wieder hier und da ein Fleckchen, wo wir uns ansehen können, wohin die Flut der An­klagen nicht reicht. Die Zuflucht, die die Menschen zu ihren guten Werken nehmen, ist umsonst, auch wenn sie noch so viel gute Werke haben. Sie sind kein Schutz. Wir müssen uns ganz und gar Gott überlassen, wir müssen ihn, ihn allein Richter sein lassen auf Er­den. Es gibt diesen Anklagen gegenüber nur einen Weg, den Weg, daß wir Gott bitten, unser Richter zu sein, unser alleiniger Richter, und daß wir bereit sind, uns ganz und gar seinem Richterspruch zu unterwerfen. Das nannten die Reformatoren Glauben. Das war es, was jener erste Mensch, der das Leben mit Gott verspielte, verloren hatte, und das war es, was sie wiedergewonnen hatten, alle, die hier die Auserwählten Gottes heißen: Sie dürfen mit Gott sein und sie sollen mit Gott sein, und es soll nichts in ihrem Leben geben, was nicht vor seinen Richterstuhl gehört. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Ist es nicht so, als wenn dieses Wort mitten hinein träte in all unsere Gefühle und Ängste, mitten hinein träte in unsere Flucht vor unserer Schuld, in unsere Versuche uns zu rechtfertigen und uns zu entschuldigen? Wie die Sonne aufgeht am Morgen nach banger Nacht, so möchte dieses Wort aufgehen in un­serem Herzen, als ob es uns sagen wollte: Wißt ihr denn nicht, wer ihr seid? Wißt Ihr denn nicht, daß euer Leben allein mit Gott steht und fällt und daß alle anderen Stimmen nichts sind, wenn er seine Stimme erhebt, daß sie alle schweigen müssen im Himmel und auf Erden und unter der Erde, wenn er redet? Das heißt glauben, daß wir nichts anderes hören als sein Wort. Daß es nichts gibt, innen oder außen, nichts von dem, was uns ängstet und verklagt, als sein Wort. Daß wir uns sozusagen mitten in die Arme dessen werfen, [260] vor dem wir fliehen, daß wir ihm allein die Ehre geben müssen. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Ist es nicht so, als ob mitten in eine belagerte Festung plötzlich von außen her die Kunde kommt, daß ein großer König erscheint, der sich entschlos­sen hat, diese Festung zu befreien? So wie es in dem Adventslied heißt: Seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür, der eure Herzen labet und tröstet steht allhier. Das heißt: Jesus Christus, das heißt: Weihnachten und Ostern, das ist der Stall von Bethlehem und die Krippe, das ist das Kreuz. «Gott ist hier, der gerecht macht.» So hat es Luther übersetzt. Das große Weltgericht, die große, alle Welt bewegende Frage nach der Gerechtigkeit wird Gott selber lösen, er wird es nicht nur lösen, sondern er hat es ge­löst und er hat sein Gericht gehalten. Jesus Christus ist nichts an­deres, als dies, daß die große Gerechtigkeit Gottes, die aller Men­schen Gerechtigkeit überlegene Gerechtigkeit Gottes, mitten unter uns erschienen ist und daß alles, was wir an diesem Menschen se­hen und hören, nichts anderes bedeutet, wie Gott Gericht gehalten hat mit seinem Volk und in seinem Volk, in Jerusalem, in der gro­ßen Gottesstadt. Wo Gott ist, da ist auch Jesus Christus. Das ist das Neue an Gottes Gerechtigkeit. Das nennen wir Christen das Evangelium, die frohe Botschaft: Wo Gott ist, da ist auch Jesus Christus, d. h. wo Gott ist, da ist ein Mensch wie wir, geboren vom Weibe und unter das Gesetz getan und sein Name ist Jesus. Wo Gott ist, da ist dieser selbst Mensch und geht hin, um für uns zu sterben und wählt den Tod am Kreuz. Wo Gott ist, da ist wieder­um dieser Mensch, der in Bethlehem geboren, der am Kreuz gestor­ben ist … aber auch der letzte Feind, der Tod, mußte vor ihm weichen. Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auf­erstanden ist, welcher sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns. So sagt unser Text. Und nun dürfen wir es noch einmal sagen: Wo Gott ist, da ist dieser Mensch Jesus Christus, aber die Bande des Todes haben ihn nicht halten können, und er hat den Platz einge­nommen, wo bisher alle jene uns verklagenden Stimmen und Mächte hindringen wollten, den Platz im Himmel, den Platz zur Rechten Gottes. Dort, vor Gottes Thron, ist nun nicht ihre Stimme zu ver­nehmen, wie wir das immer in unse­rer Torheit und in unserem [261] Schuldbewußtsein zu vernehmen glauben, dort oben ist eben dieser Gekreuzigte und auferstandene Herr, der tritt für uns ein. Das nennt der Apostel, daß Gott Richter ist. Das ist das große Welt­gericht Gottes in Jesus Christus, das in unserer Mitte ergangen ist, das Erde und Himmel verbindet, das denen unten und denen oben nur eines, ein einziges kundmacht, die Gnade Gottes. Dies, daß Gott nicht gegen uns ist, sondern für uns ist, und daß wir ihn auf unserer Seite haben, in unserem Kampf mit uns selbst, mit der Welt und mit den Menschen. Und auf einmal wird es ganz still rings um uns her, alles, was uns eben noch beschuldigen und be­zichtigen wollte, alle diese Stimmen müssen schweigen. Denn das Blut Jesu Christi ruft lauter, als das Blut unseres Bruders Abel. Es ist so, als ob mitten in eine Gerichtsverhandlung einer einträte, der gekommen ist, um Bürgschaft für uns, für die Auser­wählten Gottes abzulegen, und in dem Moment, da er eintritt und er sein Werk tut und seine Stimme erhebt, müssen sie alle schweigen. Das nennt die Bibel Frieden haben. Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott. Das nennt sie das Wunder seiner Barmherzigkeit, daß er alle Anklagen stille macht und wir frei herausgehen aus diesem letzten Gericht, das über Welt und Menschen gekommen ist.

Laßt mich noch ein Wort sagen, über die Erwählung. Die Chri­sten werden hier genannt: die Erwählten Göttes: Das bedeutet ja wohl zunächst einmal dies, daß wir nicht unseren Gott wählen. Das tun die Heiden. Es gibt moderne Heiden genug, die sich ihren Gott erwählen so oder so, auch mitten unter uns Christen. Sie erwählen sich ihn nach ihren Wünschen und ihrem Gutdünken, nach ihrem Hoffen und ihren Vorstellungen. Da gibt es solche, die meinen, ihr Gott sei modern und die andere verlachen, daß ihr Gott so alter­tümlich ausschaue. Da gibt es einen Gottglauben der Gebildeten und einen solchen der Einfältigen. Da mag es denn auch einen Gottglauben des Westens und einen des Ostens geben. Das sind Göttergestalten, die wir uns erwählt haben. Die Erwählten Gottes sind die Menschen, die sich ihren Gott nicht wählen, sondern sich von ihm erwählen lassen. Erwählen lassen gerade in dem, was wir ge­hört haben, in dem großen Gerichtsakt, der in Jesus Christus über [262] uns alle ergangen ist. Erwählt zu einem Gnadenspruch, den wir mit nichts, aber auch gar nichts verdient haben. Aber erwählt wirklich zugleich von der Höhe herab durch den majestätischen Spruch des Schöpfers und Erlösers, dessen, der Himmel und Erde gemacht hat, so daß wir jetzt mit diesem Freispruch Gottes dastehen als solche, die seine Kinder sind. Und daß alles, was auch geschehen mag, dar­an nichts wird ändern können, daß Gott es gefallen hat, uns im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi zu seinen Erwählten zu machen.

Aber damit ist das Wort unseres Textes noch nicht am Ende. Denn nun verlangt es auch etwas von uns. Es verlangt von uns die Tapferkeit und den Mut, die Welt mit neuen Augen anzu­sehen, mit den Augen des Glaubens, wie die Bibel das nennt. Das wir einmal dort hintreten, wo Gott steht, daß wir einmal die Welt uns an­schauen von dem Mittelpunkt seiner Erwählung und seiner Liebe her, von Jesus Christus her, denn wo Gott ist, ist auch Jesus Chri­stus. Und nun sehen wir sie da, wie man Wolken unter sich liegen sieht, wenn man einen Berg herauf­steigt und durch den Nebel hindurchgedrungen ist und obenauf der Spitze steht: da ist die Trüb­sal, diese Bedrängnis unseres Lebens, daß wir nicht ein noch aus wissen, da ist die Enge, dieses, daß wir keinen Raum haben, wohin man fliehen kann, daß uns die ganze Welt zu eng wird. Wir haben ja in unseren Tagen es oftmals erlebt, wie den Menschen die Welt so eng wird. Und da ist die Verfolgung, da ist die Nacktheit, die Gefahr und das Schwert! Dies alles liegt aber unter uns, dies alles kann uns zwar treffen und widerfahren und viel Angst und An­fechtung in uns auslösen, aber eines kann es nicht: es kann den Spruch Gottes nicht aufheben, es muß der Liebe Gottes dienen, es müssen alle Dinge denen, die Gott lieben, zum Besten dienen.

So laßt mich denn schließen mit dem, womit der Apostel schließt. Daß es nur etwas gibt, was ewig ist, das ist Gottes Liebe. Diese Liebe, die erschienen ist in dem großen Gerichtsprozeß Gottes, in dem, daß er seinen Sohn für uns gab, hat er sich selbst für uns gegeben; das ist Gott, daß er für uns ist, das ist sein Sohn und sein Leben. So wahr Jesus Christus der gestorbene und auferstandene Herr ist, ist er für uns der Einzige, der für uns ist, wenn sie alle [263] gegen uns sind; darum, wenn wir ihn haben, haben wir den Sieg, wenn wir ihn nicht haben, haben wir nichts. So endet denn auch der Apostel, indem er uns nötigt, uns als Sieger zu wissen, als Sie­ger herauszugehen in den letzten Kampf und in die letzte Schlacht. Mögen wir auch noch so angefochten sein von außen und von in­nen, die Tatsache, daß wir den Sieg an unsere Fahnen heften wer­den, ist verbürgt durch den, der mit uns ist!

Und nun laßt uns noch einmal alle diese Mächte ins Auge fas­sen, die gegen uns auftreten werden, den Tod und das Leben, die Engel und die Gewalten, die Gegenwart und die Zukunft und die Mächte, das Hohe und das Tiefe, ja, was auch immer nur denk­bar ist an Geschaffe­nem im Himmel und auf Erden. Sie können vielleicht sehr viel, sie können uns erschrecken und zu Boden werfen, sie können uns ängsten und in Schwachheit und Verzagtheit stür­zen, aber eines können sie nicht, sie können uns nicht mehr trennen von dem, dessen Hand nach uns gegriffen hat, sie können uns nicht mehr trennen von der Liebe Gottes, die das letzte Wort haben wird, so gewiß, als sie das erste hatte in unserem Leben.

Gehalten 1955 auf einer Reise in die Slowakei in einem Reformationsgottesdienst.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 257-253.

Hier die Predigt als pdf.

Vom Tragjoch und dem Lastwagen – eine chinesische Geschichte zur Rechtfertigung allein aus Gnade

29. Juli 2016

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Stanley Tung Shang Yung war chinesischer Pfarrer und Präsident der Taiwanesischen Lutherischen Kirche (TLC). Er gehörte noch zu der Generation, die vor Ausrufung der Volksrepublik China 1949 am Lutherischen Theologischen Seminar (LTS) in Shekou in der Provinz Hubei studiert hatten. In einer seiner Predigten erzählte er folgende Begebenheit aus seinem eigenen Leben:

Als Stanley Tung zu Beginn der Semesterferien als Student auf der staubigen und holprigen Landstraße nach Hause lief, hielt ein Armeelaster neben ihm an. Der Fahrer bot an, ihn auf der offenen Ladefläche mitzunehmen. Stanley stieg gerne auf, ersparte dies doch einen dreitägigen Fußmarsch. Auf der Ladefläche befanden sich bereits andere Passagiere, die Stanley hinauf halfen. Später auf der Weiterfahrt sahen sie einen alten Bauern des Weges gehen, dessen Tragjoch aus Bambus mit zwei schweren Körben beladen war. Der Fahrer stoppte und lud den Bauern ebenfalls ein, mit seiner Traglast auf den LKW zu kommen. Der Bauer lehnte zunächst ab. Es bedurfte weiterer Einladungen und Ermutigungen, bis er schließlich doch mit Hilfe der anderen Passagiere die Ladefläche bestieg. Nachdem der LKW weiterfuhr, schaute Stanley zum Bauern hinüber. Dieser stand aufrecht auf der Ladefläche und hielt sich mit einer Hand an der Bordwand fest. Zu Stanleys Erstaunen war die Last immer noch auf seiner Schulter, so dass der Bauer während der Fahrt bei jedem Schlagloch selbst in die Knie ging. Stanley sprach ihn direkt an: „Mein Herr, warum stellen Sie nicht Ihre Körbe ab und setzen sich hin?“ Der Bauer antwortete: „Das vermag ich nicht. Für mich ist es beschämend genug, dass dieser Lastwagen mich trägt. Da kann ich doch nicht zulassen, dass er auch noch meine Last zu tragen hat.“

Man mag über die physikalische Unwissenheit des Bauers schmunzeln. Für Stanley Tung jedoch war seine Geschichte ein Gleichnis im Hinblick auf das Evangelium: Wir selbst sind mit unserer eigenen Lebenslast vom himmlischen Vater in Jesus Christus getragen. Und doch fehlt uns mitunter der Glaube, dass Gott uns in Christus bedingungslos erträgt. So haben wir immer wieder neu zu lernen, dass in der göttlichen Gnade jedes menschliche Zutun vergeblich ist. Wie für den alten Bauer auf dem LKW heißt es auch für uns, uns der göttlichen „Tragkraft“ in Christus ganz anzuvertrauen, können wir doch mit unseren Werken und Wirken vor dem dreieinigen Gott nicht bestehen.

Wenn das Verhalten im wirklichen Leben so gut wie keine Auswirkung auf das Leben nach dem Tode hat – Lewitscharoff über Luther

25. September 2015

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Ein sprachlich wunderbarer und theologisch höchst aufschlussreicher Artikel „Das Urviech. Warum sollte man heute Luther lesen“ findet sich von Sibylle Lewitscharoff in der aktuellen Ausgabe von „Christ & Welt“. Unbedingt lesen.  Der letzte Absatz als Anfrage an den heutigen Protestantismus hat es dann in sich:

„Welche Konsequenzen eine Sündenlehre jedoch in sich trägt, in der das Verhalten im wirklichen Leben so gut wie keine Auswirkung auf das Leben nach dem Tode hat – sich damit näher zu befassen, weigerte sich der Reformator. Und schuf damit eine schwierige Hypothek für den Protestantismus, die ihm bis heute nachhängt.“

Dem Protestantismus fehlt es an einem „Vergelt’s Gott“, verweigert sich doch die evangelische Rechtfertigungslehre einer vertragsrechtlichen Heilsökonomie „do ut des“ (ich gebe, damit du gibst). Gläubiges Commitment scheint sich nicht als postmortaler Himmelslohn auszuzahlen. In verbindlichen Lebensformen von Freikirchen und landeskirchlichen Gemeinschaften wird die volksreligiöse Heilsökonomie in eine christusbezogene Anteilhabe eschatologisch transformiert. Für eine protestantische „Volkskirche“ mit liberalistischer Unverbindlichkeit ist das jedoch nicht möglich.

Wo eine heilskommerzielle Religion durch die Reformation ihre ökonomische Grundlage verloren hatte, musste der bauliche und klerikale Bestand in staatliche Hände überführt werden. Protestantisch lässt sich ja der Unterhalt von Kirchengebäuden und Klerus nicht heilskommerziell erwirtschaften. „Kostenloses“ Heil trägt nichts zum Umsatz bei. Also ist die Erfindung der Kirchensteuer die ökonomische Konsequenz eines „volkskirchlichen“ Protestantismus, der seinen Bestand erhalten will.

Protestantismus als bürgerliche Ideologie

27. August 2015

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Die Reden für das Reformationsfest 2017 in Wittenberg sind in Gedanken schon längst geschrieben; es sind Eulogien auf die individuelle Gewissensfreiheit und die Rechtfertigung allein aus Glauben. Der Protestantismus weiß sich selbst auf feuilletoneloquente Weise zu feiern. Das einzige Unpassende sind jedoch Ort und Anlass. Nicht in Wittenberg wurde mit einem Thesenanschlag der Protestantismus ins Leben gerufen, sondern vierzig Jahre früher in Florenz, ist doch Marsilio Ficino mit seinem „Buch über die christliche Religion“ (Liber de Christiana religione) von 1474 und nicht etwa Martin Luther der wahre Ahnherr des Protestantismus. Protestantismus und Reformation sind zwei verschiedene Angelegenheiten. Was die Reformation beabsichtigt hatte, war eine evangeliumsgemäße Reform der Kirche an Haupt und Glieder, nicht aber eine bürgerliche Emanzipation von der Kirche im Namen einer eigenen Religiosität. Der Protestantismus ist eine bürgerliche Ideologie, die sich zu Unrecht auf Martin Luther beruft. Würde Luther in der Gegenwart zu verorten sein, stünde dieser der nachkonzilaren römisch-katholischen Kirche wesentlich näher als einem liberalprotestantischen Bürgertum.

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Johann Gottfried Herder

Das große Missverständnis des Protestantismus ist, dass Luthers evangelische Kritik an der spätmittelalterlichen Kirche und deren Lehre in eine allgemeine Idee religiöser Gewissensfreiheit umgemünzt wird, so wie dies schon von Johann Gottfried Herder ausgesprochen worden ist: „Freiheit ist der Grundstein aller protestantischen Kirchen, wie schon ihr Name sagt.“[1] Eine spezifisch protestantische Freiheit wird seit August Detlev Christian Twesten bzw. Albrecht Ritschl unter zwei Prinzipien gefasst, dem sola scriptura (allein die Schrift) als „Formalprinzip“ und der Rechtfertigung allein aus Glauben als „Materialprinzip“.[2] Was so vertraut „evangelisch“ klingt, entpuppt sich als antikirchliche Ideologie, die wenig mit Luther gemein hat.

Rechtfertigung allein aus Glauben

Wenn von einem protestantischen Prinzip der Rechtfertigung allein aus Glauben die Rede ist, wird damit eben nicht mit den Worten aus Luthers Kleinem Katechismus bekannt, dass Christus „mein Herr“ sei, der mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben „mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat“, „damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit.“ Bei der Rechtfertigung des Sünders geht es nicht um die selbständige Würde der Person in deren Gläubigkeit, sondern um die Vereinnahmung des eigenen Lebens durch das Pascha-Mysterium Christi, die wider alle Sünde zu glauben ist. Die evangelische Rechtfertigungslehre ist die menschliche Antwort auf Jesu Wort am Kreuz „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30). Dem Kreuzesgeschehen ist menschlicherseits nichts hinzuzufügen.

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Rechtfertigung allein aus Glauben steht gegen einen Heilssynergismus, der die Gültigkeit des Kreuzesgeschehens von einer menschenmöglichen Ergänzung – und sei es auch nur in Gestalt einer gläubigen Rezeption – abhängig zu machen sucht.[3] Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben ist freilich kein Heilsprinzip, das denkerisch verinnerlicht werden kann, sondern ein Geschehen, das von der Christusgegenwart in Wort und Sakrament abhängt, wie dies in Artikel 5 des Augsburger Bekenntnisses ausgesagt ist: „Solchen Glauben zu erlangen hat Gott das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakramente gegeben, dadurch er, als durch Mittel, den heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, wirkt, welches lehrt, dass wir durch Christi Verdienst, nicht durch unser Verdienst, einen gnädigen Gott haben, so wir solches glauben.“ Der wort- bzw. sakramental gewirkte Glaube steht einer eigenen habituellen Gläubigkeit entgegen. Gerade wegen der Rechtfertigung allein aus Glauben leben Christen in einer bleibenden Abhängigkeit von einer kommunizierten Christuspräsenz. Die Christuspräsenz wiederum bindet den Glauben an die Kirche als „die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden“ (CA 7).

Die evangelische Freiheit hat mit dem Versuch eigener Selbstverwirklichung nichts gemein und existiert daher gerade nicht außerhalb der Kirche. In der lebenslang bleibenden Christusabhängigkeit, die je aufs Neue zugesprochen sein will, bleibt man vielmehr auf die Kirche angewiesen. Mit Luther gesprochen: „Wer Christus finden soll, der muss die Kirche zuerst finden.“[4] Die Kirche gilt mit den Worten des Großen Katechismus als „Mutter“, die „einen jeden Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes.“[5]

Der Protestantismus hingegen ideologisiert die Rechtfertigung des Sünders und kann damit die bürgerliche Unabhängigkeit in Sachen Kirche erklären. Rechtfertigung als Idee, die selbst denkerisch vergegenwärtigt kann, bedarf keiner kirchlichen Kommunikation des Evangeliums. Protestanten, die mit ihrer eigenen Bürgerlichkeit schließlich wer sein wollen, können sich eingedenk der subjektivitätstheologischen Mantra „Rechtfertigung allein aus Glauben“ den sonntäglichen Kirchgang und damit die Eingemeindung unter das gewöhnliche Kirchen(rest)volk schenken. Als protestantischer Pfarrer wiederum kann man sich den Zuspruch des Evangeliums Jesu Christi im Gottesdienst ersparen und darf stattdessen seine Zuhörer – die ja um ihrer gottwohlgefälligen Annahme im Glauben längst wissen – mit geistreichen Beiträgen in Sachen ultimativer Sinnfindung und bürgerlicher Lebensgestaltung beglücken. Unter dem „Reflexionsschema der Subjektivität“ (Mildenberger) glaubt der Protestant letztendlich seinem eigenen „christlichen Glauben“. Dank solcher Apotheose eigener Gläubigkeit erübrigt sich auf Dauer eine leibliche Kirchenzugehörigkeit.

Marsilio Ficino, Cristoforo Landino, Angelo Poliziano und Gentile de' Becchi

Marsilio Ficino (links) mit Cristoforo Landino, Angelo Poliziano und Gentile de‘ Becchi

Die Frage stellt sich nun, wie es nun zu einer Ideologisierung der „ christlichen Gläubigkeit“ gekommen ist. Bei den Reformatoren lässt sich dazu jedenfalls keinen Anhalt finden, ist ihnen doch jeglicher soteriologischer Autismus unbekannt. Die Wurzeln des neuzeitlichen Subjektivismus liegen jenseits der Alpen, im florentinischen Renaissanceplatonismus eines Marsilius Ficino. Ihm ist es zu verdanken, dass die Schriften Platos zusammen mit den neuplatonischen Werken Plotins, Porphurius und Proklus ins Lateinischen übersetzt und damit einem aufkommenden Bildungsbürgertums zugänglich gemacht worden sind. Der Platonismus wurde von Marsilius Ficino in seinen grundlegenden Werken Theologia Platonica sowie De religio christiana als religiöse Heilslehre vorgestellt.[6] Der Ausgangspunkt hierzu ist die Lehre von der Unsterblichkeit bzw. Göttlichkeit der menschlichen Seele. Im Akt einer außer- bzw. übersinnlichen Kontemplation vollzieht sich der innere Aufstieg der Seele zu Gott. Das eigene Seelenheil wird damit in der Erkenntnis gesucht. Ein solcher soteriologischer Kognitivismus ergänzt um die affektive Gottesliebe richtet sich auf übersinnliche, transempirische Ideen aus.

Was im florentinischen Renaissanceplatonismus vorgedacht worden ist, konnte nachtridentinisch in Italien unter dem Index librorum prohibitorum nur eingeschränkt seine Wirkung entfalten. Da in der römischen Lehre der menschliche Heilsstatus im Hinblick auf das Jüngste Gericht als prinzipiell kontingent sowie sakramentales Handeln als heilswirksam bestimmt wurde, konnte eine leibliche Einbindung der Menschen in die Kirche aufrechterhalten werden.

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Das gelehrte Berlin (Lithographie) von Julius Schoppe – um 1810

Wo die reformatorische Bewegung das sakramentale Heilsmonopol einer rechtlich gefassten Kirche aufgebrochen hat, konnte eine bürgerliche Emanzipationsbewegung im 17. und 18. Jahrhundert sukzessive Land gewinnen. Dazu wurde der religiöse Platonismus um die Idee eines intrinsischen „Glaubens“ ergänzt. An Stelle einer „tatsächlichen“ Rechtfertigung des Sünders propter Christum, die durch das geglaubten Wort und Sakrament zu geschehen hat, trat die Idee einer Rechtfertigung allein aus Glauben, die allgemein gedacht werden kann. Wo das Heil in zeitlos gedachten Ideen „Gott“, „Freiheit“, „Unsterblichkeit“ bzw. „Glauben“ gesucht wird, kann man diese intellektuell vereinnahmen. Im eigenen Denken kann sich jedenfalls kein Unheil ereignen.

Der Protestantismus ist letztlich eine bürgerliche Ideologie, wo man zu glauben denkt und damit weder etwas erwarten noch erbeten kann. In diesem Sinne hat Hegel recht, wenn er die denkerische „Innerlichkeit“[7] bzw. „der Eigensinn, der dem Menschen Ehre macht, nichts in der Gesinnung anerkennen zu wollen, was nicht durch den Gedanken gerechtfertigt ist“[8] als das protestantische Prinzip bestimmt. Einem Protestanten darf nichts zukommen, was nicht von ihm selbst gedacht werden kann. Mit dieser denkerischen Freisinnigkeit weiß er sich der Kirche als Zugehörigkeits- bzw. Gehorsamsgemeinschaft zu versagen.

[1] Briefe, das Studium der Theologie betreffend. Erster Theil, in: J.G.v. Herders sämmtliche Werke. Religion und Theologie, Neunter Theil, hg. v. J.G. Müller, Karlsruhe 21828, Brief 22, S. 264. Ähnlich Ferdinand Christian Baur: „Der Protestantismus ist das Princip der subjektiven Freiheit, der Glaubens- und Gewissensfreiheit, der Autonomie des Subjekts im Gegensatz gegen alle Heteronomie des katholischen Begriffs der Kirche.“ (Epochen der kirchlichen Geschichtsschreibung, Tübingen 1852, 257)

[2] Vgl. A. Twesten, Vorlesungen über die Dogmatik der Evangelisch-Lutherischen Kirche nach dem Compendium des Herrn Dr. W. M. L. de Wette, Bd. 1, Hamburg 41838, § 20, 257-264; bzw. A. Ritschl, Ueber die beiden Principien des Protestantismus. Antwort auf eine 25 Jahre alte Frage, in: Ders., Gesammelte Aufsätze, Bd. 1, Freiburg i.Br. u.a. 1893, 234-247.

[3] Vgl. F. Mildenberger, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart u.a. 1983, 40-45.

[4] Kirchenpostille, 1522, Predigt zu Lk 2,15-20, WA 10/I/1, 128-141, 140.

[5] Auslegung zum dritten Glaubensartikel, BSLK 655,4-5.

[6] Vgl. J. Lauster, Die Erlösungslehre Marsilio Ficinos, Berlin 1998; ders., Marsilio Ficino as Christian Thinker. The Theological Aspects of his Platonism, in: Michael J. B. Allen, Valery Rees, Martin Davies (eds.), Marsilio Ficino. His Theology, His Philosophy, His Legacy (Brill Publishers, 2002), 45-70..

[7] Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, in: G.F.W. Hegel, Werke in zwanzig Bänden, Bd. 20, Frankfurt a.M. 1979, 120.

[8] Grundlinien der Philosophie des Rechts, Vorrede, in: G.F.W. Hegel, Werke in zwanzig Bänden, Bd. 7, Frankfurt a.M. 1979, 27.

Heilskommerz, Totenkult und die Reformation

19. August 2015

Ransom of Soul

Im April ist Peter Browns Buch The Ransom of the Soul. Afterlife and Wealth in Early Western Christianity bei Harvard University Press erschienen (ein Online-Auszug aus diesem Buch findet sich hier bzw. hier). Darin wird die frühmittelalterliche Geschichte der christlichen Heilskommerzialisierung erzählt. Der Anknüpfungspunkt ist die Vorstellung vom beeinflussbaren Weiterleben nach dem Tod unter der Bedrohung von Hölle und jüngstem Gericht. Es geht um einen religiösen Totenkult im christlichen Gewand. Durch transaktionale Bußleistungen bzw. Messstipendien sollte Einfluss auf den eigenen postmortalen Status bzw. auf das jenseitige Weiterleben verstorbener Angehöriger genommen werden. Der Leitspruch dazu entstammt den Sprüchen Salomos: „Der Reichtum eines Mannes ist das Lösegeld für sein Leben“ (Spr 13,8).

Eine vermeintlich menschenmögliche „Heilsökonomie“ im Hinblick auf ein postmortales Leben im Familienverbund hat überhaupt erst Geld zum dauerhaften Einsatz in Kirchen und Klöstern gebracht.  Die klerikale wie auch bauliche Verfasstheit der mittelalterlichen Kirche verdankt sich ganz wesentlich dem religiösen Totenkult. Was wir als christliche Kulturleistungen wahrnehmen, hat immer auch eine heilskommerzielle Komponente.

Die evangelische Rechtfertigungslehre, die aus dem Bußsakrament erwachsen ist, hat zu einem kulturellen Bruch geführt, den man sich gegenwärtig kaum noch vorstellen kann. Wenn im Glauben an das Evangelium die gerichtsbeständige Vergebungszusage Jesu Christi  erhalten wird, erübrigt sich jeglicher Heilskommerz. Durch die Reformation hat also die Kirche ihre religionsökonomische Grundlage verloren – mit weitreichenden finanziellen Folgen. Da sich protestantischerseits nichts heilskommerziell erwirtschaften ließ, musste der kirchenbauliche und klerikale Unterhalt in staatliche Hände überführt werden. So ist schließlich die Erfindung der Kirchensteuer die ökonomische Konsequenz eines „volkskirchlichen“ Protestantismus, der als klerikales Syndikat außerhalb der Versammlung der Gläubigen seinen Bestand erhalten will.

Eberhard Jüngel – Glauben heißt Vertrauen

19. Mai 2015

Eberhard Jüngel

„Glauben heisst Vertrauen. Im Glauben verlässt sich eine Person auf eine andere. Im Glauben wird ein Ich seiner selbst ledig, um sich bei einem anderen neu zu finden. Indem der Mensch dem rechtfertigenden Urteil Gottes glaubt, vertraut er diesem Gott, sagt er auf menschliche Weise Ja zu seiner eigenen Bejahtheit durch Gott. Und indem er so Ja sagt, verlässt er sich auf Gott, kommt er bei ihm in neuer Weise zu sich selbst und ist sich eben deshalb seines Gottes und seines eigenen Heils unüberbietbar gewiss. Glaube ist Heilsgewissheit.“

Diese Worte hat Eberhard Jüngel seinerzeit in der theologischen Auseinandersetzung um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1998 geschrieben. Sie stammen aus seinem Artikel „Glauben heisst Vertrauen. Über die Weisheit und den moralischen Sprengstoff der Rechtfertigungslehre“ aus der NZZ.