Posts Tagged ‘Verkündigung an die Hirten’

„Willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst“ – Hans Joachim Iwands Besinnung zur Weihnachtsgeschichte (Lk 2,8-14) von 1939

15. Dezember 2017

Jules Bastien-Lepage – The Annunciation to the Shepherds (1875, National Gallery of Victoria, Melbourne)

Da war Hans Joachim Iwand schon Pfarrer an der Marienkirche in Dortmund, als er 1939 für das Evangelischen Volksblatts für die Ostmark eine Besinnung zur Weihnachtsgeschichte schrieb. Großartig ist es, wie Iwand in der Verkündigung an die Hirten das Evangelium aufzeigt:

Nun seht, so wie der Glanz Gottes die Hirten in dieser Wundernacht um­fing, so umfängt er jeden, dem das Heil widerfährt: als unbegreifliche, überwältigende, unbegründete Gnade. Darum fürchten wir uns – aber Gott sagt: Fürchtet euch nicht! Warum denn nicht? Darum nicht, und zwar ein­zig und allein darum nicht, weil der Heiland geboren ist, der Retter, der Erlöser der Welt. Die Gegenwart Gottes, die uns umfängt, heißt Vergebung, Erlösung, heißt Freundlichkeit und Menschlichkeit. Das Licht, das die Nacht in den Tag wandelt, ist der helle Schein der großen Barmherzigkeit Gottes, der mitten hineinleuchtet in das Dunkel der Welt. Das allein hilft, das hören und das glauben; denn alles andere, was wir oder andere uns sagen, um unser erschrockenes Herz zu beschwichtigen, hilft da nicht. Wir haben Grund genug, uns zu fürchten, wenn wir auf einmal in die Ge­genwart Gottes gestellt werden. Es gibt nur eines, den Menschen dann frei zu machen von der Furcht, sein Herz und Gewissen froh zu machen, das ist diese Kunde: Der Heiland ist geboren. Darum, willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst. Er, Gott selber, legt seinen eingeborenen Sohn in die armselige Hütte der Welt, damit wir in ihm das allzeit gültige Pfand seiner Liebe hätten. Wenn das geschieht, wenn die Gnade Gottes größer wird als die Furcht, wenn uns dies Kind lehrt, wieder zu Gott Vater zu sa­gen – dann, ja dann ist das Wunder der Heiligen Nacht auch bei uns und an uns geschehen.

Es ist seltsam: was die Hirten lernten in dieser einzigen Nacht, lernt mancher sein Leben lang nicht. Er lernt es nicht, trotz Kirchengehen und Bibellesen. Es muß nämlich noch mehr hinzu­kommen, damit wir das ler­nen. Es muß mit der Geburt des Kindes auch in uns der Mensch geboren werden, der wieder glauben, hoffen und anbeten kann. Wie geschieht das? Wenn wir hören, wie die Hirten hörten, und glauben, was die Hirten glaub­ten: Euch ist heute der Hei­land geboren! Auf das Heute kommt es an und auf das Euch kommt es an. Wie es an einer anderen Stelle heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht.« Heute – das heißt: So, wie du bist, so hat dich Gott lieb. Mitten in deine Lage, mitten in deine Not, mitten in deine Bedrängnis sendet er dir den Christus, den Er­löser. Wie mag unser Heute aussehen – das Heute des Kriegsjahres 1939? Gott allein weiß, wie vielfältig sein Gesicht ist. Aber seine Herrlichkeit ist nicht gebunden an Raum und Stätte. Er legt sein Kind in die Hände derer, die heute an unsren Grenzen die Wacht halten, er läßt das »Stille Nacht, Heilige Nacht« erklingen mitten im Kriegsgetümmel, er eint die Herzen derer, die heute getrennt sind, in die­ser Freude und in dieser Gewißheit: Uns ist heute der Heiland geboren. Vom Himmel her kam die Botschaft der Heiligen Nacht; so weit der Himmel reicht, läuft sie auch heute durch die weite, wüste Welt:

Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volke widerfahren soll.
Denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr …

Hier der vollständige Text als pdf.

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