Posts Tagged ‘Verheißung’

„Die Hoffnung auf das kommende Gottesreich umgreift das, was Christen jetzt leben und glauben dürfen“ – Hans G. Ulrich über die Rede vom „Reich Gottes“

27. Oktober 2017

Mein theologischer Lehrer Hans G. Ulrich wird am 5. November 75 Jahre alt. Bei ihm habe ich evangelische Ethik in göttlicher Verheißung gelernt, die einem religionistischen Autismus biblisch widerspricht. Ein schöner, feinsinnig geschriebener Text ist sein Aufsatz „Gottes Reich – der widerständige Trost seiner Verheißung“ (2005 erschienen in Ernstpeter Maurer, Grundlinien der Dogmatik), in dem es unter anderem heißt:

Die Hoffnung auf das Reich Gottes ist untrennbar verbunden mit Jesus Christus, mit seiner Verkündigung, seinem Wirken, seinem Leben und seiner Passion. Die Hoffnung auf das Reich Gottes bleibt gewie­sen an Jesus, der als der »König der Juden« stirbt, und an den Jesus Christus, der zur Rechten Gottes sitzt und wiederkommt, um »zu rich­ten die Lebenden und die Toten«, wie es im Apostolischen Glaubens­bekenntnis ausgesprochen ist. Die Hoffnung auf Gottes Reich ist in diese Geschichte Jesu Christi aufgehoben. Sie steht gegen die Erwar­tung und Verzweiflung derer, die ihre Geschichte oder die Geschichte der Menschheit mit dem Reich Gottes verbunden sehen wollen. Mit der Verheißung des Reiches Gottes wird nicht der verborgene Sinn der Geschichte oder gar deren Vollendung, sondern eine andere Ge­schich­te präsent: die Geschichte Gottes mit den Menschen, seinen Geschöp­fen, denen er die Treue hält.

In dem Aufeinandertreffen biblischer Zeugnisse ist der Zusammen­hang von Gottes Ver­heißung und Erfüllung angelegt, in dem sich der christliche Glaube und die christliche Hoff­nung bewegen: die Hoffnung auf Gottes Reich ist getragen von der Erfahrung erfüllter Verhei­ßung in dem gekommenen Christus und von dem Glauben an den auf­erstandenen Herrn, dem König – und umgekehrt: die Verheißung end­gültiger Erfüllung in Gottes Reich trägt den Glauben an den gegenwär­tigen Christus. Hier ist der Jesus Christus im Blick, der sich den Armen und Elenden zugewandt hat, der Krankheiten geheilt und Sünden ver­geben hat.

Nicht die vielleicht bange Frage möglicher Perspektiven auf ein künftiges Gottes-Reich ist hier leitend, sondern die überreiche, das ge­genwärtige Leben verändernde Präsenz erfüllter Verheißungen und die ihnen folgende, darin begründete Hoffnung auf weitergehende Erfül­lung, die Gott selbst herbeiführt. Es geht nicht darum, daß etwa eine Kirche, die Christen oder das Christentum Gottes Wirken weiterfüh­ren, sondern es geht darum, daß sich diese Christen und die Gemeinde Jesu Christi ihrer Berufung würdig zeigen (Eph 4,1). Die Verheißung des kommenden Gottesreiches hat ihre Pointe ja gerade darin, daß nicht irgendein Reich in Aus­sicht steht, sondern daß Gott selbst — in der Einheit mit Christus — regiert. Die Hoffnung richtet sich auf den Gott, der schon bekannt und präsent ist, und auf ein Gottes-Reich, das bereits begonnen hat. Sein Fundament ist gelegt.

So kann der christlichen Gemeinde gesagt werden: »Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herr­lichkeit seines Erbes für die Heiligen ist, und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wur­de, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den To­ten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.« (Eph 1,18-23)

Die Hoffnung auf das kommende Gottesreich hat ihre Eigenart und Kraft darin, daß sie in Gottes Verheißung begründet ist und daß Gott selbst die Hoffnung auf sein kommendes Reich herbeigeführt hat. Gott hat die menschlichen Hoffnungen auf sich gezogen und an sich gebun­den. Mit der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich bleibt der christliche Glaube daran ge­wiesen, daß Gott nicht nur irgendwie im Hintergrund gedacht wird, als der Gott, der schließ­lich alles zu­sammenhält oder zum guten Ende führt. Vielmehr ist Gott mit seinem Wirken und Handeln präsent und kommt uns Menschen und dieser Welt mit seiner künftigen Regentschaft entgegen. So ist es nicht mög­lich, die Hoffnung auf das Gottes-Reich zu bewahren ohne die ganze Geschichte der Verheißungen und ihrer Bekräftigung durch Gott, die im Kommen Jesu Christi greifbar nahegerückt ist. Mit der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich ist gegeben, daß unser ganzes gegenwär­tiges menschliches Leben, mit allem, was es trägt und ausmacht, in Gottes regierender Hand ist. So können die Christen singen: »Lobe den Herren, den mächti­gen König der Ehren … Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret … Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar ge­segnet« (EG, 316). Gottes kommendes Reich wird dieses Lob in einer neuen Welt bewahrheiten. Die Hoffnung auf Gottes kommendes Reich ist an diesem Vertrau­en festgemacht, es ist eine erfahrene und begrün­dete Hoffnung (Gerhard Saurer). Mit der Verheißung des kommenden Reiches Gottes findet der Glaube den Gegenhalt, den Trost in Gottes Wirken und Regieren. Dieser Gegenhalt steht allem Vertrösten entge­gen.

Hier der vollständige Text „Gottes Reich – der widerständige Trost seiner Verheißung“ als pdf.

 

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„Gott hat niemals anders mit den Menschen gehandelt als durch das Wort der Verheißung“ Martin Luther über Glaube und Verheißung.

17. Mai 2017

In seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium)“ von 1520 hat Martin Luther zum ersten Mal die Korrelation von Verheißung (promissio) und Glaube (fides) als reformatorisches Proprium ausführlich dargelegt. So schreibt Luther bezüglich dem Abendmahl als Sakrament:

Daraus siehst du, daß zu einer würdigen Feier der Messe nichts anderes als der Glaube gefor­dert wird, der fest auf diese Zusage vertraut und daran glaubt, daß Christus in diesen seinen Worten wahrhaftig spricht, und nicht zweifelt, daß ihm diese unermeßlichen Güter frei ge­schenkt sind. Auf diesen Glauben folgt alsbald von selbst die innigste Bewe­gung des Herzens, durch welche der Geist des Menschen weit und reich gemacht wird – das geschieht durch die Liebe, welche uns durch den Heiligen Geist im Glauben an Christus geschenkt wird. So wird er zu Christus, dem freundlichen und gütigen Testator, hingerissen und ein ganz anderer und neuer Mensch. Denn wer wollte nicht innig weinen, ja vor Freude an Christus fast vergehen, wenn er ohne jeden Zweifel glauben kann, daß diese unschätzbare Verheißung Christi ihm gilt! Wie sollte man einen solchen Wohltäter nicht liebhaben, der dem Unwürdigen, welcher ganz anderes verdient hätte, solchen Reichtum und dieses ewige Erbe, bevor man überhaupt darum bittet, anbietet, zusagt und schenkt?

Denn Gott hat niemals anders – wie ich sagte – mit den Menschen gehandelt und handelt auch nicht anders mit ih­nen als durch das Wort der Verheißung. Wir andererseits können mit Gott niemals anders als durch den Glauben an sein Verheißungswort handeln. Nach Werken fragt er nicht, bedarf ihrer auch nicht. Durch Werke handeln wir vielmehr gegen die Men­schen und mit den Menschen und uns selbst. Aber Gott bedarf dessen, daß er von uns in seinen Zusagen als wahrhaftig geachtet werde und man geduldig seiner har­re und er so in Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt werde. Dadurch geschieht es, daß er seine Ehre in uns behauptetet, wenn wir nicht durch unser Laufen, sondern durch sein Erbarmen, Verheißen und Schenken alles Gute empfangen und haben (Röm 9,16). Siehe, das ist der rechte Gottesdienst und die wahre Gottesverehrung, die wir in der Messe darbringen sollen. Wenn aber die Ver­heißungsworte nicht gelehrt werden, was für eine Übung des Glaubens kann man dann haben? Aber wer hofft ohne Glauben? Wer liebt? Was ist das für ein Gottesdienst ohne Glauben, Hoffnung und Lie­be! Daher ist kein Zweifel, daß heutzutage alle Prie­ster und Mönche samt den Bischöfen und allen ihren Obe­ren Götzendiener sind und wegen solcher Unkenntnis, sol­chen Miß­brauchs und solcher Verspottung der Messe, d. h. des Altarsakraments und der Zusa­ge Gottes in einem höchst gefährlichen Stande leben.

Ein jeder sieht ja leicht ein, daß dieses beides, »Zusage« und »Glaube«, zugleich nötig ist. Denn ohne Zusage und Verheißung kann nichts geglaubt werden. Ohne Glauben aber ist die Verheißung nutzlos, weil sie nur durch den Glauben bestätigt und erfüllt wird. Aus diesem allen wird ebenso leicht jeder einsehen, daß die Messe, da sie nichts anderes als Verheißung ist, allein durch diesen Glauben be­gangen und gefeiert wird.

Hier ein längerer Textauszug als pdf.