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„Am Anfang der Re­formation steht kein sich selbst täuschen­der Optimismus, sondern ein neugewonnener Sinn für die Entdeckung der Wirklichkeit Gottes und des Menschen“ – Hans Joachim Iwands Vortrag „Martin Luther – Der Kampf um die reine Lehre“

28. Januar 2018

In Hans Joachim Iwands Vortrag zu Martin Luther und den Werdegang der Reformation, die dieser im Oktober 1958 in der evangelischen Matthäi-Kirchengemein­de in Düsseldorf gehalten hatte, klingt es hin und wieder pathetisch. Und manche Aussage mag historisch nicht ganz zu halten sein. Und doch bringt Iwand wie kein anderer in seiner Erzählung reformatorischer Ereignisse die evangelische Lehre zur Geltung:

Er hatte seine 95 Thesen unbemerkt drucken lassen und schritt nun, gegen 12 Uhr mit­tags, von seinem Famulus Eisleben begleitet, vom schwarzen Kloster der Augustinereremiten zur Schloßkirche, wo öfter solche Disputationsthesen angeschlagen wurden. Die Thesen wa­ren in Latein verfaßt, nur für die wenigen hier lebenden Gelehrten und Geistlichen bestimmt. Niemand in dieser kleinen Stadt hat den Vorgang weiter beachtet. Niemand hat sich zu der für den nächsten Tag angesetzten öffentlichen Disputation gemeldet. Aus der ängstlichen Reak­tion, die bald darauf seine Ordensbrüder und Freunde zeigten, darf man vielleicht schließen, daß sie sich gescheut haben, das heiße Eisen anzupacken. So ging der Thesenanschlag in Wit­tenberg stillschweigend vorüber, Luther mußte sein Plakat am anderen Tage wieder entfernen.

Das sorgfältig vorbereitete Ereignis war ein Stoß ins Leere gewesen. Nichts, gar nichts war dabei herausgekommen, und die Sache wäre ins Nichts versunken, hätte Luther nicht noch anderes getan. Er gab nämlich je ein Exemplar der Thesen mit begleitenden Schrei­ben an sei­ne beiden kirchlichen Vorgesetzten, an den Bischof von Brandenburg und an den Erzbi­schof von Mainz, der in Aschaffenburg residierte. Weitere Exemplare packte er ein, um sie an Freun­de in Nürnberg und Basel zu schicken, von denen er eine Stellungnahme und Kritik erbat. Dort sprang der Funke über! Die 95 Thesen kamen nach Rom, und sie kamen gleich­zeitig in die Hände der deutschen Nation, der Gelehrten wie der einfachen Leute. Die Freunde hatten sie, ohne Luthers Zustimmung einzu­holen, übersetzen und drucken lassen, lateinisch und deutsch fluteten sie über das Land, als Flugblätter und in Buchform. Auch ließ sich der junge Buchhandel das Geschäft nicht entgehen. Ein Versuch Luthers, die Sache zu stoppen, sein Hinweis, daß es sich ja um herausfordernde Thesen zum Zwecke einer gelehrten Dis­pu­tation handele, kam zu spät.

Der Sturmwind war in die Glocke gefahren, diese hatte von selbst zu läuten begonnen, und der Klang, der von ihr ausging, brachte ein ganzes Land zum Auf­hor­chen und Erwachen. Man nimmt an, daß Luthers Thesen durch ganz Deutschland in etwa einem Vierteljahr verbreitet waren — für die damalige Zeit ein Ereignis ohne Bei­spiel. Sie kamen wie ein frischer Regen über ein dürres, ausgetrocknetes Land, wie eine Erlö­sung aus lange getragener und trotz aller Reformversuche nicht behobener innerer Not. Nicht nur Priester und Laien, auch höhere Grade der Hierarchie loben sie und sehen in ihnen einen Weg gewiesen, zu den echten Quellen des Glaubenslebens zurück­zukehren, zum Bekenntnis echter Schuld und zum Empfang echter Vergebung, zu dem, was nur vor Gott selbst offenbar wird, und dem, was nur Gott selbst schenken kann.

Die Thesen beginnen mit dem Ruf zur Buße, und zwar zu einer Buße, die als Grund­haltung das ganze Leben durchdringt und sich nicht auf einzelne Sünden und Mängel bezieht, und sie enden mit der Scheidung zwischen den falschen und den echten Propheten: „Wehe denen, die sagen: Friede, Friede, und ist kein Frie­de — Heil denen, die sagen: Kreuz, Kreuz, und ist kein Kreuz.“ Wie zwei Pfeiler, die eine Brücke tragen, bestimmen Buße und Kreuz das Ganze. Alles, was Luther hier zu sagen, was er an der Kirche zu kritisieren, was er in Jesus Christus positiv zu verkünden hat, hängt an die­sen beiden festen Punkten. Er hat später einmal gestanden, wie wenig lieb ihm das Wort Buße anfänglich war, bis er mit Hilfe seines Ordensoberen, Johann Staupitz, in einem beson­ders er­leuchteten Moment verstand, was Buße vom Evangelium her be­deutet: daß sie mit der Liebe zu Gott beginnt, nicht mit dem Be­denken begangener Fehler, und daß in dieser Liebe die Kraft liegt, die entscheidende Wendung zu vollziehen, die den Menschen von sich selbst und seinen Begierden frei macht und ihn lehrt, zu lieben, was wirklich liebenswert ist, und zu hassen, was Haß verdient.

Wenn der Mensch beginnt, Gott zu lieben, Gott alles in allem sein zu lassen, kann er nicht mehr in sich selbst ver­krampft sein. Es ist damit ähnlich wie mit dem Licht der Sonne, das am Morgen aufgeht. In diesem Lichte verlieren die künst­lichen Lichter, mit denen wir uns die Nacht zu erhellen suchen, ihren Schein. Man muß das alte prophetische Wort Umkehr, Wandlung, Metanoia gebrauchen, um zu verstehen, was mit Buße gemeint ist. Eine Verwandlung geht mit dem ganzen Menschen vor sich, eine Verwandlung, die über sei­nen Verstand und sein Vermögen geht und der gegenüber er passiv ist wie der Mensch in seiner Geburt. Die Liebe Gottes läßt ihn nicht den bleiben, der er von Natur aus ist, sie macht ihn neu. Sie macht den Sünder gerecht, den Toten lebendig, den verlorenen Sohn zum Kind des Hauses.

Wenn Luther am Schluß vom Kreuz redet, so müssen wir uns auch das verdeutli­chen: Diese Begegnung mit Gott ist bitter. Kreuz heißt Begegnung mit der Realität Gottes. Das Kreuz Jesu Christi offenbart uns die Welt in ihrem wahren Sein vor Gott. Es zeigt uns den Menschen, auch den frommen, in seiner Ver­lorenheit. So steht es um uns vor Gott. Luther wendet sich dabei gegen solche Theologen, die die Theologie als Weltverklärung betreiben. Das sind ihm falsche Propheten. Am Anfang der Re­formation steht kein sich selbst täuschen­der Optimismus, sondern ein neugewonnener Sinn für letzte Realität, für die Entdeckung der Wirklichkeit Gottes und des Menschen. Dieser tapfere Glaube wendet sein Angesicht ganz und gar der furchtbaren Wirklichkeit zu, der Wirklichkeit in uns und um uns, wie sie vor Gott und durch Gott vor aller Welt offenbar ist — mit der nimmt er den Kampf auf. Nicht aus eige­ner Kraft, aber aus der Kraft dessen, der am Kreuz das Gericht über unsere Wirklichkeit ent­hüllt und diese zugleich verändert hat. „Der Kreuzestheologe sagt, was wirklich los ist“, schreibt Luther einmal.

Seine Theologie ist schonungsloser Realismus der Tiefe und der Höhe, des Zorns und der Gnade. Weil es um den wirklichen Gott geht und um den wirklichen Menschen, darum muß der eingebildete Himmel und die eingebildete Menschennatur aus dem Blick gebracht werden. Das ist das Große, was in den Thesen hervorbricht: Der leiden­schaftli­che Hunger nach Realität, aber auch die darin verborgene Gewißheit, daß Gottes Wirklichkeit in Jesus Christus größer ist als alles, was wir als Wirklichkeit erfahren, sei es die Sünde, sei es der Tod. Darum ist der Christ zugleich beides, Sünder und gerecht, doch so, daß der Glaube unsere Sünde zum Weichen bringt und die Gerechtigkeit Gottes im Kommen weiß. Wie am Morgen noch beides da ist, Nacht und Tag, aber die Nacht weicht und der Tag heraufzieht, so ist auch im Leben der Glaubenden beides gemischt. „Christianus semper est in fieri.“ Der Christ ist immer im Werden. Sein zeitliches Dasein ist ein crespulum matutilum, eine Mor­gendämmerung.

Hier Iwands vollständiger Text „Martin Luther – Der Kampf um die reine Lehre“ als pdf.

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So hat es Luther nicht gemeint – Warum das Reformationsjubiläum fragwürdig ist

30. Oktober 2017

Hier noch einmal aus aktuellem Anlass meine Kritik am Reformationsjubiläum aus der FAZ vom 15. Dezember 2010

NAMENSgedächtnis

Teuffel - So hat es Luther nicht gemeint (FAZ)In der FAZ  ist von mir im Dezember 2010 ein Artikel zum Reformationsjubiläum unter dem Titel „So hat es Luther nicht gemeint“ veröffentlicht worden.

So hat es Luther nicht gemeint

Der protestantische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Das Reformationsjubiläum kann abgesagt werden.

Von Jochen Teuffel

Sechs Jahre noch, dann wird das fünfhundertste Jubiläum der Reformation in Deutschland ganz groß gefei­ert werden. Zur Einstimmung darauf wur­de bereits 2008 eine Lutherdekade mit wechselnden Jahresthemen ausgerufen. Das kennt man aus dem Vereinsleben: Wo in Sachen eigener Vergangenheit be­sonders ausgiebig jubiliert wird, ist man in der Gegenwart mit den eigenen Aktivi­täten dank Überalterung und Mitgliederschwund ziemlich am Ende.

Der Abgesang auf die Volkskirche wird als Basso continuo die Lutherdekade be­gleiten, bevor dann am 31. Oktober 2017 in Wittenberg eine Farce zur Aufführung kommt: In einer Stadt, in der Kirche im Verschwinden begriffen ist —…

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Warum die evangelische Kirche die „rechte alte Kirche“ ist – Aus Martin Luthers Schrift „Wider Hans Worst“

28. April 2017

In seiner Schrift „Wider Hans Wort“ von 1541 polemisiert Martin Luther gegen Herzog Heinrich von Braunschweig zu Wolfenbüttel, der in seinem Territorium am Katholizismus festhielt. Zugleich sucht Luther den Nachweis zu führen, dass die evangelische Kirche die „rechte alte Kirche“ sei. Hierzu schreibt er:

Wir fragen, wo und wer die Kirche Christi sei; nicht nach dem Namen, sondern nach dem Wesen fragen wir. Gleich als wenn ich einen Trunkenen, halb Schlafenden oder einen Narren fragte: Lieber, sage mir, wer oder wo ist die Kirche? und er mir zu zehn Malen nichts anderes darauf antwortete, als so: Man soll die Kirche hören. Wie soll ich doch die Kirche hören, so ich nicht weiß, wer und wo sie ist? Ja, sagen sie, wir Katholiken sind in der alten früheren Kirche seit der Apostel Zeiten her geblieben, darum sind wir die Rechten, aus der alten Kirche gekommen und bis daher geblieben; ihr aber seid von uns abgefallen und eine neue Kirche uns entgegen geworden. Antwort: Wie aber, wenn ich beweise, daß wir bei der rechten alten Kirche geblieben, ja daß wir die rechte alte Kirche sind, ihr aber von uns, das ist von der alten Kirche, abtrünnig geworden, eine neue Kirche angerichtet habt wider die alte Kirche? Das laßt uns hören.

Erstlich wird das niemand leugnen können, daß wir so gut wie die Katholiken aus der heiligen Taufe herkommen und aus derselben Christen genannt sind. Nun ist die Taufe nicht ein Neues, noch zu dieser Zeit von uns erfunden, sondern es ist eben dieselbe alte Taufe, die Christus eingesetzt hat, damit die Apostel und die erste Kirche und alle Christen hernach bis daher getauft sind. Haben wir nun dieselbe Taufe, der ersten alten (und wie im Glaubensbe­kenntnis stehet, der »katholischen«, das heißt, der ganzen christlichen) Kirche und sind eben mit derselben getauft, so gehören wir gewißlich in dieselbe alte und ganze christliche Kirche, die mit uns gleich und wir mit ihr gleich aus einer Taufe herkommen, und ist in bezug auf die Taufe kein Unterschied. Die Taufe aber ist das vornehmste und erste Sakrament, ohne welches die anderen alle nichts sind, wie sie bekennen müssen. Darum können uns die Katholiken nicht mit Wahrheit eine andere oder neue Kirche schelten oder verketzern, weil wir der alten Taufe Kinder sind, sowohl wie die Apostel selbst und die ganze Christenheit, Eph. 4, 5: »eine Taufe.«

Zum zweiten wird das niemand leugnen, daß wir das heilige Sakrament des Altars haben, genauso, wie es Christus selbst eingesetzt und die Apostel hernach und die ganze Christenheit gebraucht haben, und essen und trinken so mit der alten und ganzen Christenheit von einerlei Tisch und empfangen mit ihnen dasselbe eine alte Sakrament und haben darin nichts Neues noch Anderes gemacht. Deshalb sind wir mit ihnen eine Kirche, oder, wie Paulus 1. Kor. 10, 17 sagt, »ein Leib, ein Brot«, die wir von einerlei Brot essen und einerlei Kelch trinken. Darum können uns die Katholiken nicht Ketzer oder neue Kirche schelten, sie müssen zuvor Christus, die Apostel und die ganze Christenheit Ketzer schelten, wie sie denn auch in Wahrheit tun. Denn wir sind mit der alten Kirche einerlei Kirche, in einerlei Sakrament.

Zum dritten kann das niemand leugnen, daß wir die rechten alten Schlüssel haben und sie nicht anders brauchen, als die Sünden zu binden und zu lösen, die wider Gottes Gebot geschehen, wie sie Christus eingesetzt (Matth. 16, 19; Joh. 20, 23), die Apostel und die ganze Christenheit bis daher gebraucht haben. Haben also einerlei Schlüssel und Brauch mit der alten Kirche, weshalb wir eben dieselbe alte Kirche oder doch wenigstens in ihr drinnen sind. Denn wir machen keine neuen Schlüssel, machen nicht neue Gesetze, schließen damit auch nicht Könige und Herrn aus und in ihre weltlichen Herrschaften (ein), sondern allein die Sünder aus und in das Himmelreich (ein), gleichwie die alte Kirche aus Befehl des Herrn getan hat, so daß uns die Katholiken abermals fälschlich verleumden, ja die alte Kirche, Apostel und Christus selbst in uns verketzern und verlästern.

Zum vierten kann das niemand leugnen, daß wir das Predigtamt und Gottes Wort rein und reichlich haben, fleißig lehren und verkünden, ohne allen Zusatz neuer, eigener, menschlicher Lehre, gleichwie es Christus befohlen und die Apostel und ganze Christenheit getan haben. Wir erdichten nichts Neues, sondern halten und bleiben bei dem alten Gotteswort, wie es die alte Kirche gehabt hat. Darum sind wir mit derselben die rechte alte Kirche, als einerlei Kirche, die einerlei Gotteswort lehret und glaubet. Darum lästern die Katholiken abermals Christus selbst, die Apostel und die ganze Christenheit, wenn sie uns Neuerer und Ketzer schelten. Denn sie finden nichts bei uns als allein das Alte der alten Kirche, daß wir derselben gleich und mit ihr einerlei Kirche sind.

Zum fünften kann das niemand leugnen, daß wir das Apostolische Glaubensbekenntnis, den alten Glauben der alten Kirche, in allen Dingen gleich mit ihr halten, glauben, singen, bekennen, nichts Neues drinnen machen noch zusetzen. Damit gehören wir in die alte Kirche und sind einerlei mit ihr. Darum können wir von hier aus auch nicht von den Katholiken mit Wahrheit als Ketzer oder als neue Kirche gescholten werden. Denn wer mit der alten Kirche gleich glaubt und gleich lehrt, der gehört zur alten Kirche.

Zum sechsten kann das niemand leugnen, daß wir mit der alten Kirche ein gleiches Gebet, dasselbe Vaterunser haben, kein neues noch anderes erdichten, dieselben Psalmen singen, mit einträchtigem Munde und Herzen Gott loben und danken, gleichwie es Christus gelehret, die Apostel und alte Kirche selbst gebraucht und uns dem Vorbild nachzutun befohlen hat. Und die Katholiken können uns hierfür abermals nicht verketzern noch neue Kirche schelten, sie müssen (denn) zuvor Christus selbst schelten samt seiner lieben alten Kirche usw.

Zum siebenten kann niemand leugnen, daß wir mit der alten Kirche lehren und glauben, man solle die weltliche Herrschaft ehren und nicht verfluchen, noch zwingen, dem Papst die Füße zu küssen. Solches haben wir auch nicht aufs neue erdichtet, sondern Petrus verflucht 2. Petr. 2, 10 die, welche solches neu erfinden und künftig tun würden, und Paulus, Röm. 13, 1 ff., steht bei uns und die alte und ganze Christenheit, daß wir hierin auch nicht Neuerer sein oder heißen können, wie die Katholiken Gott selbst in uns lästern. Sondern wir sind und gehören in die alte, heilige, apostolische Kirche als die rechten Kinder und Glieder derselben. Denn wir haben gelehret, unserer Obrigkeit, es sei Kaiser oder Fürsten, allezeit aufs treulichste gehorsam zu sein, selbst auch so getan und herzlich für sie gebetet.

Zum achten kann niemand leugnen, daß wir den Ehestand loben und preisen als eine göttliche, gesegnete und wohlgefällige Schöpfung und Ordnung, zur Leibesfrucht und wider die fleischliche Unzucht. Und wir haben den nicht aufs neue von uns aus erdichtet, auch nicht aus uns desselben Brauch aufs neue erdacht. Viel weniger haben wir ihn als Lehrer von Neuerungen verboten, sondern sind in derselben alten Regel und Ordnung Gottes geblieben, gleichwie ihn Gott von Anbeginn geschaffen, Christus bestätigt, die Apostel und die alte Kirche geehrt und gelehrt haben. Und damit entsprechen wir der alten Kirche, ja sind eben derselben rechte, echte Glieder. So daß man hier siehet, wie die Katholiken uns hier abermals fälschlich der Neuerung bezichtigen.

Zum neunten kann niemand leugnen, daß wir eben dasselbe Leiden (wie Petrus 1. Petr. 5, 9 fordert) wie unsere Brüder in der Welt haben. Da verfolget man uns an allen Orten, da erwürget, ertränkt, henkt und tut man uns um des Wortes willen alle Plage an und gehet es uns gleich wie der alten Kirche. Wir sind derselben darin über die Maßen gleich, daß wir wohl sagen können: Wir sind die alte rechte Kirche oder doch mindestens ihre Mitgenossen und gleiche Gesellen im Leiden. Denn wir erdichten solches nicht aufs neue, sondern fühlens wohl. Ja, wir sind, wie dieselbe alte Kirche auch, dem Herrn Christus selber am Kreuze gleich. Da steht vor dem Kreuze Hannas und Kaiphas samt den Priestern und lästern den Herrn (noch) dazu, über das hinaus, daß sie ihn gekreuzigt haben, gleichwie uns der Papst, die Kardinäle und Mönche verurteilt, verdammt, ermordet und unser Blut vergossen haben und lästern uns noch dazu. Da stehen die Kriegsleute, das ist ein Teil der weltlichen Herrschaft, und lästern uns noch dazu. Selbst der Schalk, der Schächer zur Linken (Luk. 23, 39), Heinz Wolfenbüttel samt den Seinen, den Gott schon verurteilt, in Banden zur Hölle gehenkt hat, muß sein Lästern auch dazu tun, so daß dies Stück, als ein altes Zeichen der alten Kirche, reichlich an uns gesehen wird.

Zum zehnten kann niemand leugnen, daß wir umgekehrt auch kein Blut vergießen, morden, henken und uns rächen, wie wir oft wohl hätten tun können und noch könnten. Sondern wie Christus, die Apostel und die alte Kirche getan, dulden wir, vermahnen und bitten wir für sie, auch öffentlich in der Kirche in den Litaneien und Predigten, ganz so wie Christus, unser Herr, getan und gelehret hat, die alte Kirche auch ebenso, so daß wir uns hierin auch alle entsprechend dem alten Wesen der alten Kirche verhalten.

Weil nun die Katholiken wissen, daß wir in allen solchen Stücken und was deren mehr sind, der alten Kirche gleich sind und mit Wahrheit die alte Kirche heißen können (denn solche Stücke sind nicht neu noch von uns erfunden), ists zu verwundern, warum sie uns so unverschämt belügen und verdammen dürfen, als die von der Kirche abgefallen seien und eine neue Kirche angerichtet haben, so sie doch nichts Neues an uns finden können, das nicht in der alten und der rechten Kirche zu der Apostel Zeiten gehalten sei. So daß ich fürwahr meine, dies sei die Zeit, davon Dan. 7, 9 sagt: der Hochbetagte setzte sich, nachdem das kleine Horn ausgelästert hatte, und das Gericht wurde gehalten. Denn die frühere alte Kirche leuchtet wieder hervor (wie die Sonne, wenn die Wolken weggezogen sind, hinter welchen doch dieselbe Sonne war, aber nicht helle), und das Lästerhorn will untergehen und alles ein Ende werden, wie daselbst steht und die Auswirkungen davon sich zeigen, davon hier nicht Zeit zu handeln ist.

Quelle: WA 51, 478-486

Reformation als Apokalypse. Der Lauinger Maler Matthias Gerung hat den Glaubenskampf in Bilder gefasst

23. Januar 2017
Matthias Gerung - Geistliche und weltliche Herrscher sieden im Kessel (zu Offenbarung 9)

Matthias Gerung – Geistliche und weltliche Herrscher sieden im Kessel (zu Offenbarung 9)

Eine der schärfsten bildlichen Abrechnungen mit der römischen Kirche und dem Papsttum während der späteren Reformationszeit stammt aus meinem Heimatdekanat Neu-Ulm. Der Maler und Holzschneider Matthias Gerung (1500-1570) hatte in seiner Werkstatt in Lauingen an der Donau zwischen 1544 bis 1558 27 Holzschnitten zur Apokalypse mit 32 entsprechenden Allegorien zu biblischen Geschichten oder reformatorischen Szenen seiner Gegenwart angefertigt. Nun hat in der aktuellen Ausgabe des Sonntagsblattes. Gemeindeblatt für Augsburg und Schwaben Andreas Jalsovec einen Beitrag über Gerung veröffentlicht.

Der Artikel über Gerung findet sich hier als pdf.

Johann Michael Feneberg in Roland Werner/Johannes Nehlsen, Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen

5. Dezember 2016

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Für das jüngst erschienene Buch „Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen“ habe ich zwei Lebensbilder verfasst. Eines davon ist über Johann Michael Feneberg, dem katholischen Pfarrer und Mentor der Allgäuer Erweckungsbewegung, dessen Grab in Vöhringen an der Marienkirche ist:

  1. Johann Michael Feneberg (1751-1812)

„Der Weg zur Gerechtigkeit ist der lebendige Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes: Christus für uns. Und der Weg zur Herrlichkeit ist die treue Anwendung der erlangten göttlichen Kraft, die uns um unseres Glaubens willen geschenkt ist: Christus in uns.“

Auf dem Grabstein von Pfarrer Johann Michael Feneberg in Vöhringen an der Iller steht das Gedicht: «Das Taufbuch nannt ihn Michael, der Freunde Chor Nathanael. Er war’s, ohn alles Falsch und Ziererei, stillsinnig, fromm, gerad und froh dabei, und seinem Christus bis ans Ende treu. Ihm glaubend, scheut er nicht des Tages Jammer, nicht Stelze, nicht des Todes letzte Not, ging, wie in eine andere Kammer, von seinen lieben Freunden fort, und ist nun dort – daheim bei seinem Gott.»

Diese innigen Worte stammen von Fenebergs berühmtem Freund Johann Michael Sailer. Mit der «Stelze» ist die Beinprothese gemeint, die Feneberg seit einem Reitunfall tragen musste, bei dem er 1793 einen Teil seines Beines verloren hatte.

Seine Erweckung verdankte er zwei Mägden, die ihm sein Vetter Martin Boos, ebenfalls ein erweckter katholischer Pfarrer, im Advent 1796 vorgestellt hatte. Die eine, Theresia Erdt, bedrängte ihn mit der Frage, «ob er glaube, dass Christus zu ihm komme und künftig mit ihm den Willen des Vaters tun wolle?». Feneberg machte sein Ja von einem «Zeichen von oben» abhängig: Würde die Magd es wagen, die unüberbrückbare Schranke zwischen Priester und Laien durch einen geschwisterlichen Kuss zu überschreiten? Theresia tat es, und Feneberg sah darin die göttliche Antwort. Von diesem Zeitpunkt an zählte auch er zu den Erweckten.

Feneberg mit Zech (1808)

Seine Pfarrei Seeg wurde zum Zentrum der Allgäuer Erweckungsbewegung. Sie galt jedoch dem bischöflichen Ordinariat in Augsburg als sektiererisch. Man führte 1797 im Pfarrhof eine Hausdurchsuchung durch und beschlagnahmte viele Bücher und handschriftliche Notizen. Feneberg musste vor einer bischöflichen Kommission in Augsburg zwölf Sätzen abschwören und durfte erst dann heimreisen.

Auf Fenebergs Siegel lehnen Gehstock und Prothese am Kreuz. Er hatte in seinem Leben viel zu ertragen. Dennoch blieb er «seinem Christus bis ans Ende treu». Auch evangelische Christen können von einem katholischen Pfarrer lernen, aufzusehen zu Jesus, «dem Anfänger und Vollender des Glaubens» (Hebräer 12,2). (JT)

Apocalypse Now – Matthias Gerung und seine reformatorische Holzschnitte zum Buch der Offenbarung

21. November 2016
Die Zerstörung der altgläubigen Kirche mit Bezug auf die Offenbarung Kapitel 18

Matthias Gerungs Holzschnitt zur Offenbarung Kapitel 18, der die Zerstörung der altgläubigen Kirche zeigt

Das hätte ich nicht gedacht. Eine der schärfsten bildlichen Abrechnungen mit der römischen Kirche und dem Papsttum während der späteren Reformationszeit stammt aus meinem Heimatdekanat Neu-Ulm. Der Maler und Holzschneider Matthias Gerung (1500-1570) hatte in seiner Werkstatt in Lauingen an der Donau zwischen 1544 bis 1558 27 Holzschnitten zur Apokalypse mit 32 entsprechenden Allegorien zu biblischen Geschichten oder reformatorischen Szenen seiner Gegenwart angefertigt.

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Die wahre Kirche Jesu Christi als Schiff, das in der Seeschlacht gegen die Altgläubigen triumphiert (Holzschnitt von 1548)

Angefertigt wurden diese Holzschnitte als Illustrationen zu einem Buchprojekt, der von dem bibliophilen Pfalzgraf Ottheinrich nach dessen Übertritt zum Protestantismus 1542 veranlassten deutschen Übersetzung des antipäpstlichen Apokalypsenkommentars „In Apocalypsin Joannis Apostoli Commentarius“ (Zürich: Froschauer 1539) aus der Feder des Berner Predigers Sebastian Meyer. Von  dem Buchprojekt selbst ist einzig eine Handschrift mit Gerungs Holzschnitten als Codex germ. 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München überliefert (nicht zu verwechseln mit der Ottheinrich-Bibel, für die Gerung ebenfalls Holzschnitte zur Apokalypse 1530/32 angefertigt hatte). Eine erste wissenschaftliche Beschreibung einzelner Holzschnitte (ohne Kenntnis des Buchprojekts) hatte Campbell Dodgson bereits 1908 unter dem Titel „Eine Holzschnittfolge Matthias Gerungs“ im Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen, 29. Band, Seiten 195-216 veröffentlicht.

Zu Gerungs Holzschnittillustrationen schreibt Petra Roettig in ihrer Dissertationsschrift Reformation als Apokalypse – Die Holzschnitte von Matthias Gerung im Codex Germanicus 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Frankfurt am Main: Peter Lang 1991) Folgendes:
„Links auf einer solchen Doppelseite im Codex stehen jeweils die Illustrationen zur Apokalypse, während auf der rechten Seite in den meisten Fällen die gleiche apokalyptische Textstelle in ihrer allegorisch-satirischen Anwendung auf den Papst, die katholische Kirche und die Türken gezeigt wird. Durch diese synoptische Gegenüberstellung gelingt es Gerung nicht nur Meyers Prinzip der doppelten Schriftauslegung als Bildkonzept aufzunehmen. Dem Betrachter wird vielmehr durch die „wechselseitige Erhellung“ von apokalyptischen und satirischen Blättern der im Kommentar vorgegebene Deutungszusammenhang anschaulich erläutert. Als Vorlage für dieses durchaus polemische Illustrationsverfahren dürfte Gerung das „Passional Christi und Antichristi“ gedient haben. Dieses war 1521 unter Luthers Führung mit Illustrationen von Cranach und Texten von Melanchthon und Schwertfeger erschienen. Wie später bei Gerungs Holzschnittfolge sind hier schon jeweils zwei Holzschnitte antithetisch einander gegenübergestellt. Der linke zeigt Szenen aus dem Leben Christi, denen auf der rechten Seite mit polemischer Absicht entsprechende Darstellungen aus dem Leben des Papstes kontrastiert werden. Die Nachfolge Christi durch den Papst erscheint in diesen Bildantithesen als Perversion des christlichen Vorbildes.“ (Seite 51f)

Mit Roettig (S. 238f) ist anzunehmen, dass die theologische Konzeption der Illustrationen dem Übersetzer des Apokalypsenkommentars, Laurentius Agricola (1497-1564) verdankt. Dieser wurde von Pfalzgraf Ottheinrich 1544 als evangelischer Prediger in das Dominikanerinnenkloster Maria Medingen bei Lauingen entsandt. 1557 wurde er von Ottheinrich als Prediger von Lauingen entlassen und ausgewiesen, da er die zwinglische Abendmahlslehre vertrat und wohl kurfürstliche Räte geschmäht hatte.

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Matthias Gerung, Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546 (Öl auf Lindenholz, 1551, Lauingen, Heimathaus)

Dass sich Gerung den politischen Machtverhältnissen malerisch anpassen konnte, zeigt sein Bild Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546, das die Huldigung Kaiser Karl V. in dessen Feldlager durch den Bürgermeister von Lauingen während des Schmalkaldischen Kriegs darstellt.

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Man wird wohl Gerung nicht allzu große evangelische Prinzipientreue unterstellen können, wenn er für den altgläubigen Augsburger Bischof Otto von Waldburg dessen Missale 1555 mit Holzschnitten illustriert hat. Richtig bissig und satirisch wird er jedoch, wenn der Papst mit Schlüssel und Ablassbrief in den Teufelsrachen düsen muss, wo schon Mönche und Nonnen tafeln, und der Teufel dabei selbst auf einem mehrfach gesiegelten Ablassbrief „thront“.

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Matthias Gerung (zugeschrieben), Satire auf den Ablasshandel (kolorierter Holzschnitt um 1535, Kunstsammlungen Veste Coburg)

Dazu schreibt Dr. Johannes Pommeranz, Sammlungsleiter für Handschriften und seltene Drucke am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg:

„Ein besonders drastisches Beispiel für die reformatorische Bildpolemik gegen die Ablasspolitik des Papstes gibt ein Matthias Gerung (um 1500–1570) zugeschriebener Holzschnitt ab, der vor 1536 entstanden sein dürfte. Glaubt man dem Spottblatt, dann ist die Hölle weiblich. Als Teufel in Harpyiengestalt sitzt sie auf einem päpstlichen Ablassbrief. Ein Bein badet in einem Weihwasserkessel, die Rechte hält bettelnd eine Almosenbüchse ausgestreckt. Das Auffälligste aber ist der Rachen, in dem es sich Nonnen wie Mönche gut gehen lassen und der in früheren Abdrucken dem heranfliegenden Papst als Landeplatz diente. Neu an dem Bild ist die Unbekümmertheit seiner Gäste. Der Eingang zur Unterwelt wird zum Esszimmer, das zum fröhlichen Miteinander einlädt. Die drohende Gefahr, zermalmt und somit selbst zu einem leckeren Happen zu werden, nimmt nur der Betrachter des Blatts wahr. Die Bosch’schen Züge der Komposition und deren Verwandtschaft mit Gemälden des Antwerpener Malers Jan Mandyn (1500–1560) blieben nicht unbemerkt.“ (Die Hölle und ihr Rachen. Gedanken zur Alltäglichkeit eines christlichen Bildmotivs, in: Monster: fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik; Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg vom 7. Mai bis 6. September 2015. Nürnberg 2015, S. 378-405, hier 396f)

Weitere Bilder von Matthias Gerung (vor allem Holzschnitte zur Ottheinrich-Bibel) finden sich unter Wikimedia Commons.

Noch umfangreicher ist die Bildersammlung bei Zeno.

Thomas Kaufmann – „Die Reformation steht noch aus“

10. November 2016
Thomas Kaufmann

Thomas Kaufmann

Der Reformationshistoriker und Theologe Thomas Kaufmann, der jüngst das Buch „Erlöste und Verdammte: Eine Geschichte der Reformation“ veröffentlicht hat, vermag nicht in selbstgefällige Reformationsjubiläumsaufrufe einzustimmen. Für ihn steht vielmehr eine grundsätzliche Kirchenreformation in der Gegenwart an. In einem Interview im Deutschlandfunk zum Reformationstag führt er aus:

„Die Reformation ist in gewisser Weise seit den 1530er Jahren in eine Verstaatlichungsdynamik eingetreten, die das, was in brausender Vielfalt seit 1518/19 greifbar wird, dann kanalisiert hat und auch staatlich instrumentalisiert hat. […] Ich denke, wir müssen heute sehr deutlich über die Institutionalisierungsgestalt von Religion und Christentum nachdenken. Das ist ja doch ein allfälliger Sachverhalt, dass das Thema Religion, das Interesse an Religion allenthalben boomt, dass sich dies aber keineswegs als Bereitschaft des Mittuns in den verfassten Kirchen äußert – jedenfalls in Mitteleuropa. In anderen Weltgegenden ist auch der Protestantismus eine – wenn man so will – global wachsende Religion, die möglicherweise am dynamischsten wachsende Religion überhaupt. Nur in unseren Breiten stagniert sie, beziehungsweise weist Regressionsphänomene auf. Das hat auch mit unserer Institutionalisierungsstruktur zu tun, ich denke auch mit der tief verwurzelten Staatsnähe.“ Demzufolge fordert er „flachere Hierarchien, stärkere Orientierung an theologischen Sachgehalten, eine stärkere Orientierung an den essenziellen Themenbeständen des Christentums, eine weniger starke Orientierung an dem, was gefällt, was als gesellschaftlicher Konsens ohnehin im Raum steht.“

In einem ideaSpektrum-Interview mit Karsten Huhn nimmt er die landeskirchlichen bzw. EKD-Werbekampagnen direkt aufs Korn: „Zumindest in den Werbekampagnen scheint die Rückbindung an die Bibel keine große Rolle zu spielen. Diese selbstgefällige, weichgespülte Sittlichkeit, wie sie die evangelische Kirche repräsentiert, geht mir gewaltig auf die Nerven. Wo bleiben die ernsthaften Themen: die Botschaft von Sünde, Schuld, Tod, Hölle und Gottes Liebe und Gnade?“

Der Text des ideaSpektrum-Interviews „Was feiern wir da eigentlich?“ findet sich hier als pdf.

Reformation 2017 – Großes Fest der Welthinterfragung

18. Juni 2016

Himmelblau

Jetzt weiß man es offiziell, auf welchem Niveau das Reformationsjubiläum in den Gemeinden zu feiern ist. Heute kam das Werbematerial im blauen Karton aus Wittenberg vom Verein „Reformationsjubiläum 2017 e.V.“ Gut „römisch-katholisch“ wurde dabei adressiert: „Pfarrei Vöhringen“. Die kirchenamtliche Ansage auf den Werbeplakaten für den „Reformationssommer r2017.org“ lautet: „Reformation heißt, die Welt zu hinterfragen. Feiern Sie mit uns 500 Jahre Reformation!

Grün

Großes Fest der Welthinterfragung – alles andere ist nicht kampagnenfähig. Ich hatte schon im Dezember 2010 in einem F.A.Z.-Beitrag auf die Unmöglichkeit eines landeskirchlichen Reformationsjubiläums hingewiesen.  Wo das Christusbekenntnis nicht länger volkskirchenfähig ist und wo man sich nicht an die fällige Kirchenreform in der Gegenwart heranwagt, müssen allerlei sinnstiftende Derivate herhalten, um ein Geschehen von vor 500 Jahren eine Gegenwartsbedeutung zu verleihen.

Was für reformatorische Großanfragen:

  • Wie kommt mehr Himmelblau ins Alltagsgrau?
  • Kann mir etwas Halt geben, das ich nicht fassen kann?
  • Werden wir stärker, wenn wir Schwachen helfen?

Orange

Wie der Prozess einer Welthinterfragung gemeinschaftlich gefeiert werden kann, entzieht sich meiner Erkenntnis.

Hier der Begleittext Die Kampagne zum Reformationsjubiläum als pdf.

Johann Eberlin von Günzburg über die Toleranz gegenüber Andersgläubigen

26. Juni 2015

Bundsgenossen

In Sachen Toleranz hat sich die Reformation nicht hervorgetan. Aber wenigstens Johann Eberlin von Günzburg (1470-1533) hat in seinen 15 Bundsgenossen bzw. in seiner politischen Utopie „Wolfaria“ von 1521 Folgendes geschrieben:

„Von Juden und Heiden: Wenn ‚Missgläubige‘ unter uns wohnen, so soll man ihnen nicht Leid tun, sondern sie freundlich behandeln wie unsere Bürger. Doch soll man sie nicht zu bürgerlichen Ehren oder zu einem Amt zulassen; sie sollen auch unsere Gesetze und den Glauben nicht schmähen.“

That’s Not What Luther Meant

31. Januar 2011

Eine englischsprachige Übersetzung meines FAZ-Artikels „So hat es Luther nicht gemeint“ ist dank Ed Schroeder bei Crossings publiziert: That’s Not What Luther Meant.