Posts Tagged ‘Weihnachten’

„Das Wunder der Weihnacht“ – Karl Barths Feuilletonartikel von 1927

12. Januar 2017
Karl Barth 1962 am James River in Virginia (USA) feuert mit einem Gewehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg

Karl Barth 1962 am James River in Virginia (USA) mit einem Gewehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg.

In einem Feuilletonartikel für die Münchner Neuesten Nach­richten zu Weihnachten 1927 nimmt Karl Barth 1Kor 13,8 auf – „Die Liebe höret nimmer auf. Prophetengaben aber werden aufgehoben. Zungenreden wird aufhören. Erkenntnis wird aufgehoben werden“ -, um das Wunder der Weihnacht „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ neu zur Sprache zu bringen:

Muß denn gerade dies gesagt werden: «Empfangen vom heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau», um das Wunder der Weih­nacht, das Wunder der in sich selbst begründeten und darum nimmer aufhörenden Liebe kenntlich zu machen? Die bewußten Sätze gehören bekanntlich zu den berüchtigsten Sätzen des dem «modernen Menschen» so bedenklichen, wenn nicht gerade widrigen Dogmas der Kirche. «Muß man denn das glauben, um ein Christ zu sein?» «Kann man es denn wirklich nicht ohne das ma­chen?» Ich würde darauf antworten: man kann «es» bekanntlich überhaupt nicht «machen». Man «muß» also gar nichts glauben, um ein Christ zu sein.

Man ist nicht damit ein Christ, daß man dies und das tut, denkt und glaubt, erlebt, sagt. Wir hörten ja eben: darin steht die Liebe, nicht daß wir ihn, sondern daß er uns geliebt hat. Unter «Prophetengaben, Zungenrede, Erkenntnis», von denen Paulus sagt, daß sie «aufgehoben» werden, d.h. daß sie eine Grenze (unsere eigene Grenze) haben, gehört zweifellos auch das Bekenntnis der Kirche. Seine Wahr­heit ruht in seinem Gegenstande, nicht in ihm selber, also in Gottes Offenbarung, nicht in dem, was es über sie zu sagen hat. Also damit ist oder wird man in der Tat kein Christ, daß man das Bekenntnis nachsagt. Wohl aber damit, daß uns die Offenbarung angeht, daß man sich von ihr gesagt sein läßt, was sie sagt, und daß man dann, in welcher menschlichen Unvollkommenheit immer, nachsagt, was uns vorgesagt ist. Wir setzen nun voraus, daß Gottes Offenbarung den «modernen Menschen» genau so angeht, wie sie den antiken und den mittelalterlichen Menschen anging und wie sie den Menschen des Jahres 3000 angehen wird. Was sollten wir denn zu Weihnacht Besseres tun als eben mit dieser Voraussetzung an alles Volk herantreten? Der Engel in der Christnacht hat diese Voraussetzung offenbar auch gemacht.

Wir setzen voraus, daß der «moderne Mensch», der dies liest, es sich eben jetzt wieder einmal sagen läßt: Du liebst nicht nur mit jener Liebe, die aufhört, sondern du bist geliebt mit der Liebe, die nimmer aufhört, die du gar nicht verdient hast und gar nicht erwi­dern kannst. Es dürften aber dann, auf Grund dieser Voraussetzung, andere Fragen am Platze sein als die betrübte und auch ein wenig langweilige und geistlose liberale Frage: «Muß man denn das glauben?» Was heißt müssen? Man muß ja gar nicht! Kein Mensch muß müssen! Aber man kann vielleicht nicht anders, und dann darf man vielleicht glauben! Man hat dann vielleicht kein Vergnügen mehr daran, das Bekenntnis der Kirche als eine «Ansicht» (eine etwas veraltete Ansicht wahrscheinlich) aufzufassen, der man nun, wie es bei Ansichten so üblich ist, fröhlich diskutierend seine eigene «Ansicht» gegenüberzustellen sich beeilen müßte, sondern man hört es dann, weil man ja dann selber auch in der Kirche ist, nur schon darum, weil es das Bekenntnis der Kirche ist, allen individuellen Bedenken zum Trotz minde­stens mit Respekt, mit der Disziplin, der die eigene «Ansicht» jedenfalls nicht das Maß aller Dinge ist.“

Hier der vollständige Text als pdf.

„Für uns freut sich der ganze Himmel“ – Paul Schempps Weihnachtspredigt zu Lk 2,1-14 von 1945

11. Januar 2017
Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Eine besonders ansprechende Predigt zu Weihnachten hat Paul Schempp 1945 in der reformierten Gemeinde in Stuttgart gehalten. Er weiß die himmlische Perspektive dem Frieden auf Erden zuzusprechen, wenn er ausführt:

„Da merken wir also: die Freude im Himmel gilt wohl dem Ereignis auf der Erde, der Ge­burt Jesu, aber sie ist darin nun eine wirklich himmlische und göttliche Freude, daß die Engel sich nicht über etwas freuen, das ihnen selber gilt, das ihr eigenes Glück erhöht, son­dern daß sie sich restlos für die Erde freuen, für die Menschen, ganz selbstlos für diese ahnungslose Menschheit, darüber, daß ihr das unendliche, entscheidende, unfaßbare Glück widerfahren ist, in ihrer Heillosigkeit nun einen Heiland zu haben. Seht, das muß man zuerst aus der Weih­nachtsgeschichte merken, daß im Himmel Weihnachten gefeiert worden ist, lang, lang ehe die Menschen sich auch so etwas wie ein fröhliches Weihnachtsfest zurecht gemacht und dann auch recht schön, aber doch auch recht menschlich, gefeiert haben. Für uns freut sich der ganze Himmel, uns gratuliert er sozusagen zu diesem Ereignis und gibt uns die erste Auffor­derung, den Anstoß, wir sollten nun doch auch uns selber freuen über dieses Kind, das dem Volk Israel und (wie dieses Gottesvolk ja von Anfang an durch Gottes Gnade und durch eigene Schuld gerade der Welt gehört) so durch dieses Volk der ganzen Welt als Gottes­geschenk gehört.“

Der vollständige Text der Predigt findet sich hier als pdf.

„Der es mit uns hält“ – Karl Barths Weihnachtspredigt zu Lukas 2,7 von 1958

10. Januar 2017
Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956 (Bundesarchiv, Bild 194-1283-23A / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0)

Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956

Als Gegenstück zu Rudolf Bultmanns „Weihnachtsbesinnung“ von 1953 eine Weihnachtspredigt von Karl Barth zu Lukas 2,7, gehalten am Weihnachtstag 1958 in der Strafanstalt Basel. Ja, Welten liegen dazwischen, wenn Barth verkündet:

„Gott sei Dank, daß es, wenn es jetzt um das Einkehren des Heilandes geht bei uns, auch in unserem Leben noch einen solchen ganz anderen Ort gibt, wo der Heiland nicht erst fragt, nicht nur draußen steht und anklopft, sondern einfach einkehrt, wo er heimlich schon eingekehrt ist und nur darauf wartet, daß wir ihn erkennen und uns seiner Gegenwart freuen. Was ist das für ein Ort in unserem Leben? Denk jetzt nicht an irgend etwas, wie du meinst, Nobles, Schönes oder doch Rechtes in deinem Leben und Tun, in welchem du dich dem Heiland allenfalls empfehlenswert und empfangsbereit darstellen könntest! Nicht so: der Ort, wo der Heiland bei uns einkehrt, hat mit dem Stall von Bethlehem das gemein, daß es da auch gar nicht schön, sondern ziemlich wüst aussieht: gar nicht heimelig, sondern recht unheimlich, gar nicht menschenwürdig, sondern auch ganz in der Nähe der Tiere. Seht, unsere stolzen oder bescheidenen Herbergen und wir als ihre Bewohner – das ist doch nur die Oberfläche unseres Lebens. Es gibt darunter verborgen eine Tiefe, einen Grund, ja einen Abgrund. Und da drunten sind wir Menschen, wir alle ohne Ausnahme, jeder in seiner Weise, nur eben bettelarm dran, nur eben verlorene Sünder, nur eben seufzende Kreaturen, nur eben Sterbende, nur eben Leute, die nicht mehr aus noch ein wissen.

Und eben da kehrt Jesus Christus bei uns ein, mehr noch: da ist er bei uns allen schon eingekehrt. Ja, Gott sei Dank für diesen dunklen Ort, für diese Krippe, für diesen Stall auch in unserem Leben! Da drunten brauchen wir ihn, und eben da kann er auch uns brauchen, Jeden von uns. Da sind wir ihm gerade die Rechten. Da wartet er nur darauf, daß wir ihn sehen, ihn erkennen, an ihn glauben, ihn lieb haben. Da begrüßt er uns. Da bleibt uns schon gar nichts Anderes übrig, als ihn wieder zu begrüßen und willkommen zu heißen. Schämen wir uns nicht, da drunten dem Ochsen und Esel ganz nahe zu sein! Gerade da hält er es ganz fest mit uns allen. An diesem dunklen Ort will und wird er mit uns und dürfen wir mit ihm Abendmahl feiern. Und das ist es ja, was wir nachher mit ihm und miteinander tun dürfen. Amen.“

Hier der vollständige Text der Predigt.

„Wir sind die, die wir im Lichte der Gnade Gottes sind“ – eine Weihnachtsbesinnung von Rudolf Bultmann

10. Januar 2017

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Hier noch eine weitere Weihnachtsbesinnung von Rudolf Bultmann aus dem Jahr 1953, die er mit folgenden Worten beendet:

„Das „ewige Licht“ macht uns zu „Kindern des Lichtes“, indem es in uns das Licht des Glau­bens anzündet. In solchem Glauben braucht und kann uns unser jetziges unheimliches und dunkles Ich nicht mehr schrecken und quälen. Aber es braucht und soll uns auch nicht mehr in unserer Lebensführung bestimmen. Die Freiheit von ihm kann und soll lebendig sein in der Freiheit gegenüber allem Verlockenden und Verführenden, allem Ängstigenden und Jagenden des weltlichen Le­bens, gegenüber allen Gefahren der Besessenheit. So gibt der Glaube auch „der Welt einen neuen Schein“. Nicht nur damit, daß die Welt ihre Macht über den verliert, der weiß, daß sein eigentliches Ich jen­seits ihrer geborgen ist, sondern auch damit, daß solcher Glaube die Kraft hat, die Welt zu verwandeln. Paulus hat das Wort geprägt, daß der Glaube in der Liebe wirksam ist. Liebe aber verwandelt die Welt. Freilich nicht so, als enthielte die Lie­be das Programm einer besseren Organisation der Welt, wohl aber so, daß überall, wo das Licht der Liebe scheint, sich eine Helligkeit und Heiterkeit verbreitet, eine neue Atmosphäre entsteht — wohl nie ohne Kampf, aber auch nie ohne Sieg.

Haben wir so nicht auch eine Antwort gefunden auf die unbeant­wortet gebliebene Frage, woran es liegt, daß aus unserem Arbeitsgetriebe die dämonischen Mächte erwachsen, die uns beherrschen? Es liegt doch immer am einzelnen Menschen. Es liegt daran, daß er das Wissen um sein eigentliches Ich verloren hat, das jenseits all seiner Bemühungen und Anstrengungen liegt und gleichsam auf ihn wartet [80] als das Geschenk, dem er sich öffnen soll. Wohl er­greift christliche Liebe auch die Verantwortung für die Ordnung der Welt, aber ihre erste Sor­ge ist die für den „Nächsten“, das heißt für die jeweils mit uns Verbundenen, jeweils hier und jetzt uns Begegnenden, ihnen zu helfen, daß ihnen die Augen aufgehen für jenes auf sie war­tende Geschenk.“

Hier der vollständige Text als pdf.

„Die alte Welt ist für das Auge des Glaubens transparent geworden in dem Sinne, daß hinter ihr die transzendente, die jenseitige Welt sichtbar wird“ – Rudolf Bultmanns Weihnachtsbesinnung von 1964

10. Januar 2017

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Was Rudolf Bultmann 1964 im Feuilleton der Süddeutschen in Sachen Weihnachten geschrieben hat, dürfte in der einen oder anderen Weihnachtspredigt auch 2016 zur Sprache gekommen sein:

„Die „neue“ Welt ist nur für das Auge des Glaubens sichtbar gewor­den. Äußerlich gesehen ist die Welt die alte geblieben. Aber die alte Welt ist für das Auge des Glaubens transparent geworden in dem Sinne, daß hinter ihr die transzendente, die jenseitige Welt sichtbar wird. […] Es kommt darauf an […], daß wir in unserem täglichen Leben offen sind für die Begeg­nung des jenseitigen Gottes, der uns als der diesseitige begegnet in den Mitmenschen, wenn wir die Verantwortung wahrnehmen, die wir für sie tragen, die uns beschenken mit ihrer persönlichen Eigen­art, wenn wir nur offene Augen für sie haben, die uns bereichern auch gerade darin, daß sie im konkreten Fall unsere Liebe in Anspruch nehmen. Ebenso aber auch in den Sorgen, den Ängsten und Erschütterungen des Lebens, in denen wir der Endlichkeit, ja, Nichtigkeit unseres menschlichen Daseins inne werden. Ihnen gilt es standzuhalten, um eben darin einer jenseitigen Welt gewiß zu werden.“

Hier der vollständige Text als pdf.

Wie digitale Höhlenmenschen zum wahren Licht kommen. Predigt zum Christfest

23. Dezember 2016
Ikone aus der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale in Moskau, 15. Jahrhundert

Geburt Christi – Ikone aus der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale in Moskau, 15. Jahrhundert

Wir hier sind doch keine Höhlenmenschen. Wir leben in eigenen Häusern oder zumindest auf Miete in den eigenen vier Wänden. Wenn es nicht gerade Winter ist, haben wir es tagsüber fensterlichthell zuhause. Das Feuer qualmt nicht durch unsere Räume, sondern knistert im Kaminofen. Der Rauch zieht geruchsneutral über den Schornstein ab. Die Kleidung ist uns auf den Leib geschnitten, die Haare sind fettfrei gewaschen, die frisierte Haarlänge hat schon längst wieder Ohren- und Nackenfreiheit erreicht, zumindest bei den Männern. Zivilisierte Menschen sind wir, keine neandertaligen Höhlenmenschen.

Und doch, über Höhlenmenschen lassen sich Gleichnisse erzählen, die uns gerade heute angehen. In Dialog Politeía des antiken Philosophen Platon führt Sokrates in eine ganz besondere Lebenssituation ein: Menschen finden sich da in einer unterirdischen Höhle ohne Tageslicht wieder. Sie sind dabei so gefesselt und fixiert, dass sie nur auf die dunkle Höhlenwand vor ihnen schauen können. Hinter ihrem Rücken wird ein Schattenspiel aufge­führt, wo das Feuerlicht vorübergetragene Gegenstände schattenhaft auf die Höhlenwand projiziert. So sehen also die Menschen nicht die materiellen Gegenstände hinter ihnen, sondern nur Schattenbilder vor ihnen. Mangels eigener Vergleichsmöglichkeit müssen sie diese Bilder für allein wirklich halten. Das eigene Leben solchermaßen auf die Höhlenwand fixiert wird ganz und gar zur Kinoveranstaltung: Das eigene Leben bewegt sich nicht, nur die Schattenbilder.

Da führt Sokrates den Gedanken weiter. Wenn einer aus seinen Fesseln frei käme und sich umdrehte, müsste er die vorbeigetragenen Gegenstände hinter ihm erkennen und damit das feuerlichtige Schattenspiel durchschauen. Und wenn er dann noch zum Höhlenausgang aufstiege und schlussendlich mit eigenen Augen das Tageslicht mit der Sonne erblickte, würde er vernünftigerweise einsehen, dass die Sonne selbst die allumfassende, einzigwahre Lichtquelle, die höchste Idee, das wahrlich höchste Gut (summum bonum) wäre. In die Höhle zurückgekehrt könnte er seinen gefesselten Mithöhlenmenschen von den materiellen Dingen hinter ihnen, vom Feuer, vom Weg nach draußen ans Tageslicht und schließlich von der einzig wahren Sonne erzählen. Aber sie würden diesem „Emporkömmling“ nicht glauben und würden weiterhin das Schattenspiel auf der Höhlenwand für die einzige Wirklichkeit nehmen. Wo Menschen in bewegten Schattenbildern gefangen sind, ist ihnen mit Vernunft nicht beizukommen.

Da sind wir nun auch schon in der Gegenwart angelangt. Ihr habt es ja auch bemerkt, wie die Blickwinkel und Blickrichtungen von Menschen sich zunehmend verändern. Wir verlieren mehr und mehr die freie Sicht in die Horizontale, schauen uns immer weniger um. Stattdessen fixiert sich unser Blick schräg nach unten in 25 cm Abstand auf einen handbreiten Bildschirm. Was unser Smartphone an bewegten oder auch unbewegten Bildern zu bieten hat, lässt schwerlich ein Entkommen zu: Alles was ich wissen will, alles was mir wichtig ist, alles worum sich das Leben dreht, taucht auf einem 4,7-Zoll-Bildschirm auf – direkt vor mir.

iphone

Was sich um mich herum bewegt, wer auf mich zukommt, wer mich zu berühren sucht, wer mir etwas zeigen will, kommt nicht länger durch zu mir. Denn alles was ich für meine Sinnesbefriedigung brauche, spielt sich auf diesem kleinen Bildschirm ab und kommt mir zusätzlich über die Earphones zu Gehör.

Was wir uns selbst auf dem Smartphone alles vor Augen führen können ist einfach gigantisch. Im Netz kann uns das Sinnesfutter nie ausgehen. Und wir dürfen dabei scheinbar frei wählen. Was für eine Versuchung für unser Leben – mir fingerfertig selbst diejenigen Bilder zu suchen, die mich einnehmen. Mit unserem Körper bewegen wir uns zwar immer noch im Tageslicht, aber unsere Sinne haben sich von der realen Welt um uns herum verabschiedet. So sind wir dabei digitale Höhlenmenschen zu werden. Die abgeschirmte Bilderwelt wird zur alles bestimmenden Wirklichkeit. Im wahrsten Sinne des Wortes bilden wir uns unser Leben selbst ein. Doch am Ende steht sowohl für digitale wie auch für Platons Höhlenmenschen das gleiche Schicksal: Das „eingebildete“ Leben wird schlussendlich zum Staub werden. Bilderwelten sind trügerisch; sie enthüllen kein ewiges Leben. So sind digitale Bilder weder Lösung noch Erlösung für unser Leben.

Die bleibende Wahrheit unseres Lebens muss anders ans Licht kommen. Und dazu sind wir heute am Heiligen Abend hier in der Kirche am richtigen Ort. Im Weihnachtsevangelium haben wir von der Krippe gehört, in die das Jesuskind gelegt worden ist. Maria und Josef sind anwesend, die Hirten kommen herzu. Nur der Stall fehlt. Im Weihnachtsevangelium ist keine Rede von ihm. Wo Menschen sich auf die Suche nach dem Geburtsort Jesu machen, treffen sie auf eine Höhle. Die Geburtskirche in Bethlehem ist ja über der Geburtsgrotte gebaut. Unterirdisch also ist der Gottessohn zur Welt gekommen. So wird auch heute noch in der orthodoxen Kirche der Geburtsort Jesu ausschließlich als Höhle dargestellt.[1]

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Geburtsgrotte in Bethlehem

Der Gottessohn ist in einer judäischen Höhle Mensch geworden, um uns von uns selbst zu erlösen. Mit dieser Aussage gewinnt die Weihnachtsbotschaft eine neue Bedeutung: Wie in einer Höhle ist unser Leben von vergänglichen Schattenbildern eingenommen. Und wir kommen einfach nicht selbst aus trügerischen Bilderwelten raus, können nicht über uns selbst hinausgehen, uns jenseits der Sinneswelt in die göttliche Ewigkeit aufschwingen.

Was auch immer wir uns selbst denken können, was auch immer wir für Vorstellungen vom ewigen Glück haben – all unser Denken, Sehnen, Wünschen bringt uns schlussendlich nicht aus unserer Lebenshöhle heraus. In Gedanken mag man mitunter woanders sein – und doch bleibt unser Menschsein dem Irdischen, gar Unterirdischen verhaftet. Vorübergehende Aufhellungen mögen uns zwar gegönnt sein, wo wir in den sozialen Netzwerken den Like-Button anklicken. Aber für die Erdschwere unseres bebilderten Lebens gibt es keine digitale Himmelfahrt.

Am Heiligen Abend sind keine besonders schönen Bilder angesagt, sondern eine nackte Botschaft: Der Gottessohn ist in die Dunkelheit unseres menschlichen Lebens eingetreten, hat Fleisch und Blut angenommen, um unser irdisches Dasein ins wahre göttliche Licht zu bringen. Unser Leben ist bei Gott nicht zum „eingebildeten“ Höhlendasein bestimmt. Als Gottes Geschöpfe, als seine Ebenbilder sind wir vielmehr von unserer Geburt her angelegt auf Begegnung und Berührung – Berührung, die in Liebe verbindet; die für uns verbindlich wird, die uns keine Wahl mehr lässt, die nicht einfach wie auf einem Smartphone fingerfertig weggewischt werden kann, damit ein neues, vermeintlich attraktiveres Bilderangebot sich vor uns auftut.

Der Gottessohn Mensch geworden berührt uns leiblich. Göttliche Liebe nimmt unser Leben für sich ein. Seine Hingabe für uns in die Krippe zu Bethlehem und am Kreuz von Golgatha geht unter die Haut, reißt uns von uns selbst los, entfesselt uns von selbstverliebten Bilderwelten, nimmt uns mit auf den Weg des Glaubens, dass wir dem einem, dreieinigen Gott unser ewiges Heil zutrauen. Was bei Gott für unser Leben als Ziel vorgesehen ist, wird auf keinem Smartphone enthüllt.

discipleship

Die Zukunft unseres christlicher Glaube wird mit davon abhängen, ob wir Smartphones (und deren zukünftigen Nachfolgegeräte) bewusst und gewollt weglegen können, ob wir neu hinhören können, ob wir hinzukommen können, gerade auch zur Kirche, ob wir uns tatsächlich versammeln können, ob wir uns wirklich vom Weihnachtsevangelium berühren lassen. Jesus Christus, Gottes Sohn Mensch geworden, fordert uns heraus mit unserer Seele, mit unserem Körper und mit unserem Glauben. Im Glauben treten wir vor Jesus und sprechen ihm zu: Du bist mein Heiland, mein Erlöser, mein Befreier, du bist das „wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9), du bist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Dir vertraue ich mich mit meinem Leben an.

Wo uns diese persönliche Begegnung und dieses Gottvertrauen fehlen, wachsen uns die digitalen Bilder immer mehr über den Kopf: Die digitale Lebenshöhle wird immer tiefer, macht uns noch einsamer. Ja, unser Leben ist bei Gott nicht als Höhlenmensch vorgesehen. An Weihnachten dürfen wir gemeinsam singen:

Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dir’s wohlgefallen.

Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht‘,
wie schön sind deine Strahlen!

[1] Vgl. Ernst Benz, Die Höhle in der alten Christenheit und in der östlich-orthodoxen Kirche, Eranos-Jahrbuch 22, Zürich 1954, 365-432, wieder abgedruckt in: Ernst Benz, Urbild und Abbild: Der Mensch und die mythische Welt. Gesammelte Eranos-Beiträge, Leiden: Brill 1974, 1-68.

Hier die Predigt als pdf.

Hans Joachim Iwand – Und Friede auf Erden … Eine Weihnachtsbetrachtung von 1951

20. Dezember 2016
Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Wie  kein anderer verstand es Hans Joachim Iwand, das Weihnachtsevangelium in seinem christologischen Gehalt mit einer politischen Friedensbotschaft zusammenzusprechen, als er 20. Dezember 1951 in der Wochenzeitung DIE ZEIT seine Weihnachtsbetrachtung veröffentlichte. Gerade jetzt nach dem Terroranschlag von Berlin haben seine Worte besondere Bedeutung gewonnen:

Und Friede auf Erden … Eine Weihnachtsbetrachtung

Alle christlichen Feste sind Friedensfeste. Aber Weihnachten ist doch das Fest des Friedens in besonderer Weise. Wo immer in diesen Tagen das uns vertraute Evangelium der Heiligen Nacht verlesen wird, da wird es uns treffen wie zur Beschämung und Hoffnung.

Es gibt ein Bild aus Stalingrad, das einer der dort eingeschlossenen Männer gezeichnet hat und das damals noch herausgelangte als Botschaft des Weihnachtsfestes dieser morituri. Maria mit dem Kind, beide von Licht und Wärme umhüllt, sind die Mitte, die helle Mitte in tiefer Nacht. Der Mann, der das in jenen Tagen zeichnete, hat viel vom Frieden gewußt; er hat offenbar geahnt, daß ein Gleichmaß bestand zwischen dem Kind in der Krippe und dem Erle­ben der Untergehenden. Er hat etwas hineingebracht in sein Bild von Kreuz und Auferste­hung. Der Friede, der mit Jesus Christus unter die Menschen trat, ist unzerstörbar. Und aller Unfriede muß dank einer unbegreiflichen Ordnung selbst dazu dienen, seinen Glanz zu erhö­hen und ihm den Sieg über die Herzen zu verschaffen.

Aber das ist es eigentlich nicht, was mich und viele von denen, die auf der Wende zum neuen Jahre in die Zukunft blicken, heute besonders bewegt. Mich bewegt die quälende Frage, ob es nicht dann und wann sein kann, daß dieser Friede von oben mit dem, was hier unten ge­schieht, Hand in Hand geht. Mich bewegt die Frage, ob es denn erlaubt ist, darüber hinwegzu­lesen, daß es „Friede auf Erden“ sein soll, was hier verheißen wird. In der alten jesaianischen Weissagung von der Geburt des Kindes, die zu den kirchlichen Lesungen des Weihnachts­festes gehört, steht ein Satz, der bei uns meist weggelassen wird, aber der von damals her un­trennbar dazu gehört: „Denn alle Rüstung derer, die mit Ungestüm rüsten, und die blutigen Kleider sollen verbrannt werden und mit Feuer verzehrt werden.“ Dann erst folgt: „Und ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ In unseren Lutherbibeln ist diese Stelle „fettge­druckt“, darum wird der vorangehende Vers so oft überlesen (Jes. 9, Vers 4). Es mag schon richtig gewesen sein, das eine klein und das andere groß zu schreiben; es ist schon ein Unter­schied der Ebenen da, eine spürbare Verschiebung der Gewichte, von der Fülle der Zeit her gesehen. Aber einer hat doch einmal dieses beides ganz eng zusammengerückt. Einer hat den Frieden von oben und den unter den Menschen schauend vorwegzunehmen gewagt! War das nur Irrtum? Haben wir recht daran getan, daß nur den Faden, der die beiden Verheißungen verbindet, ganz durchschnitten, daß wir den Himmel Himmel, und die Erde Erde sein ließen? Kann es dann noch Weihnachten geben, unter solch einem fernen Himmel, auf solch einer hoffnungslos gewordenen Erde?

Die Theologen sind sich in dieser Sache nicht einig. Weit entfernt, einig zu sein, sind wir sogar in Gefahr, darüber in schweren Streit zu geraten. Gut, daß der Evangelist „Friede auf Erden“ schrieb. Das ist nun nicht mehr auszuradieren. Aber wenn heute ein „Narr in Christo“ über dieses Wort käme und versuchte, ernst zu nehmen, was hier steht, würde er nicht bei Christen und Nichtchristen in größte Not geraten? Wenn er bei den Christen zu Rate ginge, würde er hören, daß dies kaum dieser Erde und ihrem gefallenen Menschengeschlecht gilt und daß wir auf einen neuen Himmel und eine neue Erde warten müssen, bis real wird, was hier zu lesen ist. Aber wer einmal die Engel hat singen hören und wer meint, daß diese göttliche Ge­burt, über der ihr Lobgesang nicht verstummen will, kein Phantom und keine Täuschung ist, sondern die Entdeckung und Freilegung alles dessen, was Realität genannt zu werden verdient – der Ursprung, in dem alles, was ist, gründet – der wird sich verwundert fragen müssen, ob es denn angeht, die Realitäten, in denen wir leben, und die Verheißungen, von denen wir leben, so auseinander zu nehmen. Für Kinder, die ihrem Vater aufs Wort glauben, ist beides eins. Was mag passiert sein, daß unsere Theologen daraus zwei Welten gemacht haben? Wie kommt es, daß die sonst so mißtrauischen „Laien“ nichts so schnell und nachhaltig gelernt haben als eben diese Kunst? Läßt es sich denn noch leben in dieser Welt voller Realitäten, voller Zahlen und Fakten, wie in einem stehenden Gewässer, ohne den Springquell echter Bewegung und Wandlung in der Tiefe? Heißt das nicht: ohne Hoffnung leben? Und wie mö­gen sie denn leben in jener anderen Welt, wenn diese nichts ist als ein Spinngewebe bloßer Verheißungen ohne das Werden und die Geburt echter Realität? Verheißungen, die keine Wirklichkeit mehr erzeugen, sind Illusionen. Hindere heißt verspotten. Narren uns hier unsere eigenen Träume? Was ist denn geworden aus der mit der Geburt des Gottessohnes wieder „heil“ gewordenen Welt, die wieder Gottes Welt, wieder Wirklichkeit und Geist in einem ist?

Jene Zeit, da Roger van der Weyden und Altdorfer ihre Bilder von der Geburt des Kindes noch in die uns vertraute Landschaft unseres Lebens setzten, dahin, wo auch unsere Häuser stehen und unser Dasein spielt, diese Zeit wäre für unseren „Narr in Christo“ günstiger gewe­sen. Damals wußte man ja noch nichts von dem, was wir heute Realismus nennen, von diesem Gefängnis, in das wir uns selbst versetzt haben. Aber wie gesagt, das ist lange her.

Wie nun, wenn unser Freund enttäuscht zu den anderen ginge, die ihm das Wort „Friede auf Erden“ gerne abnehmen werden, aber nicht das Wort Kind, über dem es erklingt. Er wird sehen, wie sie alle Anstrengungen machen, den Frieden, den sie „ihren“ Frieden nennen, herunterzuziehen aus dem Himmel ihrer Hoffnungen und Pläne auf diese arme, friedenshung­rige Welt. Das sind Leute, die dem Himmelreich Gewalt antun und es doch nicht an sich reißen.

Was haben wir gemacht – oder was haben wir zugelassen, daß es geschah? Die Gabe und die Verheißung sind auseinandergerissen und darüber droht uns das Wort Friede leer und hohl zu werden, als ob uns die Stimme des großen Gegenspielers Gottes, des Teufels, damit zu äffen suchte. Es ist, wie wenn man ein Bild hätte, ein wundertätiges, ein herrliches Bild, und ein böser Geist nähme es und risse es in zwei Studie, gäbe dem einen diese und dem anderen jene Hälfte und fragte uns dann, ob wir nicht nun zufrieden wären. Dem einen den Himmel, dem anderen die Erde. Suum cuique! So zerrissen ist das Wunder der Heiligen Nacht – wir halten nur die Hälften seiner Wahrheit in unseren Händen. Die halbe Wahrheit aber ist die Lüge. Das ist ihr verführerischer Glanz. Könnten wir nicht den Weg ein Stück zurückgehen, bis dahin, wo diese Wahrheit noch ein Ganzes war? Alle echten Wege des Heils sind Wege der Umkehr.

Denken wir ein paar Jahrzehnte zurück – um nur ein ganz Geringes zu sagen. An dem ersten Kriegsweihnachten 1914 hielt der eben zum Inhaber des Heiligen Stuhles erhobene Papst Benedikt XV. seine Allokation beim Weihnachtsempfang des Kardinalskollegiums. Er sagte damals: „Ach, möchten die brudermordenden Waffen zu Boden fallen! Möchten doch diese mit zuviel Blut befleckten Waffen dahinsinken und die Hände derer, die sie ergreifen mußten, zu den Arbeiten des Gewerbefleißes und des Handels sich zurückwenden, zurück zu den Wer­ken der Kultur und des Friedens! Ach, möchten doch heute wenigstens die Herrscher und die Völker die Engelstimmen vernehmen, die das übermenschliche Geschenk des neugeborenen Königs verkündeten, das Geschenk des Friedens‚ und möchten sie durch Werke der Gerech­tigkeit, des Glaubens und der Milde jenen guten Willen beweisen, der von Gott als Bedingung für den Genuß des Friedens gesetzt ist.“ Wie ein Rufer in der Wüste war jener Mann, der da­mals von sich sagen mußte: „Es scheint uns, als ob der Heilige Geist zu uns sagte: Rufe und lasse nicht ab.“ Bei dem ersten furchtbaren Anlauf des Krieges unter der Völkerfamilie Euro­pas erhob sich dieser Ruf. Vielleicht ermessen wir heute besser als damals, daß er uns allen galt und gilt.

Das Entscheidende ist, daß wir uns das Wort Frieden nicht entleeren lassen, daß wir festhal­ten: Gott hat es über seinen lieben Sohn gesetzt. Einmal wird dies Bild wieder eins sein, einmal werden sich Begriff und Inhalt wieder decken. Wenn wir müde sein werden der halben Wahrheiten und bereit, sie als ganze zu empfangen.

DIE ZEIT, Nr. 51, 20. Dezember 1951.

Hier der Text als pdf.

„Ihr habt mit euch den wahren Gott“ – Martin Luther über Weihnachten

14. November 2016
Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Woher kommen die Weihnachtsgeschenke? Für Martin Luther ist es klar – vom Christkind. Aber weshalb gibt es an Weihnachten überhaupt Geschenke? Auch da weiß Luther die Antwort: Weil die Geburt des Gottessohnes im Stall zu Bethlehem das größte Geschenk für die Menschheit ist, ein bleibendes Geschenk, an dem die Kinder durch die Bescherung an Heilig Abend selbst sichtbar Anteil gewinnen sollen.

In seinem Weihnachtslied „Vom Himmel kam der Engel Schar“ von 1543 lässt Luther besingen, was diese Geburt ausmacht: „Des sollt ihr alle fröhlich sein, / dass Gott mit euch ist worden ein. / Er ist geborn euer Fleisch und Blut, / euer Bruder ist das ewig Gut.“ (EG 25,3) Gott wurde wirklich Mensch, „in Windel gewickelt und in einer Krippe“ liegend (Lukas 2,12). Nicht in seiner unermesslichen und unvorstellbaren Größe, sondern in der allermenschlichsten Nähe seines Sohnes Jesus Christus findet sich unser Gottvertrauen: „Was kann euch tun die Sünd und Tod? / Ihr habt mit euch den wahren Gott; / lasst zürnen Teufel und die Höll, / Gotts Sohn ist worden euer Gesell.“ (EG 25,4) Gottes Sohn gesellt sich in Fleisch und Blut zu uns, nimmt unsere Sünde und Gottverlassenheit auf sich und schenkt uns ewiges Leben beim himmlischen Vater.

Wer über die tödliche Beschränkung seines Lebens hinausglauben will, hat sich mit Luther an die Krippe zu Bethlehem zu halten: „Lass weg alle Philosophie und das göttliche Gesetz und tu dich mit Gewalt zur Krippe und zum Schoß der Mutter und ergreife jenes Kind und den Sohn der Jungfrau und siehe hin, wie er geboren wird, an der Mutter Brust trinkt, wie er wächst, unter den Menschen weilt, wie er lehrt, stirbt, aufersteht; sieh ihn aufgenommen über alle Himmel und sieh ihn im Besitz der Allgewalt, so kannst du alle Schrecken zerschlagen, wie die Wolken von der Sonne vertrieben werden, so kannst du alle Irrtümer vermeiden. Dieses Anschauen des Gottessohnes in Niedrigkeit behält dich auf dem richtigen Weg, so dass, wo Christus hingeht, du folgen kannst.“[1]

Wenn wir zum anstehenden Reformationsjubiläum Martin Luther als Neuentdecker des wahren christlichen Glaubens gedenken, ist damit kein selbstbewusster oder eigensinniger Glaube gemeint. Menschlicher Glaube, der bei sich selbst bleibt, ist auch nur ein Götze. Er birgt für unser Leben keine wirkliche Hoffnung. Der wahre Glaube gilt dem menschgewordenen Gotteswort, von dem es heißt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14)

[1] D. Martin Luther Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, hg. v. Hermann Kleinknecht, Göttingen 1980, 38.

Hier der Text als  pdf.

Hans Joachim Iwand – Das Wunder der Weihnacht

16. Juni 2016
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Geburt Jesu (Rogier van der Weyden, Bladelin-Altar, um 1450)

Von 1946 bis 1951, also während seiner Zeit als Professor für Systematische Theologie in Göttingen hatte Hans Joachim Iwand ab und an Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlicht. Hier seine „Weihnachtsbesinnung“ von 1950:

Das Wunder der Weihnacht

Von Hans Joachim Iwand, Göttingen

Viele Menschen haben sich gewundert, daß Weihnachten – im Unterschied zu den anderen großen christlichen Festen – eine so breite Ausstrahlung unter den Menschen unserer Tage hat. Viele haben sich gewundert und gefreut. Gewundert darum, weil man sich kaum denken kann, daß all die Menschen, die auf dieses Fest in irgendeiner Weise reagieren, das glauben und begreifen, worum es sich bei diesem Fest eigentlich handelt, das Wunder der Weihnacht. Und doch müssen wir uns freuen in dem Gedanken, daß dies ja nur ein Zeichen ist für die unzerstörbare, bis in unsere Tage hinein wirkende Kraft dieses zentralen christlichen Geheim­nisses von der Menschwerdung Gottes. Alle, die in diesen Tagen einmal innehalten und stille werden, die irgendwie und irgendwo miteinstimmen in den alle Sphären umspannenden Lob­gesang, stehen wie vor einer geschlossenen Tür und warten. Sie warten vor der Tür Gottes wie die Kinder am Festabend daheim vor der Tür der Gaben und der Geschenke, des Lichtes und der Freude warten, die wir ihnen bereiten. So stehen wir Menschen heute wieder vor dem Wunder der Heiligen Nacht und warten darauf, daß uns die Tür dahinein aufgetan wird. Wir stehen alle im Advent – denn einmal, vielleicht schon sehr bald, wird diese Tür von neuem aufgehen, und wir werden im Lichte, das hier leuchtet, stehen. Hier und da ist schon eine Bewegung dahin feststellbar, kündigt sich neue Erfüllung an, neues Ergreifen und Ergriffen­werden von dem, was mit diesem Fest gemeint ist.

Offenbar wissen das auch die anderen, die gerade auf diesen Punkt ihren Angriff richten. Ist es nicht seltsam, daß die großen europäischen Revolutionen gerade Weihnachten den Men­schen aus den Händen winden wollen? Dort scheint man es besser zu wissen, als unter den Christen, daß hier die entscheidende Bastion liegt. Ist sie erobert, dann fällt das Ganze. Darum der unablässige Versuch der Feinde des Menschengeschlechts, dem Volk einen anderen Inhalt unter dem Schein dieses Festes anzubieten, es zu säkularisieren oder ins Heidnische umzufor­men. Als ob jemand zu diesen Wartenden, Suchenden, Hoffenden spräche: Was steht ihr hier! Hinter dieser Tür ist nichts. Ihr habt lange genug gewartet. Der Himmel tut sich für euch nicht mehr auf. Seid endlich nüchtern, rechnet endlich damit daß der Mensch aus Gemeinem ge­macht und den Gesetzen dieser seiner Herkunft unterworfen ist. Das Licht, das ihr hier erwar­tet, ist längst erloschen. Wir – eine ganz [279] andere Generation freier Geister – haben es ausgeblasen. Wir haben euch andere Lichter angezündet, die das Dunkel vor euren Füßen erhellen werden. Das Wunder, von dem ihr redet, haben wir aufgebrochen. Ihr redet von der Nähe des Men­schen zu Gott. Wir haben eine andere Nähe entdeckt: die Nähe zum Tier.

Aber nun tritt das Erstaunlichste zutage: die Ohnmacht solcher Reden und infolgedessen die Nutzlosigkeit der ihnen zugeordneten Aktionen. Es gehört zu den hoffnungsvollsten Zeichen der Zeit, wie hohl und leer dieser Spott geworden ist; nur noch mühsam hält er sich auf dem Throne einer fahl gewordenen Aufklärung. Er wirkt das Gegenteil dessen, was er möchte. Die Menschen, seitdem sie das vernommen haben, halten das Fest der Weihnacht nur noch zäher, mit einer geradezu verzweifelten Entschlossenheit in ihren Händen, wie ein letztes Gut, das sie nicht hergeben. Sie ahnen, daß hier die Entscheidung fallen wird, nicht nur in Kirche und Theologie, sondern durch Kirche und Theologie auch für die Welt, die Gesellschaft, den Staat und unser Leben auf Erden. Denn das Wunder der Weihnacht ereignet sich auf der Erde und für die Erde, es ereignet sich mit dem Menschen und für ihn, nicht für seine Idee, sondern für seine verzweifelte Wirklichkeit. „Welt ging verloren, Christ ward geboren, freue dich, o Christenheit.“

Wenn manche Idealisten aber träumten, die Nähe des Menschen zu Gott sei etwas von Natur Gegebenes, etwas in uns Liegendes, so wissen wir, daß dieser Traum zu Ende geht. Wohl uns, dies zu wissen, damit das Wunder der Gnade neu erwartet und begriffen werden kann: die Nähe Gottes zu den Menschen in einem Menschen! Wenn man es recht sagen wollte, dann müßte man es zweimal sagen: einmal so, daß man das Wort Mensch betont. Der Gottwerdung des Menschen, seiner Selbsterhöhung, setzt Gott die Menschwerdung entgegen. Er übernimmt des Menschen, von diesem selbst negierte, übersprungene Wirklichkeit. Er wird wahrer Mensch, und gerade darum wird er mit uns und so für uns leiden und sterben müssen. Aber dann müßte man es noch einmal sagen und jetzt müßte man betonen, daß dies in einem einzi­gen Menschen geschah. Ein Mensch, der Sohn der Jungfrau Maria, ist Gottes Nähe zu uns. So heißt es in der Ankündigung des Engels: „des Name sollst du Jesus heißen“.

Das Wunder der Weihnacht liegt in diesem Namen beschlossen. In ihm liegt das Geheimnis des ganzen Menschengeschlechts; seine Geburt gibt erst allem, was ist, den bleibenden und wahren Sinn seines Daseins. Unsere Geburt ist Geburt zum Tode, seine Geburt ist Erschei­nung unbesieglichen Lebens mitten in unserer Todeswelt. Mögen sich die Spötter rühmen, sie hätten das Geheimnis des Menschen aufgebrochen, es sei nichts mit der [280] Nähe des Menschen zu Gott. Das Geheimnis, das im Wunder der Weihnacht kund wird, nimmt den Spott auf, aber wandelt ihn um in das Wunder der Gnade. Wenn nicht Nähe zu Gott, dann doch Nähe Gottes zu uns und darum auch eine durch nichts in Frage zu stellende Nähe des Menschen, gerade des gottfernen Menschen, zu Gott. Das Wunder der Weihnacht heißt: Gott selbst hat aller Gottesferne ein Ende gemacht. Darum nennen die Verheißungen den Gottessohn Immanuel, das heißt: Gott ist mit uns.

Man kann nicht hinfort an Gott glauben, ohne an die Menschen, an den Menschen im Men­schen zu glauben. Wir verlieren unseren Glauben an Gott durch die Menschen, vielleicht am stärksten durch den Menschen, der uns am nächsten und – leider – am bekanntesten ist. Aber wir gewinnen unseren Glauben an die Menschen wieder durch Gott, durch sein wunderbares Ja zur Menschheit, das er in der Menschwerdung seines Sohnes gesprochen hat. Man kann nicht an der Krippe stehen und anbeten, um hernach herauszugehen und sein altes, böses, menschenfeindliches Urteil wieder aufzunehmen. Tritt man dahin, wo dies Wunder leuchtet, so ist die Welt verwandelt. „Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden.“ Darum steht über dieser einen Stelle der Menschheitsgeschichte der Lobgesang himmlischer Heerscharen: Gloria in altissimis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Was an dieser lateinischen (Vulgata) Übersetzung so schön ist, ist dies: sie hält das Gegenüber des Urtextes, der nicht drei-, sondern zweigegliedert ist: Im Himmel das Lob zur Ehre Gottes, auf Erden die Frie­densbotschaft den Menschen, über denen Gottes Wohlgefallen steht. Das ist die Wendung um 180 Grad, die im Wunder der Heiligen Nacht beschlossen liegt. Der Abgrund zwischen Gott und Mensch ist geschlossen. Gott, sein Leben, seine Wahrheit und Gerechtigkeit, sind mitten unter uns getreten.

Die Bestimmung des Menschen ist etwas, das jenseits des Todes liegt. Der Mensch und der Tod, dieses Ineinander und Beieinander, ist das tiefste Dunkel unserer Existenz. Denn der Mensch und das Leben gehören zusammen, und zwar das ewige, das todgefeite, das Gottes ewige Gedanken denkende und liebende Leben. Das Wunder der Weihnacht ist dies: Das, was für den natürlichen Menschen jenseits des Todes liegt, ist in dem Gottmenschen diesseits der Todesgrenze, ist mitten in dieser Todeswelt erschienen und hat eben damit diese gesprengt und aufgehoben. Das ist die Wendung, die mit der Geburt des Sohnes Gottes in Bethlehem Ereignis geworden ist: Alles, was wir Menschen als Wirklichkeit anzusprechen uns gewöhnt haben, ist nun in Frage gestellt, und alles, was wir verloren zu haben schienen, ist Gegenwart geworden. „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradies, der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr [281] und Preis.“ Wie es der Prolog des Johannes-Evangeliums sagt, diese an Tiefe und Kraft unerreichte Ouvertüre für die Worte und Werke des Gottessohnes auf Erden: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen …

DIE ZEIT, Nr. 51, 21. Dezember 1950. Wieder abgedruckt in: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 278-281.

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Gotteskinder, nicht nur Erdenbürger – eine Weihnachtsbotschaft

27. Dezember 2015

kerzen04

Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“ So verkündigt es der Engel den Hirten. Der Herr ist euch geboren, fürwahr kein Herrlein. Unter dem heimischen Weihnachtsbaum lässt sich das Kind in der Krippe nicht als Adoptivkind in die eigene Familie aufnehmen. Vielmehr wurde der Gottessohn Mensch, damit ihr als Kinder Gottes adoptiert werdet.

Christus nimmt euer Leben für Gott an – Leben, das sich freut, jubiliert, das leidet und schmerzt, das isst oder hungert, das tanzt, mitunter stolpert; unser Leben, das begehrt, schreit, weint, lacht, wächst, sich bewegt; Leben, das sündigt, altert, sich krümmt, ja schließlich stirbt. Durch den Glauben an Christus sollt ihr euch mit eurem Fleisch und Blut in Gottes Schoß wiederfinden – nicht ruhend, sondern quicklebendig. In seiner Gegenwart könnt ihr als Gotteskinder über das eigene irdische Leben hinausschauen.

Der Gottessohn wurde für euch Mensch, damit ihr Gotteskinder werdet. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Wer das glaubt, nimmt sein Leben neu wahr, hat eine Hoffnungssicht auf die Dinge, die auf uns zukommen, findet Zuversicht in aller Ungewissheit.

Da mag es in Deutschland aufgrund von Zuwanderungen für die einheimische Bevölkerung in den kommenden Jahren „befremdlicher“ zugehen. Wider resignatives Hinnehmen und verbittertes Abgrenzen stellt Weihnachten uns Christen in einen göttlichen Lebensrahmen – als Himmelskinder und nicht nur als Erdenbürger. Unser Leben hier in Deutschland ist bei Gott nicht auf dem Rückzug, sondern hat Zukunft. Auch wenn fremdstämmige Menschen uns nicht vertraut sind, sollten wir uns ihnen zuwenden, sie menschenfreundlich begrüßen und ansprechen, selbst wenn sie uns nicht verstehen. Solch eine Kommunikationsinitiative kommt uns selbst zugute, befreit sie uns doch aus eigenen, angstgezimmerten Verließen.

Weihnachten birgt eine Botschaft, die Wort für Wort allen Menschen gilt:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,10-14)

Wir sind eingeladen, diese Botschaft auch an Menschen anderer Herkunft, anderer Sprache und anderer Religion auszurichten, auf dass wir selbst ihr unseren Glauben schenken.