Posts Tagged ‘Trauergottesdienste’

Segen für Trauernde (bei Trauerfeiern und Bestattungen)

15. April 2017

Käthe Kollwitz – Frau mit totem Kind (1903)

Der HERR
segne euch und begleite euch
in diesen Stunden und Tagen.
Er berge eure Trauer in seiner Hand,
Er trage euch, wo ihr loslassen müsst,
Er halte euch in der Tiefe eures Schmerzes.
Das gewähre euch der allmächtige und barmherzige Gott,
+ der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

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Der Aufstand des Gebets. Öffentliche Trauergottesdienste wider zivilreligiöses Schicksalsschweigen

13. September 2014

In der aktuellen September-Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts ist von mir der Beitrag „Der Aufstand des Gebets. Öffentliche Trauergottesdienste wider zivilreligiöses Schicksalsschweigen“ erschienen. Einleitend heißt es dort: „Öffentliche Trauergottesdienste im Angesicht eines katastrophalen Erlebens haben dem zivilreligiösen Schweigen viel entgegenzusetzen – vorausgesetzt, sie werden in ihrer theologischen Tiefe erfasst und liturgisch von ihr getragen. Wie dies aussehen kann, zeigt Jochen Teuffel.“ Der Artikel kann zum Ausdruck hier runtergeladen werden: Teuffel – Der Aufstand des Gebets (DtPfrBl). Das Buch, auf das mein Text Bezug nimmt, heißt „Im Angesicht der Katastrophe“ und ist 2012 im Gütersloher Verlagshaus erschienen.

Im Angesicht der Katastrophe von Jochen Teuffel

Ein Sterbegebet

17. Januar 2014

Türe

Du Gott,

ich stehe vor dem Dunklen,
meine Angst und meine Sorgen –
sie finden kein Heil.

So bitte ich um Dein Licht:

Jesus Christus, ja, Dein Sohn –
er öffne die Türe vor mir
und trete ein.

Er zeige mir seine Hände
vom Kreuz gezeichnet.
Er umarme mich
und nehme mich an,

in all Deiner Liebe

damit ich lebe
als dein Kind
bei Dir
in Ewigkeit.

Amen.

Aussegnung und Bestattung eines totgeborenen Kindes

9. Mai 2013
Skulptur Totgeborenes Kind

Skulptur von Alois Vogler

In der Bestattungsagende der VELKD findet sich die Liturgie einer Aussegnung eines Verstorbenen. Sie passt nicht bei einem totgeborenen Kind. Ich habe daher ein kurzes Formular „Aussegnung eines totgeborenen Kindes“ skizziert, das Anleihen bei der ELKB-Handreichung „Ein Engel an der leeren Wiege“ macht. Ebenso fehlt in der Bestattungsagende der VELKD eine Liturgie, die auf die Bestattung eines totgeborenen Kindes abgestimmt ist. Deshalb ein zweites Formular „Bestattung eines totgeborenen Kindes„.

Im Angesicht der Katastrophe

16. Februar 2013

In der jüngsten Ausgabe des Deutschen Pfarrerblattes ist von Eberhard Feucht folgende Rezension zu meinem Buch erschienen:

Jochen Teuffel, Im Angesicht der Katastrophe. Öffentliche Trauer- und Bittgottesdienste. Elemente, Modelle, Materialien, Gütersloher Verlagshaus 2012 (ISBN 978-3-579-05869-6), 224 S., 19,90€

Im Angesicht der Katastrophe ist es schwer, das Unbegreifliche auszuhalten und Men­schen in angemessener Weise geistlich zu begleiten. Und es ist eine Herausforderung besonderer Art, unter dem Eindruck des Ge­schehenen öffentliche Trauer- und Bittgot­tesdienste zu gestalten. Dies habe ich selbst nach dem Amoklauf von Winnenden erlebt. Vor diesem Hintergrund habe ich die Veröf­fentlichung von Teuffel mit großem Interes­se gelesen.

Anlass für dieses Buch war die Tsunami-Ka­tastrophe vom März 2011 in Japan und die damit verbundene gottesdienstliche Heraus­forderung in der Gemeinde des Autors. Schon im Vorwort macht Teuffel deutlich: »Wo eine Katastrophe scheinbar unaufhalt­sam um sich greift, wird auch für Pfarrerin­nen und Pfarrer die eigene Lebensangst zum Thema« (9).

Im ersten Teil des Buches stellt Teuffel grundlegende systematisch-theologische Überlegungen zum liturgischen Handeln und zur theologisch verantwortlichen Rede von Gott an. »Im Raum der Kirche vollzieht sich der Aufstand des Gebets gegen die Kata­strophe« (14). Für Teuffel soll dies in Anleh­nung an eine, kirchliche Agende in Abgren­zung zu einer zivilreligiösen Agenda gesche­hen. Der Klage kommt dabei eine wichtige Aufgabe zu: »Wer dem Gott klagen kann, be­wahrt sich seine Leidensempfindlichkeit – er muss nicht eigenes noch fremdes Leid verdrängen, um weiterleben zu können … Im Angesicht der Katastrophe darf kein Gottes­dienst klaglos gefeiert werden, will er nicht in einem Gebetsautismus oder in ausweglo­sen Theodizeereflexionen enden« (28).

Kritisch setzt sich Teuffel ebenso mit einem schicksalhaften Vorsehungsglauben auseinander, wie mit dem Versuch »transzenden­ter Sinnstiftung«. Er stellt heraus, »im Angesicht der Katastrophe darf weder göttliche Lenkung geltend gemacht werden, noch darf sinnsuchend vom Katastrophengeschehen abstrahiert werden.« (39)

An Rede- und Predigtbeispielen entfaltet Teuffel, wie die christliche Verkündigung in [119] diesen Situationen nicht ohne die »apokalyp­tisch gebrochene Heilszusage« auskommt. Er lässt anschaulich werden, wie die apoka­lyptischen Bilder aus der Offb. auf dem Hin­tergrund von Unheilserfahrungen neu zur Sprache gebracht werden können. Bei der »Rede vom leidenden Gott« sieht Teuffel, be­zugnehmend auf J.B. Metz, die Gefahr, dass so das konkrete Leiden der Menschen theo­logisch »entwichtigt« wird.

Ich selbst habe in Vorbereitung auf die Got­tesdienste beim Amoklauf von Winnenden erlebt, wie wichtig in diesen Gottesdiensten die Fürbitten sind. Eine kritische und kontrovers diskutierte Frage war, ob es auch eine Fürbitte für den Täter und seine Angehöri­gen geben darf. Teuffel versteht die Fürbitten als Zumutungen im doppelten Sinne. »Die Gemeinde, die im Namen Jesu und in SEINER Geistesgegenwart zum HERRN betet, findet sich nicht schicksalsergeben mit dem Ge­schehen ab. Die Fürbitten sind vielmehr der christliche Aufstand gegen einen Schicksals­glauben«. (69) An Beispielen aus der Bibel und unserer Zeit wird dieses Gebetsverständ­nis anschaulich. Kritisch nimmt Teuffel auch kirchenamtliche Fürbitten, wie sie z.B. nach der Katastrophe von Japan vorgeschlagen wurden, in den Blick und sieht in diesen Bei­spielen mehr eine innere Stärkung als eine angemessene Form, die ganze Fragwürdig­keit der Katastrophe in den Blick zu nehmen. Teuffel bleibt nicht bei der Kritik stehen, er entfaltet in elf Regeln, was er unter »gottangehender Fürbitte« versteht.

Ein eigenes Kapitel widmet er dem Raum, der Frage der angemessenen Paramente sowie der symbolischen Präsenz der Katastro­phe. An Beispielen zeigt er, wie hier »visuel­le Enthaltsamkeit« einhergeht mit einer Symbolsprache, die dem Geschehenen ge­recht wird. Die Entzündung von Kerzen für die Verstorbenen gehört mit zur stärksten symbolischen Handlung in einem Trauergot­tesdienst und bedarf daher auch in Vorbereitung und Ausführung einer besonderen Sorgfalt. Dasselbe gilt auch für die Auswahl der Lieder.

Praxisnah und verschiedenen Anlässen ge­mäß finden sich im 2. Teil der Veröffentli­chung liturgische Texte, Gebete und konkre­te Hilfen für die Gestaltung von konfessionsübergreifenden Gottesdiensten.

Mich beeindruckt an dieser Veröffentli­chung die theologisch fundierte und kriti­sche Aufarbeitung kirchlichen Handelns an­gesichts von Katastrophen. Diese basiert auf der Grundlage einer Theologie, die das Leid nicht sinnstiftend verklärt, sondern ihm standhält und in einer vom Unbegreiflichen gezeichneten Wirklichkeit dennoch theologisch sprachfähig bleibt.

Quelle: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 2/2013, 113. Jahrgang, Seite 118f.

Im Angesicht der Katastrophe

11. September 2012

Ende Juli ist im Gütersloher Verlagshaus das Buch „Im Angesicht der Katastrophe. Öffentliche Trauer- und Bittgottesdienste“ erschienen. Anlass dieses Buches war die Tsunami-Katastrophe vom März 2011 in Japan. Glieder der evangelischen Kirchengemeinde Vöhringen/Iller zusammen mit katholischen Geschwistern stellten sich über zwei Wochen hinweg der gottesdienstlichen Herausforderung in der örtlichen Martin-Luther-Kirche. Bitten und beten hieß es da. Dabei hatte sich gezeigt, dass liturgische Vorlagen, Texte sowie Gebete, die auf Unglücksfälle und Katastrophen hin gesprochen werden können, eher rar sind.

So hatte ich die Idee, ein Buch zur Gestaltung öffentlicher Trauer- und Bittgottesdienste zu verfassen, mit einer Auswahl verschiedener biblischer Lesungen, Predigtbeispielen, Fürbitten, Liedvorschlägen sowie symbolischer Handlungen. Die gottesdienstlichen Abläufe sind überkonfessionell gehalten, die Sprache ist nahe an der Bibel dran. Es ist für Menschen geschrieben, die gottesdienstlich tätig sind. Das Buch soll kein einfaches Rezeptbuch sein, theologische Fragen werden nicht ausgespart. Eine Leseprobe des Buches findet sich hier: Teuffel – Im Angesicht der Katastrophe (Exzerpt)

Jochen Teuffel, Im Angesicht der Katastrophe. Öffentliche Trauer- und Bittgottesdienste. Elemente, Modelle, Materialien. Paperback, Broschur, 224 Seiten, 13,5 x 21,5 cm. Mit CD-ROM ISBN: 978-3-579-05869-6 € 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50* (* empf. VK-Preis) Verlag: Gütersloher Verlagshaus.

Predigt zum Gedenkgottesdienst aus Anlass der Terroranschläge vom 11. September 2001 (Jesaja 29,17-24)

3. September 2011

Ich weiß noch, dass ich am Nachmittag dieses Dienstags im Aufgang zu meiner Wohnung in Wasserburg am Inn stand, als Martin, mein Nachbar, aus seiner Wohnungstür kam und aufgeregt von den Fernsehbildern erzählte. Da stand ich dann unversehens in seinem Wohnzimmer und blickte selbst in den Bildschirm. Zwei Tage später feierten wir in der evangelischen Christuskirche abends den ersten Gedenkgottesdienst für die Opfer der Terroranschläge. Dabei stellte sich heraus, dass der Bruder einer Gemeindemitarbeiterin auf dem Heimflug von Deutschland in die USA mit seiner Familie in einem der abgestürzten Flugzeuge ums Leben gekommen war. Kurze Zeit darauf erzählte mir die Grafikdesignerin, die für unsere Firma tätig war, sichtlich erschüttert, wie sie bei einem Besuch in New York die brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Ereignisse des 11. September 2001 kamen dem eigenen Leben nahe, selbst in einer malerischen Kleinstadt in Oberbayern.

„Die Welt geht unter!“ Das war der todeserschrockene Ausruf eines kaufmännischen Auszubildenden am Nachmittag des 11. Septembers 2001 im Großraumbüro der Firma Bosch in Gerlingen. Der Ruf ist längst verhallt. Auf den Tag sind es zehn Jahre her, dass die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers durch zwei Verkehrsflugzeuge zum Einsturz gebracht worden sind. Da mögen bewegte Bilder in Fernsehen und im Internet die eigenen Augen immer wieder aufs Neue überwältigen. Und doch waren die flugzeugspitzen Terroreinschläge in New York und Washington kein Weltuntergang. Die Menschheit hat überlebt, auch wenn es weitere Terroranschläge gegeben hat und gegenwärtig in Afghanistan und Irak nicht wirklich Friede herrscht.

Kein Weltuntergang hat sich eingestellt, aber die Furcht vor einem endlosen Kreislauf des Tötens und der Vergeltung lässt uns nicht so leicht los. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ (Pred 1,9) Schrecken und Gewalt führen in dieser Welt zu nichts und müssen sich scheinbar endlos wiederholen.

Wider alle Resignation stellt der Prophet Jesaja eine göttliche Verheißung in den Raum: Noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. (Jes 29,17-24)

Der Prophet intoniert den Sieg des Gerechtigkeit inmitten des irdischen Jammertales: Noch eine kleine Weile, dann wird es ein Ende haben mit gewalttätigen Unheilstiftern und Attentätern. Noch eine kleine Weil, dann finden Taubheit und Finsternis ihr Ende. Noch eine kleine Weile, dann werden die Elenden Lebensfreude finden; ja, die Ärmsten werden fröhlich sein, Geistesirre werden zu Verstand gebracht, und Murrende werden aufgeklärt. Nur noch eine kleine Weile, dann werden die Werke Seiner Hände wahr werden.

Kaum zu glauben – wie soll das hier auf Erden schlussendlich gutgehen mit dem Leben der Menschen? Zu vieles scheint aus dem Ruder zu laufen, Hypotheken der Vergangenheit lasten auf der Zukunft, die große Umkehr zum Leben zeigt sich nicht. Auswege aus der Krise werden vielfach beschworen, aber nirgendswo angezeigt. Das (letzte) Wort des Predigers steht im Weg: „Das Geschick der Menschen gleicht dem Geschick der Tiere, es trifft sie dasselbe Geschick. Jene müssen sterben wie diese, beide haben denselben Lebensgeist, und nichts hat der Mensch dem Tier voraus, denn nichtig und flüchtig sind sie alle. Alle gehen an ein und denselben Ort, aus dem Staub sind alle entstanden, und alle kehren zurück zum Staub.“ (Pred 3,19f ZB)

Heute wird in New York die Nationale Gedenkstätte für die Opfer des 11. Septembers (National 9/11 Memorial) feierlich eröffnet werden. Wo vormals auf dem Ground Zero die beiden eingestürzten Türme standen, sind nun zwei quadratische Ausschachtungen gesetzt, an deren Rändern Wasser in zweistufigen Kaskaden in die Tiefe stürzt. Der Titel dieses Monuments heißt „Reflektierende Abwesenheit (Reflecting Absence)“. Im Wasserfluss wird das Fehlen der Gebäude und der verstorbenen Menschen reflektiert. Die quadratischen Becken sind umbrüstet und können von den Besuchern abgegangen werden. Auf den Brüstungen finden sich die Namen der Opfer in Bronzeplatten eingraviert, sortiert nach dem Unglücksort – fast 3000 Namen sind da versammelt.

Ja, das scheint angesagt zu sein: Auch zehn Jahre danach den Toten zu gedenken und ihre Namen nicht zu vergessen. Und doch hat solch ein naheliegendes, berührendes Totengedächtnis auf Dauer keine wirkliche Zukunft. Wo nur noch Namen und Erinnerungen bestehen, kann verlorengegangenes und gegenwärtiges Leben nicht wirklich zueinander finden: Tote und Überlebende haben sich nichts zu sagen – es bleibt bei Selbstgesprächen. Spätestens dann, wenn Nachgeborene mit Namen längst Verstorbener nichts mehr zu verbinden wissen, triumphiert die anonyme Opferstatistik über das selektive Namensgedächtnis. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ (Pred 1,9) Schlussendlich macht sich unter uns Menschen das große Vergessen breit, das den Verstorbenen keine Zukunft geben kann. Und selbst wenn in nicht allzu ferner Zukunft alles besser würde mit uns auf Erden, hätten die Verstorbenen davon keinen Gewinn mehr.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“ (Jes 29,17) Im Buch der Offenbarung findet sich ein himmlisches Gotteslob, das die Prophetie des Jesaja aufnimmt: „Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!“ (Offb 7,10) Der „apokalyptische Blick“ (Johann Baptist Metz) des Seher Johannes lässt zu Tode gekommene Menschen noch einmal im Himmel gegenwärtig werden, „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen“ (Offb 7,9) Da, wo das Lamm gegenwärtig ist, wo sein Geheimnis des Sterbens und der Auferstehung wirklich ist, bleibt gewaltsam hintergangenes Leben nicht länger vernichtet. In der Gegenwart des Gottes und seines Lammes ist die unheilvolle Vergangenheit eingeholt und überwunden. Dem Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus entgeht nichts. Er kommt dem Schreckensgeschehen hinterher, mehr noch – Christus hat es in seinem Leiden und Sterben eingeholt. Nicht die Toten des 11. Septembers, sondern Tod und Zerstörung sind in SEINER Gegenwart vernichtet.

Am Ende des Buches der Offenbarung richtet sich die endzeitliche Heilsgemeinschaft metropolitan („mutterstädtisch“) auf. Der göttliche Thron findet sich im neuen Jerusalem, das nicht länger im Himmel zurückgehalten ist. Da kann dann das 9/11-Memorial in New York mit seinen Wasserläufen und dem Eichenhain ganz neu in den Blick genommen werden – als Abbild einer grandiosen Heilsvision. Wo der „Thron des Gottes und des Lammes“ die Leerstelle auf dem Ground Zero einnimmt, kehrt sich das Opfergedächtnis der zukünftigen Hoffnung zu. Es scheint sich das zu bewahrheiten, was Johannes zu guter Letzt geschaut hatte: „Und er zeigte mir den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, und er entspringt dem Thron des Gottes und des Lammes. In der Mitte zwischen der Straße und dem Fluss, nach beiden Seiten hin, sind Bäume des Lebens, die zwölfmal Frucht tragen. Jeden Monat spenden sie ihre Früchte, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und nichts Verfluchtes wird mehr sein.“ (Offb 22,3-4).Amen.

Hier die Predigt als pdf.

Ablauf des Gedenkgottesdienstes aus Anlass der Terroranschläge vom 11. September 2001

3. September 2011

Liturgische Farbe: lila (Buße)

  1. Glockenläuten
  1. Orgelspiel
  1. Begrüßung

L: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

G: Amen.

L: Der Friede des HERRN sei mit Euch allen

G: Und mit Deinem Geist.

Zehn Jahre sind es her, dass die Terroranschläge vom 11. September die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt haben. In diesem Gottesdienst gedenken wir dieser Ereignisse, insbesondere der Opfer und bringen unsere offenen Fragen und Wunden vor den dreieinigen Gott.

  1. Eingangslied EG 299,1-4 – Aus tiefer Not schrei ich zu dir (erste Melodie)
  1. Kyrierufe, jeweils mit „Kyrie, Kyrie eleison“ (EG 178.12) aufgenommen.

Wir haben die Bilder in uns: Feuerbälle, Rauchwolken, einstürzende Wolkenkratzer, Staublawinen, Entsetzensschreie, Trümmerwüsten. „Kyrie, Kyrie eleison“

Wir denken an die Menschen, die in den Trümmern des World Trade Centers, im Pentagon und den abgestürzten Flugzeugen ihr Leben verloren haben. „Kyrie, Kyrie eleison“

Wir denken an Feuerwehrleute und Rettungskräfte, die andere Menschen vor dem Tode retten wollten und selbst zu Tode gekommen sind. „Kyrie, Kyrie eleison“

Wir denken an Kriege in Afghanistan, im Irak, an die Opfer von Selbstmordattentaten und militärische Übergriffen auf die Zivilbevölkerung – Tote, Verwundete, Verkrüppelte, Waisen, Witwen, traumatisierte Menschen. „Kyrie, Kyrie eleison“

Fassungslos stehen wir vor dem Fanatismus von Attentätern und vermeintlichen Gotteskriegern. Da sind Kräfte des Hasses am Werk, die Gesellschaften und deren Ordnungen vernichten wollen. „Kyrie, Kyrie eleison“

  1. Tagesgebet

Barmherziger Gott, du bist unsere Zuversicht und Stärke in jeder Not: Sieh nicht auf unsere Schuld, sondern halte uns fest, damit Hoffnung auf deine Hilfe uns erfülle und wir errettet werden.Durch unsern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

G: Amen.

  1. Lesung aus dem Alten Testament

Die Lesung steht beim Propheten Jesaja im 29. Kapitel.

Lesung Jes 29,17-24

Wort des lebendigen Gottes

G: Dank sei Gott.

  1. Graduallied EG 289,1-4 – Nun lob, mein Seel, den Herren
  1. Evangelium

Das Evangelium steht bei Markus im 7. Kapitel:

Lesung Mk 7,31-37

Ehre sei dir, Herr.

G: Lob sei dir, Christus.

  1. Predigt zu Jesaja 29,17-24
  1. Glaubensbekenntnis
  1. Predigtlied EG 637,1-3 – Von guten Mächten treu und still umgeben
  1. Abkündigungen
  1. Liedvers EG 637,4
  1. Fürbitten

Als Bittende stehen wir vor dem HERRN und suchen Worte, Worte nicht nur für uns selbst. Lasst uns beten:

Himmlischer Vater,

wir bitten um das Kommen Deines Reiches, dass Menschen unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft unter Deinem Friedefürst versammelt werden, dass Deine Gerechtigkeit und Deine Liebe Feindschaft und Kriege überwinde. Wir rufen zu Dir!

G: Herr, erbarme dich!

Wir bitten Dich für Familien, deren Leben durch die Terroranschläge vom 11. September beschädigt worden ist – Menschen, die Angehörige verloren haben und mit ihrer Trauer immer noch in den Schreckensereignissen gefangen sind. Dein Geist bringe sie zur Quelle des lebendigen Wassers, damit sie an Leib und Seele heil werden. Wir rufen zu Dir!

G: Herr, erbarme dich!

Wir bitten Dich für Menschen, die aus religiösem Fanatismus heraus Andersgläubige, insbesondere Christen und Juden, verfolgen und zu töten suchen. Lass Du ihre böswilligen Pläne misslingen. Dein Geist und Dein Wort bringe sie zur Besinnung und Umkehr, dass sie Deine Güte und Liebe begreifen können. Wir rufen zu Dir!

G: Herr, erbarme dich!

Wir bitten Dich für Regierungen in Amerika, Europa und Asien, dass sie geeignete Wege finden, islamistische Terrorgruppen aufzulösen, ohne dabei Leben zu töten. Wir bitten Dich für die Völker im Nahen Osten, insbesondere für Israelis und Palästinenser. Bestärke sie auf dem Weg des Friedens, der beide Seiten leben lässt. Schaffe Brücken des Vertrauens und Auswege aus Hass, Verbitterung und Gewalt. Wir rufen zu Dir!

G: Herr, erbarme dich!

Wir bitten für Muslime in aller Welt, die auf friedliche Weise ihre Religion leben. Bewahre sie vor falschen Beschuldigungen und Übergriffen. Wir bitten Dich für alle islamische Gemeinschaften und Staaten. Bestärke Du sie, sich von terroristischen Fanatikern zu trennen. Wir rufen zu Dir!

G: Herr, erbarme dich!

Wir bitten Dich um Verständnis und Toleranz unter den Einwohnern in unserer Gemeinde, dass sich Menschen mit kulturellen und religiösen Unterschieden respektieren können und füreinander aufgeschlossen sind. Wir rufen zu Dir!

G: Herr, erbarme dich!

Wir bitten Dich auch für Menschen unter uns, die an Leib oder Seele schwer zu tragen haben, sei es durch eigene Krankheit oder die Erkrankung eines nahestehenden Menschen. Erfülle sie mit Deinem Geist und begleite sie auf dem Weg, den sie jetzt zu gehen haben. Wir rufen zu Dir!

G: Herr, erbarme dich!

Und was wir selbst auf dem Herzen haben, bringen wir in der Stille vor den HERRN

Stille

  1. Vaterunser
  1. Schlusslied EG 421 Verleih uns Frieden gnädiglich
  1. Entlassung und Segen

L: Der HERR sei mit Euch

A: Und mit Deinem Geiste

L: Gehet hin im Frieden des Herrn.

G: Gott sei ewiglich Dank.

L: Der Herr segne euch und behüte euch. Der Herr lasse sein

Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Der Herr erhebe

sein Angesicht auf euch und gebe euch + Frieden.

G: Amen.

  1. Orgelspiel

Eine seelsorgerliche Katastrophenpredigt

28. März 2011

„Predigt im Gespräch“ ist eine Zeitschrift des Ökumenischen Vereins zur Förderung der Predigt, die jeweils eine denk-würdige Predigt samt ausführlichem Kommentar zum Inhalt hat. Im Heft 105/Juli 2009 habe ich folgenden Kommentar zu einer Predigt von Lothar Malkwitz über 1. Thess 5,14-24 am 24. August 2008 veröffentlicht:

Eine seelsorgerliche Katastrophenpredigt

Eine Katastrophenpredigt schenkt uns Lothar Malkwitz. Vier Tage vor dem Sonntagsgottesdienst in der sommerlichen Ferienzeit ist eine vierköpfige Familie aus der unmittelbaren Nachbarschaft bei einem Flugzeugunglück in Spanien umgekommen. Das Sommerloch wird schlagzeilig aufgefüllt. Nachdem die Namen auf der Passagierliste veröffentlicht worden sind, belagern Reporter und Kamerateams das Wohnhaus der Familie. Die allzu menschliche Sensationsgier will um jeden Preis mit Neuigkeiten befriedigt werden. Das Unglück hat auch die örtliche Kirchengemeinde eingeholt. Die Menschen sind geschockt und aufgebracht. Und am Sonntag gibt es auf der Kanzel kein Entrinnen.

Der Prediger redet von Beginn an nicht vorbei, gesteht das eigene Mitgenommensein ein und nimmt die Stimmung auf – unser Glaube hat gegenüber der Wucht der Katastrophe keine Chance. Der Bruch wird zugegeben, auch wenn der Vergleich der Unglücksgeschehens mit Karfreitag etwas gewagt erscheint.

Gut ist, dass der Prediger trotz der Kasualie „Unglück“ beim vorgesehenen Predigttext aus der Perikopenreihe bleibt. Was es gerade jetzt zu sagen gilt, muss der Mahnrede des Apostels an die Thessalonicher entnommen werden, auch wenn Worte wie „seid allzeit fröhlich“ bzw. „seid dankbar in allen Dingen“ im Kasus der Katastrophe fast höhnisch klingen mögen. Die Katastrophenpredigt wird als Homilie entfaltet, ohne dass sie damit unter dem Anspruch des Trostspendens steht. Der geschulte Psychoanalytiker Malkwitz weiß, dass es in der Katastrophe keinen Trost geben kann, „die Katastrophe selbst ist wie ein schwarzes Loch, das alles Licht, alle Lebensenergie außerhalb zu verschlucken trachtet.“

Um den Predigttext im Katastrophenfall sprechen zu lassen, müssen freilich die zwischenmenschlichen Ermahnungen in das je eigene Seelenleben hingenommen werden, eine allegorische Auslegung also. Im Verlauf der Predigt wird dann der Blick über die Katastrophe hinaus geweitet, wenn es um eine eher allgemeine gehaltene Lebenshilfe geht. Schlussendlich muss es dann doch noch theologisch werden, wenn es um den Segenswunsch in Vers 23 geht. Der Prediger wagt sich zu der Aussage vor, dass Gott für Kriege, Naturkatastrophen und Unfälle nicht verantwortlich ist, da er selbst kein allmächtiger Weltenlenker sei.

Dann kommt schließlich doch der eingangs verweigerte Trost zumindest indirekt zur Sprache. Die Einwohnung eines „leisen Gottes der Liebe und des Friedens“ wird dem verunsicherten und verstörten Leben zugesprochen. Die Katastrophenpredigt erweist sich damit im wahrsten Sinne des Wortes als „seelsorgerlich“. Man kann davon ausgehen, dass sie von den Zuhörenden als positiv und hilfreich aufgenommen worden ist.

Der Widerspruch, der in dieser Predigt steckt, bezieht sich auf die Trostlosigkeit der Katastrophe und die eigene Bemühung um Seelentrost. Für den Prediger ist diese Katastrophe in erster Linie seelisch zu bewältigen. Die sinnlosen W-Fragen sowie die göttliche Allwirklichkeit werden zu Recht zurückgewiesen. Die Katastrophe ist sinnlos und Gott ist dafür nicht verantwortlich zu machen. Der nachfolgende Seelentrost will die Sinnfrage nicht beantworten, sondern sucht dem angefochtenen Leben die göttliche Gegenwart zuzusprechen. Dabei bleibt jedoch eine Frage außen vor: Was ist mit den Opfern? Nach der Einleitung tauschen sie in der Predigt nicht mehr auf. Sie sind aus dem Blickfeld verschwunden. An dieser Stelle werden für mich die Beschränkungen einer seelsorgerlichen Predigt deutlich. Die eigene seelische Bewältigung des Schreckens muss den leiblichen Verlust außer Acht lassen.

Für mich besteht die eigentliche Herausforderung des Katastrophenfalls darin, die Handlungswirklichkeit Christi auszusprechen. Es geht dabei nicht um eine „theo-idiotische“ Beantwortung der Warum- oder Wozu-Frage, sondern vielmehr um die Wirklichkeit des Pascha-Mysteriums Christi – Ostern im Angesicht der Katastrophe. Das unfassbare Geschehen kann von uns seelisch nicht wirklich bewältigt werden. Was von Christen jedoch zu erhoffen und zu erbeten ist ist, dass das tödliche Geschehen vom Kreuzestod Christi eingenommen ist und die Namen der Opfer von der Fleischwerdung des Gottessohnes umgriffen sind, so wie es der Apostel Paulus ausspricht: „Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Röm 14,7-9). In Christus geht menschliches Leben nicht verloren, auch nicht in einer unfassbar bleibenden Flugzeugkatastrophe. Eine evangelische Predigt, die die Größe des Pascha-Mysteriums Christi im Angesicht der Katastrophe herausstellt, kann den Opfern die ganze Beachtung schenken.

Jochen Teuffel

Kommentar zu einer Predigt von Lothar Malkwitz über 1. Thess 5,14-24 am 24. August 2008 aus: Predigt im Gespräch, Heft 105/Juli 2009, Seiten 5-7.