Posts Tagged ‘Rudolf Bultmann’

„Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein“ – Rudolf Bultmann zur theologischen Aufgabe 1933

20. Mai 2017

Nicht nur Karl Barth hatte im Frühsommer 1933 mit seiner Schrift „Theologische Existenz heute!“ zur theologischen Besinnung im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland aufgerufen. Auch Rudolf Bultmann meldete sich zu Beginn seiner Vorlesung im Sommersemester am 2. Mai 1933 mit seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ zu Wort. Darin heißt es unter anderem:

Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein, und er muss seine Positivität gerade in seiner kritischen Haltung bewähren. Wie kann er das? Weil er nicht nur von Sünde, sondern auch von Gnade weiß. Weil er Gott nicht nur als den Richter kennt, sondern auch als den Erlöser, der durch Jesus Christus seine ursprüngliche Schöpfung wiederherstellt. Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet die Vergebung der Sünde durch die Offenbarung der Liebe Gottes, und sie bedeutet deshalb die Befreiung des Menschen zur Liebe.

Nur wer den jenseitigen Gott kennt, der in Christus sein Wort der Liebe in diese Welt hineinspricht, der vermag sich aus der Verstrickung dieser sündigen Welt zu befreien und einen Blick zu gewinnen, für den die Ordnungen der Welt wirklich als Schöp­fungsordnungen erkennbar sind, deren er sich dankbar zu freuen hat, in denen er still zu leiden hat, in denen er als Liebender zu wirken hat. Er hat für solches Wirken den kritischen Blick gewonnen, den kritischen Blick gegenüber den lauten Forderungen des Tages, indem er das Gute und das Böse in ihnen misst an der Frage, ob und wieweit in ihnen das Gebot der Liebe durchgeführt werde. Den kritischen Blick aber auch sich selbst gegenüber, ob sein Tun ein selbstloser Dienst sei.

Solcher kritische Blick wird das Werben und den Kampf für Staat und Volkstum nie zu einem Werben und einem Kampf für Abstrakta werden lassen. Denn wir dürfen uns nicht den Blick dafür verschleiern lassen, dass Staat und Volkstum aus konkreten Menschen bestehen, die unsere Nächsten sind. Volkstum birgt ebenso wie Menschen­tum die Gefahr, aus einem Konkretum zu einem Abstraktum zu werden! Ist unser Kampf für das Ideal des Volkstums der Kampf für ein Abstraktum oder für eine konkrete Realität? Das Kriterium für jeden unter uns ist doch dieses, ob er bei seinem Kampfe wirklich getragen ist von der Liebe, die nicht nur in eine Zukunft blickt, in der sie ihr Ideal verwirklichen will, sondern die auch den konkreten Nächsten sieht, der in der Alltäglichkeit des Lebens gegenwärtig mit uns verbunden ist. Wohl gibt es Härten in jedem Kampf, und es fallen Opfer. Das Recht, Opfer zu fordern und Härte zu üben, hat nur der, der in denen, die getroffen werden, die Nächsten sieht! Er wird die Art und Weise und die Grenze seines Handelns dann finden. Nur der kann seinem Volkstum echt dienen, der durch den Empfang der Liebe Gottes in Christus zur Liebe befreit ist.

Der vollständige Text seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ findet sich hier als pdf.

„Es war ein einmal“ – Ein Altersgedicht von Rudolf Bultmann (1975)

19. Mai 2017

Dem letzten Brief Rudolf Bultmanns (1884-1976) an Martin Heidegger (1889-1976) vom 20. September 1975 lag folgendes Gedicht bei – Bultmann von seiner theologiefreien Seite:

»Es war einmal«

»Es war einmal«, so pflegt das Märchen zu beginnen.
In diesem Satz entsteht das Wissen um die Zeit.
Was einmal war, – es ist ja jetzt von hinnen,
Verschlungen ist’s von der Vergangenheit.
Was kommen wird, die Zukunft wird es bringen
So kann das Märchen vom Vergangenen nur singen.
Doch ist im Märchen noch das Wissen nicht entfaltet,
Denn auch das Künftige wird in ihm gestaltet:
In Phantasien mit alten Bildern von Königen und von Megären,
Von Hexen, Zauberern, die uns am Leben zehren.
Doch solcher – Phantasien – Chor
Schwebt heut‘ nicht unsern Augen vor.
Doch ist die Zeit, in der wir heute leben,
mit unserm Planen und Bestreben
Von Märchen wirklich frei? Nein nie!
Nur heißt das Märchen jetzt Ideologie.
Drum frage jeder sich: bist du bereit
Für eine zukunftsreiche offne Zeit?

„Wir sind die, die wir im Lichte der Gnade Gottes sind“ – eine Weihnachtsbesinnung von Rudolf Bultmann

10. Januar 2017

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Hier noch eine weitere Weihnachtsbesinnung von Rudolf Bultmann aus dem Jahr 1953, die er mit folgenden Worten beendet:

„Das „ewige Licht“ macht uns zu „Kindern des Lichtes“, indem es in uns das Licht des Glau­bens anzündet. In solchem Glauben braucht und kann uns unser jetziges unheimliches und dunkles Ich nicht mehr schrecken und quälen. Aber es braucht und soll uns auch nicht mehr in unserer Lebensführung bestimmen. Die Freiheit von ihm kann und soll lebendig sein in der Freiheit gegenüber allem Verlockenden und Verführenden, allem Ängstigenden und Jagenden des weltlichen Le­bens, gegenüber allen Gefahren der Besessenheit. So gibt der Glaube auch „der Welt einen neuen Schein“. Nicht nur damit, daß die Welt ihre Macht über den verliert, der weiß, daß sein eigentliches Ich jen­seits ihrer geborgen ist, sondern auch damit, daß solcher Glaube die Kraft hat, die Welt zu verwandeln. Paulus hat das Wort geprägt, daß der Glaube in der Liebe wirksam ist. Liebe aber verwandelt die Welt. Freilich nicht so, als enthielte die Lie­be das Programm einer besseren Organisation der Welt, wohl aber so, daß überall, wo das Licht der Liebe scheint, sich eine Helligkeit und Heiterkeit verbreitet, eine neue Atmosphäre entsteht — wohl nie ohne Kampf, aber auch nie ohne Sieg.

Haben wir so nicht auch eine Antwort gefunden auf die unbeant­wortet gebliebene Frage, woran es liegt, daß aus unserem Arbeitsgetriebe die dämonischen Mächte erwachsen, die uns beherrschen? Es liegt doch immer am einzelnen Menschen. Es liegt daran, daß er das Wissen um sein eigentliches Ich verloren hat, das jenseits all seiner Bemühungen und Anstrengungen liegt und gleichsam auf ihn wartet [80] als das Geschenk, dem er sich öffnen soll. Wohl er­greift christliche Liebe auch die Verantwortung für die Ordnung der Welt, aber ihre erste Sor­ge ist die für den „Nächsten“, das heißt für die jeweils mit uns Verbundenen, jeweils hier und jetzt uns Begegnenden, ihnen zu helfen, daß ihnen die Augen aufgehen für jenes auf sie war­tende Geschenk.“

Hier der vollständige Text als pdf.

„Die alte Welt ist für das Auge des Glaubens transparent geworden in dem Sinne, daß hinter ihr die transzendente, die jenseitige Welt sichtbar wird“ – Rudolf Bultmanns Weihnachtsbesinnung von 1964

10. Januar 2017

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Was Rudolf Bultmann 1964 im Feuilleton der Süddeutschen in Sachen Weihnachten geschrieben hat, dürfte in der einen oder anderen Weihnachtspredigt auch 2016 zur Sprache gekommen sein:

„Die „neue“ Welt ist nur für das Auge des Glaubens sichtbar gewor­den. Äußerlich gesehen ist die Welt die alte geblieben. Aber die alte Welt ist für das Auge des Glaubens transparent geworden in dem Sinne, daß hinter ihr die transzendente, die jenseitige Welt sichtbar wird. […] Es kommt darauf an […], daß wir in unserem täglichen Leben offen sind für die Begeg­nung des jenseitigen Gottes, der uns als der diesseitige begegnet in den Mitmenschen, wenn wir die Verantwortung wahrnehmen, die wir für sie tragen, die uns beschenken mit ihrer persönlichen Eigen­art, wenn wir nur offene Augen für sie haben, die uns bereichern auch gerade darin, daß sie im konkreten Fall unsere Liebe in Anspruch nehmen. Ebenso aber auch in den Sorgen, den Ängsten und Erschütterungen des Lebens, in denen wir der Endlichkeit, ja, Nichtigkeit unseres menschlichen Daseins inne werden. Ihnen gilt es standzuhalten, um eben darin einer jenseitigen Welt gewiß zu werden.“

Hier der vollständige Text als pdf.